Meurtrières
Bescheiden trotz Platin

Interview

Die Lyoner Band MEURTRIÈRES zählt seit ihrer selbstbetitelten Debüt-EP vor drei Jahren zu den vielversprechendsten Echtmetall-Acts aus Frankreich und dem Gates-Of-Hell-Label. Warum es drei Jahre gedauert hat, bis mit “Ronde De Nuit” endlich ein ganzes Album erschien und wo sich MEURTRIÈRES in der französischen Metal-Historie verorten, erfahrt ihr im folgenden, charmanten Interview, das wir mit der Band, wie für den Underground nicht unüblich, in Schriftform führten. Die beiden Gitarristen Olivier und Flo sowie Sängerin Fiona standen uns dabei Rede und Antwort.

Grüßt euch, Leute und herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Album “Ronde De Nuit”. Wie ist die Stimmung im Hause MEURTRIÈRES zur Zeit?

Flo: Grüß dich und danke für deine lieben Worte über unser Album! Momentan freuen wir uns sehr auf die anstehenden Shows. Ich kann es kaum erwarten, zu spielen. Es ist beinahe unerträglich, argh.

Olivier: Hallo! Wir warten schon gespannt auf die Platin-Auszeichnung des Albums. Sie sollte jederzeit kommen.

Für Außenstehende ist die erste große Überraschung vielleicht euer Wechsel am Gesang, den man aber erst so richtig registriert, wenn man die Credits liest. Wie kam es zu dem Wechsel am Gesang und wo seht ihr die Stärken eurer neuen Sängerin Fiona?

Flo: Als Fleur [ex-Sängerin, Anm. d. Red.] gegangen ist, lief es ein wenig schleppend bei uns. Wir haben verschiedene Freund:innen ohne Erfolg ausprobiert und mit Covid verlangsamte sich alles noch mehr. Wir beschlossen, auf Social Media zu inserieren. Fiona hat davon Wind bekommen und die Tatsache, dass wir einige gemeinsame Freund:innen haben, vereinfachte das Ganze. Es hat von Anfang an gut funktioniert und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass sie unseren Arsch gerettet hat. Sie bringt uns Stärke und frischen Wind, der uns bis zum jetzigen Zeitpunkt immer noch antreibt.

Olivier: Fiona hat den Geist eines Jaguars, der in einem kleinen, doch sehr agilen fleischlichen Umschlag steckt.

Fiona: Rooaaar.

Neu bei MEURTRIÈRES: Sängerin Fiona. Pic: Laure Ghilarducci

Wie würdet ihr die Unterschiede von “Ronde De Nuit” im Vergleich zur Debüt-EP “Meurtrières” bezeichnen?

Flo: Aus meiner Perspektive ist es schwierig, den Unterschied zwischen den beiden Platten zu beschreiben. Wir stecken so tief in der Band, dass es schwer ist, ein Stück beiseite zu treten und das große Ganze zu sehen. Ich würde sogar sagen, dass es genauso für uns funktioniert. Wir dürfen nichts zerdenken. Wir machen was wir wollen und haben kein anderes Ziel als Songs zu kreieren, die uns gefallen. Ich würde nur sagen, dass wir auf “Ronde De Nuit” besser spielen, aber das kommt mit der gemeinsamen Erfahrung und der Chemie, die damit einher geht.

Meine erste Assoziation mit dem Titel “Ronde De Nuit” [frz. “Nachtwache”, Anm. d. Red.] war die Nachtwache aus der Serie “Game Of Thrones” bzw. Der Buchreihe “A Song Of Ice And Fire” von George R. R. Martin. Hat euch das dazu inspiriert?

Flo: Es gibt keinen Bezug zu “Game Of Thrones”. “Nachtwächter” ist der Titel eines Gemäldes von Rembrandt, das, wie beispielsweise auch Füssli Fionas Texte beeinflusst hat. Damit bewegen wir uns etwas von den streng mittelalterlich geprägten Lyrics auf der EP weg, wobei die etwas moderneren Epochen immer noch diese Epik der vergangenen Tage aufweisen.

Fiona: Das Coole an Kunst ist, dass sie jeder anders nach seinen eigenen Erfahrungen und Inspirationen interpretiert. Es geht immer darum, einen Song zu kreieren, der dich so auf eine Reise nimmt, wie es ein Bild kann.

Welche anderen Geschichten und Legenden dienten als Inspiration für “Ronde De Nuit”?

