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Konzertbericht
Hits, Hits, Hits! Okay, keine richtige Überraschung, wenn Musiker auftreten, deren aktuelles "Album des Monats" (Orkus, Sonic Seducer) sich wochenlang in den Deutschen Alternative Charts festsetzte. Verblüffend sind eher Sound und Geschichte dahinter. PINK TURNS BLUE, benannt nach einem HÜSKER-DÜ-Song, gegründet in den Achtzigern in Köln, können dem weiten New-Wave-Feld zugerechnet werden. Aus einer Tour mit LAIBACH ergab sich für die Band ein fruchtbarer Kontakt in Richtung Ljubljana, wo man 1988 und 1989 Alben aufnahm und wohl auch den Drachen als Markenzeichen ins Herz schloss. Es folgten Experimente, ein Umzug nach London und schließlich die Auflösung 1995. In den letzten Jahren produzierte die Band zwei Platten in Berlin, nachdem Mic Jogwer (Gesang, Gitarre) im Verbund mit der neu ins Spiel gekommenen Brigid Anderson (Keyboard, Gesang) auf dem Wave-Gothik-Treffen in Leipzig wieder Feuer fing. Involviert in verschiedene Jobs und Projekte sowie auf Bewahrung der Spannung bedacht, konzentrierten sich PINK TURNS BLUE seit 2004 allerdings auf wenige Festival- und Club-Shows. Für November waren drei einzelne Gigs angekündigt. An einem lauen, grauen, feuchten Freitagabend kam Berlin in den Genuss. "Ghost" heißt das aktuelle Werk und mit weißen Tüchern war die Bühne behangen. Zu minutenlangen, verhallten Klängen vom Band füllte sich die Halle langsam. Ungefähr die Hälfte ihres 500er-Fassungsvermögens wurde letztlich ausgeschöpft. ’Can’t Be Love’ eröffnete das knapp zwei Stunden fesselnde Programm.


PINK-TURNS-BLUE-Stücke orientieren sich in der Regel eng am Strophe-Refrain-Schema. Besonderes ist das melancholisch-erhabene Gefühl, eine unverwechselbare Ausstrahlung, die den unterkühlten Pop-Songs im warmen Klanggewand (oder umgekehrt?) innewohnt - Größe und Schönheit, die dem gemeinen Radiowellen-Konsumenten vielleicht von DEPECHE MODE bekannt ist, während dem Gothic-Metal-Insider KATATONIA durch den Kopf schweben. Keineswegs drängt sich der Kitsch auf, den man mit der Bezeichnung Romantic-Dark-Wave assoziieren könnte. Auch INTERPOL, EDITORS und Co. sind fern, schon eher regiert deutsches Achtziger-Underground-Flair, das auch GENEPOOL versprühen, während JOY-DIVISON-Erben aus Übersee Hallen füllen. Die Texte sind persönlich, oft leicht zugänglich, ohne jedoch auf den Boulevard zu schielen. Es geht um Herz und Schmerz, viele Titel sprechen für sich. ’True Love’, ’Can Love Survive’ und ’Missing You’ wurden ebenfalls gespielt.


An zweiter Stelle im Set lief ’The Lost Son (Phoenix)’, das Lied, das die tolle Comeback-Scheibe "Phoenix", die bemerkenswert nahtlos an eigene Vorgaben anknüpfte, mit noisigen Gitarrenklängen einleitete. Live trafen die Wellen naturgemäß sowieso etwas derber auf und Mic Jogwer entlockte seinem Instrument noch so einige raue Klangflächen, ohne dass dabei das Grundgefühl verloren ging. Brigid Anderson wechselte zwischen Keyboard, Laptop, Schellen und Mikro. Die neuen Club-Singles (’Walk Away’, ’Break It’) standen gleichberechtigt neben den Klassikern (‘I Coldly Stare Out’, ‘Your Master Is Calling’) vom Best-Of-Rundling "Re-Union" (2004). ’Underground’ besang das Überleben der Seele und dunkle Clubs, die die Kraft dafür spenden. Es gab ‘Good Times’, ‘Dynamite’ und ‘Wanderers’ zu hören, dazwischen immer wieder altes Material zwischen rockig-treibend (‘Walking On Both Sides’) und pulsierend-ergreifend (‘Seven Years’).


Sepiafarbene Filmprojektionen und bunte, an die Sechziger erinnernde Untermalungen besorgten hervorragend den optischen Genuss. Licht, Klang und Musiker verschmolzen zu einem Ganzen, was durch weitgehende Abwesenheit von Ansprachen noch unterstützt wurde. Die Atmosphäre war gesetzt, entspannt und stilvoll, der Fluss wurde kaum unterbrochen - eine Saite riss, unbeeindruckt spielte der Rest der Band den Song zu Ende, später wurde kurz eine Gitarre gestimmt. Die Stimmung im Publikum war gut, aber nicht ausgelassen. Es gab eher Beifall von Kennern und Musikliebhabern, unter denen man mit Anfang zwanzig noch auffallend jung war. ‘Now’s The Time’ kündigte dann die letzten Oldies (’Catholic Sunday’, ‘Michelle’, ‘If Two Worlds Kiss’, ‘Touch The Skies’) an, bevor zehn Minuten nach Mitternacht ein wunderbares Konzert endete.


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