Voodoo Circle
"Jegliche Kritik prallt an mir ab"

Interview

VOODOO CIRCLE mussten 2016 den urplötzlichen Ausstieg ihres Sängers David Readman verkraften. Das schwere Erbe tritt SINBREED-Sänger Herbie Langhans auf „Raised On Rock“ an. Wie es dazu kam und welche Rolle Glenn Huhges in seinem Leben spielte, verriet uns Mastermind Alex Beyrodt bei einem entspannten Plausch.

Moin Alex, du bist gerade frisch zurück von der „70000 Tons Of Metal“-Kreuzfahrt. Wie war’s denn so?

Alex: Ich hab da zwei Konzerte mit PRIMAL FEAR gespielt und an der Jamsession von Jeff Waters teilgenommen. Jeff veranstaltet die jedes Jahr auf der Cruise. Ich war jetzt zum zweiten Mal dabei und das ist immer wieder lustig. Vor allem, wenn man sieht, wie sich die jüngeren in die Hosen scheißen, die zum ersten Mal dabei sind, haha!

Das war mit Sicherheit eine coole Sache. Weniger cool war wahrscheinlich der Ausstieg von David Readman bei VOODOO CIRCLE. Für mich kam der 2016 sehr plötzlich und unerwartet. Wie war das für dich?

Alex: Das war genauso für mich wie es für dich war. Es gab keinerlei Vorzeichen und kam wirklich völlig überraschend aus dem Blauen. Du musst dir das so vorstellen: Ich steig gerade in New York aus dem Flugzeug, hol mein Handy raus, um meine Mails zu checken und hab eine Nachricht von David, dass er der Band ab sofort nicht mehr zur Verfügung steht. Ohne Angaben von Gründen. Das hat mich damals doch sehr gewundert, weil wir immerhin sieben Jahre lang sehr erfolgreiche Alben gemacht haben und durch dick und dünn gegangen sind. Aber das juckt mich jetzt gar nicht mehr. Das neue Album mit Herbie ist ein riesiger Erfolg und niemand vermisst David. Ein Sängerwechsel ist immer eine heikle Sache. Ich glaube, außer bei AC/DC und IRON MAIDEN hat das noch nie geklappt. Ist natürlich eine ganz andere Liga, aber für mich stand es nie zur Debatte deswegen aufzuhören. Ich bin eher der Typ: Jetzt erst recht!

Euer neuer Sänger Herbie war zuvor bei SINBREED und SEVENTH AVENUE unterwegs, was stilistisch ja doch etwas anders ist als VOODOO CIRCLE. Wieso hast du dich für ihn entschieden?

Alex: 2015 haben wir mit ROCK MEETS CLASSIC beim Wacken Open Air gespielt. Unter anderem durften wir da die offizielle Wacken-Hymne spielen. Gesungen wurde die von Herbie Langhans und Jennifer Haben. In diesem Zuge habe ich ’ne Woche vor dem Konzert den Song als MP3 zum üben bekommen. Da dachte ich sofort: „Was ist das denn für ein Sänger?! Klingt ein bisschen wie JORN und das Timbre ist super!“ Das war der Herbie. Ich hab ihn dann wirklich zum ersten Mal getroffen auf der Bühne vom Wacken vor hunderttausend Leuten. Nach dem Konzert saß er noch im Backstage. Da haben wir uns angefreundet und sind in Kontakt geblieben. Als dann diese Sache mit David passierte, die wie gesagt sehr überraschend kam, war es noch überraschender, dass vier Tage später eine E-Mail von Herbie kommt, der von nichts wusste und sich anbot bei ROCK MEETS CLASSIC als Chorsänger zu singen. Dann hab ich ihm zurück geschrieben wie es gerade bei VOODOO CIRCLE aussieht, woraufhin er sich als totaler Fan offenbarte, der alle Alben im Regal stehen hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Ergebnis hast du hoffentlich schon ein paar Mal gehört und darüber reden wir ja jetzt auch.

