Somnent
Wut braucht ihren eigenen Ausdruck
Interview
Mit „Heirloom“ schlagen SOMNENT ein deutlich härteres Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Wo „Gardens From Graves“ noch stärker von Trauer und Melancholie geprägt war, treten auf dem mittlerweile dritten Album auch Wut, Frustration und persönliche Verletzungen in den Vordergrund. Die Songs verbinden weiterhin eindringliche Melodien und atmosphärische Passagen mit voluminösen Growls und einem ausdrucksstarken Klargesang. Dabei ist die musikalische Entwicklung eng mit den Themen des Albums verknüpft: „Heirloom“ handelt von familiären Beziehungen, übernommenen Verhaltensmustern und dem Schmerz, der über Generationen weitergegeben werden kann. Wir haben mit Songwriter Giovanni über die Entstehung des Albums, musikalische Einflüsse jenseits des klassischen Death Doom und die Bedeutung eines Erbes gesprochen, das nicht immer ein Geschenk ist.
Interview mit Giovanni von SOMNENT
Im Vergleich zu „Gardens From Graves“ wirkt „Heirloom“ deutlich schwerer und konfrontativer. Wann wurde dir während des Schreibprozesses klar, dass sich die Songs in eine aggressivere Richtung entwickeln würden?
Vielen Dank für die Einladung! Das hatte ich tatsächlich von Anfang an im Hinterkopf. „Severed Ties“ war der erste Song, den ich für „Heirloom“ fertiggestellt habe. Schon als ich mit dem Schreiben der Riffs und Texte begann, wusste ich, dass dieses Album im Vergleich zu „Gardens From Graves“, das stärker von Trauer geprägt war, deutlich schwerer und aggressiver werden würde. Dabei ging es mir allerdings nicht darum, einfach nur um der Härte willen härtere Songs zu schreiben. Auf den vorherigen Alben gab es vieles, das ich ausdrücken wollte, aber letztlich nicht wirklich nach außen tragen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass nun die Zeit gekommen war, diese Dinge offenzulegen.
Wie eng hängt diese zusätzliche Härte mit den inhaltlichen Themen des Albums zusammen? Erforderten die Texte über gestörte familiäre Beziehungen eine andere musikalische Sprache, in der neben der Trauer auch mehr Raum für Wut bleibt?
Absolut. Die Themen und die musikalische Umsetzung sind sehr eng miteinander verwoben. Ich hatte das Gefühl, dass die härteren und aggressiveren Passagen notwendig waren, um die Wut und Frustration auszudrücken, die hinter manchen dieser Erfahrungen stehen. Die melodischeren und melancholischeren Abschnitte wiederum ließen Raum für Trauer und Schmerz. Ich wollte, dass die Musik die gesamte Bandbreite der Emotionen widerspiegelt, die in den Texten zum Ausdruck kommt.
Wenn du auf „Sojourn“ zurückblickst: Hörst du in „Heirloom“ auch eine Rückbesinnung auf eine frühere Seite von SOMNENT, oder entspringt die Härte diesmal einer ganz anderen Quelle?
Ich kann durchaus nachvollziehen, warum jemand, der unsere früheren Alben kennt, gewisse Parallelen zu „Sojourn“ in „Heirloom“ hören könnte. Die Härte hat diesmal allerdings einen völlig anderen Ursprung. Die beiden Alben hatten für mich unterschiedliche Funktionen. Sie basieren auf verschiedenen Lebenserfahrungen und auf unterschiedlichen Dingen, die ich den Hörern vermitteln wollte.
Was hat sich in deinem Umgang mit dem Schreiben von Riffs verändert? Wenn du das neue Material mit „Gardens From Graves“ vergleichst: Welche Unterschiede bei Rhythmik, Arrangements oder Gitarrenarbeit sind für dich besonders entscheidend?
Der für mich wichtigste Unterschied liegt im Fokus auf die Arrangements. Ich habe schon immer versucht, SOMNENTs Musik so zu gestalten, dass die Hörer ihr folgen können, anstatt sie durch ständige Wechsel und Überraschungen bei der Stange zu halten. Diesmal habe ich mich jedoch ganz gezielt darauf konzentriert, die einzelnen Songpassagen auf die jeweilige Aussage der Texte abzustimmen. Aggressivere Abschnitte sollten mit wütenderen Textzeilen zusammenkommen, während melancholischere Passagen die von Trauer geprägten Zeilen begleiten.
