Tacheless
es wird Tacheless geredet

Interview

Wäre Tim „Schlimm“ Donart, seines Zeichens Gitarrist der schweinegeilen Grindcore-Combo TACHELESS, so übellaunig wie seine Musik, hätte ich wahrscheinlich keine Lust gehabt, dieses Interview zu führen. Da der Saitenmann aber ein überaus freundlicher und auskunftsfreudiger Gesprächspartner ist, steht meinem musikalischen Sendungsbewusstsein ja nichts mehr im Weg. Nehmt platz, take a lesson in Grindcore und hört euch dabei auch noch an, was der Mann über die Welt und seine eigene Beerdigung denkt.

Hey Schlimm! Glückwunsch zur neuen Platte. Wie ist die Stimmung in der Band so kurz nach der Veröffentlichung?

Hi Timm, vielen Dank! Ich würde sagen unsere Stimmung ist ausgezeichnet! Wir haben das Album ja bereits letzten Sommer aufgenommen und wir sind nach tausend mal durchhören immer noch sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Außerdem sind wir äußerst glücklich darüber in GRINDATTACK Rec. ein Label gefunden zu haben, dass zu 100% hinter uns steht und uns jeglichen Freiraum lässt.

Während „Freiheit“ allein mit dem Titel ja noch sowas wie einen positiven Wunsch formuliert hat, hört sich „The World Keeps Burning“ gleich viel pessimistischer an, was sich auch deutlich in der Musik äußert. Was ist in der Zwischenzeit passiert, dass sich die Message von TACHELESS so gedreht hat?

Naja, unsere Message hat sich nicht unbedingt gedreht. „Freiheit“ war nur etwas kämpferischer als „T.W.K.B.“. Passiert ist vor allem ein langer Winter und jede Menge persönlicher Scheiß, was man den Songs tatsächlich anhört. Unsere Musik entsteht ja nicht aus Kalkül, sondern kommt aus dem Herzen. Das wirkt sich natürlich auf die Songs aus. Mit „Abgesang“ hatten wir aber auch schon auf dem Debut eine düstere Nummer. Wenn Du die Alben hintereinander hörst, geht „Abgesang“ in den Opener „Brassbound“ nahtlos über. Der Albumtitel „The World Keeps Burning“ deutet ja auch eine Weiterführung an. Die Welt ist seit unserm letzten Album eben nicht grade besser geworden.

Nach dem Debüt hat euer Ex-Basser Otis seinen Hut genommen und wurde durch „Itak“ Nentwich ersetzt. Hatte er vielleicht auch seinen Anteil daran, wie das Album klingt?

Definitiv! Otis war ja nie am Songwriting beteiligt und hat eben „nur“ Bass gespielt, ohne seine Leistung jetzt schmälern zu wollen. Er war damals ja hauptsächlich Gitarrist bei VEROXITY und hat uns quasi nur ausgeholfen. „Freiheit“ stammte noch zum Grossteil aus meiner Feder und erst jetzt sind wir als Band so richtig zusammengewachsen. Auch unser Drummer Zyn hatte großen Einfluss auf das Songwriting und hat einige Songs beigesteuert. Die düsteren Nummern stammen tatsächlich vom Itak. Er ist ein ausgezeichneter Bassist und hat jede Menge Ideen beigesteuert. Deshalb klingt das neue Album auch wesentlich abwechslungsreicher, aber immer noch nach TACHELESS.

Gigmäßig geht es bei euch jetzt ja auch ganz gut vorwärts. Gerade eben ist mir ein Flyer vom diesjährigen „Grind The Nazi Scum“-Festival in die Hände gefallen, auf dem ihr auch vertreten seid. Glaubst du, dass ihr jetzt den „Durchbruch“ schafft?

