At The Plates - Omnivore

Review

Man kann sich einen schlechteren, musikalischen Entrée ins neue Jahr vorstellen, als Melodic Death Metal der klassischen Göteborger Schule. Es ist bekömmlich, liegt nicht zu schwer im Magen um dem möglichen Hauptgang in die Quere zu kommen und entpuppt sich im Bestfall doch als ein erinnerungswürdiges Schmankerl, das ins kulinarische Schwärmen bringt – ein Klassiker eben, mit dem man nicht viel verkerht macht. Mit einem Bandnamen wie AT THE PLATES und dazu passendem Bandlogo machen die Marylander keinen Hehl aus der Kost, die hier auf ihrem zweiten Album „Omnivore“ serviert wird. Augenzwinkernd wird ein Melodeath-Mahl aufgefahren, garniert mit jeder Menge Puns für Foodies. Ich meine: Das Debütalbum des Trios hörte auf den Namen „Starch Enemy“. Da kann einem ja nur das Wasser im Munde zusammenlaufen angesichts des vorliegenden Zweitlings, oder?

Vom „Starch Enemy“ zum „Omnivore“

Trotz flatternder Augenlider präsentiert sich der Nährstoffgehalt von „Omnivore“ als ausgewogen und das geschmackliche Bouquet gleichermaßen als komplex und komplementär. Auf der Menükarte steht Melodic Death nach schwedischem Gusto, der neben AT THE GATES noch Spuren früher bis mittlerer DARK TRANQUILLITY aufweist. Doch die US-amerikanische Küche scheint in Form von prägnanten ARSIS-Aromen immer wieder durch und lässt die technische Finesse erahnen, die hinter der Zubereitung dieses Mahls steckt. Hier kommt aber auch die Leidenschaft des modernen Foodies für die internationale Küche zum Vorschein, denn nicht nur finden Schwedentod mit überraschendem Hang zu melancholischer Epik und US-Tech-Death zusammen, sondern werden an passenden Stellen auch mit norwegischer Schwarzwurzel garniert, die noch einmal ein gewisses Extra an eigentümlicher Würze ins Gericht bringt.

Ebenjene Mixtur trifft den Gaumen direkt beim einleitenden „With Their Cutlets, He’ll Marinate“ mit voller Wucht und all ihren Facetten – fürwahr eine Geschmacksdetonation, sicher auch unterstützt durch die Hochwertigkeit der Zutaten, die zur Verwendung gekommen sind. Lebensmittelkritiker mögen an dieser (und anderer) Stelle möglicherweise direkt die Textur anmäkeln, die nicht ganz auf Sternekochniveau rangiert – und zugegeben: Es hat tatsächlich schon eher bürgerliches Flair. Doch es ist letztlich dieser Human Touch hinter der Anrichtung, die „Omnivore“ erdet. Und ob man einen Teller als Leinwand für die kulinarische Selbstverwirklichung zweckentfremden möchte, ist letztlich Ansichtssache. AT THE PLATES jedenfalls finden ein gesundes Mittelmaß zwischen zweckdienlicher Darreichung und angemessen appetitlicher Präsentation, gerade elegant und stilvoll genug, um sämtliche Sinne des durchschnittlichen Gaumens anzusprechen.

AT THE PLATES rufen zu Tisch

Der geneigte Melodeath-Connaisseur muss dabei ohne die Zuhilfenahme einer modernen Klargesangs-Vinaigrette oder diverser Synth-Geschmacksverstärker auskommen. In dieser Hinsicht geben sich AT THE PLATES einigermaßen puristisch und abgesehen von einigen Samples wie das zischende Geräusch einer Fritteuse oder ein Sprachsample zu Beginn von „Open Buffet Surgery“ bleibt es bei der todesbleiernen Hausmannskost. Das reicht aber auch, denn wie beschrieben: „Omnivore“ ist als ausgewogenes Geschmackserlebnis ausgelegt und nicht als ein Höhepunkt, auf den sämtliche Zutaten hinarbeitend ausgerichtet sind. Das bedeutet auch, dass Klasse hier vor allem durch das geschmackliche Zusammenspiel der verschiedenen Elemente entsteht. Diesen diffizilen Drahtseilakt meistern die US-amerikanischen Köche aber über die meiste Zeit mit Bravour.

So folgt auf die weiter oben angerissene Vorspeise „With Their Cutlets, He’ll Marinate“ mit „Kitchen Gone“ ein atmosphärischer Melodeath-Happen mit angeschwärztem Unterbau, der vor allem durch die wohlschmeckenden, den Gaumen streichelnden Arpeggios richtig auflebt. Unterdessen preschen klassisch schwedische Aromen in „Punish My Waistline“ mit Volldampf nach vorne und stellen sich in den Vordergrund. Der Titeltrack ist ein herrlich schmachtendes Instrumental zum beseelten Wegfliegen, das folgende „Roastwell 47“ schlägt dann umso heftiger mit deftigem Tech-Death-Umami zu. Hier weht sogar ein Hauch Duplantier-Küche herüber. Das wird im folgenden Instrumental-Happen „Into Everlasting Fryer“ noch einmal vertieft, bei dem Röstaromen das Geschehen atonal aber nicht zu sehr gegen den Strich kontrastieren. Und den Abgang macht „Northern Frites“, das die gesamte geschmackliche Palette noch einmal Revue passieren lässt.

Ein schmackhaftes Mahl für den Connaisseur des klassischen Göteborg-Sounds

Der hier gewählte, puristische Ansatz, der den Göteborg Death Metal wieder ein Stück weit zurück in rustikalere Zeiten bringt, ist definitiv ein willkommener Geschmack dieser Tage. Dass AT THE PLATES letztlich noch an ihrer Textur und der Anrichtung arbeiten müssen, ist letztlich nur ein kleiner Wehrmutstropfen eines ansonsten wunderbar mundenden Menüs, das nur im ersten Moment wie ein Gimmick-Fraß anmutet, hinter dem sich jedoch die erstaunlich kompetente Küchenkunst von Tony Rouse, Tyler McCarthy und Mario Alejandro verbirgt. Angesichts der stilvollen Umsetzung gerät der vermeintliche Humor-Faktor, der den Kellermensch möglicherweise abschrecken könnte, schnell ins Hintertreffen. Wenn entsprechend der Feinschliff erfolgt ist, könnten diese drei Köche bald in der ersten Liga mitkochen. Vielleicht reicht es ja schon, um diverse Festivals kulinarisch aufzumischen …

09.01.2024

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

Exit mobile version