Enslaved - Vertebrae

Review

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“Vertebrae” ist das neueste Album von ENSLAVED betitelt, “Wirbel”. Das nächste Glied, vielleicht auch mehrere der Wirbelsäule ENSLAVEDs will dieses Album augenscheinlich sein, aber auch, wenn das suggeriert, man hätte sich nach den einander ziemlich ähnlich klingenden Vorgängern “Isa” und “Ruun” an grundsätzlich Neuem versucht, fällt der Schritt (überraschend?) nicht sehr groß aus. Im Gegenteil, ENSLAVED scheinen sich ganz wohl zu fühlen in der Ecke, in der sie es sich zuletzt gemütlich gemacht haben.

Einen gewissen Hang zum Psychedelischen muss man ENSLAVED zugestehen. Obwohl hier natürlich obligatorisch PINK FLOYD, die Mutter aller Referenzen diesbezüglich, erwähnt werden müssen, stehen sie eher Pate für ein Flair, das ENSLAVED einzufangen nicht so recht gelungen ist. Trotz angedeuteter Ausbrüche wie in “Ground” kann “Vertebrae” nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rhythmussektion ziemlich direkt und ohne Gelegenheit, sich irgendwo längerfristig zu verirren, vorgeht und so etwaige Bemühungen, den entsprechenden Melodien das Gewand, das man normalerweise erwartet, heillos untergraben würde. Ob man die Ambitionen gen Prog-Rock-Ecke der 70er nun als eher als Tribut oder als Anbiederung sehen soll, ist ohnehin nicht ohne weiteres zu klären, denn auch hier können Absicht und Wirkung wie üblich getrennte Wege gehen. Dass “Vertebrae” nicht so recht mit Psychedelisch-Verspieltem, dessen Zenit ja schon vor langer Zeit überschritten wurde, überzeugen kann, muss aber ohnehin nichts Schlechtes heißen. Zumindest ist so sicher gestellt, dass ENSLAVED nicht nach fremden Lorbeeren schielen.

Obwohl man unterstellen könnte, “Vertebrae” beschränke sich großteils darauf, die populäreren Komponenten der beiden Vorgänger weiterzuentwickeln, ist doch nicht zu leugnen, dass “Vertebrae” mit dem TRINACRIA-Erstling, an dem sich nicht unwesentliche Teile von ENSLAVED beteiligt hatten, teilweise äußerst frappierende Ähnlichkeiten hat. Das gilt zwar weniger für die losen Strukturen und Arrangements, deretwegen “Travel Now Journey Infinitely” häufig kritisiert wurde, sondern mehr für diverse Riffs (“New Dawn” vs. “Make No Mistake” oder “The Watcher” vs. “Travel Now Journey Infinitely” zum Beispiel), zeugt aber davon, dass ENSLAVED tatsächlich kein “Ruun, Teil 2” im Sinn hatten. Dennoch mutet es an wie ein Spagat zwischen den erfolgreichen Teilen der beiden Vorgänger und dem Neuen, das so sehr an “Travel Now Journey Infinitely” erinnert, sofern man da von einem Spagat reden kann.

Auch, wenn kommerzielle Hintergedanken natürlich (und aller Wahrscheinlichkeit nach auch völlig zu Recht) dementiert werden, kann man nicht darüber hinwegsehen, dass sich ENSLAVED auf “Vertebrae” handzahmer als zuvor geben, obwohl die Entwicklung im Blick auf die letzten Alben so auch nur konsequent weitergeführt wurde. Dass auf “Vertebrae” vermehrt Klargesänge zum Einsatz kommen, ist für diese Beobachtung gar nicht entscheidend, sondern, dass der Gesang insgesamt sich eher zurückhält, ja bisweilen verhalten klingt.
Mit massentauglicher Musik sollte man schon zurechtkommen, wenn man “Vertebrae” etwas abgewinnen möchte, aber wenn man soweit erst ist, kann man sehr viel Gefallen daran haben. ENSLAVED gefallen sich sichtlich in der Rolle, authentisch auf aggressive Einsprengsel “von früher” zurückgreifen können und dennoch ihre eigene Vision progressiver Musik zu verwirklichen, und dafür darf ihnen ruhig Respekt gezollt werden.

20.09.2008

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2 Kommentare zu Enslaved - Vertebrae

  1. Anonymous sagt:

    wo "ruun" noch ein wenig unrund daher kam – vor allem, was die verschmelzung von progressivem und bm-material betrifft – funktioniert hier einwandfrei, auch wenn bis auf ein paar gesangliche ausflüge so gut wie kein black metal mehr zu hören ist. der nächste norwegische grammy ist ihnen sicher, besonders songs wie die beiden umherschweifenden stücke "center" und "relections" haben dank der nach oben hin offenen produktion eine unheimlich atmosphärische, vielleicht sogar "spacige" note an sich – erdige weltraum-mucke sozusagen.

    7/10
  2. Anonymous sagt:

    Ein sehr feines, vielschichtiges Album, wie immer eigentlich. Stimmig wie "Isa", hart wie "Blodhemn" und anspruchsvoll wie "Mardraum". Die Miles, Coltrane und Parker des experimentellen Black Metal.

    9/10