Helrunar / Árstí∂ir lífsins
Interview mit Skald Draugir und Stefán zu "Fragments - A Mythological Excavation"

Interview

Helrunar / Árstí?ir lífsins

Eine Kolloboration der ganz besonderen Art ist „Fragments – A Mythological Excavation“,  eine streng limitierte Split, nicht nur von HELRUNAR und ÁRSTÍÐIR LÍFSINS, welche sich jeweils mit einem exklusiven Song beteiligen, sondern auch deren Plattenfirmen Prophecy Productions und Ván Records. Die CD ist enthält anspruchsvollen, ausdruckstarken, atmosphärisch dichten Metal mit mythologisch inspirierten, tiefgründigen Texten. Um mehr darüber zu erfahren, führten wir das Interview mit Skald Draugir (HELRUNAR), welcher zudem als Sänger bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS beteiligt ist, sowie deren Mastermind Stefán, welcher bei HELRUNAR wiederrum Live-Gitarre spielt.

Wie kam es zu der Idee mit der Split „Fragments – A Mythological Excavation“?

Stefán: Da ich bereits seit über 9 Jahren gut mit HELRUNAR befreundet bin und zudem seit etwa einem Jahr bei den Münsteranern live Gitarre spiele, kam mir irgendwann die Idee, beide Bands würden sich in vielerlei Hinsicht für eine Split eignen. Das muss mittlerweile etwa 2 Jahre her sein, als ich Skald Draugir fragte, ob er und Alsvartr Lust auf eine solche Angelegenheit hätten. Nachdem beide die Idee mochten, begannen Alsvartr für HELRUNAR und ich, bzw. später auch Árni, für ÁRSTÍÐIR LÍFSINS zu komponieren. Die Grundidee von zwei langen, vergleichsweise epischen Songs hatten wir übrigens bereits zu Beginn der Vorbereitungen.

Skald Draugir: Dem ist nichts hinzuzufügen. Eigentlich war der Gedanke naheliegend, früher oder später gemeinsam etwas zu erarbeiten.

Ihr seid bei Ván Records bzw. Prophecy Productions unter Vertrag, beides Firmen, welche auf wertige, aufwendig gestaltete Veröffentlichungen in jeglichem Sinne achten. Wie wichtig ist euch die Gestaltung eurer Werke?

Stefán: Mir ist die Gestaltung unserer Veröffentlichungen seit jeher sehr wichtig. Ich verbringe daher etwa genau so viel Zeit mit dem Recherchieren und Finden von Bildquellen wie für die Lyrics oder die Musik. Da alle drei Teile ein zusammenhängendes Ganzes ergeben sollen, ist es auch nur logisch, dass die Präsentation des Produktes, also die Gestaltung, voll und ganz zu meiner Zufriedenheit geschieht. Glücklicherweise hat Christopher Duis von 1gemachtes da seit jeher ein gutes Händchen. Dieser hat übrigens auch (nach meiner und Skald Draugir Vorlage) das gesamte Layout der Split gestaltet.

Skald Draugir: Das sehen wir ganz ähnlich. Die Gestaltung des Covers sollte Musik und Text unterstützen und bestenfalls auch etwas von Inhalt und Atmosphäre vermitteln. Bildwerk, Musik und Text sollten ein Gesamtkunstwerk ergeben. In Zeiten von YouTube und Filesharing geht dieser Aspekt leider mehr und mehr verloren.

Kommen wir zu den mythologischen Inhalten der Stücke. Helrunars „Wein für Polyphem“ handelt von Homers „Odyssee“. Was fasziniert dich an der Geschichte über Odysseus? Was brachte dich dazu, dich mit der griechischen Mythologie zu beschäftigen?

Skald Draugir: Zunächst einmal sollte man sich vor Augen führen, wie alt dieser Stoff ist… er stammt aus der Bronzezeit. Diese Geschichten wurden schon gesungen, bevor die Menschheit überhaupt das Eisen als Werkstoff entdeckt hat! Dennoch haben sie seitdem offenbar nichts an Faszination und Aktualität verloren; immer wieder gibt es filmische Adaptionen oder neue Editionen in Buchform, die nach wie vor populär sind. Und das ist nicht verwunderlich: Die Odyssee vermittelt grundlegende Aspekte des Mensch-Seins und bietet, wie alle Mythen, eine Projektionsfläche für unsere Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte und gibt Antworten auf existenzielle Fragen. Insofern ist es für uns nicht ungewöhnlich, sich mit der griechischen Mythologie zu befassen, sie ist, genau wie die nordische Mythologie, ein Teil des kulturellen Erbes von Europa.

