Mekong Delta
Düstere Visionen - Interview mit Ralf Hubert und Martin LeMar zu "In A Mirror Darkly"

Interview

Mekong Delta

MEKONG DELTA, diese eigenwillige Band, die in ihrer Musik zwischen Progressive und Thrash Metal sowie Neoklassik pendelt, ist mit einem neuen Output zurück: „In A Mirror Darkly“ enthält komplett neue und vor allem frische Songs, die auf die Formeln Gefrickel trifft Melodien und Eingängigkeit trifft Eigenwilligkeit gebracht werden können. Wir baten Bassist, Komponist und Gründungsmitglied Ralf Hubert sowie Sänger Martin LeMar zum Gespräch und konnten ihnen Interessantes zu „In A Mirror Darkly“ sowie zur Band entlocken.

Vor zwei Jahren habt Ihr mit „Intersections“ ein Album veröffentlicht, auf dem Ihr alte Stücke neu aufgenommen habt. Mit ein wenig Abstand dazu: Was ist für Euch die größte Erkenntnis aus diesem Album?

Martin: Dass die Band in dieser Besetzung hervorragend funktioniert, aber auch, dass man alte Fans nicht nur glücklich machen kann, wenn man bestimmte Dinge ändert. Mir persönlich gefallen natürlich meine Versionen besser. Aber das ist wohl Geschmackssache, haha!

Ralf: Dass die Titel letztendlich immer noch nicht ausgereizt, sondern nach wie vor aktuell sind und allerlei Möglichkeiten für neue Interpretationen bieten. Außerdem hat es mir sehr drastisch gezeigt, we arm die technischen Aufnahmemöglichkeiten damals waren.

In der Zwischenzeit ist Euer zweiter Gitarrist Benedikt Zimniak abhanden gekommen. Wie kam es dazu? Und steht am Ende die Erkenntnis, dass es auch zu viert geht?

Ralf: Auf dem neuen Album ist kein einziges Solo – was normalereweise der Job von Benedikt wäre – für das man einen zweiten Gitarristen bräuchte, deswegen ist keine zweite Gitarre dabei. Warum also sollte ich mir das antun, mein vor allem im Produktionsprozess schon brach liegendes Nervensystem mit einem zweiten Gitarristen zu strapazieren? Reicht doch, wenn ich mich da mit einem rumschlage. Im Ernst, es reicht, wenn ich das ganze Riffing einer Person erklären muss, Partitur allein reicht da in der Regel nicht.

Martin LeMar (Vocals)

„In A Mirror Darkly“ wurde in den Studios der einzelnen Bandmitglieder aufgenommen. Wie muss man sich das ganz praktisch vorstellen – jeder nimmt für sich auf, und Ihr schickt Euch dann übers Internet gegenseitig Dateien zu?

Martin: Korrekt. In der heutigen Zeit ist das Teilen und Bearbeiten von Datein online so einfach, dass es gerade danach schreit, genutzt zu werden. Eriks Studio ist dabei die Zentrale, wohin alle Dateien am Ende gesendet werden. Aber die Aufnahmen kann jeder bei sich selbst vornehmen Das ist bei einem Album, das man nicht mal an einem Abend mit der Gitarre einschrammelt, ein finanzieller und logistischer Traum.

Ihr komponiert über das Netz, probt die einzelnen Parts für Euch und nehmt die Instrumente getrennt voneinander auf. Inwiefern ist MEKONG DELTA eine Band im herkömmlichen Sinn – mit festem Line-Up, mit gemeinsamen Proben und einem gemeinsamen Bandleben?

Ralf: MEKONG DELTA ist nach dieser Definition eine anderere Art von Band, das ergibt sich schon aus dem Zeitmangel bedingt durch die Aktivitäten der einzelnen Mitglieder. Vielleicht sollte man MEKONG eher als Orchester betrachten, das eine Partitur übt und dann einspielt – die Songs sind ja fertig komponiert. Gemeinsame Proben setzen wir stets vor Liveshows an. Diese sind dann aber auch extrem intensiv. Ein gemeinsames Bandleben gibt es nur auf Touren, und das ist auch gut so, wir sind schließlich nicht verheiratet. Etwas Distanz erhöht außerden die Kritikfähigkeit. Darüber hinaus sind wir aber alle sehr gut befreundet, und wir telefonieren ziemlich häufig miteinander. Nur Treffen – neben den Proben – sind eher selten, da jeder von uns dauernd auf Achse ist.

