Iskandr
Erst kommt das Bild, dann die Musik
Interview
Seit “Spiritus Sylvestri” sind ISKANDR weder eine Black-Metal-Band, noch eine Metal-Band sonstiger Spielart. Warum das so ist und wie es Bandkopf Omar gelungen ist, “Sacraal” trotzdem zu einer fesselnden Erzählung werden lassen, verrät uns der Niederländer im Interview.
Grüße, Omar! Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Album “Sacraal”. Wenn ISKANDR für dich eine Reise wäre – an welchem Punkt befindest du dich heute?
Hallo! Vielen Dank! Das ist eine gute Frage. ISKANDR war über all die Jahre hinweg ein sehr persönliches Projekt für mich und hat sich immer entsprechend dessen verändert, womit ich mich in den Jahren rund um eine Veröffentlichung gerade beschäftigt habe. Von all den Projekten, an denen ich beteiligt bin, spiegelt ISKANDR wohl am deutlichsten meine Entwicklung als Künstler und Musiker wider. Es ist meine private Welt, in die ich mich zurückziehen und in der ich eine Zeit lang meditieren kann, bevor ich sie mit anderen teile. Als ich “Vergezicht” (2021) veröffentlicht habe, hatte ich das Gefühl, eine Art Höhepunkt meines stärker Black-Metal-orientierten Schaffens erreicht zu haben. Die Musik, die danach entstand, entwickelte sich ganz natürlich in eine etwas andere Richtung. Es hat eine Weile gedauert, bis ich diese Abweichung vom bisherigen Weg akzeptieren konnte – wenn man es überhaupt so nennen möchte. Aber sie war einfach ganz natürlich.
“Sacraal” ist einerseits ein sehr logischer Schritt nach “Spiritus Sylvestris”. Andererseits erschließt du darauf auch eine ganze Reihe neuer Klangwelten. Wie viel Absicht steckte dahinter?
Ich habe sogar lange daran gezweifelt, ob viele der Stücke auf “Sacraal” überhaupt für dieses Projekt bestimmt waren. Ich bewegte mich immer weiter nach innen und entfernte mich zugleich immer stärker von den frühen Tagen von ISKANDR. Tatsächlich brauchte es einiges an Überzeugungsarbeit enger Freunde, damit ich dieses Material überhaupt unter dem Namen ISKANDR veröffentliche. Heute bin ich sehr froh, dass ich es getan habe – im Nachhinein ergibt es absolut Sinn. Die Atmosphäre war schließlich immer vorhanden. Es gab also von Anfang an keinen konkreten Plan, sondern das Album hat sich einfach auf diese Weise entwickelt. Natürlich speist es sich aus ganz anderer Musik als Metal oder selbst Rock – aus Genres, die mich begleiten, seit ich begonnen habe, mich überhaupt für Musik zu interessieren, die ich aber bislang nie selbst verarbeitet hatte.
Noch ein Paradox: Das Album wirkt sehr komponiert – fast klassisch im Aufbau – und gleichzeitig unglaublich spontan und auf melancholische Weise impulsiv. Wie gelingt dir dieser Spagat?
Ich schätze, ich bin einfach ein ziemlich impulsiver Mensch. Haha. Ich interessiere mich durchaus für klassische Komposition – allerdings eher aus der Perspektive eines Laien – und versuche, hier und da einige Techniken daraus einzubauen. Gleichzeitig liebe ich es aber auch, mich völlig in Klängen und Loops zu verlieren und mich von ihnen an Orte führen zu lassen, an die ich mit einem rein rationalen Ansatz niemals gelangt wäre. Dieser kreative Prozess ist für mich unglaublich bereichernd.
Das Album funktioniert wie eine dramaturgische Spannungskurve: Es beginnt zart und introspektiv, erreicht mit Teilen von “Zonsonderkomst” und “Pilaren…” eine sehr intensive, beinahe überwältigende Mitte und klingt zum Ende hin wieder zerbrechlicher und verletzlicher aus. War das eine bewusste Entscheidung? Es wirkt fast so, als würdest du mit diesem Album eine Geschichte erzählen wollen.
Mir gefällt diese Interpretation und auch die Beschreibung der Albumstruktur sehr. Das Album führt einen zunächst ein wenig in die Irre: Anfangs glaubt man, etwas sehr Leichtes und Folk-orientiertes zu hören – fast so, als würde man sanft in den Schlaf gewiegt –, bevor einen plötzlich ein Albtraum wieder aufschrecken lässt. “Sacraal” ist allerdings kein Konzeptalbum mit einer durchgehenden Geschichte oder einem zusammenhängenden lyrischen Narrativ. Dafür ist es viel zu impressionistisch. Klanglich habe ich allerdings sehr viel Zeit darauf verwendet, die richtige Reihenfolge der Stücke zu finden.
Insgesamt klingt „Sacraal“ wie der Soundtrack zu einer Zeremonie – daher auch der Titel?
