Billy Talent live in Berlin
Afraid Of Heights Tour 2016

Konzertbericht

Billing: Billy Talent, Monster Truck und The Dirty Nil
Konzert vom 09.12.2016 | Max-Schmeling-Halle, Berlin

Die kanadischen Punkrocker BILLY TALENT gaben sich zur Promotion ihres im Juli erschienenen sechsten Studioalbums “Afraid of Heights” am 9.12.2016 in Berlins Max-Schmeling-Halle die Ehre. Im Gepäck hatten sie die ebenfalls kanadischen Bands THE DIRTY NIL und MONSTER TRUCK.

THE DIRTY NIL

Galerie mit 16 Bildern: The Dirty Nil - Afraid Of Heights Tour 2016, Berlin

Ernüchternde Anfänge

Die Schlangen vor der Halle sind an diesem Abend lang und mindestens ein Drittel des Publikums verpasst darum die erste Vorband. Generell ist die Max-Schmeling-Halle, sieht man von dem großen Angebot an Essen und Trinken ab, kein idealer Platz für Konzerte. Die eigentliche Musik wird von ihren unvollständigen Echos so stark überlagert, dass auch die stärkste Soundanlage zur Kakophoniemaschinerie verkommt. THE DIRTY NIL legen dennoch um 20:00 Uhr mit ungebrochenem Enthusiasmus los.

Ungewollt glatt

Eher Classic als Punk Rock schallt über die leicht verstreute Menge, die sich noch was zu Essen holt, den Merchandise begutachtet oder den Freunden textet, die noch draussen in der Kälte warten. Das neue Album “A Higher Power” birgt ein paar großartige Rocknummern, doch hier zündet keine einzige. Der Bass klingt dünn und über die vielen Interferenzen hinweg rutscht alles ins Generische, da das Raue, das Dreckige verloren geht. Lärm: 1, THE DIRTY NIL: 0. Schade ist’s.

MONSTER TRUCK

Galerie mit 16 Bildern: Monster Truck - Afraid Of Heights Tour 2016, Berlin

A Blast from the past

Als zweite Vorband stehen um 20:45 Uhr MONSTER TRUCK auf der Bühne. Frontmann Jon Harvey schneidet mit seinen Ansagen durch den Lärm und etabliert die Stimmung, die man auf einem Rockkonzert erwarten würde. Die Musik der Hardrocker speist sich aus den 1970ern, lehnt sich an Bands wie BLACK SABBATH, DEEP PURPLE und SOUNDGARDEN an und und übersetzt diese Einflüsse gekonnt ins 21. Jahrhundert. Kein Wunder, dass die Kanadier 2014 mit ZZ TOP und GUNS N’ ROSES durch ganz Nordamerika getourt sind.

Geteilter Meinung

Mittlerweile ist jeder an seinem Platz und auch die Aussteuerung ist besser: Man versteht tatsächlich was. Jeremy Widerman liefert großartige Soli und diese Band macht sich mit wesentlich mehr Leidenschaft ans Werk. Das Publikum geht gut mit aber es gibt da eine klare Verteilung. Zeigen sich die Millennials eher unbeeindruckt, sind die Ü30er sehr begeistert. Obwohl 2009 gegründet, stellen sich MONSTER TRUCK musikalisch in eine ältere Rock-Tradition als die erste Vorband und der Headliner. Das hört sich nicht nur gut an, sondern ergibt auch konzeptionell viel Sinn, weil durch die Abwechslung jeder besser zur Geltung kommt.

BILLY TALENT

Galerie mit 24 Bildern: Billy Talent - Afraid Of Heights Tour 2016, Berlin

Nette Kanadier

Nach einer unnötig langen Pause von 45 Minuten betreten BILLY TALENT die Bühne und eröffnen mit einem ihrer größten Hits “Devil In The Midnight Mass” einen großartigen Auftritt, der keinen Fan zu kurz kommen lässt. Musikalisch am präsentesten ist zweifellos Gitarrist Ian D’Sa, dessen Riffs oft solo angespielt werden und den Sound der Band maßgeblich tragen. Die Stimme des Frontmannes Benjamin Kowalewicz sorgt für ein Alleinstellungsmerkmal, das da doch eher polarisiert.
Diese Stimme singt natürlich an diesem Abend nicht nur. Begrüßung, Aufruf zu gegenseitigem Respekt und Unverständnis über das US-Wahlergebnis zeichnen das Profil einer Band, die gewachsen und reifer geworden ist. Das neue Album handelt davon, sich gegen eigene Dämonen durchzusetzen, seine Stimme für Toleranz und gegen Missstände zu erheben und Freunden beizustehen. Letzteres rührt sicher auch von der MS-Erkrankung des Schlagzeugers Aaron Solowoniuk her. Dieser kommt zwar kurz auf die Bühne, den Auftritt selbst absolviert jedoch ALEXISONFIRE-Schlagzeuger Jordan Hastings.

Artig

Dem Sound tut dies jedoch keinen Abbruch und die textsicheren Fans feiern sehr begeistert auf ihre Art: Fast verhalten. Klar gibt es hier und da Crowdsurfer und es wird geschoben, gepogt und gehüpft. Aber es gibt keine rohe, animalische Ausrasterei, kein aufgestauter Hass der gewalttätig nach einem Ventil sucht. Wahrscheinlich ist das gut so. Bei der mittlerweile mehr als zehnjährigen Bandgeschichte sind auch die Fans älter, vielleicht ruhiger aber auch glühender geworden. Zumindest die, die geblieben sind. Wenn BILLY TALENT von der “Power of Rock’n’Roll” als einer Kraft des Guten sprechen, die die Welt zum besseren verändern kann, dann ist das Publikum das Medium dieser Kraft, die Gleichberechtigung, Loyalität, Verantwortlichkeit in den Alltag tragen kann und das ist ein großartiger Ansatz.

Maulkorb

Die Setlist bewegt sich vor allem zwischen “The Dead Silence” und der neuen Scheibe, zeigt auch wie die Band musikalisch härter und geradliniger geworden ist. BILLY TALENT klingen gut oder so gut man in dieser Halle eben klingen kann. Vor allem “Surrender” oder “The Crutch” aber auch “Red Flag” und “Fallen Leaves” gehen gut ins Ohr und begeistern die Fans. Nach rund 90 Minuten verlässt die Band sichtlich zufrieden die Bühne.
Insgesamt bleiben wir mit gemischten Gefühlen zurück. So ehrbar der moralische Anspruch des Headliners, so erfrischend anders die zweite Vorband auch ist, verliert das Konzert durch die ungeeignete Location viel an Qualität. BILLY TALENT ist eine tolle Live-Band, doch spielen sie heute Abend mit technischem Maulkorb.

Text: Tobias Mühlau

14.12.2016

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