Metallica - St. Anger

Review

Galerie mit 7 Bildern: Metallica - Rock Am Ring 2014

Achtung! Dieses Review beginnt mit einem Geständnis. Denn “St. Anger” war nicht nur mein erstes METALLICA-Album, sondern mein erstes Metal-Album überhaupt und als Jugendlicher habe ich die Platte abgefeiert wie nichts anderes. Der wohl meistgehasste Langspieler in der METALLICA-Diskographie hat somit eine ganz besondere Bedeutung für mich. Trotzdem maße ich mir an, die Platte einigermaßen fair bewerten zu können? Yep! Denn mit dem Alter kommt bekanntlich mehr Reife und damit auch Einsicht.

Jetzt erst mal zu den Eckdaten: Vor Aufnahmestart verließ Jason Newsted die Band, weil seine Bandkollegen der Musik nicht die für ihn nötige Priorität einräumten. Den Bassposten auf dem Album übernahm deshalb Produzent Bob Rock, mit dem METALLICA zuvor das “Black Album“, “Load” und “Reload” gezimmert haben. James Hetfield wiederum begann eine Therapie, um mit seiner Alkoholsucht fertig zu werden. Der Frontmann hatte die Kontrolle über sein Leben verloren und sich seit längerem mit Songwriting-Partner und Bandmitbegründer Lars Ulrich verkracht. Kirk Hammett, der Ruhepol der Band, hatte unter dem Zwist der beiden METALLICA-Köpfe zu leiden. So sollte “St. Anger” ihrer Meinung nach ohne Gitarrensoli auskommen, wodurch Hammett de facto seines Jobs beraubt wurde. Beim Songwriting durfte er sich zwar einbringen. Aber am Ende ist und war das Duo Hetfield/Ulrich hier schon immer federführend. Die Aufnahmen zu “St. Anger” standen jedenfalls unter keinem guten Stern.

METALLICA hatten in jeder Hinsicht ihre Richtung aus den Augen verloren. Hilflosigkeit machte sich breit, keiner wusste, wohin es gehen soll. Deshalb schlug Rock vor, zu den Anfängen zurückzugehen. Das Album sollte musikalisch möglichst hart und wie eine Garagenproduktion aufgenommen werden. Mit dem Thrash Metal der frühen Tage hatte das Ergebnis zwar nichts zu tun. Doch dafür ist es in Sachen Sound und Stilistik bis heute einzigartig. Die Gitarren klingen roh und ungeschliffen. Die Saiten wurden möglichst tief gestimmt, wodurch sie eine Menge Wumms in der Magengegend verursachen. Die Riffs sind daran angepasst: minimalistisch, groove-orientiert und weit weg von typischen Metal- oder Hard-Rock-Riffs. Dazu ist die Produktion sehr schlagzeugbetont. Durch den entfernten Teppich knallt die Snaredrum sehr hell und steht im Mix häufig im Vordergrund. Hier schneiden sich die Geister: Entweder man liebt oder hasst diesen Sound. Zum Songmaterial der Platte passt die Produktion jedenfalls wie die Faust aufs Auge.

METALLICA eiern rum

Womit wir beim nächsten Streitpunkt wären: den Songs an sich. Denn was METALLICA ihrer Fanbase auftischen ist alles andere als zugänglich. Nahezu alle Tracks arten in sieben bis acht minütige Stücke aus, was leider der größte Schwachpunkt der Platte ist. Denn die immer gleichen Breaks innerhalb eines Songs zu wiederholen, ist nicht spannend, sondern eintönig. “Some Kind Of Monster” punktet beispielsweise mit einem amtlichen Mainriff und einem eingängigen Refrain. Nach knapp vier Minuten ist hier alles gesagt, doch der Song streckt sich noch einmal genauso lange. Auch der vorab als Single veröffentlichte Titelsong schlägt in dieser Kerbe, ebenso wie “All Within My Hands” oder “Invisible Kid”. Alles Songs, die gute Ansätze verfolgen, aber sich viel zu sehr in die Länge ziehen, anstatt einfach auf den Punkt zu kommen. Dazu kommen noch Rohkrepiere wie das alberne “My World”, “Dirty Window” mit seinem ziemlich peinlichem Text oder das unsäglich nervige “Purify”.

Ist “St. Anger” jetzt also der Album gewordene Antichrist, als der es so gerne gesehen wird? Mitnichten! Stattdessen haben METALLICA mit ihrer neunten Studioplatte ein mutiges Album abgeliefert, das auf jegliche Konventionen scheißt und eigene Wege geht. Zwar geht die Rechnung nicht in allen Belangen auf, ein unvoreingenommenes Reinhören lohnt sich aber in jedem Fall. Und sei es nur, um mitreden zu können, wenn die nächste hitzige Diskussion um “St. Anger” entbrennt. Wer zudem genaueres über die Entstehung der Platte wissen möchte, dem sei an dieser Stelle die sehr intensive Doku “Some Kind Of Monster” ans Herz gelegt.

31.05.2017

"Irgendeiner wartet immer."

