Mental Cruelty
"Ich habe keine Lust, mir den tausendsten DARKTHRONE-Klon anzuhören."
Interview
Mit „Echoes Of A Forlorn Land“ betreten MENTAL CRUELTY das stark frequentierte Feld der nordischen Mythologie. Warum die Platte trotzdem nicht langweilig ist, lest ihr in unserer Rezension und wir sprachen mit Saitenhexer Nahuel Lozano über ihre Hintergründe.
Moin zusammen, wie geht’s euch und freut ihr euch auf den Release eurer neuen Scheibe?
Auf jeden Fall! Nachdem man so viel Arbeit in ein Album gesteckt hat, ist es natürlich das Schönste, wenn man endlich das fertige Album in den Händen halten kann. Darüber freut man sich immer wieder aufs Neue.
„Echoes Of A Forlorn Land“ ist ein Titel, der eine düstere Welt heraufbeschwört. Welche Geschichte steckt dahinter, und welches Gefühl wollt ihr mit dem Album bei den Hörern auslösen?
Ich persönlich bin ein riesiger Fan der Eigeninterpretation. Deswegen überlasse ich das immer gerne den Hörern selbst. Ich denke, egal, welche Gefühle man mit einem Song auslösen möchte oder welche Message man damit verbindet: Jeder Mensch ist ein Individuum und hört, fühlt und sieht Dinge auf seine eigene Art und Weise. Deswegen überlasse ich das den Hörern, ohne sie in irgendeine Richtung lenken zu wollen.
Provokant gefragt: Ist LORNA SHORE meets AMON AMARTH die richtige Bezeichnung?
Haha, bestimmt gibt es viele Leute, die das so sehen. Ich persönlich würde die neuen Songs ganz plump in die Extreme-Metal-Schublade stecken, ohne großartig ins Detail zu gehen. Es gibt so viele Bands, die ihr eigenes Ding machen. Wenn man für jedes Stilelement ein eigenes Genre kreieren würde, müsste man nach Finnland und anfangen, Heavy Metal zu studieren – was an sich natürlich arschgeil wäre.
Wie findet ihr die richtige Balance zwischen Härte, Ruhe und Orchestrierungen?
Ein gutes Album hat meiner Meinung nach viel Dynamik und Spielraum. Die Blaupause dafür sind für mich immer noch die ersten fünf METALLICA-Alben. Gerade „Master Of Puppets“ schafft es nach all den Jahren immer noch, ein absolut perfektes Hörerlebnis von vorne bis hinten zu liefern. Ich glaube, das hat sich so in meine DNA eingebrannt, dass ich das auch automatisch von einem Album erwarte, das ich schreibe.
Ein Album, bei dem jeder Song das gleiche Tempo hat, ohne mit irgendwelchen Stilelementen zu variieren, wird schnell langweilig. Das möchten wir natürlich verhindern.
Gab es dieses Mal musikalische Grenzen, die ihr bewusst überschreiten, oder neue Wege, die ihr unbedingt ausprobieren wolltet?
Definitiv! Da wir uns für das Album diverse neue Instrumente zugelegt haben, war es uns wichtig, diese sinnvoll einzubinden, ohne dass es klingt, als hätte man krampfhaft versucht, sie irgendwie in einen Song zu packen. Das hat den Songwriting-Prozess definitiv beeinflusst, sodass sich das Ganze nicht so vertraut angefühlt hat wie bei den letzten beiden Alben. Aber genau das wollten wir ja, und von daher hat uns das sehr weitergeholfen.
Habt ihr „Echoes Of A Forlorn Land“ als zusammenhängendes Gesamtwerk konzipiert oder stand zunächst jeder Song für sich?
Das war eher ein schleichender Prozess. Als wir die ersten paar Songs fertig geschrieben hatten, haben wir uns Gedanken darüber gemacht, welche Geschichte das Album erzählen könnte. Nach langem Überlegen dachte ich mir: Da die Musik sowieso schon danach klingt, warum nicht einfach das komplette Album im Stil der nordischen Mythologie halten?
Ich hatte dann über Nacht ein Sheet zusammengestellt, in dem ich festgehalten habe, welche Geschichten oder Charaktere zu welchen der fertigen Songs passen und welche Themen noch dazukommen könnten. Als ich es den Jungs geschickt habe, waren wir uns zunächst alle unsicher, ob wir das so umsetzen wollten. Mit der Zeit ergab es aber immer mehr Sinn, und gerade Lukas und Marvin haben sich intensiv mit der nordischen Mythologie beschäftigt.
Den Anfang machte Helheim. Danach fanden die beiden während unserer US-Tour in Portland Bücher über all die Legenden. Lukas ließ die Informationen und seine eigene Interpretation der Geschichten in die Lyrics einfließen. So hat sich alles nach und nach entwickelt.
Welche Rolle spielen persönliche Erfahrungen und Emotionen beim Songwriting, und wie viel davon fließt in eure Texte ein?
Lyrisch bin ich wirklich eine absolute Null. Ich kann keine Texte schreiben. Ich habe immer nur Wörter im Kopf, die zu bestimmten Passagen und in den Gesamtkontext passen könnten.
Musikalisch spielen persönliche Erfahrungen und Emotionen natürlich eine Rolle, auch wenn das relativ schwer zu erklären ist. Erfahrungen, Emotionen oder bestimmte Gemütszustände können auf ihre eigene Art und Weise dazu beitragen, einem Song das gewisse Etwas zu geben. Das alles kann sehr inspirierend sein, einen aber natürlich auch in eine bestimmte Richtung lenken.