Das habe ich allerdings. Jetzt ist mir aufgefallen, dass Herbies Stimme schon deutlich anders ist als die von David Readman, etwas weniger bluesig und dafür aggressiver. War es dir wichtig jemanden zu finden, der anders klingt?

Alex: Ja! Mal abgesehen davon, dass das der leichteste Sängerwechsel in der Geschichte des Rock’n’Rolls war hat der Herbie natürlich ’ne etwas andere Stimme und das finde ich gut. Ich hab das als Chance gesehen, um bei VOODOO CIRCLE ein paar Dinge zu ändern, die manchmal etwas kritisch beäugt wurden. Die Parallelen zu WHITESNAKE, RAINBOW und DEEP PURPLE waren natürlich schon immer da und sind ja auch beabsichtigt. Es ist schließlich unser Konzept, diese Musik ins neue Jahrtausend zu transportieren. Trotzdem bringt der Herbie da jetzt eine eigene Note rein. Außerdem haben wir mit Jakob Hansen einen Produzenten gehabt, der den Sound ein wenig moderner gestaltet hat, als bei unseren vorherigen Alben. Wenn man bei dieser Musikrichtung überhaupt von moderner sprechen darf. Das kommt unheimlich gut an, womit wir aus der scheinbaren Krise das beste gemacht haben.

Du hast jetzt angesprochen, dass VOODOO CIRCLE ein bewusster Tribut an die großen Tage von WHITESNAKE oder DEEP PURPLE sein soll. Aber siehst du nicht die Gefahr, dass es manchmal etwas zu weit gehen könnte? „Where Is The World We Love“ erinnerte mich auf der neuen Platte zum Beispiel augenblicklich an „Is This Love?“ von WHITESNAKE und beim Vergleichshören empfand ich die schon als extrem ähnlich.

Alex: Also wenn ich jetzt sagen würde „Was?! Kenn ich nicht, hab ich nie gehört“, dann wäre das totaler Schwachsinn. Natürlich gibt es auf dem Album viele Stellen, die an andere Bands erinnern und natürlich ist es manchmal nah am Original. Das ist auch so gewollt. Das ist immer eine Gratwanderung, ist auch klar. Das gelingt manchmal besser und manchmal schlechter. Aber das liegt immer im Auge des Zuhörers. Den einen ist es zu nah, die anderen mögen es, weil es so nah, aber eben doch ein anderer Song ist. Es gibt diese beiden Lager und damit komm ich auch bestens klar. Jegliche Kritik prallt da völlig an mir ab.

VOODOO CIRCLE kann man ja wohl als dein Baby bezeichnen. Aber hat es dich nie gereizt ein Instrumentalalbum aufzunehmen, wie es unter Gitarrenvirtuosen durchaus üblich ist?

Alex: Das ist schön, dass du das fragst, weil ich tatsächlich vor meiner Abreise den Startschuss dafür gesetzt habe. Ich habe keinen festen Zeitplan dafür. Aber ich werde immer wieder daran arbeiten und wenn ich mal so zehn Songs zusammen habe, werde ich wahrscheinlich mit so einem Instrumentalalbum um die Ecke kommen. Viele Leute fragen danach. Leider hab ich nicht wirklich viel Zeit. Aber ich bin dran!

Dann ist mir noch eine Sache aufgefallen. Auf den Covern der ersten beiden Alben von VOODOO CIRCLE prangern noch schöne Stratocaster-Gitarren und bei „Whisky Fingers“ war es plötzlich eine Les Paul. Woher kommt der Sinneswandel bei der Gitarrenwahl?

