Grave Dance Company
Wenn am Ende tatsächlich nur Ruinen bleiben, sollten sie wenigstens einen guten Soundtrack haben
Interview
GRAVE DANCE COMPANY entstanden direkt im Anschluss an das Abschiedskonzert von JACK FROST im Oktober 2023 aus einigen der ehemaligen Mitglieder sowie von END OF GREEN. Inzwischen hat die Band mit „Ruins“ ihr Debütalbum veröffentlicht. Wir führten das Interview mit Gitarrist Mournful Morales.
Jedem Ende wohnt ein Anfang inne…
GRAVE DANCE COMPANY nahmen ihren Anfang im Oktober 2023, als ihr das letzte JACK FROST Konzert in Linz gespielt habt. Welche Erinnerungen hast du an diesen Abend, wie war das Konzert für euch? Wie habt ihr euch währenddessen und direkt im Anschluss gefühlt?
Dieser Abend war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Nach fast 30 Jahren JACK FROST war uns bewusst, dass hier etwas endgültig zu Ende geht. Gleichzeitig stand mit Michelle (Darkness, Sänger auch von END OF GREEN, Anmerk. d. Verf.) jemand am Mikrofon, mit dem uns seit Jahrzehnten eine enge Freundschaft und die Idee verbindet, irgendwann gemeinsam Musik zu machen. Während des Konzerts lagen Trauer, Dankbarkeit und eine enorme Energie sehr nahe beieinander. Und unmittelbar danach war trotz des Abschieds dieses deutliche Gefühl da: Diese Besetzung darf nicht bei einem einzigen Abend bleiben. Noch in derselben Nacht haben wir gemeinsam mit Michelle und Kirk (Kerker, Bassist, auch END OF GREEN, Anmerk. d. Verf.) den Grundstein für GRAVE DANCE COMPANY gelegt.
Gab es Überlegungen, ob Phred Phinster nicht zukünftig den Bass übernehmen könnte, oder war das nie angedacht?
Nein, das war nicht angedacht.
Welches Gefühl überwog in jenen Tagen, Abschied oder Neubeginn?
Beides war gleichzeitig vorhanden, aber in unterschiedlichen Ebenen. JACK FROST zu beenden, war ein echter Abschied und kein bloßer Wechsel des Namens oder des Sängers. Das hatte Gewicht. Auf der anderen Seite entstand noch am selben Abend die Aussicht auf etwas Neues, über das wir im Grunde seit mehr als 20 Jahren gesprochen hatten. Deshalb fühlte sich diese Nacht nicht nur wie ein Ende an, sondern auch wie ein längst überfälliger Anfang.
Wie schnell hat sich dann alles zusammengefügt, wie schnell seid ihr zusammengewachsen? Was waren die verbindenden Elemente zwischen JACK FROST und END OF GREEN?
Als Menschen mussten wir nicht erst zusammenwachsen. Zwischen JACK FROST und END OF GREEN gibt es eine jahrzehntelange Freundschaft, gemeinsame Nächte, Konzerte, musikalische Vorlieben und auch frühere Kooperationen. Neu war, daraus eine funktionierende Band zu machen, obwohl Linz und Göppingen mehr als 500 Kilometer voneinander entfernt sind. Es gab wohl so etwas wie eine gewisse Schwellenangst, da es gut ein Jahr dauerte, bis wir nach dem letzten Konzert einen ersten Song schrieben. Musik und Text entstanden in Linz. Wir nahmen den Song instrumental hier auf und schickten Michelle die Spuren, der mit Kirk in seinem Darkland City Studio Gesang und Bass ablieferte. Das Ergebnis war der Song „Lon Chaney“ und damit war klar, dass dieses Modell funktioniert.
Wie kam der Bandname GRAVE DANCE COMPANY zustande?
Der Name führt weit zurück. Als JACK FROST sich Anfang der 2000er Jahre für kurze Zeit aufgelöst hatten, sollten wir in Stuttgart als Support für END OF GREEN auftreten, allerdings inkognito. Michael Setzer (END OF GREEN, Anmerk. d. Verf.) schlug damals „The Gloom Ballet Grave Dancers“ vor. Unter diesem Namen spielten wir das Konzert, und noch am selben Abend war JACK FROST wieder da. Der Name blieb trotzdem als mögliche Bezeichnung für ein gemeinsames Projekt im Hinterkopf. Mehr als 20 Jahre später wurde dieses Projekt tatsächlich Realität. Als Bandname war uns die ursprüngliche Variante allerdings etwas zu ausufernd, also wurde daraus GRAVE DANCE COMPANY.
