Ch'ahom
Zwischen Ritual und Mythos

Interview

Mit „Anthropic Rites Of Sublimation“ verbinden CH’AHOM chaotischen Black und Death Metal mit einer beklemmenden, rituellen Atmosphäre. Hinter den verschlungenen Kompositionen steht ein Konzept, das vier Zivilisationen und eine Cenote als Schauplatz zusammenführt. Wir haben mit A.G.A. und S.P.S. über die Hintergründe des Albums, die Entstehung der Stücke und das Zusammenspiel von Musik und Ritual gesprochen.

„Anthropic Rites Of Sublimation“ ist euer zweites Album. Wenn du es heute mit „Knots Of Abhorrence“ vergleichst: Wo siehst du die größten musikalischen Veränderungen und Entwicklungen bei CH’AHOM?

S.P.S.: Man erkennt deutlich wie wir auf dem neuen Album eine höhere musikalische Dichte und somit Hektik erzeugen wollten. Das is nicht notwendigerweise eine Entwicklung, ein Punkt an dem wir jetzt ausharren, sondern eher ein Ausschlag in eine der möglichen Richtungen die „Knots Of Abhorrence“ als Ausgangspunkt zugelassen hat.

Das neue Album wirkt teilweise kompakter und fokussierter, obwohl die Songs weiterhin sehr komplex aufgebaut sind. Hat sich eure Herangehensweise an das Songwriting seit dem Debüt verändert?

S.P.S.: Ja, du hast es in der Frage ja bereits beschrieben. Auf dem nächsten Album könnte schon eine andere Seite unseres Profils vertieft werden, das erste Album und die erste Demo geben diesen Pool an Möglichkeiten vor.

„Anthropic Rites Of Sublimation“ ist nicht einfach eine Sammlung von Songs, sondern folgt einem sehr detaillierten konzeptionellen Rahmen. Wie früh stand dieses Konzept fest und wie stark hat es anschließend die Entstehung der Musik beeinflusst?

S.P.S.: Dies ist ein reziproker Prozess.

Im Mittelpunkt stehen menschliche Zivilisationen, Rituale, Opfer, Tod und die Frage, wie solche Vorstellungen und gesellschaftlichen Strukturen entstehen. Was fasziniert dich persönlich an diesen Themen?

S.P.S.: Mich persönlich fasziniert zum Beispiel das Bedürfnis des Menschen Phänomene zu erklären: In der Genesis bestraft Gott die Menschen mit der Verbannung aus dem Paradies. Sie können nun nicht mehr wie zuvor endlose Nahrungsquellen schöpfen, sondern müssen Agrarwirtschaft betreiben, eine Technologie auf dem damals aktuellen Entwicklungsstand der Menschheit. Arbeit als Strafe für die Erbsünde, eine Antwort auf eine sehr drängende existentielle Frage, expliziert in der Genesis. Diese Erklärungen werden oft mit mystischen Erfahrungen, also Erfahrungen der Gegenwart metaphysischer Phänomene, verbunden: Wer einen Alptraum träumt wähnt mitunter den Mond als göttliche Präsenz die hier Einfluss genommen hat. So wird das mystische Weltbild zu einem der vollkommenen Resonanz und Verbundenheit mit alltäglichen Naturerscheinungen. Die Rituale die nun entstehen um wiederum Einfluss zu nehmen gliedern die Gesellschaft, bringen repräsentative Aufgaben, Hierarchien, Tagesabläufe, Versammlungsorte etc. mit sich. Ein Vorgang in der Entstehung von Zivilisation, der für das neue Album von großer Wichtigkeit war, stellt sich im Aufschub von Trieben dar: Die Sublimation ermöglicht komplexere gesellschaftliche Beziehungen, effizienteres Arbeiten und steht oft mit Ritualen, auf „ARoS“ sogar in höchstem Maße, in Beziehung.

Wie umfangreich war die Recherche für das Album? Beschäftigst du dich auch unabhängig von CH’AHOM mit Anthropologie, Archäologie, Mythologie oder präkolumbianischen Kulturen?

S.P.S.: Dies ist ganz besonders das Steckenpferd von A.G.A.. Vielleicht möchte er hier etwas weiter ausholen.

A.G.A.: Die Recherche für das Album war letztlich gar nicht so umfangreich, da vieles auf bereits vorhandenem Wissen und Material aufbauen konnte. Ich besitze zahlreiche Bücher, die sich mit diesen Themen beschäftigen, und habe mich schon lange intensiv für solche Bereiche interessiert. Dabei beschränkt sich mein Interesse keineswegs ausschließlich auf präkolumbianische Kulturen.

