Boris - Dear

Review

Eigentlich wollten BORIS 2015 ihr Abschiedsalbum aufnehmen. Die Band hatte anscheinend nach langer Zeit ihres experimentellen Dooms das Gefühl gehabt, alles gesagt zu haben. Doch wie so oft ist es der Todeskampf einer Band, der die Kreativität beflügelt – ein besonders interessanter Umstand natürlich im Doom. Und so endeten die Sessions, in denen das entsprechende Material ausgearbeitet werden sollte, damit, dass die Band plötzlich mit Stoff für ganze drei Alben da stand. Nach der folgenden Tour begann das Trio damit, weitere Songs zu schreiben und das Material dann auf die Länge eines Albums zusammen zu kürzen. Fertig war “Dear”, das nun zum 25. Jubiläum der Band erschienen ist und zu welchem es auch eine Tour gibt. So hat die Band praktisch aus ihrem Abschiedsbrief ein Dankeschön für ihre Fans geschaffen. Und was für ein Dankeschön es geworden ist.

BORIS – eine Band zwischen sakralen Doom-Bollwerken und verträumten Melodien

Diese neu entfachte Kreativität hat ein Album zu Tage befördert, bei dem die Band ihre Experimentierfreude zwar stets im Blickfeld hat, das sich aber auch durch das monumentale, raumfüllende und -übergreifende Zeitlupenriff auszeichnet. Teilweise ist man erstaunt, wie roh BORIS hier zu Werke gehen, speziell in Anbetracht jüngerer Leistungen wie etwa “Gensho“.

Auf “DEADSONG”, “The Power” und dem abschließenden Titeltrack zeigt sich das besonders eindrücklich. Hier zelebriert die Band das Doom-Riff als solches mit geradezu meditativer Geduld. Es ist, als ob im Land der aufgehenden Sonne selbige in einer Teergrube aus Verzweiflung und Agonie untergegangen wäre. “DEADSONG” ist dabei so kompromisslos, dass sich erst nach der Hälfte der Songs die sporadischen Schläge des Schlagzeugs allmählich zu so etwas wie einem Rhythmus vereinen. Das instrumentale “The Power” weist einen fast schon zeremoniellen Charakter auf.  “Absolutego” ist da schon etwas songorientierter und erinnert entfernt an WITH THE DEAD.

Doch BORIS wären nicht sie selbst, wenn sie ihren donnernden Sound nicht immer wieder durch sphärische Klanglandschaften ergänzen würden. Der Opener “D.O.W.N – Domination Of Waiting Noise” ist ein gutes Beispiel. Dieser lässt – im übertragenen Sinne natürlich – SUNN O))) zu “White Pony” jammen. Zumindest klingt es so ähnlich. Was auf dem Papier für Puristen wie Ketzerei anmutet, geht in den routinierten Händen des Trios wunderbar auf und sorgt für dieses einzigartige Klangerlebnis, wie man es eben von BORIS kennt. Der Klargesang von Wata und Takeshi mag Geschmackssache sein, passt aber hervorragend und bildet das Bindeglied zwischen den einzelnen Elementen des Sounds.

Eine Erfahrung für Körper und Geist

Einen Zugang hierzu zu finden bedeutet, die Musik auf sich wirken zu lassen. “Dear” ist weniger ein Hit-Album und mehr eine klanggewordene Erfahrung, die teilweise fast schon spirituelle Ausmaße annimmt. Denn gerade ab “Beyond” stoßen BORIS in musikalische Sphären vor, die irgendwo zwischen markerschütternd monolithischem Doom und verträumten Shoegaze vor allem wirkungsorientiert agieren. Hier wird jede einzelne Körperzelle beansprucht. Hier wird der Endorphinausstoß geschickt durch Melodien angekurbelt, die sich durch die Wall Of Sound hervor kämpfen.

“Beyond” ebbt auf und ab. Watas elfenartiger Gesang gepaart mit dem sanften, musikalischen Unterbau wird durch die explosiven Doom-Eruptionen kontrastiert. Die erschüttern Mark und Bein, büßen dabei jedoch nichts von der Ästhetik des Songs ein. “Biotope” ist durch seinen Industrial-Beat vergleichsweise peppig geraten. Der Song bietet zusätzlich die höchste Dichte an Melodien, die auf “Dear” zu finden sind. Das klagende “Memento Mori” überzeugt indes durch seine sphärischen, psychedelischen Synthesizer. Der Elfminüter “Distopia – Vanishing Point” bietet an SIGUR RÓS gemahnende Klangästhetik, die dann im letzten Drittel des Tracks in einen triumphalen Rocker überführt wird.

“Dear” ist wahrhaftig ein Album, das man in all seinen Facetten erleben muss. BORIS präsentieren sich erstarkt und liefern Kompositionen zwischen monolithischem Doom und verträumten Melodien ab. Wirklich eingängig ist das Album natürlich nicht. Hits in dem Sinne gibt es hier wenige, sieht man mal von “Biotope” und “Memento Mori” ab, wie auch “Absolutego” und “Beyond”. Hits meint in diesem Sinne natürlich nichts zum Mitsingen, sondern eben das songorientertere Material. Wem das fehlt, hat selbstredend gesunde Alternativen wie “Hunted“, “Heartless” oder “Upon A Pale Horse“. Wer seinen Doom jedoch als spirituelle wie auch Ganzkörpererfahrung schätzt, kommt nicht an “Dear” vorbei.

15.07.2017

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