Afterbirth - Four Dimensional Flesh

Review

Ich stelle mir den Gedankengang, der zur Gründung von AFTERBIRTH geführt hat, ungefähr so vor: „Okay okay, checkt das mal aus: Höhlenmenschen. But in spaaaaaaaace!“ Naja, zumindest in meinem Kopf klang das amüsant. Und mein Amüsement mit „Four Dimensional Flesh“ hört dort noch lange nicht auf.

Herrlich: Die Instrumentalfraktion sägt sich durch die Flora, während sich Sänger Will Smith (nein, nicht DER Will Smith, wobei das sicher auch lustig wäre) wie ein von Aliens besessener Kaffeeautomat einen abgurgelt. Quasi Buchstabensuppe, aber gefühlt nur mit den Buchstaben Y, E, U, R, G und H. Große Wortakrobatik also. Doch statt haufenweise Keule auf Omme mit klobigen Grooves gibt es haufenweise Feinmotorik an den Saiten mit lockerer Rhythmik und damit einen Fingerzeig darauf, dass die New Yorker vielleicht doch nicht die mit dem Blubber-Metal-Eintakter fahrenden Primaten sind, die sie auf den ersten Hör vorgeben zu sein. Willkommen im Sound von AFTERBIRTH, wo der Urknall Caveman Death mit technischem Cyber Metal und einem dezenten Hang zu bizarr schönen Melodien zu einem biestigen Mutanten zusammengeschweißt hat.

„Four Dimensional Flesh“ scheint nur auf den ersten Hör primitiv

Und es lebt! Einer der Gründe dafür ist Colin Marston, der dem ein oder anderen u. a. als Saitenmalträtierer von BEHOLD… THE ARCTOPUS bekannt sein dürfte. Er hat die Regler bedient, die „Four Dimensional Flesh“, das zweite Full-Length-Album der hier gegenständlichen New Yorker, seine Form verliehen haben. Der Sound ist durchaus kalt und klar, aber nicht klinisch, sondern dynamisch und fürwahr lebendig. Das macht sich spätestens dann gewinnbringend bemerkbar, wenn sich mit „Girl In Landscape“ die erste von mehreren, unerwartet einladenden Soundlandschaften vor des Hörers geistigem Auge ausbreitet und zum Verweilen einlädt, fast so, als würden AFTERBIRTH mal kurz für die jeweilige Dauer eines Motivs in Richtung Shoegaze abbiegen, später im Falle von „Dreaming Astral Body“ nach „Girl“ abermals in Songlänge.

Um bei der Metapher des Mutanten zu bleiben: Es wirkt so wie ein Überbleibsel der Menschlichkeit, die aus dem Monstrum heraus hervorblitzt. Es klingt zum Beispiel in „Everything In Its Path“ bisweilen ein bisschen so, als würden sich die Höhlenmänner auf dem Weg zum nächsten Handgemenge gelegentlich von einigen hübschen Blümchen am Wegesrand ablenken lassen und diese einfach nur genießen, bevor sie der Trieb zum Hieb zurück auf den Pfad treibt. Ach und der Homo ist bereits ein Errectus, sprich: Die Grooves sind wie oben angedeutet nicht plump, sondern sitzen dank Keith Harris‘ pointiertem Schlagzeugspiel leichtfüßig und elegant. Meistens zumindest, „Swallowing Spiders“ sei als Beispiel schwererer Rhythmik und damit als stellvertretende Ausnahme genannt.

AFTERBIRTH wissen mehr als nur einmal mit unerwarteter Grazie zu überraschen

Aber die sonst Slam-typisch ubiquitäre Heaviness und Tightness würde sich ohnehin nur mit dem technischen Charakter von „Four Dimensional Flesh“ beißen. Es war also durchaus weise von Seiten Marstons (und letzen Endes von Seiten der Band), den Sound vergleichsweise luftig und ausgeglichen zu halten. Dadurch kann sich Griffbrettflitzer Cody Drassler gehörig austoben und so richtig dick auftragen, ohne das gesamte Hauptfeld konstant zu überlagern – ein großes Plus für Klang-Trüffelschweine, die auf so einen Scheiß achten! Ebenfalls großes Lob: Der Bass von David Case kommt gut zur Geltung und darf gleich munter mitwuseln. Überhaupt wuselt es hier bei AFTERBIRTH, wo es nur geht. Wer eine Aversion gegen Genudeltes hat, dürfte hier teilweise tiefrot sehen.

Aus der Ferne betrachtet und auf die Schnelle gehört erscheinen sie als fummelfreudige Steinzeitmenschen. Doch aus der Nähe betrachtet bietet „Four Dimensional Flesh“ gemäß der auf dem Cover angedeuteten Maurits Cornelis Escher-Ästhetik eine Komplettmassage für das Gehirn, die verschiedene Stimuli auslöst. Der erste dürfte möglicherweise bei vielen erst einmal Verwunderung ob des Gehörten sein. Doch je länger man zulässt, dass sich AFTERBIRTH in die Hirnwindungen hinein kneten, desto mehr kommt man in „Four Dimensional Flesh“ hinein – und letzendlich nicht mehr heraus. Und dann fängt man an, die ganzen, intrikaten Details darin zu erkennen und zu schätzen.

Wer sich daran nicht erfreuen kann, sollte aber zumindest versuchen, die tontechnische Kunst hierhinter zu schätzen.

10.12.2020

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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