Hinzu kommt, dass es sich bei der Geschichte des Albums um eine fiktionale Erzählung handelt, die wir als Band gemeinsam und im persönlichen Austausch entwickelt haben. Die vorhandenen Kenntnisse und Eindrücke dienten dabei eher als Grundlage und Inspiration, aus der wir unsere eigene Geschichte entstehen lassen konnten.

Dabei bewegt ihr euch zwischen historischen beziehungsweise kulturellen Bezügen und einer von euch geschaffenen eigenen Welt. Wie wichtig ist euch die Trennung zwischen realen historischen Hintergründen und der fiktionalen Geschichte von CH’AHOM?

S.P.S.: Das möchten wir relativ klar trennen und auch klar machen, dass das neue Album explizit fiktional ist. Auch wenn wir bei historischen Texte versuchen etwas von unserer Emotion mit in die Musik und zum Teil auch die Texte hineinzulegen, sie mit unserer Leidenschaft zu füllen und Themen entsprechend persönlicher Bezüge auswählen, ist es uns allgemein doch ein Anliegen die Darstellungen nicht zu verfälschen. Wir würden zum Beispiel einen bestimmten Mythos besingen weil er mit etwas in uns resoniert und diese emotionale Reaktion im Text auch hervorheben, jedoch keine Dinge hinzuerfinden und beispielsweise eigene Avatare imaginieren. Dies ist dem neuen Album und seinem expliziten Rahmen vorbehalten.

Musikalisch treffen Death und Black Metal auf technische, progressive und teilweise fast psychedelische Elemente. Wie findet ihr die Balance zwischen diesen verschiedenen Einflüssen, ohne dass das Konzept die Musik zu sehr dominiert?

S.P.S.: Ich bin mir unsicher wie ich die Frage zu verstehen habe. Sprichst du davon, dass das lyrische Konzept die Musik zu sehr dominiert? Ich denke dafür ist Musik an sich fast etwas zu abstrakt. Ein Text kann niemals genaue Noten vorgeben, Von allen Kunstformen ist Musik die abstrakteste, ein Glas Wasser kann in einem Text beschrieben werden, in einem Film, Foto oder Gemälde gezeigt werden und in einem Tanz symbolisch dargestellt werden doch die Musik immer nur eine sehr entfernte Variante der tatsächlichen Gestalt anbieten können.

Viele Passagen wirken regelrecht rituell oder hypnotisch, bevor die Musik wieder sehr aggressiv und technisch wird. Welche Bedeutung hat dieser Wechsel zwischen Atmosphäre und Brutalität für eure Musik?

S.P.S.: Ich denke das ist nahezu der Kern unserer Musik, ein Fallen dann ein Aufprall, eine Trance dann ein Erwachen, ein Traum und ein Morgen und so weiter. Das findet man dann in Texten wie dem von Xibalba wieder und natürlich ist es für uns das Größte wenn so eine Übereinstimmung zwischen Text und Musik und Konzept entsteht, denn das zu erzwingen ist nicht leicht und fühlt sich an wie der Kampf gegen einen Riesen oder ein enormes Jenga-Spiel bei dem alle Teile von der Balance eines anderen abhängen.

Im Zusammenhang mit CH’AHOM fallen immer wieder Namen wie NECROS CHRISTOS, INCANTATION oder TEITANBLOOD. Welche Bands und Künstler waren tatsächlich wichtige Einflüsse auf eure Musik und welche Vergleiche von außen überraschen euch eher?

S.P.S.: Ja die genannten Bands passen schonmal alle. Hm, überraschende Vergleiche… da habe ich gerade nichts im Kopf. Wir lieben MORBID ANGEL, und auch wenn man das vielleicht etwas weniger hört versuchen wir uns immer von Trey beeinflussen zu lassen. Relevant sind auch BÖLZER. Dann nehmen wir gerne Songstrukturen von Bands wie Yes oder Gentle Giant. Das hört man weniger aber ich denke hier zum Beispiel wieder an Xibalba: Ein Riff wird zu unterschiedlichen Stellen im Song in unterschiedlichen Taktarten wiederholt. Diese Idee stammt direkt aus dem Refrain von „Close To The Edge“. Ich sollte hier auch XIBALBA ITZAES erwähnen, deren erstes Album „Ah Dzaam Poop Ek“ großen Einfluss auf unser erstes Demo und damit unseren generellen Sound hatte. Ich finde aber auch ihre neueren Alben wie „3 Moon Water Serpent“ oder „Ah Zha Xibalba Itzaes“ großartig.

Gerade NECROS CHRISTOS haben Death Metal sehr stark mit Ritualistik, Mystik und einem übergeordneten Konzept verbunden. War diese Konsequenz für CH’AHOM ein wichtiger Bezugspunkt oder hat sich eure eigene Herangehensweise unabhängig davon entwickelt?