Weil heutzutage fast nur noch monetäre und wirtschaftliche Probleme im Raum stehen, wenn über Europa diskutiert wird, wird dieser Aspekt leider vergessen… gerade aus seinen alten Geschichten und Mythen könnte Europa neue Identität und Kraft schöpfen. Aber so wird es nicht laufen, denn im Angesicht der Märkte sind Mythen nichts wert, sind Erzählungen bedeutungslos und Geschichte, Philosophie und Kunst überflüssig. Wenn es so weitergeht, steuern wir in ein Zeitalter, das trotz allen Wohlstandes ärmer sein wird, als je eine Epoche zuvor. Wobei ich aber auch Zweifel habe, dass selbst dieser materielle Wohlstand gewährleistet werden kann.

ÁRSTÍÐIR LÍFSINS‘ „Vindsvalarmál“ beschäftigt sich mit Quellen der nordischen Mythologie. Welche Geschichte steckt dahinter?

Stefán: „Vindsvalarmál“, also „Die Sprüche des Vindsvalr“ beschäftigt sich mit einer endzeitlichen Vision von Vindsvalr, der gemäß Strophe 25 des eddischen Gedichtes Vafþrúðnismál der Vater des Winters ist (im Gegensatz zu Svásuðr, der den Vater des Sommers darstellt). In dem Song wird mit Rückgriff auf etliche eddische und skaldische Gedichte (etwa die Völuspá und die Grímnismál, vor allem aber die bereits genannte Vafþrúðnismál) die Vision des altnordischen, endzeitlichen Winters, dem Fimbulvetr, aus Sicht von Vindsvalr geschildert. Rein wissenschaftlich gesehen ist über die Gottheit zwar sehr wenig bekannt, jedoch habe ich mir bei den Lyrics die Freiheit genommen, Bezüge zu weiteren Gottheiten und vor allem dem bereits erwähnten Fimbulvetr herzustellen. Heraus gekommen ist eine apokalyptische Erzählung über das Ende der Welt im alles Leben tötenden Winter.

Welche Mythologien und Kulturen faszinieren euch? Woher rührt euer Interesse daran? Ist es richtig, dass jeder von euch studierter Skandinavist ist?

Stefán: Ja, das stimmt. Sowohl Skald Draugir als auch ich haben Nordische Philologie studiert und promovieren derzeit beide (wenn auch nicht in der Skandinavistik, sondern in Kunstgeschichte oder, im Falle von Skald Draugir, in Europäischer Ethnologie). Faszinieren tun mich daher vor allem nordeuropäische Kulturen und deren Kunst und Geschichte. Bei den Mythologien wiederum ist dies wesentlich weniger beschränkt auf einen bestimmten kulturellen oder regionalen Raum, wenn auch ich (studienbedingt) viel über nordeuropäische Mythologie(n) weiß – und deren Inhalt nach wie vor sehr schätze. Besonders interessant empfinde ich vielleicht den vergleichsweise kreativen Umgang mit kulturellen Einflüssen aus dem Zentral- und Westeuropa, die im Norden teilweise sehr eigenständig verändert wurden.

Skald Draugir: Wenn es um Mythen und Kulturen geht, gibt es für mein Interesse an sich keine Grenzen. Sicher gibt es Mythologien, zu denen ich einen stärkeren Bezug spüre (wie etwa die nordische), aber ich betrachte alle als gleichwertig und ähnlich effektiv, wenn es darum geht, Aussagen über grundlegende menschliche Dispositionen zu treffen. Mythen sind mit die schönsten und wahrhaftigsten Erzählstoffe, die die Menschheit je geschaffen hat. Sie sind voll von beeindruckenden Bildern und ein nie versiegender Quell der Inspiration… nicht nur wenn es darum geht, Texte zu schreiben, sondern für jeden Aspekt menschlichen Lebens!

Verglichen mit euren bisherigen Veröffentlichungen, wo ordnet ihr jeweils euer neues Stück musikalisch ein?

