The Hirsch Effekt - Eskapist

Review

Auf die Frage, ob man sich heutzutage noch auf jemanden verlassen kann, haben THE HIRSCH EFFEKT eine Antwort von geradezu kathartischer Natur parat. “Eskapist” heißt der neue Schlag des Trios aus Hannover und der erste nach Abschluss der “Holon”-Trilogie. Den reinen Wahnsinn, welcher der Band noch von Kollege Klug in seiner Besprechung zum Vorgänger attestiert worden ist, haben die Herren eigentlich nicht wirklich abgelegt.

Aber sie sind hörbar mit ihm gereift. Und so kommt auch der musikalische Wahnsinn nicht mehr ganz einem mentalen Zusammenbruch gleich. Eher sind es gerichteter Zorn, Ungläubigkeit und Verzweiflung, die einem hier entgegen geschrien werden. Das passt, denn inhaltlich üben die Hannoveraner Kritik an der Gesellschaft und das auf gewohnt hohem Niveau. Schön ist vor allem der Neologismus “Xenophotopia”, der im Grunde alles über die Ausrichtung von “Eskapist” sagt. Das Ganze wird zusammengehalten durch ein songschreiberisch-intrikatives Gerüst, das einmal mehr von der Klasse dieser Band zeugt. Und bei alledem haben THE HIRSCH EFFEKT ihre Aggression nicht aus den Augen gelassen. Teilweise muten die Tracks richtig heavy an, auch spielen die Hannoveraner öfters mal nahe an der Grenze zum Technical Death. Doch von einem Genreflickwerk kann keine Rede sein. Denn das Songwriting ist sensationell und verleiht dem Album vor allem durch seine durchdachten Übergänge eine enorme Geschlossenheit.

THE HIRSCH EFFEKT auf dem Zenit

Natürlich entgeht einem in dieser Hinsicht Vieles, wenn man sich “Eskapist” nur häppchenweise zu Gemüte führt. Was “Eskapist” einmal mehr auszeichnet, ist dieser sagenhaft geschmeidige Flow, der 61 Minuten fast wie im Fluge vergehen lässt. Die Platte packt einen einfach und lässt nicht mehr los. Die fließenden Übergänge zwischen den Songs machen wirklich viel aus. Sicher hat hier aber auch die enorme, technische Finesse der Band nachgeholfen, präzise wie ein Urhwerk, aber keineswegs so straff wie eines. Es bleibt immer Luft zum atmen. “Stop and smell the roses”, wenn man so möchte. Der Sound hat seine Aufs und Abs, oder kurz: Dynamik. Das Songwriting ist derart intuitiv und organisch ausgefallen, dass der Begriff des “lebenden Songs” hier fast schon ein Understatement wird.

Man könnte hier natürlich einzelne Songs und ihre Höhepunkte herauspicken. Als da wäre der Opener “Lifnej”, der wie THE DILLINGER ESCAPE PLAN auf Punk Rock klingt und euch ohne vorher höflich um Einlass zu bitten die Ohren freipustet. Geschickt drosseln THE HIRSCH EFFEKT die Intensität des Tracks zum Ende hin für das bombastische Finale. “Natans” tänzelt regelrecht leichtfüßig und unbekümmert dahin, ein lustig Liedchen auf den Lippen. Doch einschlägige Gitarren treiben den Song in düstere Sphären. Nicht schlagartig jedoch, stattdessen funktioniert dieser Stimmungswechsel hinein in die dunklen Tiefen (und wieder zurück) auf subtiler Ebene. Der Song gleitet förmlich hin und zurück. “Autio” leitet mit hallendem Klavier in den Vierzehnminüter “Lysios” über, der sich mit ominösen, Post-Metal-artigen Gitarrenwänden zu einem wahren Ungetüm aufbaut.

Ein konsistentes Meisterwerk nahe der Perfektion

Doch man würde der kompositorischen Klasse des Albums damit nur unrecht tun. Dafür gleitet es einfach zu geschmeidig dahin. Dafür steckt einfach zu viel Herzblut im gesamten Album. Wenn man überhaupt etwas aussetzen möchte, dann vielleicht, dass dadurch gelegentlich das Spektakel, das frühere Werke ausgemacht hat, etwas ins Hintertreffen gerät. Und ja, das ist zugegeben ein berechtigter Kritikpunkt, der angesichts der Klasse von “Eskapist” jedoch verschmerzbar ist. THE HIRSCH EFFEKT haben sich weiterentwickelt und ihren Sound sowie auch das zentrale Thema des Albums der eigenen Reife angepasst. “Eskapist” ist ein politisches wie musikalisches Statement, das eine Band auf dem vorläufigen Zenit zeigt.

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14.08.2017

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