S.P.S.: Ich bin persönlich nicht der heftigste NECROS CHRISTOS Hörer. Für mich war das Anfangs ein Konzept von A.G.A. dem ich so gut ich konnte zuarbeiten wollte. Ich habe mich dann immer mehr reingefuchst.

A.G.A.: Ich habe NECROS CHRISTOS sehr viel gehört und die Band hat mich sicherlich beeinflusst, würde aber nicht sagen, dass sie der ausschlaggebende Impuls für das Konzept von CH’AHOM war. Die wesentlichen Inspirationen kamen eher von Bands wie XIBALBA ITZAES, XULUB MITNAL oder verschiedenen Projekten aus dem Black Twilight Circle. Deren Umgang mit Ritualistik, Mythologie und der damit verbundenen Atmosphäre hat mich für das Konzept deutlich stärker geprägt.

Mit „Insemination“ gibt es einen fast elfminütigen Song auf einem Album, das insgesamt nur knapp eine halbe Stunde dauert. Warum braucht gerade dieser Song so viel Raum und welche Rolle spielt er innerhalb des Gesamtkonzepts?

S.P.S.: Er ist der Song in der geographischen Mitte des Albums. Er beschreibt eine der periodischen Öffnungen der Zenote, den Moment höchster spiritueller Konzentration. Insemination hat hier nichts mit Fortpflanzung im eigentlichen Sinne zu tun, sondern mit dem Samen, den die Zenote in seine Jünger treibt.
Ihr habt mit Demos und der „Ts’ono’ot“-EP bereits vor eurem Debüt eine eigene musikalische Sprache entwickelt. Wenn du heute auf dieses frühe Material zurückblickst: Wie viel davon steckt noch in der heutigen CH’AHOM und was würdet ihr mittlerweile bewusst anders machen?

S.P.S.: Ich glaube wir würden es bewusst nochmal genauso machen. Ein Debüt Album ist immer das Ergebnis mehrerer Jahre, die Band hat meist mehr Zeit es zu entwickeln als die folgenden Alben. Man findet sich selbst und legt den Grundstein der musikalischen Sprache.

Mit „Anthropic Rites Of Sublimation“ arbeitet ihr nun mit 20 Buck Spin zusammen. Wie kam die Verbindung zustande und was bedeutet dieser Schritt für CH’AHOM?

S.P.S.: Ach, da kommt ein Kontakt zum anderen, die genauen Prozesse finde ich eher weniger interessant. Für uns ist es hilfreich, dass dieses Label einige Kontakte in Europa mitbringt.

Trotz der vielen unterschiedlichen Elemente klingt „Anthropic Rites Of Sublimation“ erstaunlich geschlossen und eigenständig. Wie wichtig ist es euch, dass die verschiedenen musikalischen und thematischen Einflüsse am Ende zu etwas verschmelzen, das eindeutig nach CH’AHOM klingt?

S.P.S.: Das ist für uns natürlich extrem wichtig und die Messlatte der Qualität eines Releases.

Zum Abschluss würde mich noch der persönliche Ausgangspunkt interessieren: Was bringt einen überhaupt dazu, sich so intensiv mit präkolumbianischen Kulturen, Ritualen, Opferpraktiken und anthropologischen Fragen zu beschäftigen – und irgendwann daraus eine Death-Metal-Band wie CH’AHOM entstehen zu lassen?

A.G.A.: Bei mir wurde das Interesse an zum Beispiel der Kultur der Maya ganz einfach durch eine Dokumentation über Höhlentaucher in den Cenoten Yucatáns geweckt. Von dort aus wurde meine Neugier immer größer und weitete sich nach und nach auf die weiteren Hochkulturen Meso- und Südamerikas aus. Irgendwann stellt man fest, dass es eben nicht nur die Maya, Azteken und Inka gab, sondern zahlreiche weitere Kulturen, die jeweils ihre ganz eigenen Architekturen, Mythologien und Philosophien entwickelt haben.

Da mein Interesse sowohl in diesen Themenbereichen als auch in der Musik schon immer sehr stark ausgeprägt war, lag es für mich irgendwann nahe, beides miteinander zu verbinden

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch. Alles Gute für CH’AHOM und die weitere Entwicklung des Projekts. Möchtest du unseren Leserinnen und Lesern zum Abschluss noch etwas mit auf den Weg geben?

S.P.S.: Lasst euch nicht verhärten in dieser harten Zeit. Gerade unsere Beschäftigung mit Welten die so ganz anders als die jetzige waren sollte uns lehren, dass eine andere Welt möglich ist. Außerdem möchte ich hier noch auf Alexander Kavtea, Vetula und Giancarlo Melgar verweisen, dank deren Hilfe wir unser Konzept visualisieren konnten. Die drei haben die Malereien und Zeichnungen für das neue Album beigetragen. Vielen Dank für das Interview.

04.10.2026

- perfection is the end of everything -

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