Wofür steht MEKONG DELTA für Euch?

Martin: Für mich steht MEKONG für musikalische Herausforderung. Ich bin an noch keiner Band musikalisch so gewachsen wie in dieser. Ralfs Kompositionen zwingen dich immer wieder, deine Grenzen zu erkennen und sie zu durchbrechen.

Ralf: MEKONG DELTA steht für mich dafür, mit dieser Instrumentierung und Besetzung neue Wege zu erkunden und auch zu beschreiten.

Ralf, Du selbst bist Komponist, Musiker, Bandleader, Produzent, Labelinhaber … womit identifizierst Du Dich am meisten?

Ralf: Eigentlich mit allem, da die Grenzen da verschwimmen.

Ralf Hubert (Bass)

Eure Musik ist vielschichtig und detailreich, aber auch sehr eingängig ist. Wie komponiert und produziert Ihr? Vom Grundgerüst bis zum fertigen Sound? Von der einfachen Songstruktur zur Progressivität?

Martin: Am Anfang ist da zunächst Ralf. Er komponiert das komplette Album instrumental und verteilt dann an die entsprechenden Arbeitsgruppen. Und am Ende setze ich dann noch meine Gesangslinien obendrauf. Ralf kann das natürlich noch ausführlicher erklären.

Ralf: Die meiste Arbeit für ein neues Album ist, den richtigen Einstiegspunkt zu finden. Wenn man das aktuelle Album als Beispiel nimmt, begann der Start zwölf bis sechszehn Monate bevor wir das Album eigentlich aufnahmen. Der erste Punkt ist das Aussortieren der Ideen, von denen ich denke, dass Sie zur Thematik des neuen Album passen. Da ich über die Jahre Tonnen von Ideen aufgeschrieben habe und ständig neue hinzufüge, dauert das meistens einen Monat. Danach muss man herausfinden, wo neue Techniken für die E Gitarre verwendet werden. Diese Riffs werden an Erik versandt, und er überprüft dann, welche man auf der E-Gitarre direkt spielen kann oder ob etwas neu „erfunden“ werden muss, um die Riffs auf der E-Gitarre zu realisieren. Das passiert meist über ein Jahr vor der Aufnahme.

Nachdem die Hauptriffs klar sind, erhält Alex Kopien davon, so dass er sich für spezielle Rhythmus-Patterns etwas ausdenken kann. Danach gibt es eine lange Zeit, in der der Rest der Gruppe nicht zu viel von mir hört. Das ist die Zeit, wo ich die Basis der Songs fertig komponiere, dies dauert meist sechs bis acht Monate. Dieses Material ist dann der Ausgangspunkt für eine Diskusssion zwischen Gitarre, Bass und Schlagzeug. Die Vocals sind daran auch beteiligt – natürlich erhält Martin bereits im Vorfeld Kopien der einzelnen Arbeitsstufen. Letztlich haben wir dann also noch ungefähr drei Monate zur Aufnahne, somit kann jeder dann aufnehmen, wenn er Bock hat und sich selbst gut vorbereitet fühlt.

Martin, in „The Armageddon Machine“ singst du im Refrain über einen im Hintergrund laufenden Schreitanz – nettes Detail! Was hat es damit auf sich?

Martin: Wie gesagt, schreibt Ralf erst einmal alles Instrumentale. Wenn ich dann auf dieses komplexe Konstrukt meine Gesangslinien schreibe, muss ich mir natürlich Stellen suchen, die das zulassen. Ralf weiß zwar schon zu Beginn, wo er eine Strophe und wo einen Refrain meint, aber welche Melodien und in welcher Form, ist mir überlassen. Und ich kann euch sagen, das ist eine Herausforderung. Bei „Armageddon Machine“ hat mir die Stelle so gut zugesagt, und ich habe versucht, es auf die Metrik des Tanzes zu legen. Dass es am Ende so gut funktioniert hat, gefällt mir natürlich um so mehr, aber so was kann auch mal ganz schnell in die Hose gehen.

Textlich greifen die Stücke von „In A Mirror Darkly“ unterschiedliche Thematiken auf – gibt es einen roten Faden auf dem Album? Wofür steht der Albumtitel?