Stefán: „Vindsvalarmál“ ist ein besonders wichtiger Song für die Entwicklung von ÁRSTÍÐIR LÍFSINS, da er wesentlich stärker klassische Arrangements beinhaltet, als es noch auf „Vápna lækjar eldr“ oder „Jötunheima dolgferð“ der Fall war. Jene klassischen Teile werden mit großer Wahrscheinlichkeit auf den kommenden Alben verstärkt benutzt und noch mehr in das Songgerüst integriert werden. Eine weitere Besonderheit von „Vindsvalarmál“ ist, dass er textlich wesentlich konkreter einen gesondert mythologischen Inhalt hat, der in solch einer Form mit Sicherheit auf keinem Album von uns vorgekommen wäre. Für eine Split, erst recht in Form von etwa „Fragments – A Mythological Excavation“, eignet er sich aber ausgezeichnet.

Skald Draugir: Bei „Wein für Polyphem“ ist es ähnlich. Wegen des neuartigen Sujets (griechische Mythologie stand bei uns ja vorher noch nicht im Mittelpunkt), eignete sich der Song sehr gut für eine Split; quasi als „Experiment2. Musikalisch gesehen enthält dieser Song wohl mehr Elemente aus anderen Metal-Stilen (Thrash-, Doom- und Heavy Metal) als frühere HELRUNAR-Werke. Das dürfte aber auch maßgeblich für künftige Kompositionen sein.

Was kam zuerst, Text oder Musik?

Stefán: „Vindsvalarmál“ ist, typisch für ÁRSTÍÐIR LÍFSINS, an einem Stück entstanden. Die Texte habe ich in etwa zur selben Zeit geschrieben wie die Musik. Insgesamt habe ich für meinen Teil der Kompositionen 2-3 Tage gebraucht, die Texte haben etwa dieselbe Zeit benötigt.

Skald Draugir: Diesmal die Musik. Am Text habe ich recht lange gefeilt.

Entstanden beide Aufnahmen im Studio E?

Stefán: Nicht komplett. „Vindsvalarmál“ haben Árni und ich zum größten Teil auf Island aufgenommen, nur die Vocals und einige Effekte sind dann in Deutschland hinzugefügt worden. Die gesamten Gesangsaufnahmen, sowie das Mix- und Mastering sind wiederum im Studio E entstanden, das stimmt.

Skald Draugir: „Wein für Polyphem“ wurde komplett im Studio E aufgenommen. Markus Stock ist einfach der beste Produzent, den wir uns für unsere Musik vorstellen können.

Sowohl HELRUNAR als auch ÁRSTÍÐIR LÍFSINS bieten anspruchsvolle, ausdruckstarke, atmosphärisch dichte  Musik mit mythologisch inspirierten Texten und viel Hintergrundwissen. Was sind bzw. waren in diesem Zusammenhang eure bisher größten Herausforderungen? Wieviel Arbeit steckt in einem neuen Stück?

Stefán: Ich komponiere zumeist ein ganzes Album innerhalb eines sehr kurzen Zeitabschnittes (etwa 2  Wochen). Die Lyrics schreibe ich ebenfalls in derselben Zeit, wenn auch die rohen, kompositorischen Rahmenbedingungen weit länger im Vorfeld geplant worden sind. Bei der Benutzung der Kenningar brauche ich wiederum relativ viel Zeit, da ich einen vergleichsweise hohen Anspruch an die Texte habe. Die anschließende Übersetzung in das (Alt-)Isländische wird dann von einer Freundin oder einem Freund, aus Reykjavík gemacht (jedoch arbeite ich auch hier eng mit dem/r Übersetzer/in zusammen). Die größten Herausforderungen sind, einfach geschrieben, in allem Aufgezählten zu finden. Da ich immer ein stimmiges Gesamtkonzept erschaffen möchte (und dabei wenig aus der Hand gebe), erfordert der Schaffensprozess eines neuen Albums oder einer Split sehr viel Energie und Zeit, bis er dann endlich im Presswerk physikalische Realität annimmt.

