Escape The Fate
Interview mit Craig Mabbitt

Interview

Escape The Fate

ESCAPE THE FATE haben mit ihrem neuen Album „Ungrateful“ ein selbstbewusstes, ansprechendes und vor allem eigenständiges Werk geschaffen. Sänger Craig Mabbitt empfang uns in Köln zu einem Plausch und verriet so einige Details zum Album und sprach über Idole und die bewegende Vergangenheit der Band.

Craig, euer neues Album startet mit dem Titeltrack „Ungrateful“, der für das Album gefährlich werden könnte. Denn statt ein melodisches Statement zu Beginn zu setzen, haut ihr eine Nummer raus, die einen geradezu brutal ins Gesicht tritt. War das so von euch beabsichtigt?

Es war schon ein wenig beabsichtigt. Die meisten Bands fangen ja mit einem ruhigen Intro an und steigern sich dann langsam hoch. Ich wollte das nicht, meine Meinung war „Fuck that! Lasst uns die Platte mit einem richtigen Kick in den Arsch beginnen“. Wir wollten mit einem richtigen Knall wieder auftauchen, das war uns wichtig.

Das ist euch jedenfalls gelungen. „Ungrateful“ kann sich locker in die Kracher von Bands wie TRIVIUM, BULLET FOR MY VALENTINE oder FUNERAL FOR A FRIEND einreihen. Sind solche Gruppen denn auch Vorbilder von euch? Oder kommt ihr musikalisch aus einer anderen Ecke?

Wir hören schon eine Menge Bands aus verschiedenen Bereichen. Es hängt natürlich auch immer davon ab, für welche Gruppe man gerade seine Aufmerksamkeit zur Verfügung stellt, wenn man beim Songwriting ist. Ich persönlich höre mir ein sehr weites Spektrum von Bands an. Bei „Ungrateful“ hatte ich noch ein paar Leute im Studio, die mir bei den Songs geholfen haben. Monte Money (Gitarrist) kannte noch den und den, außerdem hat uns unser Produzent John Feldman (GOLDFINDER) noch etwas über die Schulter geschaut. Man kann also sagen, dass es eine kleine Gemeinschaftsarbeit war dieses Mal. Ich für meinen Teil bin nicht der Typ von Sänger, der die Texte mit aller Kraft alleine Schreiben möchte. Ich höre mir gerne Ideen und Anregungen anderer an, denn das hilft mir, beim Songwriting zu lernen und darüber zu wachsen.

Versteh mich jetzt bitte nicht falsch, aber deine Stimme erinnert mich stellenweise an Chester Bennington von LINKIN PARK.

Wow! Danke für das Kompliment! LINKIN PARK war die erste  Gruppe der neuen Generation von Rockbands, die ich mir gegeben habe. Vorher habe ich mir überwiegend Bands wie QUEEN, AEROSMITH und die ganzen anderen Classic-Rock-Bands angehört. LINKIN PARK war auch mein erstes Konzert, ich war mittendrin im Crowdsurfing und dachte nur „Yes!“. Das war so ein Moment…als ich am nächsten Tag in die Schule ging, habe ich die ganze Zeit nur Songs von ihnen gesungen. Mittlerweile habe ich viele Idole meiner Kindheit getroffen, die mich damals auch inspiriert haben. Und mit so machen von ihnen hatten wir sogar schon Auftritte oder sogar ganze Touren gehabt. Und wenn wir bei unseren Auftritten von Kids angesprochen werden die sagen, dass sie eines Tages mit uns zusammen eine Bühne teilen möchten, dann sage ich immer „Ja, das wirst du!“ Es ist auch einfach eine große Familie und ein wundervoller Kreislauf.

Mit euren letzten beiden Alben „This War Is Ours“ und „Escape The Fate“ habt ihr in den US-Charts relativ hohe Positionen erreichen können. Wart ihr beim Songwriting dennoch entspannt und habt euch keinen Stress gemacht, diese Hits zu übertreffen?

Hm, das ist vielleicht mein größtes Problem und auch der Grund, warum ich in der größten Band der Welt unterwegs bin! (lacht) Spaß beiseite, wir sind natürlich noch nicht soweit. Allerdings ist es so, dass ich über jeden Erfolg, den wir mit der Band erzielen, total happy bin. Ich kann mit ESCAPE THE FATE meine Rechnungen bezahlen, ich bin in der Lage, mein Kind zu versorgen. Wenn mich aber jemand fragt, ob ich mehr will: Fuck yeah! (lacht) Wer würde nicht mehr wollen? Der Grund, warum ich das so umschreibe ist allerdings, dass es immer mehr zu einem Wettbewerb wird. Ich mag dieses Gefühl jedoch nicht, immer und immer wieder über die Konkurrenz nachzudenken. Bands, die in unserer Altersklasse sind oder solche, die mit uns zusammen gestartet sind. Z.B. die Warped-Tour in den U.S.A. die wir zusammen mit vielen anderen Bands mal gezockt haben. Da hat man natürlich die Gelegenheit, mit den anderen Musikern rumzähngen und alles ist cool. Aber bei manchen Personen ist es immer ein Thema, wer denn nun am meisten grerockt und das Publikum für sich begeistert hat. Da gab es so einige Diskussionen, die ich mitbekommen habe und viel Neid. Ich für meine Person, war einfach nur froh darüber, ein Teil dieser Sache gewesen zu sein.