Trotz der gesteigerten Aggressivität bleibt die Melodie ein zentrales Element von „Heirloom“. Wie entscheidest du beim Komponieren, ob ein Abschnitt melodischen Freiraum braucht oder die unmittelbare Wirkung eines schweren Riffs gefragt ist?
Ich würde sagen, es ist eine Kombination aus Absicht und Gefühl. Dazu kommt der bewusste Einsatz von Kontrasten, um die Wirkung der Musik zu verstärken. Ein Grund dafür, dass viele Songs zwischen ruhigeren und härteren Abschnitten wechseln, ist, dass ich die unterschiedlichen Elemente dadurch stärker hervorheben kann. Auf einen schweren Abschnitt, in dem der Rhythmus im Mittelpunkt steht, kann beispielsweise eine melodischere Passage folgen, um die Aussage des Songs noch einmal zu unterstreichen, bevor er wieder in einen ruhigeren Part zurückfällt. Dadurch entsteht eine Art Auf und Ab. Für mich fühlen sich die harten Passagen dadurch wesentlich schwerer an, als wenn die Songs durchgehend hart wären.
Wie hat sich dein Umgang mit dem Gesang für dieses Album entwickelt? Gab es Momente, in denen dich die emotionale Bedeutung einer Textzeile zu einer Ausdrucksform geführt hat, die du auf den vorherigen Alben nicht gewählt hättest?
Als ich anfing, mir Gedanken darüber zu machen, wie die Songs klingen sollten, wusste ich, dass ich den Klargesang stärker einsetzen wollte als zuvor. Ich liebe tiefe Growls, aber ich finde, dass sie hinsichtlich des emotionalen Ausdrucks gewisse Grenzen haben. Mit Klargesang lässt sich hingegen nahezu das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen vermitteln. Während die Growls also vor allem in den aggressiven Passagen zum Einsatz kommen, nutze ich den Klargesang sowohl für Wut als auch für Trauer, Enttäuschung und andere Gefühle – je nachdem, was die jeweilige Textzeile oder der Abschnitt verlangt. „The Feeding Hand“ ist dafür meiner Meinung nach ein gutes Beispiel.
Wie viel von der größeren Wirkung des Albums steckte bereits in den Kompositionen, und wie viel ist erst durch die Performances und die Produktion entstanden? Was sollte diesmal anders klingen?
Wenn ich an die Songs denke, die auf mich persönlich die größte Wirkung haben, sind es vor allem diejenigen, bei denen Gastmusiker mitgewirkt haben. Die Gesangsbeiträge von Natalia und Dust Of Reason haben beispielsweise eine zusätzliche Ebene hervorgebracht, die allein durch die Kompositionen nicht in dieser Form möglich gewesen wäre. Dasselbe gilt für Jaris Beitrag zu „Barren Mother“, mit dem er den Song abschließt und die beabsichtigte emotionale Wirkung noch einmal verstärkt.
Mir war es wichtig, gerade diese Künstler einzubeziehen, weil ich großen Respekt vor ihnen habe und davon überzeugt war, dass sie den Kompositionen zusätzliches Leben einhauchen und die dahinterstehenden Aussagen unterstreichen könnten.
In meinen Ohren weisen manche Passagen auf „Heirloom“ eine melodische Verwandtschaft zu DRACONIAN und SHORES OF NULL auf. Wie stehst du zu solchen Vergleichen? Und welche Einflüsse jenseits der erwartbaren Death-Doom-Referenzen haben dein jüngeres Songwriting tatsächlich geprägt?
Ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich geschmeichelt, dass SOMNENT überhaupt im selben Atemzug mit diesen Bands genannt werden. Ich habe großen Respekt vor ihnen. Der Einfluss einiger bekannterer Doom-Bands ist in unserer Musik sicherlich hörbar. Es gibt allerdings viele andere Bands und Künstler, die SOMNENT maßgeblich geprägt haben – vermutlich sogar stärker als die traditionellen Doom-Bands.
Gerade durch diese Einflüsse außerhalb des Genres erhält SOMNENT seinen eigenen Charakter und weitere Facetten seiner Identität. Dabei geht es mir nicht nur um klangliche Eigenschaften, sondern auch um Songstrukturen und die Art des musikalischen Ausdrucks.