Gerade wenn es einem mal nicht so gut geht, neigt man beim Songwriting dazu, etwas Melancholischeres zu schreiben. Umgekehrt kann es sein, dass man superglücklich ist und dadurch verspielter ans Songwriting herangeht. Das ist alles sehr situationsbedingt. Um es herunterzubrechen: Erfahrungen und Emotionen spielen definitiv eine sehr große Rolle!
Deathcore hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert und ist in vielen Bereichen experimentierfreudiger geworden. Wie nehmt ihr diese Entwicklung wahr, und wo seht ihr MENTAL CRUELTY innerhalb der aktuellen Szene?
Ich finde das super! Persönlich war ich nie ein Die-Hard-Deathcore-Fan. Natürlich gab es Bands, die mir gefallen, wie zum Beispiel LORNA SHORE, SIGNS OF THE SWARM oder DESPISED ICON. Bei anderen Bands hat mir aber oft das gewisse Etwas gefehlt.
Man kann das ein bisschen mit Black Metal vergleichen. Da gibt es unzählige Bands, die alle gleich klingen und kein Alleinstellungsmerkmal haben. Dasselbe sehe ich auch beim Deathcore. Umso schöner ist es, wenn man in diesen Genres Bands findet, die auch mal etwas anderes ausprobieren und keine 1:1-Kopie der Band sind, die gerade im Trend liegt.
Ich habe keine Lust, mir den tausendsten DARKTHRONE-Klon anzuhören, genauso wenig wie ich mir eine Band anhören möchte, die denselben Breakdown über zehn Alben hinweg recycelt. Wenn es dann Bands wie KVELERTAK, DER WEG EINER FREIHEIT, SIGNS OF THE SWARM oder HUMANITY’S LAST BREATH gibt, die Genregrenzen überschreiten und etwas ganz Neues daraus machen, ist man froh, solche Bands zu entdecken.
Persönlich sehe ich uns nicht wirklich als Teil einer bestimmten Szene, da wir irgendwie von allem etwas in unserer Musik haben. Ich denke aber, dass man uns vorerst weiterhin mit Deathcore assoziieren wird.
Welche Filme, Bücher, Spiele oder anderen Kunstformen inspirieren euch, und wie beeinflussen sie euren kreativen Prozess?
Ich liebe alle Titel von FromSoftware, besonders „Dark Souls“ und „Elden Ring“. Auch „Der Herr der Ringe“ war schon immer eine riesige Inspiration für mich. Da gibt es sehr viele Dinge, die mich beeinflussen.
Da ich früher viel skaten war, verfolge ich auch heute noch die Skateszene. Chris Joslin hat letztes Jahr endlich seinen Tre Flip am El-Toro-Stairset geschafft. Das hat mich sehr inspiriert, gerade wegen seines Durchhaltevermögens und Ehrgeizes. So etwas kann sich dann auch schnell auf die Musik übertragen.
Was war für euch persönlich die größte Herausforderung bei „Echoes Of A Forlorn Land“, und woran würdet ihr festmachen, dass ihr mit diesem Album den nächsten Schritt als Band gemacht habt?
Für mich persönlich bestand die größte Herausforderung darin, etwas zu schaffen, das es so noch nicht gab. Bei allen vorherigen Alben hatte ich immer eine festgelegte Richtung, in die ich mit den einzelnen Songs gehen wollte. Diesmal war das alles etwas schwieriger. Gerade wegen der neuen Instrumente und der Einflüsse, die wir einbringen wollten, war es nicht immer einfach, den roten Faden beizubehalten.
Es gab oft Wochen, in denen man ununterbrochen am Album gearbeitet hat, aber trotz stundenlanger Songwriting-Sessions nichts Brauchbares in der Hand hatte. Das kann echt extrem frustrierend sein, gehört aber leider nun mal dazu.
Ich beneide Musiker, die sich einfach hinsetzen und drauflosschreiben können. Das kann ich persönlich leider nicht. Ich muss erst einmal über ein paar Monate hinweg Riffs, Melodien oder Strukturen sammeln, um am Ende herauszufinden, was mich am meisten packt und woran es sich lohnt, weiterzuarbeiten.
Oft wird davon nur ein Teil verwendet, manchmal auch gar nichts. Es ist eher der Prozess und das Lernen während des Songwritings, die mich persönlich zum Ziel führen. Dabei kann man einfach nie auslernen. Ich bin froh über jeden Fortschritt, den ich mit jedem Album mache, um beim nächsten noch eine Schippe draufzulegen.
Wie wollt ihr den Sound live umsetzen, und würdet ihr gerne mal mit einem Orchester auftreten?
Das werden wir auf unserer kommenden Tour sehen, haha! Das wird natürlich spannend, da wir viele der Songs zum ersten Mal gemeinsam spielen werden. Ich bin aber zuversichtlich, dass das verdammt geil wird.
Und klar, mit einem Orchester aufzutreten, wäre eine absolut geile Sache! Ich glaube, da fehlt uns im Moment noch das nötige Kleingeld. Vielleicht klappt es in ein paar Jahren, wenn einer von uns endlich den Eurojackpot knackt oder ich es schaffe, auf der nächsten Tour in Vegas abzusahnen. Bis dahin bleiben wir gespannt!