Skald Draugir: Die größte Herausforderung und die meiste Arbeit bestand wohl in der Rekonstruktion der altgriechischen Gesänge. Hier hat Discordius (unser Gitarrist) hervorragende Arbeit geleistet! Er ist Altphilologe und beherrscht dementsprechend Altgriechisch und Latein. Es gibt theoretische Ansätze darüber, wie das Homerische Epos ursprünglich vorgetragen wurde: Es wurde von fahrenden Sängern (den sogenannten „Rhapsoden“) nach bestimmten Maßgaben gesungen. Die Melodie ergab sich dabei aus dem Text – aus den Betonungen und Lautwerten der Vokale. All das klingt jetzt sicher ein wenig kompliziert… Discordius hat auf jeden Fall gemäß dieser Theorien die Melodien der ausgewählten Passagen des Originaltextes rekonstruiert und dementsprechend haben wir sie dann eingesungen, in einer etwas moderneren Form als Chor, damit sie auch ein einen Metal-Song passen. Discordius´ großartige, engagierte Arbeit hat dem Song, zumindest unserem Empfinden nach, dadurch eine ganz eigene, reizvolle Note verliehen.

Gerade in Kombination der Musik mit den Texten und den verwendeten Sprachen, Altisländisch bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS und Deutsch, Norwegisch als auch altnordische Dialekte bei HELRUNAR, wirkt die Umsetzung jeweils sehr authentisch. Welche Bedeutung haben für euch die verwendeten Sprachen?

Stefán: Die Mischung als Alt- und Neuisländisch ist bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS in meinen Augen eine logische Konsequenz, da die Band alleinig in dem Sinne gegründet wurde, altnordische Literatur zu vertonen. Die Wahl einer anderen Sprache wäre daher in meinen Augen schlichtweg falsch gewesen.

Skald Draugir: Sie fügen der Musik jeweils eine eigene Atmosphäre und evtl. eine neue Deutungsebene hinzu. Ich spiele gerne mit anderen Sprachen, um Dinge mehr auf den Punkt zu bringen oder um den Lyrics eine bestimmte, adäquate Stimmung zu verleihen. Gerade wenn es um Mythen oder alte Formen der Dichtkunst geht, sollte man ferner zumindest teilweise bei der Originalsprache bleiben, weil sich so etwas kaum 1:1 in moderne Sprachen übersetzen lässt und die alte Sprache auch sehr viel von der Bedeutung und Melodie transportiert. Das galt bei früheren (und evtl. auch künftigen) Stücken für das Altnordische und gilt bei „Wein für Polyphem“ natürlich auch für das Altgriechische.

Bitte gebt jeweils ein Statement zur anderen Band ab!

Stefán: HELRUNAR halte ich für eine großartige Band, die seit ihrem fantastischen Demo „Grátr“ ihren ganz eigenen, sehr kreativen Weg gegangen ist. Sowohl die Musik als auch die Texte sind einzigartig und sprechen für den eigenständigen Charakter, aber auch den großen Bekanntheitsgrad der Band. Bisher haben HELRUNAR noch kein einziges schlechtes Album heraus gebracht und stets tiefsinnige Musik, Texte, Artwork usw. erschaffen. Da macht der Song „Wein für Polyphem“ überhaupt keine Ausnahme.

Skald Draugir: Da ich bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS ja selbst mit am Start bin, kann ich wohl kaum ein wertfreies Urteil abgeben… nein, mal im Ernst: Ich bin sehr froh, dabei zu sein. Die Aufnahmen machen immer sehr viel Spaß, die Beschäftigung mit den altisländischen Texten ist ein tolle, ganz besondere Herausforderung und musikalisch stehe ich sowieso 100%-ig hinter dem, was wir da machen… es ist für mich ein ganz besonderes Projekt, gerade weil darin so viel Liebe und Engagement und das ernste  Bemühen um einen fundierten, authentischen Zugang steckt. Es ist einfach wunderbar, sich bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS mal richtig altnordisch Austoben zu können und, man mag es kaum glauben, ich höre die Musik, die dabei herauskommt sogar privat sehr gern und viel.

Worin seht ihr jeweils Gemeinsamkeiten in eurem Schaffen?

Stefán: Musikalische Gemeinsamkeiten sind wahrscheinlich nicht so einfach auszumachen, wenn auch Alsvartr und ich einen ähnlichen Musikgeschmack teilen. Komponieren tun wir jedoch etwas anders, da ich vergleichsweise epischer und vielleicht auch klassischer komponiere als Alsvartr. Textlich sind ich und Skald Draugir vielleicht da näher aneinander dran, da wir beide sehr mit Metaphern arbeiten und daher in gewisser Weise eine mythische Ausdrucksform verfolgen. Skald Draugir ist jedoch, im Gegensatz zu mir, sehr viel mehr im Hier und Jetzt verankert.