Das ist eine sehr gute Einstellung wie ich finde.

Ich habe kein Problem damit, mir Gruppen anzuhören, die erfolgreicher sind als wir.

Hin und wieder sollte man auch mal über den Tellerrand schauen, oder?

Auf jeden Fall. Ah, eine Anekdote habe ich noch. Wir spielten mal auf einem Festival, wo auch IRON MAIDEN auftreten sollten. Als wir dran waren, hörten wir viele Fangesänge „Maiden! Maiden! Maiden!“. In so einer Situation musst du locker bleiben, denn ich kann die Leute ja verstehen. Ich sagte nur, dass sie gleich kommen würden, wir aber gerne noch unser Set zu Ende spielen möchten.

Puh, das ist eine sehr harte Situation, oder? Ich erinnere mich an Bands, die vor MOTÖRHEAD spielen sollten. Teilweise erhielten diese vernichtende Reaktionen seitens der Zuschauer. Das zieht einen schon runter, oder?

(lacht) Stimmt schon. Ich war mal auf einem Konzert von GUNS ‚N‘ ROSES, und eine junge Band hatte die Gelegenheit, vor ihnen zu spielen. Schon als die auf die Bühne kamen, wurden sie mit Pfiffen begrüßt… Oder auf einem Konzert von SLIPKNOT war ich selbst in der Situation, dass ich unbedingt SLIPKNOT und nicht die spielende Vorband sehen wollte. Es hat schon seinen Grund, dass solche großen Bands dort stehen, wo sie stehen und eine Menge Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Neben der Arbeit eurer Gitarristen, die Money-Brothers, wie ich sie nenne, ist es natürlich deine Stimme, die das Album prägt. Hast du dieses Mal alle Vocals, also cleane Parts und Growls, selbst gesungen?

Ja, auf „Ungrateful“ habe ich alle Parts selbst gesungen…ich versuche mich gerade zu erinnern, ob nicht TJ, unser Bassist, auch etwas beigesteuert hat… doch, es gibt eine Stelle, an der wir beide den Refrain singen. Die anderen Jungs haben dann noch natürlich stellenweise den Hintergrundgesang mit eingesungen, damit es nach mehr Volumen klingt. Bei „Chemical Love“ z.B. sind im Chorus Monte, TJ und ich zu hören, damit es sich ein wenig nach live anhört. Auch beim zweiten Song, „Until We Die“, haben wir so gearbeitet.

Sind die Jungs eigentlich in irgendeiner Form mit Eddie Money (US-Amerikanischer Rocksänger) verwandt?

Nein (lacht), das wäre allerdings stark!

„Ungrateful“ spricht natürlich Fans von Metal- und Emocore an, aber auch Alternative Metal-Anhängern könnte die Platte gefallen. Wie geht ihr bei eurer Musik vor. Schreibt ihr Songs, die ihr selbst hören möchtet, oder schaut ihr schon, was euren Fans gefallen wird?

„Ungrateful“ ist definitiv eine Platte, die ganz nach unseren Vorstellungen klingt und wie wir sie haben wollten. Natürlich wissen wir, was wir unseren Fans schuldig sind, aber dieses Mal war die Situation etwas anders. Kurz bevor wir im Studio mit John Feldman waren, hat unser damaliges Label alle Rockbands gedroppt. Das ist auch der Grund für den Albumtitel „Ungrateful“ (zu deutsch „Undankbar“). Das hat uns allen nur noch mehr Energie gegeben, um es den Leuten nun richtig zu zeigen. Wenn wir eine Setlist für unsere Konzerte machen, dann sind überraschend viele Tracks von diesem Album darauf. Eben auch, weil viele unserer Freunde aber auch involvierte Personen auf uns zukamen und sagten, dass die neuen Stücke sehr gut geraten sind. Um noch mal auf deine Frage zurückzukommen: Wenn du Musik machst, die dir selbst nicht gefällt, warum machst du sie dann?

Da ist natürlich was dran. Aber hat Interscope wirklich alle Rockbands rausgeworfen?