Nun habt ihr mit „Ruins“ euer Debütalbum veröffentlicht. Eine Mischung aus Dark Rock, Doom und Gothic Metal. Wie viel JACK FROST und END OF GREEN steckt aus eurer Sicht da drin? Wolltet ihr das Erbe von JACK FROST fortführen, oder ist es euch wichtiger, GRAVE DANCE COMPANY von der Vergangenheit zu trennen?
Natürlich sind beide Bezüge hörbar. Die Musik entsteht in Linz mit Musikern, die JACK FROST über Jahrzehnte geprägt haben, während Michelles Stimme, seine Melodien und seine Produktion eine ganz andere Farbe hineinbringen. Auch Kirk ist ein wesentlicher Teil dieses Gefüges. Trotzdem wollten wir zu keinem Zeitpunkt JACK FROST fortsetzen. Dafür unterscheidet sich auch die Entstehung der Songs zu stark. Wir tragen unsere Vergangenheit mit uns, aber GRAVE DANCE COMPANY ist keine Nachlassverwaltung. Die Band hat eine eigene Identität, gerade weil hier verschiedene Geschichten, Orte und Arbeitsweisen zusammentreffen.
Die Stücke sind sehr eingängig und geradlinig gehalten. War euch dieser fokussierte, straighte Ansatz von Anfang an wichtig oder hat sich das einfach so ergeben?
Das war weniger ein theoretischer Plan als eine Konsequenz unserer Art zu schreiben. Wir mögen Songs, die eine klare Dramaturgie haben und nicht durch unnötige Umwege an Wirkung verlieren. Gleichzeitig haben wir bei den Arrangements bewusst Raum für Michelles Stimme gelassen. Deshalb gibt es neben schweren Riffs auch reduzierte Passagen, teilweise nur mit Bass und Schlagzeug. Die Stücke wirken dadurch direkt, ohne eindimensional zu werden.
Wie entstanden die Songs, wie habt ihr das Songwriting aufgeteilt, wie war der Prozess?
Der Prozess war für uns alle neu. Die verbliebenen JACK-FROST-Musiker gingen in Linz in den Proberaum und entwickelten zunächst Musik und Arrangements, mit einer Idee, wo später Gesang stehen würde. Diese Versionen wurden aufgenommen und mit Texten nach Göppingen geschickt. Michelle entwickelte Gesangsmelodien und gemeinsam feilten wir dazu an den Texten, bis sie im jeweiligen Song funktionierten. Dazu kamen Kerkers Basslines und auch teilweise entscheidende Produktionsideen.
Bei „Where Are You Now“ etwa hat Michelle aus einem vergleichsweise rudimentären Entwurf erst jene Atmosphäre geformt, die den fertigen Song ausmacht. Die Recordings fanden in Etappen von jeweils zwei bis drei Songs im Abstand von einigen Monaten statt, das heißt, wenn ein Song fertig geschrieben war, wurde er in der Regel kurz darauf bereits aufgenommen. Vieles entstand sehr spontan: Das Grundgerüst kam aus dem Proberaum, zahlreiche Gitarrenspuren und endgültige Arrangements aber erst im Studio. Dadurch sind die Aufnahmen Momentaufnahmen der jeweiligen Tage.
Hattet ihr auch alte Ideen verwendet, die vor GRAVE DANCE COMPANY entstanden waren?
Im Wesentlichen nein. Die Songs wurden für GRAVE DANCE COMPANY und innerhalb dieses neuen Prozesses geschrieben. Natürlich trägt jeder von uns Jahrzehnte an musikalischer Erfahrung, Vorlieben und unbewusst gespeicherten Ideen mit sich herum. In diesem Sinn beginnt niemand bei null. Aber wir haben keine alten JACK-FROST-Stücke hervorgeholt und neu etikettiert. Entscheidend war gerade, herauszufinden, welche Musik aus dieser Konstellation heute entsteht.
Bitte gib uns einen näheren Einblick in die Texte? Gibt es zusammenhängende Themen?
Die Texte sind sehr persönlich, ohne eine durchgehende Handlung oder ein festes Konzeptalbum zu bilden. Sie beschäftigen sich mit Verlust, Einsamkeit, Beziehungen, verpassten Möglichkeiten, Krankheit, Tod und der Frage, ob man das eigene Leben tatsächlich gelebt hat. Das sind keine künstlich entworfenen Gothic-Motive, sondern Themen, die in einem bestimmten Lebensalter unweigerlich näher rücken. Einige Songs erzählen unmittelbar aus dem eigenen Leben, andere greifen Schicksale auf, die uns berührt haben.