Fiona: Der Song “Chevaleresses Du Chaos” ist eine Adaption der biblischen Apokalyptischen Reiter. “Aucun Homme, Aucun Dogme, Aucune Croix” handelt von der französischen Legende um Jeanne de Brigue. “Tempête & Naufrage” ist eine Mischung aus dem Schiffbruch von Paul und Viriginie [frz. Roman aus dem 18. Jahrhundert von Jacques-Henri Bernardin, Anm. d. Verf.] und mentalen Erkrankungen. Es gibt viele Anspielungen!

Also erzählt ihr nicht nur Geschichten, um eine Atmosphäre zu erzeugen, sondern sie haben auch einen doppelten Boden?

Fiona: Ja, es gibt viele Allegorien in den Songs. “Tempête Et Naufrage” handelt nicht nur vom Sinken eines Schiffes, sondern auch davon, wie man den Verstand verliert.

Gemeinsam mit TENTATION und HERZEL sind MEURTRIÈRES eine der führenden neueren Bands aus Frankreich im Bereich des klassischen Heavy Metals. Denkt ihr, französischsprachiger Heavy Metal hat heutzutage einen leichteren Stand, weil es das Dogma, auf Englisch singen zu müssen, um erfolgreich zu sein, nicht mehr gibt?

Flo: Kann ich nicht wirklich beurteilen. In den Achtzigern war ich zu jung, um das selbst miterlebt zu haben. Ich weiß natürlich, dass die bekannteren Bands, wie TRUST oder SORTILÈGE erfolglos versuchten, englischsprachige Versionen ihrer Alben zu machen. Diese englischen Versionen waren meist auch schlecht.

Das Internet hat den Menschen wohl geholfen, ihre Ohren an verschiedene internationale Sprachen zu gewöhnen und das hilft vielleicht auch Bands aus der Vergangenheit. Ich staune immer wieder über zwnazigjährige Ausländer mit einem Shirt von Devil’s Records [Label französischer Bands wie ADX, SORTILÈGE oder HIGH POWER, Anm. d. Red.] oder einem Backpatch von einer Band aus der Ära. Ich bin froh, dass die ganze coole Musik immer noch verfügbar für die Leute ist.

Olivier: Jahrzehntelang war es für Bands notwendig, den US-Markt zu knacken. Ich denke, inzwischen ist das nicht mehr nötig, das Internet hat das alles auf den Kopf gestellt. Der Gedanke, von einer Band leben zu können, ist eh heutzutage vollkommen verwegen, also scheint die Nutzung der englischen Sprache künstlich.

Französischer Heavy Metal hat eine lange Tradition, obwohl die Klassiker vollkommen unterschätzt sind. Zwischen all den bekannten Bands wie BLASPHÈME, ADX und SORTILÈGE – was sind eure Lieblingsbands aus Frankreich?

Flo: Für mich sind es ATTENTAT ROCK. “Le Gang Des Saigneurs” ist für mich ein verdammtes Meisterwerk. Die Produktion ist perfekt, obwohl der Gesang relativ leise im Mix ist, aber wen juckt’s? More power to the riffs! Dazu kommt perfektes Riffing und großartiges Songwriting.

Olivier: HIGH POWER rocken!

Fiona: VENIN aus Südfrankreich. [Inzwischen nennt sich die Band INITTAB, Anm. d. Red.] Außerdem die ersten beiden Alben von NIGHTMARE: “Waiting For The Twilight” und “Power Of The Universe”.

Erzählt mal, was ihr mit MEURTRIÈRES noch so vorhabt in nächster Zeit.

Flo: Coole Shows spielen, Partys feiern und noch mehr Songs gemeinsam erschaffen, um noch mehr Shows zu spielen und noch mehr Partys zu feiern. Der “Ouroboros Of Fun”.

Olivier: Unsere Platinauszeichnung in einem Champagner-Pool zu zelebrieren.

Welche Ziele habt ihr noch mit der Band?

Flo: Wir haben eigentlich keine Ziele. Wir wollen einfach Spaß haben, so einfach, wie es ist.

Olivier: Bescheiden zu bleiben, trotz der Platinauszeichnung.

Danke für eure Zeit. Die letzten Worte gehören euch.

Flo: Danke für euer Interesse!

Olivier: Merci! Startet eure eigene Band! [Erledigt! – Anm. JW]

Fiona: Danke! Wir sehen uns an der Bar!

Quelle: Flo, Olivier, Fiona (Meurtrières)
19.09.2023

Redakteur | Koordination Themenplanung & Interviews

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