Martin: Der dunkle Spiegel ist so ein bisschen als Anspielung auf das Multiversum zu sehen. In dem dunklen Spiegel ist unsere Welt in das Gegenteil verkehrt. Wenn du hier ein netter Pazifist bist, bist du dort eher ein fieser Kriegstreiber. Lebst du hier in Demokratie, herrscht dort im Spiegel der Faschismus. Es ist eine düstere Vision. Ein gutes Beispiel ist der „Mutant Messiah“ am Ende des Albums, in dem der Messias nicht von „oben“, sondern von „unten“ geschickt wurde.

Galerie mit 8 Bildern: Mekong Delta - In A Mirror Darkly

Das Coverartwork ist einer für das Album erstellten Animation entnommen sei. Die Neugierde ist geweckt: Welche Animation, wann kann man sie zu sehen bekommen und worum geht es darin?

Ralf: Das Artwork besteht eigentlich aus acht Bildern – für jeden Titel gibt es ein einzelnes Bild – und die wurden im Booklet leider fürchterlich schlecht gedruckt, bei der Doppel LP ist das etwas besser. Warum das so passiert ist, kann sich wohl jeder selber ausrechnen, aber das, was im Booklet sichtbar ist, kommt leider nicht mal ansatzweise an die originalen Bilder heran. Das Cover ist quasi aus einer Notlage heraus entstanden, da ich immer noch an einem Clip arbeite, der das ganze Album visuell unterstreichen soll.

Die Bilder an sich sind auch keine Gemälde, sondern alles Renderings. Letztendlich sind das sehr hochauflösende Animationen. Da wir jedoch auch in den USA veröffentlicht werden, der Vorlauf von mir aber deutlich unterschätzt wurde, bekam ich an einem Mittwochabend um 21:00 die Nachricht, dass das Cover bis morgen Früh fertig sein müsste, weil sich der Release sonst erneut verschieben würde. Und das einzige Bild, das zu diesem Zeitpunkt fertig gerendert war, war das, was jetzt als Cover benutzt wurde. Nun sieht dieses Dreieck bei der entsprechenden Auflösung wirklich geil aus, aber das lässt sich auf der CD-Hülle leider in keiner Weise wiederfinden.

Der Clip ist aber in Arbeit und wird auch irgendwann veröffentlicht. Allerdings habe ich den Zeitaufwand völlig unterschätzt, und da ich alles selber programmiere und leider kein Team habe, mit dem ich da arbeiten könnte, kann das noch ein wenig dauern.

Kurzer Ausblick: Die Tourdates-Sektion Eurer Homepage zeigt genau ein Event an – was steht bezüglich MEKONG DELTA als nächstes an?

Martin: Hoffentlich bald noch viel mehr davon. Aber ihr werdet es früh genug erfahren, haha

Ralf: Da sind Leute dran, aber bislang ist nur das Festival in Tschechien bestätigt. Ist alles immer etwas schwierig, weil wir auch nicht ein Wochenende da, ein Wochenende da und dann wieder zwei Wochen lang nichts spielen wollen. Entweder man bekommt da was zehn Tage am Stück auf die Beine, oder man lässt es sein. So gerne wir auch live spielen, aber wir können das unmöglich soweit auseinanderziehen. Vor allem Alex ist eh dauernd unterwegs und eingebunden, Martin mit NACHTGESCHREI auch ziemlich ausgelastet, und Erik beschwert sich in der Regel auch nicht über zu viel Freizeit. Das muss einfach sehr genau koordiniert werden. Und erschwerend kommt noch hinzu: ich spiele einfach nicht mehr für eine Kiste Bier! Außerdem würden wir das Album auch gern auf eine besondere Art präsentieren. Vor allem, nach den wirklich überschwenglichen Reaktionen bisher.

Danke für das Interview! Die letzten Worte gehören Euch!

Ralf: Gern geschehen. Mein Dank gilt allen Fans, die uns über die Jahre so stark unterstützt haben und lade alle noch nicht Fans ein, sich einmal mit Klangwelten jenseits des systemgestützten Einheitsbreis zu beschäftigen (das müssen nicht unbedingt wir sein).

Martin: See you on the road!

04.06.2014

- Dreaming in Red -

Exit mobile version