„Lon Chaney“ beschäftigt sich mit der tragischen Geschichte von Lon Chaney Jr. (US-amerikanischer Schauspieler, Anmerk. d. Verf.). „The Loneliest Place“ wurde durch den Freitod eines Menschen aus unserem Umfeld angestoßen. „Where Are You Now“ kreist um die schmerzhafte Vorstellung, jemanden zu vermissen, den man nie kennenlernen durfte. Zusammengehalten werden die Songs weniger durch eine Geschichte als durch dieselbe existenzielle Perspektive.
Wie war eigentlich das allererste Zusammentreffen von JACK FROST und END OF GREEN?
Das liegt so weit zurück, dass sich daraus keine sauber erzählte Gründungsanekdote mehr machen lässt. Ich erinnere mich an ein JACK FROST Konzert in der Rockfabrik Ludwigsburg, das muss wohl 1997 gewesen sein, bei dem Michelle in der ersten Reihe am Boden saß, wie so ein Rotzlöffel, haha. Er hat uns an diesem Abend mit zu sich nach Hause genommen und damit hat im Grunde alles begonnen. Im selben Jahr holten wir END OF GREEN gemeinsam mit MIRROR OF DECEPTION und NAEVUS für ein kleines Doom Festival nach Linz, alles ab diesem Zeitpunkt ist gemeinsame Geschichte.
Was hält das Feuer in dir nach so vielen Jahren am Brennen?
Wahrscheinlich genau das, was uns schon immer angetrieben hat: Musik ist für uns kein abgeschlossenes Kapitel und auch keine Übung in Nostalgie. Wenn wir gemeinsam im Proberaum oder Studio stehen, ein paar Drinks nehmen und aus einem Riff plötzlich ein Song wird, ist das immer noch eine Form von Eskapismus, Leidenschaft und Freundschaft. Dazu kommt heute vielleicht stärker als früher das Bewusstsein, dass Zeit nicht unbegrenzt zur Verfügung steht. Man fragt sich, was man noch machen, sagen und hinterlassen möchte. Diese Mischung aus Freude am Entstehen und der Ahnung von Endlichkeit hält das Feuer ziemlich zuverlässig am Brennen.
Mit welchem Album oder Song von JACK FROST und END OF GREEN fühlst du dich am engsten verbunden und warum?
Boah, schwierig. Das Œuvre beider Bands aus mehr als 30 Jahren ist sehr umfassend. Aber spontan beantwortet, ist es von JACK FROST „Forever And Never“, weil es ein sehr unkonventioneller, intensiver und auch resignativer Song ist. Nicht zuletzt ist er deshalb der Titel unseres finalen Live-Albums und damit untrennbar als Symbol mit unserem Ende verbunden. Von END OF GREEN ist es „I Hate“ – aus ähnlichen Gründen. Ich erinnere mich an die Performance von „I Hate“ in der Röhre, das war jener Abend, an dem wir als „The Gloom Ballet Grave Dancers“ für END OF GREEN eröffnet hatten. Michelle sang die gesamte Nummer mit dem Rücken zum Publikum, das war emotional dermaßen ergreifend, dass mir kalte Schauer über den Rücken liefen. Heute macht das alles noch viel mehr Sinn, wo es uns als gemeinsame Band gibt, die ihren Namen aus dem damaligen Abend abgeleitet hat.
Was habt ihr in nächster Zukunft alles geplant?
Zunächst geht es darum, „Ruins“ auf die Bühne zu bringen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, da die Distanz und die Tour-Agenda von Michelles anderen Projekten eine Planung schwierig machen. Aber für dieses Jahr sind es immerhin drei Shows und ich bin sicher, 2027 wird man uns öfter mal live zu sehen bekommen. Und tatsächlich arbeiten wir bereits an den Songs für ein zweites Album, wir haben jede Menge neuer Ideen.
Vielen Dank für das Interview! Die letzten Worte gehören dir!
Vielen Dank für das Gespräch! Vielleicht nur so viel: „Ruins“ ist ein sehr persönliches Album, aber keines, das ausschließlich in unserer Geschichte eingeschlossen bleibt. Wer Verluste erlebt, Beziehungen hinterfragt, Gelegenheiten verpasst oder sich gefragt hat, ob er wirklich gelebt hat, wird darin vermutlich etwas Eigenes finden. Im besten Fall ist diese Dunkelheit kein Ort, vor dem man fliehen muss, sondern einer, der einen für eine Weile trägt. Und wenn am Ende tatsächlich nur Ruinen bleiben, sollten sie wenigstens einen guten Soundtrack haben.