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7 Kommentare zu Metallica - St. Anger

  1. Art Beck sagt:

    …ich versteh’ den Sinn dieser “Reviews” nicht. “Reviews” sind doch immer subjektiv und Zeugnis des Momentes/Zeitgeists. Warum, Jahre später, eine teilweise Objektivierung?
    Eine Gegenüberstellung “Review bei Erscheinen” vs. “Review nach x Jahren” macht ja noch Sinn; aber so hat das einen leicht kindlich-altklugen Charme ….

  2. metalfreak sagt:

    Goetz Kuehnemund ehemals Rockhard Chefredakteuer, meine ich haelt dieses Teif fuer eines der fuerchterlichsten aller Zeiten , fuer dieses Gebolze gibts von mir genau 2 Punkt.e

    2/10
  3. Doktor von Pain sagt:

    “St. Anger” ist das einzige Metallica-Studioalbum, das ich nicht im Regal stehen habe – und das aus gutem Grund.

    3/10
  4. Belannaer sagt:

    Viele meiner Freunde die Metallica wie ich erst mit dem schwarzen Album wirklich kennen und schätzen gelernt haben bemängeln an St. Anger vor allem den gewöhnungsbedürftigen Drumsound. Und in der Tat ist der Keksdosen Snare erstmal sehr ungewohnt und schräg. Lässt man sich aber auf die Songs ein und akzeptiert den Sound als zum Gesamtkonzept passend erschliesst sich ein Album, was in meinen Augen seinen schlechten Ruf nicht verdient hat.

    Ich habe St. Anger oft im Auto gehört, im Cabrio bei Sonnenschein und es ist perfekte Automusik, es kracht und scheppert und macht Spass. Für alle diejenigen, die der CD nichts abgewinnen können empfehle ich die Rehearsal DVD, dort ist der Drumsound deutlich basischer und es klingt weniger blechern. Ungeachtet dessen hat das Album ein paar Filler, die man gut und gern ignorieren kann. Ansonsten ist es ein gutes Album, wenn man Metallicas vorherige Alben nicht als Maßstab nimmt. Am Ende bleibt es ein subjektives Geschmackserlebnis.

    7/10
  5. Fabian sagt:

    “unsäglich nervige “Purify”
    Ich erinnere mich wie vor einigen Jahren beim draußen Arbeiten genau das Lied 3x mal am Stück gehört habe, weils mich
    gerade richtig gepusht hat. Was habe ich da falsch gemacht? Wo doch nun im Internet steht, dass ich das Lied nicht hören soll. Ich bin fix und fertig.
    “ich versteh’ den Sinn dieser “Reviews” nicht”
    Die geschalteten Werbungen auf der Website sind der Sinn.

    10/10
  6. Bluttaufe sagt:

    Ich glaube ich bin einer der wenigen, die diesen Drumsound in dieser Form geil finden. Die Songs “St. Anger” & “Frantic” kannte man und wurden auch von Viva & MTV rauf und runter gespielt. Kaufen oder nicht kaufen? Ich entschied mich gegen einen Kauf & legte sie mir erst x-Jahre später mit der “Death Magnetic” zu. Den Song “St. Anger” fand ich zwar cool aber “Frantic” erinnerte mich etwas zu sehr nach den damals angesagten Nu Metal.
    Ich finde, dass das Album ein zweischneidiges Werk ist. Ich mag die rohe Art aber, wie so oft kritisiert, sind mir die Songs einfach zu sehr in die Länge gezogen. Und da die Songs kaum Spannung aufbauen, wird die Kiste eben nach maximal 4 Minuten langweilig. Bei “Dirty Window” finde ich das Stoner Rock Riff geil – das halbe Gerappe hingegen sagt mir gar nicht zu. Generell passt die Produktion zu Stoner Rock wie der Arsch auf dem Eimer aber von METALLICA erwartet man eben keinen Stoner Rock/Metal. Irgendwann kippt das Album total, einiges klingt zu sehr nach Nu Metal, belanglos und fremd schämen. Und manchmal beschleicht mich das Gefühl, hätte Bob Rock dieselben Einstellungen bei der Produktion beibehalten , klinge es wie ein Re-Reload nur eben belangloser. Gegen Ende der CD wird es zwar mit “Purify” wieder etwas besser aber so richtig warm wurde ich mit “St. Anger” nie.

    4/10
  7. Andreas sagt:

    Ehrlich gesagt bin ich auch grad am rätseln über den Sinn der Review, aber eher aus einem anderen Grund. Zuletzt gab es doch relativ viele Re-Releases Reviews, Digital Remastered bla, wurde das Album auch remastered? Fans der alten Stunde haben die alten Alben eh 1st Press oder Vinyl und wollen eher keine Re-Releases aber muss die hier schon neu aufgesetzt werden? Mal abgesehen vom Opener finde ich St. Anger absolut unterirdisch, ähnlich wie Load/Reload, Death Magnetic war für mich krampfhaft wieder wie alt zu klingen aber nicht mehr gekonnt mit einem grottigen Sound. Hardwired hat für mich so nen 50/50 auf Nummer Sicher geh Charme, bei 50% werden wohl alte Fans glücklich gemacht und zu den anderen 50 eher die, die Load / Reload gut fanden. Naja bisschen vom Thema abgekommen. Zumindest aber schön erfrischend geschrieben 🙂

    3/10