Alex: Ähm, das ist richtig und es freut mich, dass du das fragst, denn es gibt mir die Chance, das zu erklären. Mit der Stratocaster bin ich aufgewachsen, das war auch die Gitarre auf der ich gelernt habe und jeder weiß, dass ich ein großer Blackmore-Verehrer bin und das Spiel von Yngwie Malmsteen liebe. Ich bin ein Kind der 70er, da bleibt das nicht aus. Schon für die zweite Platte habe ich immer mehr Songs geschrieben, die in Richtung Blues und die WHITESNAKE-Ecke gingen. Auf der ersten Platte war es ja fast nur Neo-klassisch. Da hab ich auf der Strat dann Songs komponiert, die aber eigentlich nach einer Les Paul geschrien haben. Ich war ein wenig im Zwiespalt, weil ich mir in den letzten Jahren ein Image als Stratocaster-Spieler aufgebaut hatte. Aber ich hab mir gedacht: „Gib dem Riff das, was es verlangt!“ Ich hab die Songs dann mit der Les Paul aufgenommen und das hat mir auch gefallen. Außerdem: Joe Bonamassa wechselt bei fast jedem Song die Gitarre, also kann ich das auch. Das ist jetzt meine Devise. Ich geb dem Song das, was er verlangt. Meine Gitarrensammlung ist dadurch auch enorm angewachsen. Zudem habe ich ganz neue Facetten an meinem eigenen Spiel entdeckt, was mir unfassbar viel Spaß macht.

Jetzt hast du schon Joe Bonamassa angesprochen. Ich hab mal irgendwo aufgeschnappt, du wärest mal für ein Projekt mit Glenn Hughes im Gespräch gewesen, bevor es zur BLACK COUNTRY COMMUNION kam. Ist dem tatsächlich so?

Alex: Das ist tatsächlich so. Ich war mit ihm in einem Proberaum mitten in Essen, zusammen mit dem Wolf Simon, einem ganz tollen Schlagzeuger und wir haben die ganzen Sachen wie „Mistreated“ oder „Lady Double Dealer“ mit ihm geprobt. Es war ein absoluter Traum. Ich war natürlich auch Nervös, da stand immerhin Glenn Hughes mit mir, einer der größten Sänger überhaupt. Jetzt durfte ich plötzlich mit dem proben und Konzerte spielen. Ihm hat’s richtig gefallen und damit hab ich den Ritterschlag bekommen. Ich sollte der neue Glenn-Hughes-Gitarrist sein. Ich hatte auch Tour-Dates für Japan, Australien oder Russland bekommen und dafür auch die erste ROCK-MEETS-CLASSIC-Tournee abgesagt. Nur einen Tag später krieg ich eine E-Mail mit dem Tenor: „Ja Alex, der Glenn spielt jetzt in ’ner neuen Band mit Joe Bonamassa, BLACK COUNTRY COMMUNION, und das Soloprojekt ist jetzt erst mal ad acta gelegt.“ Da war dann in einem Tag alles futsch. Das war für mich ein Schlag in die Fresse. Aber irgendwie hat ja doch alles für mich geklappt.

Du warst in deiner Karriere auch abgesehen davon sehr umtriebig und hast mit vielen verschiedenen Leuten gearbeitet. Besteht denn die Möglichkeit, dass du das irgendwann vielleicht mal in einem Buch erzählen wirst?

Alex: Na du stellst echt die richtig Fragen, hehe! Tatsächlich habe ich dieses Thema vor einigen Jahren schon angeschoben. Es hat noch nicht stattgefunden, weil ich noch nicht den richtigen Schreiberling gefunden habe, der bereit wäre sich das anzutun. Das ist schließlich genau wie heutzutage eine CD aufzunehmen. Ob das Ganze ein kommerzieller Erfolg wird, steht in den Sternen. Ob es irgendeinen Verlag überhaupt interessiert meine Geschichte zu erzählen, weiß ich auch nicht. Sicher hab ich viel erlebt, was auf dem Papier sicherlich schön wäre. Aber wenn du dann nur 500 Bücher drucken lässt, kann das keiner bezahlen. Du musst schon in die 1000er gehen und das kannst du auch nicht einfach selbst finanzieren. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Idee ist da und ich habe auch mal Lars Amend, der die Rudolf-Schenker-Biografie geschrieben hat, darauf angesprochen. Aber für den bin ich dann doch eine Nummer zu klein. Die Idee ist da und wir schauen mal, ob es noch was wird.

22.02.2018

"Irgendeiner wartet immer."

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