Durchbruch? Ich bitte dich! Grindcore, vor allem so wie wir ihn spielen, war schon immer völlig unpopulär. Wir hatten auch schon im letzten Jahr tolle Gig-Angebote wie das NRW Death Fest. Wenn Veranstalter auf dich zukommen und deine Band für solche, oder überhaupt für eine Show buchen, kannst du dich verdammt glücklich schätzen. Die meisten Bands müssen ordentlich Klinken putzen um ein Bein auf den Boden zu bekommen und wir hatten von jeher das Glück für Shows gebucht zu werden ohne einen Finger krümmen zu müssen. Das ist wirklich keine Selbstverständlichkeit und wir sind verdammt dankbar dafür.

Grade als deutsche Band hast du es in Deutschland schwer, weil alle nach Schweden oder den USA schielen und die heimischen Bands sehr stiefmütterlich behandeln. Im Gegenzug sind aber viele im Ausland auf uns aufmerksam geworden, ohne das wir außerhalb unserer Landesgrenzen groß die Werbetrommel gerührt hätten. Das Netzwerk innerhalb der Szene funktioniert also noch; Blogspot Seiten und Downloads haben Tape-trading abgelöst. Wenn es also auf der ganzen Welt ein paar Leute gibt, die sich zum Frustabbau am liebsten ein TACHELESS Album auflegen, ist das unser persönlicher Durchbruch. Kommerziellen Erfolg haben wir nie angestrebt und ist mit einer Band wie TACHELESS auch nicht erreichbar. Darum geht es auch gar nicht. Wir haben aber natürlich nichts dagegen wenn mehr Leute unsere Alben mögen und zu unseren Shows kommen!

Wie bereits angedeutet ist das neue Album düsterer als sein Vorgänger. Das liegt vor allem an den Crust-Einflüssen, die du ja im Vorfeld schon angekündigt hattest. Warum findet das erst jetzt seinen Weg in das Songwriting und nicht schon früher?

Wir hatten schon immer jede Menge Einflüsse aus dem Crustpunk! Vor allem unsere erste EP war näher am Crust als am Metal. Crust lässt sich eh schlecht nur über die Musik definieren, da gehört noch ein bisschen mehr dazu. Auch auf „Freiheit“ sind jede Menge Crustpunk-Einflüsse zu hören, das hat in der Metal Szene nur kaum einer gemerkt weil kaum einer mit diesen Sachen vertraut ist! Bei „Freiheit“ wurden wir sehr oft mit TERRORIZER verglichen, was uns natürlich sehr geehrt hat. Aber auch TERRORIZERs „World Downfall“ ist randvoll mit Punk/Hardcore-Riffs! Ich würde das Material auf unserm aktuellen Album sogar als unser bisher Metal-lastigstes bezeichnen. Wir haben die Schere zwischen Punk und Metal einfach noch ein ganzes Stück weiter geöffnet. Manche Nummer hätte auch auf einem rüden Death Metal Album sein können und andere auf einem reinen Crustpunk-Album.

Ich schätze TACHELESS nicht zu letzt deswegen, weil ihr den traditionellen Weg der ersten Grindcore-Bands weiterverfolgt und sozialkritische und politische Themen verhandelt. Dem gegenüber steht ein riesiger Anteil des Genres, die lieber von Ficken und Fäkalien singen. Was hälst du persönlich von Porn- und Goregrind?

Es gab während der Entstehung des Grindcore eine Parallelentwicklung, wobei sich die Bands damals selbst eher als Hardcore oder schnelle Thrash-Band gesehen haben. Auf der einen Seite gab es Bands mit Gore-Lyrics wie CARCASS und auf der anderen politisch/sozialkritisch motivierte wie NAPALM DEATH, um nur die bekannteren zu nennen. Man kann also durchaus beide Spielarten als traditionell erachten. Der Pornokram ist ja erst etwas später entstanden auf der Suche nach neuen Extremen.

Ich will darüber nicht urteilen, aber mir persönlich gibt das rein gar nichts und leider haben die meisten dieser Bands auch musikalisch nichts zu bieten. Ich erhebe da auch nicht den Zeigefinger. Wir sind keine Gutmenschen die Worte wie Fotze und Ficken nicht kennen, aber auf mich übt so was einfach keine Faszination aus. Es langweilt mich einfach nur. Gegen gut geschriebene Horror Lyrics hab ich als großer REPULSION-Fan aber natürlich nichts einzuwenden. Das ist teilweise sogar wesentlich ehrlicher als zwanghaft über die Zerstörung der Umwelt zu schreiben um Szeneklischees zu bedienen. Wir sind halt Kinder des Ruhrpotts, da beschäftigt einen mehr die Alltagsrealität als Mord- und Fickfantasien.