Es freut mich sehr, dass du das so empfindest. Der Sinn von Ritualen und Zeremonien besteht darin, jede einzelne Geste und jedes Element einer Szene mit Bedeutung aufzuladen – mit einer klaren Absicht. Alles trägt dazu bei, das große Ganze zu erhöhen und zu verdichten. Genau das versuche ich auch mit ISKANDR zu erreichen. Gleichzeitig ist dieses Projekt aber so persönlich, dass es oft schwierig – und vielleicht auch gar nicht notwendig – ist, all das ausführlich zu erklären. Umso schöner ist es zu hören, dass Menschen diese bewusste Intention wahrnehmen.
Musiziert so persönlich wie nie zuvor: Omar Iskandr
Musst du dich für ISKANDR – und insbesondere für dieses Album – in einer bestimmten Stimmung oder Umgebung befinden, um Musik schreiben zu können?
Ja, definitiv. Es dauert bei mir immer sehr lange, bis diese Musik entsteht. Ich muss mich wirklich in einer kreativen Phase befinden und genügend Zeit und Energie haben – nicht nur zum Komponieren und Produzieren, sondern auch dafür, bewusst Pausen einzulegen und Inspiration in der Natur oder an Orten zu suchen, die bei mir ein bestimmtes Gefühl auslösen. Während der Entstehung dieses Albums habe ich einige Wochen in Kopenhagen verbracht und bin dort oft bis tief in die Nacht durch die Straßen gelaufen. Dabei habe ich mir immer wieder neue Aufnahmen oder verschiedene Versionen der Stücke angehört. Ich brauche Zeit für mich allein, möglichst ohne viele Ablenkungen. Außerdem muss ich die Musik zwischendurch ruhen lassen, bevor ich mit frischen Ohren darauf zurückkomme.
Lass uns noch etwas über deine Inspirationen sprechen. Manche Passagen erinnern an Soundtracks alter Filme oder Videospiele. An anderer Stelle hört man Einflüsse von DEAD CAN DANCE, MORTIIS oder SUMMONING heraus. Was gibt es sonst noch in deiner persönlichen musikalischen Welt zu entdecken?
DEAD CAN DANCE gehören definitiv zu meinen größten Einflüssen. Außerdem liebe ich Filmsoundtracks. Manche Menschen haben Synästhesie und nehmen Klänge als Farben wahr. Das habe ich zwar nicht, aber ich besitze eine sehr intuitive Verbindung zwischen Klang und Bild. Ich erinnere mich selbst nach vielen Jahren fast immer an das Artwork eines Albums, während mir der Titel häufig entfallen ist – selbst dann, wenn es sich um ein Werk handelt, das mir unglaublich viel bedeutet. Genauso entstehen beim Musikmachen in meinem Kopf ständig traumartige Bilder. Oft ist das Bild sogar zuerst da und die Musik folgt erst danach. Deshalb spiele ich live fast ausschließlich mit projizierten Videos, die ich selbst filme und schneide. Dieser visuelle Aspekt ist ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Welt. MORTIIS und SUMMONING sind natürlich absolute Klassiker, aber tatsächlich höre ich sie selbst gar nicht besonders häufig. Mich zieht es eher zu älteren Künstlern wie TANGERINE DREAM, POPOL VUH oder den Ambient-Arbeiten von BRIAN ENO. ARVO PÄRT kann mich regelrecht zu Tränen rühren. Alte Folkmusik, Psychedelic aus den Sechzigern sowie Neofolk und POST-INDUSTRIAL bilden das eigentliche Fundament dessen, was ich mache.
Laut den Metal Archives bist du aktuell an nicht weniger als neun Bands beteiligt – einige davon mit einer beachtlichen Anhängerschaft. Bist du ein musikalischer Workaholic? Und woran arbeitest du als Nächstes?
Ich arbeite tatsächlich fast immer an irgendetwas. Ich habe einen sehr starken kreativen Drang, der bislang noch längst nicht erschöpft ist. Die Einträge in den Metal Archives zeichnen allerdings ein etwas verzerrtes Bild. Es gibt Bands, mit denen ich täglich oder zumindest monatlich arbeite, und andere Projekte, die offiziell zwar nie aufgelöst wurden, aber seit Jahren auf Eis liegen und keinerlei neue Musik hervorgebracht haben. Mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger, seine gesamte kreative Energie auf alles zu verteilen. Deshalb werde ich auch immer wählerischer, was die Projekte angeht, in die ich meine Zeit investieren möchte. Gleichzeitig muss sich das alles natürlich mit dem ganz normalen Alltag und regulären Jobs vereinbaren lassen – und das kann manchmal ziemlich anstrengend sein. Ich bin mir aber sicher, dass die meisten Musiker und Künstler dieses Gefühl nur allzu gut kennen.
Vielen Dank für deine Zeit. Ich wünsche dir alles Gute. Die letzten Worte gehören dir.
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast – und natürlich auch an alle Leserinnen und Leser, die bis hierhin dabeigeblieben sind. Ich hoffe, dass meine Musik ihren Platz in den Herzen der Menschen findet, so wie unzählige andere Alben im Laufe meines Lebens einen festen Platz in meinem Herzen gefunden haben.