Skald Draugir: Vielleicht gibt mir die Mitarbeit bei ÁRSTÍÐIR LÍFSINS überhaupt erst den Freiraum, mit HELRUNAR textlich auch mal neue(re) Bereiche erforschen zu können… aber das ist nur eine Vermutung. Gemeinsam haben wohl beide Bands die Begeisterung für alten skandinavischen Black Metal; dieser Einfluss ist wohl jeweils deutlich hörbar. Und natürlich ist da unser gemeinsames Interesse an altnordischer Mythologie und Dichtkunst. Ich denke, sowohl Stéfan als auch ich sind bisweilen stark von der Skaldik beeinflusst.

Gerade im Black und Pagan Metal wird das Christentum gerne als willkommener Feind betrachtet. In diesem Zusammenhang würde mich eure Meinung zum Christentum heutzutage einerseits, und natürlich eure Einschätzung der mittelalterlichen Christianisierung andererseits interessieren!

Stefán: Ich denke, deine Frage kann zweifach beantwortet werden. Ich sehe in dem modernen Christentum sehr viel mehr positive Aspekte als vielleicht so manch anderer. Ein Großteil der aktuellen humanitären Hilfe läuft etwa über christlich motivierte Organisationen, welche überall auf der Welt Hunger, Kulturkatastrophen, Krieg und andere Probleme der Menschheit bekämpfen. Deren Arbeit, die ohne Frage stark von den christlichen Tugenden motiviert ist, trägt stark dazu bei, dass die menschliche Welt wesentlich friedlicher und weniger desaströs ist, als sie es womöglich ansonsten wäre.

Warum sich gerade im Metal-Bereich so viele Bands besonders gegen das moderne Christentum wenden, kann ich daher nicht gänzlich nachvollziehen, erkläre es mir aber vor allem aus einem allgemeinen Aspekt der Moderne heraus: die christliche Kirche hat die europäische Geschichte maßgeblich seit dem frühen Mittelalter geprägt und in vieler Hinsicht geformt. Da in unserer heutigen Gesellschaft religiöse Aspekte des täglichen Lebens mehr und mehr von einem vergleichsweise sehr einfach gelebten Atheismus vertrieben werden, sind es eben auch die Relikte der neueren (christlichen) Geschichte, die viele moderne Menschen konsequent verneinen oder ignorieren. Das jene Geschichte maßgeblich unser heutiges Denken geformt haben (und auch weiterhin tut), wird dabei oftmals verdrängt oder als besonderes Feindbild abgetan.

Die Christianisierung Europas hingegen war bekanntlich eine langanhaltende Entwicklung, die alles andere als homogen verlaufen ist und keinesfalls mit wenigen, einfachen Worten umschrieben werden kann. Ich habe dazu persönlich keine Meinung, interessiere mich aber sehr für den historischen Verlauf und die kulturelle Veränderung, die diese turbulente Zeit mit sich brachte. Das jene oftmals sehr brutal verlaufen ist, hat in meinen Augen weniger mit einer besonders energischen christlichen Kirche im mittelalterlichen Rom zu tun, sondern vor allem mit den wirtschaftlichen Vorteilen und Vernetzungen christlicher Könige oder Adelige, deren sich heidnische Machthaber auf Dauer nicht entziehen wollten. Das durch die Christianisierung ein überwiegender Teil der heidnischen Kultur unterging, ist in vielerlei Hinsicht tragisch. Auf der anderen Seite sind es wiederum vor allem monastische Schreibstuben gewesen, die zum Teil das noch vorhandene Wissen über vorchristliche Glauben (mit ihren eigenen, kritischen Augen) niederschrieben – und so der Nachwelt überlieferten.

Skald Draugir: Historisch gesehen kann ich da wohl nicht mehr viel hinzufügen. Ich lehne das Christentum als „meine Möglichkeit zu glauben“ ab, weil es meiner Meinung nach einen (anthropologisch) falschen Ansatz verfolgt. Ich könnte niemals guten Gewissens ein Christ sein… diese Formulierung mag verwundern, weil das „Gewissen“ ein christlich besetzter Begriff ist. Gemeint ist hier aber wohl eine anthropologische Konstante, die in unserem Kulturraum entsprechend gedeutet wird. Und da sind wir schon beim nächsten Punkt: Egal, wie kritisch ich das Christentum sehe und aus welchen Gründen ich es für mich ablehne, es hat in jedem Falle unserem Kulturraum nachhaltig (und nicht nur negativ) geprägt, dessen muss man sich bewusst sein. Viele „Neo-Heiden“ sind in ihrem Verhalten und Glauben wahrscheinlich bei weitem christlicher als ihnen bewusst ist. Von dorther sind Christenhass und -hetze ein sinnloses, unreflektiertes Gebaren und platte Attitüde, zumal das Christentum sowieso auf dem absteigenden Ast ist und mehr und mehr einem technokratischen Atheismus Platz macht, der mir, ehrlich gesagt, noch bei weitem unheimlicher ist…