Meine Frau hat mich beispielsweise vor einigen Jahren mit der Musik von Ezra Furman bekannt gemacht. Ihr Umgang mit Texten hatte einen enormen Einfluss darauf, wie ich die Lyrics für „Gardens From Graves“ und „Heirloom“ geschrieben habe. Ezra Furmans Songs bewegen sich in einem sensiblen Gleichgewicht zwischen dem Metaphorischen und dem Wörtlichen. Diesen Ansatz fand ich nicht nur erfrischend, sondern auch besonders wirkungsvoll.
Mit inzwischen drei vollständigen Alben: Was macht einen Song für dich heute unverkennbar zu einem SOMNENT-Song? Hat sich dein Verständnis von der Identität des Projekts seit „Sojourn“ verändert?
Das ist für mich schwer zu beantworten. Ich denke aber, dass SOMNENT konzeptionell nicht an einen bestimmten Sound oder eine einzelne Idee gebunden ist. Es mag zwar einen erkennbaren klanglichen Charakter geben, aber ich möchte dem Projekt Raum lassen, sich mit meinen Lebenserfahrungen und im Laufe der Zeit weiterzuentwickeln.
Was ich mir für SOMNENT wünsche, ist, dass die Musik auch weiterhin ein verletzlicher und aufrichtiger Ausdruck der abgrundtiefsten Emotionen bleibt, die ich selbst erlebt habe.
„Heirloom“ beschreibt ein Erbe, dessen Last schmerzhaft sein kann. Warum war dieses Wort der passende Albumtitel, und wie verbindet die Idee die einzelnen Songs miteinander?
Da die Songs auf schwierigen Erfahrungen und Umständen basieren, die innerhalb familiärer Strukturen auftreten können, erschien mir „Heirloom“ als der perfekte Titel, um all diese Stücke zusammenzufassen.
Wenn wir von einem Erbe sprechen, denken wir häufig an materielle Dinge. Wir können aber ebenso Verhaltensweisen, Erwartungen und ungelöste Verletzungen von den Menschen und aus dem Umfeld übernehmen, in dem wir aufwachsen. Ich denke, genau diese Vorstellung verbindet die Songs des Albums miteinander: die Frage danach, was wir mit uns herumtragen und was wir letztlich hinter uns lassen wollen.
Sowohl „Gardens From Graves“ als auch „Heirloom“ beschäftigen sich mit sehr persönlichen Erfahrungen. Was konntest du auf dem neuen Album ausdrücken, wofür dir auf dem Vorgänger noch die Worte fehlten?
Die beiden Alben hatten für mich sehr unterschiedliche Funktionen, weil sie in verschiedenen Lebensphasen entstanden sind und unterschiedliche Erfahrungen widerspiegeln.
Während sich „Gardens From Graves“ stärker mit Trauer auseinandersetzte, bot mir „Heirloom“ die Möglichkeit, mich konfrontativer mit bestimmten Themen zu beschäftigen. Ich wollte unangenehmere Aspekte persönlicher Erfahrungen erkunden, darunter Wut, Verbitterung und die Erkenntnis, dass manche Dinge, die man während des Aufwachsens als normal akzeptiert, in Wirklichkeit unglaublich schädlich sein können.
Dabei ging es mir nicht unbedingt darum, einen Schlussstrich zu ziehen oder irgendeine Form von Auflösung zu finden. Vielmehr wollte ich diese Gefühle anerkennen und ihnen eine Stimme geben.
Natalia Drepina und Dust Of Reason steuern jeweils eigenständige Gesangsbeiträge zum Album bei. Warum waren gerade ihre Perspektiven für diese Songs wichtig, und wie viel Freiheit hatten sie bei der Gestaltung ihrer Beiträge?
Als das Album allmählich Gestalt annahm, hatte ich das Gefühl, dass es innerhalb der Erzählung des Albums auch die Perspektiven weiterer „Familienmitglieder“ brauchte. So kam mir die Idee, Natalia und Dust Of Reason um ihre Mitwirkung zu bitten.
Ich bin schon seit Jahren ein Fan von Natalias Arbeit, besonders angesprochen hat mich aber, was sie gemeinsam mit Dust Of Reason auf ihrem Album „The Night We Inherited“ geschaffen hat. Diese Platte vermittelt ein starkes Gefühl von Verbundenheit unter Schwestern und gemeinsam erlebtem Leid. Ich hatte den Eindruck, dass genau diese Eigenschaften hervorragend zu einigen der Themen passen, mit denen ich mich auf „Heirloom“ beschäftige.
