Petter Carlsen
Interview mit Petter Carlsen zu "Clocks Don't Count"

Interview

Petter Carlsen

Musik muss bekanntlich weder immer dem Metal-Genre angehören noch immer sonderlich ‚heavy‘ sein, um begeistern zu können. Obwohl es im Bereich Popmusik eine ziemlich hohe Quote an Schrott-Outputs gibt, finden sich auch immer mal wieder Alben wie „Clocks Don’t Count“ des norwegischen Singer/Songwriters PETTER CARLSEN, das mit seinen wunderschönen Melodien und der ganz besonderen, sanft-melancholischen Atmosphäre sofort überzeugen konnte. Grund genug, die europaweite Veröffentlichung von „Clocks Don’t Count“ (nachdem es bereits ein Jahr zuvor in Norwegen veröffentlicht wurde) zum Anlass zu nehmen, dem sympathischen Musiker einige Fragen zu seiner Musik, der ANATHEMA-Tour und ähnlichem zu stellen.

Hallo Petter, Glückwunsch zu deinem hervorragenden Album! Möglicherweise kennen manche unserer Leser deine Musik noch nicht, vielleicht könntest du sie in ein paar Worten beschreiben?

Vielen Dank! Die Musik ist atmosphärisch, dynamisch und möglicherweise eine Art alternativer Popmusik? Viele haben sie auch als melancholisch beschrieben und ich denke, damit haben sie Recht.

Wie hast du angefangen, Musik zu machen? Hattest du schon Erfahrung vor deinem Debütalbum „You Go Bird“?

Ich habe mit ca. fünfzehn Jahren angefangen, Gitarre zu spielen; der Zugang dazu war METALLICA. Besonders der Song „Fade To Black“ hatte einen großen Einfluss auf mich, und ab dem Zeitpunkt, an dem ich Gitarre spielen lernte, wollte ich auch eigene Songs schreiben. Der Gedanke, etwas zu erschaffen, das zuvor noch niemand gemacht hatte, hat mich schon immer fasziniert. Ich habe in verschiedenen Rockbands gespielt, bevor ich dieses Soloprojekt angefangen habe. Vor „You Go Bird“ habe ich die EP „A Taste Of What’s To Come“ herausgebracht, der Anfang war also gegen Ende 2006.

Bevorzugst du es, solo Musik zu machen? Würdest du auch (dauerhaft) in einer Band spielen oder würde das für dich nicht funktionieren?

Ich mag es genauso, zusammen mit meiner Band zu spielen, was ich auch auf beiden meiner Alben getan habe. Die meiste Zeit ist es eine Frage der Wirtschaftlichkeit – glücklicherweise kann ich die Songs mit meiner Gitarre alleine spielen, und glücklicherweise gefällt mir das genauso gut, denn so hörten sie sich ja an, als ich sie geschrieben habe. Wenn man in Europa auf Tour geht, ist es schwierig, finanziell über die Runden zu kommen – in diesem Sinne ist es also vernünftiger, solo zu touren. Mein Ziel ist es aber natürlich, meine Band bald mitnehmen zu können, um auch den Albumsound rüberzubringen.

Kannst du etwas zur Bedeutung des Albumtitels (oder der Geschichte dahinter) und den Themen der Lyrics sagen?

Es hat mit einer Art ‚Flucht‘ zu tun, sich treiben zu lassen, der Realität für eine Weile zu entfliehen – diese notwendig gewordenen Momente für mich allein, wenn ich in meine eigene Welt mit all diesen grenzenlosen musikalischen Möglichkeiten eintauchen kann. Alle Songs wurden zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens geschrieben, wenn Zeit unwichtig ist – niemand wartet auf mich, ich muss niemanden anrufen oder hier- und dorthin mailen. Es ist mir wichtig, Dinge in meinem eigenen Tempo zu tun und nachts finde ich für gewöhnlich dieses Tempo, diesen ‚Groove‘. Ich habe einfach nur eine gute Zeit in kompletter Einsamkeit und mache etwas, das ich liebe – es liegt viel Freiheit darin, nicht auf die Zeit achten zu müssen.
Was die Lyrics betrifft, so sind manche über (gute und schlechte Arten von) Einsamkeit oder (geglückte und fehlgeschlagene) Kommunikation. Es ist kein Konzeptalbum, aber ich denke, dass die zehn Songs zusammenpassen und ein konsistentes Album ergeben.

Hast du einen persönlichen Favoriten auf „Clocks Don’t Count“?

Schwierige Frage … mir liegt jeder Song sehr am Herzen. Aber wenn ich einen auswählen müsste, wäre es „Even Dead Things Feel Your Love“. Darin geht es um meine Tante – sie gehört zu jenen Menschen, von denen es in der Welt mehr geben sollte. Sie ist ein so liebevoller Mensch, dass es scheint, als könnten selbst die Tassen und Teller in ihrem Schrank es fühlen.

Du bist ja aus Nordnorwegen und z.B. das „Spirits In Need“-Musikvideo wurde auch dort gedreht – denkst du, dass dein Heimatland deine Musik beeinflusst?

Auf jeden Fall – vor allem aufgrund des Kontrasts zwischen den verschiedenen Jahreszeiten und der majestätischen Natur. Die Tatsache, dass es im Winter fast den ganzen Tag lang dunkel ist, beeinflusst vermutlich auch die Stimmung.

Und hast du schonmal überlegt, auf Norwegisch zu singen?