Ja, uns, PAPA ROACH… vermutlich sagten sie sich, das der Rock tot ist. (lacht)

Hm, so wird es sein… Der wird niemals sterben! Bei eurer Mucke ist es ja so, dass ihr neben den brachialen Ausbrüchen auch immer wieder melodische, ja sogar poppige Elemente spielt. Sind das aus deiner Sicht typische Trademarks von ESCAPE THE FATE?

Puh, das kann ich dir gar nicht so genau sagen. Fakt ist, dass ich immer versuche, Songs zu schreiben, die auch Gefühle vermitteln. Meistens entstehen die Nummer auch aus Emotionen heraus. Wenn mir eine Nummer nicht leicht von der Hand geht, dann habe ich häufig das Problem, dass ich sie zu sehr überdenke und daran zu viel rumbasteln muss. Manchmal ist auch die ganze Band involviert und wir schmeissen Ideen wieder von Bord. Da bin ich unserem Produzenten John Feldman sehr dankbar. Monte hat das Album zwar mitproduziert, aber John hat mich immer wieder zu Höchstleistungen herausgefordert und mich bin an die Grenzen getrieben. Immer, wenn er nicht ganz zufrieden war, hat er mir meine Parts vorgespielt und mich gefragt, ob ich damit zufrieden bin. Meistens waren die Aufnahmen gut, aber er fragte dann, ob ich es großartig finden würde. „I don’t know, you tell me!“ (lacht) Da musste man manchmal wirklich selbst überlegen, ob man es nicht doch noch besser machen könnte. Es gibt von sechs Tracks der Scheibe sechs verschiedene Versionen und sechs verschiedene Stimmlagen sind dabei zu hören. Egal, am Schluss haben wir doch eine tolle Platte gemacht und ich habe schon vergessen, welche Versionen ich wann gesungen habe! (lacht)

Erzähl doch mal ein wenig über das Konzept der Scheibe. Was wollt ihr denn mit „Ungrateful“ ausdrücken?

Also hinter dem Titel steckt eigentlich die Idee, dass wir wieder am Start sind. Robert (Ortiz, Schlagzeug) und ich waren auf einem Festival, die anderen Jungs konnten nicht, da sie anderweitig beschäftigt waren. Irgendwann sagte ich dann zu ihm, dass wir dankbar (grateful, Anm. d. Red.) sein sollten, dass wir die Möglichkeit haben, von unserer Musik zu leben. Los, lass uns wieder an die Arbeit gehen! Und wegen der Sache mit dem Label, wählten wir schließlich „Ungrateful“.

Die Scheibe wurde, wie von dir bereits erwähnt, von Monte Money, Brandon Saller und John Feldman, der auch schon „This War Is Our“ veredelt hat, produziert. Never change a winning Team?

Könnte man so sagen, ja. Wir hatten ja schon eine Platte mit Feldman. Und er weiß genau, in welche Richtung die Geschichte gehen soll, denn er kennt uns jetzt schon recht gut. Allerdings wollten wir dieses Mal selbst Hand an das Werk anlegen und haben Studio etc. selbst gebucht. Was ich bzw. wir nicht so gut können ist, jemanden ständig zu korrigieren. Wie bei meinem Fall, wenn ich meine Sachen einsinge. „Mach es noch mal, noch mal, noch mal, noch mal…“ Ich könnte vielleicht für irgendeinen anderen Künstler so arbeiten, doch für mich oder die Band nicht. Deswegen ist es gut, wenn jemand mit im Studio dabei ist, der einen antreibt. Und da war Feldman genau der Richtige für uns.

Ist es denn nicht hart, wenn du mit deiner Leistung zufrieden bist und ständig jemand sagt, dass du es noch besser machen könntest?

Klar, manchmal ist man kurz davor, in die Luft zu gehen. Wenn du schon ins schwitzen kommst und dann noch weiter angetrieben wirst, kann es passieren, dass man Wut bekommt, keine Frage. Aber so funktioniert das nun mal, man muss sich ständig weiterentwicklen und verbessern. Man muss versuchen, das Beste aus sich rauszuholen. Und deswegen arbeite ich gerne mit Feldman, er sagt mir schon, wo es lang geht.

„Ungrateful“ enthält zusätzlich noch drei Songs, die als Bonustracks tituliert sind, „Losing Control“, „Father, Brother“, „I Alone“. Warum habt ihr diese Nummern als Bonustracks gewählt?

