Todtgelichter - Angst

Review

Galerie mit 28 Bildern: Todtgelichter - Heidenfest 2011

Eine scheinbar lebendige, innerlich jedoch längst tote Stadt. Ihre Lichter hinterlassen Nachbilder auf der Netzhaut, dringen aber nicht an Herz und Hirn. Ein Einsamer trottet durch die hell erleuchteten Straßen, verirrt sich in U-Bahnhöfen und -tunneln, findet sich schließlich in einer dunkleren Gasse wieder. Hier lauert die “Angst”, hier lauern TODTGELICHTER…

Die Hamburger haben sich auf ihrem dritten Album wahrlich Großes vorgenommen – und meistern die selbst gesteckte Aufgabe mit Bravour. Wo ULVER anno 2000 mit “Perdition City” einen visionären Versuch wagten, urbanes Gefühl(!) mit menschlicher Vergänglichkeit, mit Einsamkeit zu verknüpfen, schließen TODTGELICHTER zehn Jahre später ganz anders – und doch nahtlos, und doch auf ihre Weise visionär – an. “Angst” ist organischer, unmittelbarer als “Perdition City” – und doch gleichzeitig distanzierter, fremder…

Was sich dem Hörer in den sieben Songs (plus Outro) offenbart, ist – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – die Zukunft des extremen Metals. Freilich meine ich damit nicht genau diesen einen Stil, den TODTGELICHTER gefunden haben (wobei das schon wieder zu einschränkend ist – zu facettenreich, zu vielseitig sind die Songs auf “Angst”), sondern die kreative Kraft, die Vision, die sich hinter der Musik verbirgt, aus ihr hervorquillt, ihr Leben einhaucht. Das schwarze Metall ist jederzeit zu hören, zu spüren – und doch kann und will ich “Angst” an dieser Stelle nicht als Black Metal bezeichnen. Wunderbar verhallte Gitarren, teils clean gespielt, harmonisch wagemutige, aber rundum gelungene (Dur-)Kadenzen – eher im (Post-)Rock beheimatet -, dazu gesellen sich zielsicher eingesetzte elektronische Elemente, Hammond-Orgel und akzentuiertes Drumming; auf diese Weise wird “Angst” zu einem atmosphärischen Kaleidoskop, das das abstrakte Konzept der Stadt von seiner hässlichsten, unmenschlichsten Seite zeigt – und doch den einsamen, getriebenen und schließlich vergänglichen Menschen porträtiert.

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle den Gesang Martas, der äußert bewusst eingesetzt wird und den Songs dadurch eine ganz eigene Note verleiht. Das außergewöhnliche Timbre ihrer Stimme mag dem einen oder anderen zunächst sehr fremd vorkommen… aber genau das ist es ja! Martas Gesang fügt sich atmosphärisch jederzeit stimmig in das Gesamtbild ein – sie schafft es allein durch stimmliche Nuancen, Akzente zu setzen. So klingt ihr Beitrag in “Bestie” extrem fies, in “Neon” dagegen wird sie durch ihren Gesang zur fragilen Hauptfigur, deren Suche sich dem Hörer in all ihrer Hoffnungslosigkeit offenbart.

TODTGELICHTER schaffen es in knapp 55 Minuten, dem barocken Motiv der Vergänglichkeit ein (post)modernes Gesicht zu geben. Diese Ideen finden auf “Angst” einen Nährboden in städtischer Oberflächlichkeit, in der Anonymität des urbanen Menschen. Wo sich ähnlich agierende Bands wie AMESOEURS jedoch schnell in wenig greifbaren und bisweilen unspektakulären Motiven verlieren, bleiben TODTGELICHTER in jedem Moment direkt, unmittelbar und vor allem authentisch. “Angst” beschreibt damit das durch Heidegger von der Furcht unterschiedene Gefühl, das so allumfassend, so existentiell ist, dass der Begriff nicht ohne Grund auch Eingang in die englische Sprache gefunden hat. TODTGELICHTER geben diesem Gefühl nun einen Klang. Danke.

19.11.2010

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2 Kommentare zu Todtgelichter - Angst

  1. stendahl sagt:

    Heidegger also. Vorsicht! Diskussion über die Stellung des Angstbegriff in der Philosophie unserer Zeit gefällig? 😉 Besser keine Wiki-Zitate… TODTGELICHTER tönen sehr steril, sehr pseudoambitioniert; da kommt bei mir KEINE Angst auf, eher Unwillen. Das kann gefallen, klar, schlecht finde ich es auch nicht, aber sehr viele Ideen werden vermengt, zu viele Stilgrenzen überwunden, alles findet Verwendung, wenn es nur dem Konzept dient. Nein? Glaube kaum, dass nur einer der Jubelnden das Ding in vier Wochen noch hört; echter Jazz ist besser als SOLEFALD, GELICHTER oder GORILLAS.

    6/10
  2. Anonymous sagt:

    Das Review ist irgendwie mit Vorsicht zu geniessen!

    Das Album ist gut, keine Frage. Der Opener \\\"Café Of Lost Dreams\\\" ist wirklich toll! Und auch sonst hat das Album viele tolle Momente (Gitarren-Solo oder Klargesang bei Oblivion!). Leider gibt es aber auch viele musikalische Durchhänger.
    Und gerade auch lyrisch wirkt alles sehr erzwungen.

    Irgendwie will sich auch keine so gross angekündigte urbane Stimmung einstellen. Perdition City von Ulver hier gleich mehrmals zu erwähnen, grenzt schon an Grössenwahn. Das ist einfach nicht die gleiche Liga.
    Und auch wenn ich Sätze lesen muss wie \\\\\\\\\\\\\\\"Wo sich ähnlich agierende Bands wie AMESOEURS jedoch schnell in wenig greifbaren und bisweilen unspektakulären Motiven verlieren\\\\\\\\\\\\\\\", wird der aufgeschlossene Leser doch stutzig.

    Ein solides Album einer Band mit viel Potential. Aber eine 10/10 ist hier definitiv nicht zu finden.

    7/10