In diesem Genre gibt es leider viele Vertreter, welche sehr plakativ die besungenen Epochen romantisch verklären. Da ihr beide Spezialisten seid – wie hart war das Leben damals?

Stefán: Wie „das Leben“ damals war, lässt sich aus heutiger Sicht natürlich nur sehr schwer rekonstruieren, umso mehr weil gerne von geläufigen Denkstrukturen, Handlungsmustern oder einer geläufigen Moral ausgegangen wird, um eine vergangene Epoche der Menschheitsgeschichte, etwa das nordeuropäische Mittelalter, modern zu ergründen (und auch, um unsere heutige Zeit damit zu verbinden). Das so etwas gehörig schief gehen kann, ist bekannterweise etwa zur Zeit des Nationalsozialismus geschehen. Aber selbst romantisch-verklärende Interpretationen, etwa im Pagan Metal, beweisen, dass Verfasser sich eher von einer Realitätsflucht treiben lassen, um eine völlig vergangene Zeit wieder aufleben zu lassen, als sich auf dem Boden der eigentlichen Tatsachen zu bewegen. Dabei werden vor allem wissenschaftliche Fakten im großen Maße ignoriert, um eigene, ohne Frage moderne Erklärungsmodelle für Mythen anwenden zu können (etwa einfache Antagonismen und kulturelle Unterschiede, die dann im schlimmsten Fall politisch umgeformt werden). Um auf deine Frage zurück zukommen, wie hart das Leben damals war: Mit Sicherheit sehr viel unangenehmer und kürzer als unser verwöhntes modernes westeuropäisches Leben mit all seinen technischen Möglichkeiten. Inwiefern jedoch alltägliche Dinge damals einen anderen Einfluss auf das Leben hatten, das kann ich an dieser Stelle nicht im Allgemeinen beantworten und verweise dabei vor allem auf die sehr lückenhafte Überlieferung.

Skald Draugir: Erneut ist hier viel Wesentliches schon gesagt… eines kann man aber noch hinzufügen: Egal, wie viel „härter“ das Leben damals gewesen sein mag (aber wer den Komfort der Moderne nicht kennt, vermisst ihn auch nicht…) so denke ich doch, dass der Mensch in früheren Epochen in seiner Kosmologie „geborgener“ war. Er war, gemäß seines Glaubens und seines Weltbildes (ganz gleich ob Christ oder Heide) Teil eines „Großen Ganzen“, in dem alles seinen Platz hatte und Sinn ergab. Diese Sinnhaftigkeit der Existenz, diese Geborgenheit ging verloren. Ich denke schon, dass uns dadurch ein Verlust entstand. Und die „romantische Verklärung“, die Du erwähnst, entsteht wohl aus dem unbewussten Wunsch, diesen Verlust auszugleichen, den „Riss zwischen Himmel und Erde“ wieder zu füllen. Da der moderne Zugriff auf die Welt aber stets ein rationaler, eben moderner ist, kann dies nicht gelingen. Schon die „echten“ Romantiker (des 19. Jahrhunderts) sind daran gescheitert, da ihr Zugriff mit den Mitteln der Aufklärung erfolgte. Das ist ein wenig, als wollte man mit einem Vorschlaghammer eine Schraube aus der Wand drehen… ich meine, unsere geistigen Werkzeuge sind die falschen, um die alte Spiritualität begreifen zu können. Man kann diese Geborgenheit, diese alte Spiritualität, das Mittelalter und die Antike nicht zurückholen. Man kann allenfalls versuchen, Spuren davon in den alten Texten zu finden und sich diesen respektvoll zu nähern… das ist es wohl auch, was ÁRSTÍÐIR LÍFSINS und HELRUNAR teilweise versuchen.