Sie um ihre Stimmen und ihr musikalisches Talent zu bitten, war deshalb eine sehr naheliegende Entscheidung. Ich kann kaum ausdrücken, wie dankbar ich war, als beide zusagten. Ihre Beiträge haben dem Album eine weitere Dimension verliehen – nicht nur musikalisch, sondern auch hinsichtlich der Erzählung und der emotionalen Atmosphäre, die ich erschaffen wollte.
Auch Jari Lindholm und Julian Lefler haben an „Heirloom“ mitgewirkt. Wann erkennst du als Hauptsongwriter, dass ein Song von der musikalischen Perspektive eines anderen profitieren könnte?
Ich denke, es ist wichtig zu erkennen, dass man als Hauptsongwriter nicht zwangsläufig für jeden Aspekt einer Komposition selbst die bestmögliche Idee hat. Manchmal hört ein anderer Musiker etwas ganz anders oder bringt eine Interpretation ein, auf die man selbst vielleicht gar nicht gekommen wäre.
Es geht darum zu erkennen, wann die Perspektive eines anderen einer Komposition etwas Bedeutungsvolles hinzufügen kann. Ich habe großes Glück, von Musikern umgeben zu sein, deren kreative Fähigkeiten ich aufrichtig bewundere.
„Heirloom“ erscheint über Ardua Music. Was hat dich davon überzeugt, dass dieses Label der richtige Partner ist? Und was erhoffst du dir von der Zusammenarbeit für SOMNENT – insbesondere mit Blick auf eine stärkere Präsenz in Europa und zukünftige Live-Auftritte?
Ardua Music fühlte sich für SOMNENT von Anfang an wie ein natürlicher Partner an. Das liegt insbesondere an der engen Verbindung des Labels zur Doom-Metal-Szene und den Künstlern, mit denen es zusammenarbeitet. Ein Label an seiner Seite zu haben, das das Genre versteht und dabei helfen kann, unsere Musik einem größeren Publikum zugänglich zu machen, ist unglaublich wertvoll.
Für die Zukunft würde ich mir wünschen, die Präsenz von SOMNENT in Europa weiter auszubauen – durch weitere Festivalauftritte und gelegentliche Tourneen, idealerweise gemeinsam mit Bands, zu denen wir eine musikalische Verbindung haben und die ein ähnliches Publikum ansprechen.
Ich bin nicht daran interessiert, einfach nur um des Tourens willen unterwegs zu sein. Vielmehr möchte ich Möglichkeiten verfolgen, die für die Band wirklich sinnvoll sind und uns mit Menschen zusammenbringen, die eine echte Verbindung zu unserer Musik aufbauen.
Vielen Dank für deine Zeit, Giovanni. Was würdest du dir wünschen, dass die Hörer aus „Heirloom“ mitnehmen, nachdem sie sich intensiv mit dem Album beschäftigt haben? Gibt es noch etwas, das wir bisher nicht angesprochen haben?
Mehr als alles andere hoffe ich, dass die Hörer auf „Heirloom“ etwas finden, das mit ihren eigenen Erfahrungen in Resonanz tritt und ihnen in Erinnerung ruft, dass sie mit ihren persönlichen Kämpfen nicht allein sind.
Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er die Musik zu interpretieren hat. Aber wenn dieses Album jemandem dabei helfen kann, die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten, bedeutet mir das sehr viel.
Außerdem möchte ich mich bei allen bedanken, die SOMNENT über die Jahre unterstützt haben. Dieses Projekt war für mich immer ein sehr persönliches Ventil, und ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich diese Musik mit Menschen teilen kann, die etwas darin wiederfinden.
Ein Erbe, das nicht schweigt (Nachtrag)
„Heirloom“ liefert keine einfachen Antworten und versucht auch nicht, persönliche Verletzungen nachträglich aufzulösen. Stattdessen gibt Giovanni ihnen Raum – musikalisch ebenso wie inhaltlich. Dass dabei neben der vertrauten Melancholie auch Wut und Konfrontation ihren Platz finden, macht das Album zu einem wichtigen Entwicklungsschritt für SOMNENT. Besonders bemerkenswert ist dabei, wie konsequent die musikalischen Kontraste den emotionalen Gehalt der Texte aufgreifen. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass nicht jedes Erbe materieller Natur ist und dass man sich manchmal erst bewusst machen muss, was man übernommen hat, um entscheiden zu können, was man davon weitertragen möchte.
Das Interview ist ungekürzt.