Ja, vor allem, weil andere Leute danach gefragt haben. Vielleicht werde ich das eines Tages tun, aber momentan gefällt es mir, auf Englisch zu schreiben und es fühlt sich richtig an.

2010 warst du mit ANATHEMA auf Tour – wie kam es denn dazu, kanntest du sie schon vorher? Und wie war es, einen Song mit Vincent Cavanagh aufzunehmen?

Ich habe Danny Cavanagh in Oslo getroffen, als er dort 2008 einen Soloauftritt hatte. Dank eines gemeinsamen Freundes konnte ich mit ihm sprechen, ihm meine EP geben und E-Mailadressen austauschen. Einen Monat später schrieb er mir und sagte, dass er mich für einen tollen Songwriter halte – seitdem sind wir in Kontakt geblieben.

Ich habe ihn im Januar 2010 zu mir nach Alta eingeladen. Er wollte die Nordlichter sehen, was auch geklappt hat. Wir haben dann eine kleine Norwegen-Tour, die in Alta angefangen hat, organisiert, bei der nur er und ich zusammen auf der Bühne standen. Eines führte zum anderen und später im Jahr eröffnete ich dann ihre Europatour!

Bezüglich Vincent –  als wir auf Tour waren, habe ich ihn gefragt, und er hat seinen Part im Tourbus aufgenommen (haha). Es war toll, ihn in diesem Song (Anm.: “Built To Last”) zu haben, denn der Song ist ein Tribut an die Musik selbst – und in diesem Sinne passt es perfekt, da er in einer der Bands spielt, die mich und meine Musik am meisten beeinflusst haben.

Du hast auch Unni Wilhelmsen als Gastsängerin in „Table For One“ – wie kam es denn zu dieser Zusammenarbeit?

Sie war in der Jury für die norwegischen Grammys und dort hörte sie von meinem Album „You Go Bird“. Sie war begeistert und schrieb auf meine Myspace-Seite, dass sie mein Album wirklich liebe und sie einmal trotz wolkigen Wetters eine Sonnenbrille tragen musste, weil es sie zum Weinen gebracht habe. Wir haben auch ein paar Shows in Norwegen zusammen gespielt und ich fragte sie einfach, ob sie mitsingen würde. Sie hat sofort ja gesagt, sie ist eine tolle Sängerin!

Ich habe gelesen, dass dein neuer Song, „Live To Fight Another Day“, nach der schrecklichen Tragödie, die letztes Jahr in Norwegen passierte, entstanden ist. Könntest du etwas mehr darüber erzählen?

Ja, das stimmt. Per Zufall stieß ich auf einen Blog, der von einem jungen Mädchen geschrieben wurde, das an diesem Tag auf der Insel war. Sie schrieb, dass einer meiner Songs, „In The Time After“, sehr wichtig für sie wurde, während sie sich in einer Höhle versteckt hatte. Er gab ihr einen kleinen Hoffnungsschimmer, als sie sich sicher war, dass ihre Zeit gekommen sei. Dies zu lesen, hatte einen großen Einfluss auf mich und ein Lied darüber war unvermeidlich. Musik ist eine große Kraft und ich fühle mich geehrt und dankbar dafür, etwas beigetragen zu haben.

Bist du generell von anderen Bands oder Musikern beeinflusst und wenn ja, von welchen?

Ich denke, wir werden alle zu einem gewissen Ausmaß von anderen beeinflusst. Wenn ich eine Band nennen müsste, wären es ANATHEMA. Sie waren immer inspirierend, weil sie sich von einem Album zum anderen verändert haben. Und ich war schon immer fasziniert von ihrer Atmosphäre. Ansonsten denke ich, dass ich Dinge von hier und dort einarbeite. Bücher können sogar mehr Einfluss ausüben als Musik.

Welche Musik hörst du selbst denn gerne?

Ich höre viele verschiedene Sachen an. Ich mag ‚harte‘ Musik sehr gerne, aber auch Klassik und Jazz. Hier sind fünf Alben, die ich mir in letzter Zeit oft angehört habe:

1. ANATHEMA – Weather Systems
2. BON IVER – Bon Iver
3. KATATONIA – Night Is The New Day
4. KING CRIMSON – In The Court Of The Crimson King

5. KASHMIR – Trespassers

Und die letzte Frage: Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Zunächst stehen ein paar Gigs in Norwegen an, Festivals und Clubshows. Ich trete auch als Supportact von MARILLION bei zwei ihrer Konzerte in Skandinavien auf. Am 10. August komme ich mit meiner Band nach Deutschland zum KulturArena Festival in Jena und es werden hoffentlich bald weitere Konzerte in Europa bestätigt. Nach dem Sommer möchte ich mit dem Schreiben meines dritten Albums vorankommen und eines ist sicher: „Clocks Don’t Count“ wird nicht meine letzte Veröffentlichung sein. Ich habe noch viele Songideen in mir und ich liebe es, die Stücke, die ich bereits veröffentlicht habe, live zu spielen. Das ist eine gute Motivation, weiterzumachen.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast! Die letzten Worte gehören dir:

War mir ein Vergnügen, danke auch an dich!
Noch eine nette kleine Geschichte: Ein Freund von mir, Christer André Cederberg, der meine Alben produziert hat, hat auch ANATHEMAs letztes Album “Weather Systems” produziert und das Resultat ist großartig. Ich denke, er hat einen fantastischen Job gemacht, genau wie ANATHEMA selbst. Jetzt gibt es also viele Verbindungen zwischen uns… das hätte ich ein paar Jahre zuvor nie vorhergesehen. ‚Fuel on the fire!‘

18.06.2012
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