Weil wir die Platte eigentlich schon fertig hatten. Diese Nummern wurden im Anschluss geschrieben und eigentlich hätten wir schon zwei Platten machen können. Deswegen mussten wir auswählen, welche Stücke auf das Album sollen und welche nicht. Und da war für eine längere Zeit nicht auf der Bildfläche erschienen sind, dachten wir uns, dass wir die Fans mit ein paar Extranummern belohnen. Ich glaube, wir werden auf unsere Veröffentlichung in Japan ebenfalls einen oder zwei exklusive Tracks packen. Wir reden dann also von fünf Stücken, die außer der Reihe auf „Ungrateful“ enthalten sein werden.

Ich muss auch sagen, dass die drei Stücke nicht schlechter sind als das übrige Material. Sie haben durchaus ihren Reiz.

Ja, wobei „Losing Control“ diesen eher elektrischen Background hat. Wir haben da einfach mal etwas ausprobiert.

Werdet ihr denn mal wieder die europäischen Gefilde unsicher machen, um „Ungrateful“ den Leuten hier zu präsentieren?

Auf jeden Fall, und das wird richtig großartig für uns. Wir haben ja schon ein Konzert im Roxy aufgenommen, was auf der limitierten Edition erscheinen wird. Und vielleicht kommen wir mit Feldman und seinen Leuten hier rüber und nehmen ein paar Gigs mit richtig großen Kameras usw. auf. Ich muss noch mal mit unserem Manager sprechen, aber ich glaube, wir sind für Rock am Ring und Rock im Park gebucht (ist mittlerweile bestätigt, Anm. d. Red.). Außerdem planen wir eine Tour zusammen mit PAPA ROACH. Wir würden gerne so ein komplettes Video über eine Tour von uns machen, mit Backstage-Kram usw.

Ihr wart ja schon mal als Headliner in Europa unterwegs, 2008 glaube ich. Stand da Deutschland auch auf eurem Spielplan?

Ja, Köln, Hamburg…es waren noch andere, aber ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern. Wir werden nach der Tour mit PAPA ROACH ein paar Headlinergigs hier zocken. Mal schauen, wie es sich so entwickelt.

Deine Band hat ja eine, sagen wir mal bewegende Vergangenheit. Dein Vorgänger Ronnie Radkte kam in den Knast, wenn ich richtig informiert bin. Ein paar unschöne Geschichten werden getratscht. Hat das deine Bandkollegen in irgendeiner Weise negativ beeinflusst?

Nun, sie sind mit der Situation schon irgendwie klargekommen. Ich kam ja zu ESCAPE THE FATE, als die ganze Sache schon gegessen war. Ich kannte nur die Geschichten, hab aber nix davon mitbekommen. Als wir zum ersten Mal zusammen auf Tour waren, ging ich alleine in eine Bar und habe mir ein paar Bier reingezogen. Als ich zurückkam, sind die Jungs richtig ausgeflippt. „Wir wollen so einen Sänger nicht schon wieder haben!“ Ich meinte nur „Hey, ich hatte doch nur ein paar Bier in einer Bar!“ Das war schon ein wenig paranoid, hat sich dann aber gelegt, als ich ihnen klargemacht habe, dass ich nicht so ein Typ bin. Robert z.B. trinkt überhaupt nichts. Es muss eine harte Zeit für sie gewesen sein, doch wir kommen schon klar. Und am Ende des Tages sind wir doch eine Familie und wir haben uns alle gern. Wir lieben diese Band und wir lieben es, Musik zu machen.

Hast du es eigentlich irgendwann mal bereut, nicht mehr ein Teil von BLESSTHEFALL, deiner Vorgängerband, zu sein?

Ich weiß nicht, ob ich mit dem Wort „bereut“ klarkomme. Es ist natürlich so, dass ich diese Band und die Jungs noch immer liebe. Wir haben damals in einer Garage angefangen Musik zu schreiben und zu spielen. Ich erinnere mich noch ganz genau, an die allererste Show, die ich je hatte. Wir waren ja schon mal mit PAPA ROACH unterwegs und Jacoby holte auf einmal einen alten Flyer aus seiner Tasche. Das war der erste Flyer von PAPA ROACH überhaupt, 20 Jahre alt. Das ist doch total klasse, oder? Ich sagte „Man, ihr seid ja echt schon ne ganze Weile im Geschäft!“ So was will ich auch mal erleben! Ich meine, ich bin noch immer mit den Jungs von BLESSTHEFALL befreundet, aber ich denke, meine Bestimmung ist es, der Sänger von ESCAPE THE FATE zu sein. Das hoffe ich zumindest, denn sonst würde ich hier sitzen und meine Zeit verschwenden! (lacht) Aber nein, Zeitverschwendung ist es nicht, denn ich liebe es, mit den Jungs zu zocken, sie sind wie meine Brüder.

Kann ich nachvollziehen. Craig, vielen Dank für das Interview!

07.05.2013
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