Gerade weil ihr einigermaßen politisch seid, wüsste ich gerne, was du von Leuten, die TACHELESS hören, erwartest. Welche Lehre ziehen sie im Optimalfall aus eurer Botschaft? Wie sollen sie sich oder die Welt ändern, wenn es nach dir ginge?

Ich sehe uns selbst gar nicht so politisch und wir wollen auch niemandem etwas vorpredigen. Ich habe unsern Stil mal mit Augenzwinkern als „Working Class Grindcore“ bezeichnet, zumal wir unglaublicher Weise momentan alle Arbeit haben. Uns beschäftigen eher Themen die uns persönlich betreffen. Die Menschen sind überall gleich scheiße und erzeugen die immer gleichen Missstände, Unterdrückung, Armut, Korruption… Dafür muss man nicht in ferne Länder schauen.

Ich habe keine Erwartungshaltung an die Leute die TACHELESS hören außer, dass sie ihr Hirn benutzen, mehr Dinge hinterfragen und für sich selbst und ihre Mitmenschen einstehen. Wir wollen aber niemanden belehren. Jeder muss seine eigene Wahrheit finden und in seiner eigenen Hölle zurechtkommen.

Ich denke die Welt würde sich schon positiv verändern, wenn die Menschen nicht so verblendet wären. Vor allem die Medien verbreiten so viel Unsinn das einem schlecht wird. Dabei erkennt man die Lüge und Manipulation schon auf den ersten Blick, wenn man sich denn nur mal ein paar Sekunden Zeit zum Nachdenken nimmt, anstatt alles blind in sich aufzusaugen. Der Beschiss fängt schon in ganz kleinem Rahmen an und endet in den größten politischen Lügen. Das funktioniert nur, weil die Menschen in den sogenannten Wohlstandsländern zu bequem und satt geworden sind um sich um irgendwas zu scheren.

Genug der Politik, kommen wir wieder zur Musik. Wenn du einen Soundtrack für deine Beerdigung zusammenstellen könntest, wie würde der aussehen?

Komische Frage. Da ich ja dann bereits tot bin, würde ich die Zusammenstellung lieber Freunden und Verwandten überlassen [Manche sachen – Testament, Soundtrack, etc. – erledigt man eben besser vorher! -Anm. d. V.] . Ich sehe niemanden in meinem Umfeld gerne traurig; und das wären bei meinem Ableben vielleicht manche, also wäre etwas positive Mucke ganz gut. Oder doch lieber was theatralisches? Dann würde „Sunwar The Dead“ von ELEND laufen. Ne echt, keine Ahnung und ich hoffe die Frage stellt sich mir auch nicht so bald.

Wie stellst du dir die optimale Zukunft für deine Band vor?

Weitere Alben veröffentlichen (hoffentlich endlich mal auf Vinyl!), jede Menge geile Gigs spielen und neue Hörer dazugewinnen. Mehr nicht. Wir haben keine Ambitionen unsere Visagen auf dem Cover vom Metalhammer zu sehen oder Headliner auf dem W.O.A. zu werden. Endlich mal auf Tour gehen zu können wäre natürlich großartig! Aber Hauptsache wir können noch so lange zusammen Musik machen bis sich uns deine vorherige Frage stellt.

Okay, genug jetzt. Du bist entlassen! Möchtest du noch irgendwas loswerden?

Ja, vielen Dank für das Interview! Wer sich unser neues Album „The World Keeps Burning“ komplett anhören möchte kann dies unter www.grindattack.de tun.
Den Vorgänger „Freiheit“ gibt’s zum kostenlosen Download bei www.moshpittragedy.com
Prost und Danke!

16.02.2011
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