Tesseract - Polaris

Review

Galerie mit 16 Bildern: Tesseract auf dem Summer Breeze Open Air 2017

Die Aufgabe, der sich TESSERACT mit “Polaris” nun zum dritten Mal auf Langspiel-Distanz stellen, hat es ganz schön in sich – wenngleich sich ihre wahre Schwierigkeit wohl erst in der nahezu perfekten Bewältigung offenbart, die dem Fünfer gelungen ist. Mehr noch: Die Vorgänger “One” und “Altered State” erscheinen neben “Polaris” in einem deutlich anderen Licht – und auch wenn die beiden Alben für sich betrachtet äußerst gelungene Veröffentlichungen darstellen: Sie waren lediglich Stufen, über die TESSERACT hinweg steigen mussten, um mit “Polaris” am vorläufigen(?) Höhepunkt ihrer künstlerischen Laufbahn anzukommen. Welche Aufgabe ist es denn nun, die TESSERACT in den knapp 47 Minuten mit Bravour meistern? Die Aufgabe hat zwei Ebenen, die allerdings miteinander verwoben werden und sich gegenseitig beeinflussen.

Einerseits wäre da die technisch-musikalische Ebene, auf der TESSERACT sich (seit jeher) an der Verschmelzung von – für Musiker und Hörer/innen – anspruchsvollem Djent und eingängigen (ich schrecke ein wenig vor dem Attribut “catchy” zurück), teils melodischen Strukturen, die den Songs eben mehr verleihen als “nur” technischen Anspruch (etwas, das insbesondere MESHUGGAH in ihren späteren Werken nicht immer im Griff hatten…).

Andererseits wäre da – der technisch-musikalischen Aufgabe “geschuldet” – die Verflechtung zweier atmosphärisch vermeintlich gegensätzlicher Pole: Der sterile, anorganische, durch die (mindestens) siebensaitigen Gitarren mitunter aggressive Ansatz des Djent-Anteils – und die schwerelose, emotional berührende Ebene, die TESSERACT durch clean gespielte Gitarren, warme Synthesizer und den Gesang von Rückkehrer Daniel Tompkins zu integrieren suchen…

…und zwar mit beeindruckendem Erfolg – so beeindruckend, dass ich ohne Umschweife zugebe, dass ich diese Entwicklung von TESSERACT nicht nur nicht erwartet hätte, sondern dass ich es vor “Polaris” für unmöglich gehalten hätte, dass die beschriebenen Verschmelzungen überhaupt gelingen könnten. Spätestens mit dem zweiten Song des Albums, “Hexes”, ist mir jedoch klar: TESSERACT beweisen Pioniergeist und dringen in eine musikalische Welt vor, in der sich vermeintliche Gegensätze zu einem homogenen, stimmigen und vor allem berührenden Gesamtbild vereinen.

Die Markenzeichen der Briten bleiben erwartungsgemäß auch auf “Polaris” erhalten – die Gitarrenmotive, die MESHUGGAHeske rhythmische Figuren mit für TESSERACT charakteristischen Oktavierungen verknüpfen; der klare Gesang, der sich auch gern in höhere Lagen begibt (“Phoenix” – Gänsehaut pur!) und selbst mehrstimmig immer souverän wirkt; die clean gespielten Gitarren, die eine ordentliche Portion Wärme mitbringen; die an TOOL erinnernden Bass-Licks; das treibende Schlagzeug, dessen Beitrag zum sperrigen Eindruck der Rhythmus-Fraktion nicht unterschätzt werden darf. Erstmalig gelingt es TESSERACT jedoch, diese Elemente nicht nur wie aus dem sprichwörtlichen “einen Guss” klingen zu lassen, sondern die Integrität des resultierenden Klangbildes in ungeahnter Weise zu steigern.

Glänzt das eröffnende “Dystopia” noch mit für TESSERACT typischem Groove – jedoch nicht, ohne bereits feine Risse in der vordergründigen Progressivität zu offenbaren -, fährt das bereits erwähnte “Hexes” den treibenden Aspekt etwas zurück und präsentiert sich fragil, geradezu verletzlich. Spannend ist, dass es TESSERACT in “Hexes” gelingt, einen eingängigen Refrain mit Ohrwurm-Potential über dem Djent-Fundament zu konstruieren – etwas, das sich auf den Vorgängern lediglich erahnen ließ. Diese Fähigkeit setzen TESSERACT in “Survival” fort, um mit “Tourniquet” die “Ballade” das Albums zu servieren. “Utopia” wartet mit Ausflügen in TOOLsche Gefilde und einem kurzen Crossover-Abstecher auf, bevor “Phoenix” wieder reichlich “Atmosphäre” auffährt, “Cages” sich als härtester Song des Albums (inklusive einiger Screams!) herausstellt, und das abschließende “Seven Names” mit Ansätzen einer Reprise einen versöhnlichen Ausklang bildet. Die erstaunlichste Erkenntnis – die mit jedem Durchlauf wächst – ist, dass “Polaris” trotz der unterschiedlich ausgerichteten Songs als Einheit wirkt. Ein Meisterstück.

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11.09.2015

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