Gerne werden auch historische Fakten außer Acht gelassen, übersteigerte Ahnenverehrung sind ein Thema, und es gibt auch, da muss man sich nichts vormachen, einen gewissen Anteil an Rechtsradikalen. Euer Statement bitte!

Stefán: Ich halte diese Entwicklung für äußerst schädlich für alles, was involviert wird. Sei es jetzt die Nordische Mythologie und Geschichte oder nur die (Black/Viking) Metal Musik. Das eine Verklärung europäischer Geschichte, besonders in Verbindung mit rechtsradikalem Gedankengut, dabei den größten Schaden anrichtet, lässt sich bereits an dem politisch motivierten Gebrauch von archäologischen Fundstücken oder von entsprechender hoch- und spätmittelalterlichen Literatur sehen. Durch einen solchen Missbrauch lassen sich die entsprechenden historischen Artefakte in der Folge nur noch schwer von der radikalen Ideologie lösen, was sehr schade ist.

Skald Draugir: Ideologien jeder Art versuchen stets, Komplexität zu reduzieren. Dadurch werden sie von vorneherein unwahrhaftig und verlogen, denn die Welt ist nun einmal komplex. Man muss fähig sein, dies zu ertragen und wertschätzen können. Ansonsten ist man ein dummer, primitiver Mensch, der immer nur Lügen hinterherläuft, sich betrügt und niemals sich selbst oder Schönheit und Trost in der Welt finden wird.

Was ist sonst in nächster Zukunft mit euren Bands geplant?

Stefán: Wir sind derzeit dabei, unser drittes Album mit dem (Arbeits-)Titel „Aldaföðr ok munka dróttinn“ aufzunehmen. Die Gitarren, der Bass und das Schlagzeug sind bereits komplett eingespielt. Ende des Monats werden die Gesänge hinzugefügt, zusammen mit den Aufnahmen der klassischen Instrumente, die noch im August fertig sein sollten. Das Mix- und Mastering, sowie das Layout wird dann wohl noch vor Dezember abgeschlossen. Angedacht ist, dass das Album gegen Anfang 2014 via Ván Records erscheint. Vorher soll noch eine 7“ EP mit zwei exklusiven Tracks veröffentlicht werden, die zusammenhängend das bekannte altnordische Preisgedicht „Þórsdrápa“ vertonen.

Skald Draugir: Wir arbeiten jetzt am nächsten HELRUNAR-Album, welches wir dann spätestens im Sommer 2014 aufnehmen werden. Zuvor gibt es aber noch einen vorerst letzten Liveauftritt auf dem PartySan-Festival 2013.

Eine Frage an die Labels: Bitte beschreibt das Verhältnis zwischen Ván Records und Prophecy Productions! Und sind weitere gemeinsame Projekte wie diese Split geplant?

Stefán: Ich beantworte einmal stellvertretend für Sven/Ván Records: Beide Labels verbindet bereits seit geraumer Zeit eine große Freundschaft, die viele Dinge mit einschließt, welche in der Öffentlichkeit vielleicht nicht unbedingt wahrgenommen werden. Vorerst ist zwar nichts Genaueres geplant, jedoch ist nicht auszuschließen, dass irgendwann eine weitere, gemeinschaftliche Veröffentlichung beider Labels erscheint. Die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen den Labels und beiden Bands hat jedenfalls ausgesprochen gut funktioniert und kann gerne in der Form irgendwann einmal wiederholt werden.

Martin (Prophecy): Sven kenne ich bereits seit Mitte der 1990er Jahre, und für NAGELFARs „Hünengrab in Herbst“ habe ich die Band damals auch bei der Layout-Arbeit unterstützt. Seitdem ist der Kontakt zwischen uns nie ganz abgebrochen und wir haben das Schaffen des jeweils anderen immer aufmerksam und mit Interesse verfolgt. Dass es jetzt zu einer Zusammenarbeit in Form des Splitalbums von HELRUNAR und ÁRSTÍÐIR LÍFSINS gekommen ist, hat mich persönlich sehr gefreut. Darüber hinaus kann ich mich nur den Worten von Stefán anschließen.

Vielen Dank an alle für das Interview! Die letzten Worte gehören euch!

Stefán: Vielen Dank für das Interview.

Skald Draugir: Nehmen Sie ein gutes Buch mit ins Bett, Bücher schnarchen nicht.

10.07.2013

Geschäftsführender Redakteur (stellv. Redaktionsleitung, News-Planung)

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