Besvärjelsen - Till Glömskan - Ad Oblivionem
Review
Keep it simple. Leichter gesagt als getan, denn wann ist man als Künstler schon mal echt zufrieden mit der eigenen Arbeit (wenn man nicht gerade einfach nur zum Produzieren der nächsten, vertragsbedingten Auftragsarbeit im Studio gastiert)? Die schwedischen Doom Metaller BESVÄRJELSEN befolgten dieses Motto aber von ihrem noch freizügiger im den sinnigen Genre-Umfeldern wühlenden Full-Lenth-Debüt „Vallmo“ kommend auf dem deutlich stringenteren „Atlas“ – und das zahlte sich aus angesichts eines durchschlagskräftigen Werkes, bei dem auf Hörerseite das Gewicht jeder einzelnen Note zu spüren war. Alles, was die Schweden mit DNA aus dem GREENLEAF-Umfeld benötigten, war geradeaus gespielter Doom mit noch wahrnehmbarer Verwurzelung im Stoner-Bereich, der aber volle Kanne ins emotionale Epizentrum auf Empfängerseite abzielte und traf. Das schafften die Dame und die Herren sicher auch dank der emotionalen, souligen Gesangsdarbietung ihrer Fronterin Lena Amling Alazam.
Kein Rascheln im Wald – ein Wummern!
Vier Jahre hat es nun gedauert, bis der Nachfolger „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ nun endlich erscheinen sollte. Im Grunde bleiben sich die Schweden mit ihrem Veröffentlichungsrhythmus damit treu, aber vermutlich ist der Band hier neben den übrigen Projekten der Beteiligten sicher auch ein Stück weit die Schwangerschaft der Frontfrau dazwischen gekommen, oder zumindest darf man in diese Richtung mutmaßen angesichts Amling Alazams Kommentar zur Vorab-Single „Accelerating Hearts“ (wir berichteten). Eine offizielle Bestätigung dessen gibt es jedoch zum Verfassungszeitpunkt nicht, sodass es bei der Hypothese von Seiten des Autors bleibt. Doch wo wir gerade bei Konstanten gewesen sind: Es regiert nach wie vor der Doom in seiner etwas Stoner-affineren Variante, die nach dem direkten Vorgänger „Atlas“ wieder etwas deutlicher zum Vorschein kommt. Gleich geblieben ist jedoch dessen geradlinige Herangehensweise ans Songwriting.
Dadurch ist „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ zu einem Album geworden, das sich während des Entstehungsprozesses scheinbar nicht so richtig zwischen Rock und Metal entscheiden konnte und daher einfach beides macht. Auf der einen Seite tragen die Gitarren richtig heavy auf, jaulen Gitarrenleads regelmäßig und leidenschaftlich mit einem schielenden Auge gen britischer Inseln auf, erheben sich majestätische, melancholische Gitarrenwände ehrfurchtgebietend vor den Ohren der Hörerschaft. Auf der anderen Seite haben die Schweden die Hosenställe offen und atmen locker durch die Buxe, während der Sound von „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ im verdeckten Cabrio durch das skandinavische Unterholz kurvt. Das Tempo ist entsprechend langsam (aber nicht Schrittgeschwindigkeit), denn im dichten Gehölz ist nicht viel mit schnell geradeaus fahren. Ebenso bleibt der Sonnenbrand und -stich aus, weshalb sich BESVÄRJELSEN auch eher chronisch abgekühlt als fiebrig heiß präsentieren.
BESVÄRJELSEN liefern eine dynamische Melange aus rockender Leichtigkeit und metallischer Schwere
Die eingangs quotierte Maxime „Keep it simple“ ist dabei der Kern des BESVÄRJELSEN-Sounds und der Grund, warum auch „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ hervorragend funktioniert, selbst wenn die emotionale Durchschlagskraft eines „Atlas“ nicht angekratzt wird. Das scheint aber zu keinem Zeitpunkt das Ziel gewesen zu sein, denn das neue Album der Schweden fühlt sich trotz seiner Trägheit, trotz der typisch für Skandinavier tief in Moll gehüllten Harmonien, die hier durch die Gegend gewuchtet werden, seltsamerweise an einigen Stellen schon irgendwie optimistisch an. Oder es ist zumindest seltsam, einen mit Klaviertupfern behangenen Doom-Klumpen in Form von „Drifters On A Quiet Stream“ zu hören, bei dem Amling Alazam wiederholt „The sun will shine“ proklamiert. Dank des kühlen, aber zu keiner Zeit trostlosen Sounds fühlt sich das ganze wie ein erfrischender Sommerregen an.
Die zuvor erwähnte Ambivalenz zwischen Rock und Metal ist natürlich keine gerade Linie, sondern eher eine Sinuskurve, heißt: Es ist mal mehr Metal, mal mehr Rock involviert, wobei das eine kaum ohne das andere exisitiert. Das ist natürlich beileibe nichts Revolutionäres, aber den Schweden geht dies in der Doom-Zeitlupe einfach so mühelos von der Hand, dass es zu jeder Zeit frisch und unverbraucht klingt. Und die Kurve ist in Bewegung, sodass zwischenzeitlich mal ein urgewaltiger Doom-Brocken wie „The Mountain“ den Boden erschüttert, während die Single „Accelerating Hearts“ mit Fred Burman-Feature (SATAN TAKES A HOLIDAY) vor allem an Anfang den Eindruck vermittelt, als wäre die Songidee aus einem heißen Flirt der QUEENS OF THE STONE AGE-Songs „Feel Good Hit Of The Summer“ und „Go With The Flow“ hervorgegangen. Und die männlichen Lead Vocals in „Black Wave“ sind eine erfrischende Überraschung, wobei nicht klar ist, von wem diese kommen.
„Till Glömskan – Ad Oblivionem“ ist gelebte Geschmacksmaximierung trotz konventioneller Zutaten
Im ersten Durchgang wirkt „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ zugegeben weniger beeindruckend wie sein Vorgänger – bis auf Hörerseite eben erst einmal einleuchtet, was die Schweden hier gemacht haben – und wichtiger: was ihnen gelungen ist. Das Album ist ein groovender Ritt durch die Wälder Schwedens, den BESVÄRJELSEN behandeln wie eine Spritztour durch die Mojave-Wüste. Bedingt durch die Heimat der Band finden Schwere und Melancholie zwangsläufig immer wieder in den Sound hinein und die großen Gänsehautmomente stecken auch in diesem Album drin, vor allem in wehmütigeren Doom-Monolithen wie „Counting Flies“ und dem balladesken Rausschmeißer „Oblivion“. Doch die Schwere des Metals und die inhärente Trübseligkeit des Doom halten die Schweden selten länger als notwendig von den vergnügteren Aspekten des eigenen Sounds ab.
Dass das irgendwie innerhalb einer Trackliste nebeneinander stehen und Sinn ergeben kann, verdanken sie letztlich einem geschickten Händchen fürs Songwriting und einem konsistent kühlen, aber einladenden Sound. „Till Glömskan – Ad Oblivionem“ ist selbstredend kein weltbewegendes Statement, das die Genres in irgendeiner Form aufbricht und neue Ufer ins Blickfeld rückt. Dafür sind die Zutaten, die in den Sound hineingefunden haben, doch zu irdisch. Dennoch haben BESVÄRJELSEN wirklich jede letzte Unze an Geschmack aus den verwendeten Zutaten herausgekitzelt und ein Gericht aufgetischt, das von vorn bis hinten praktisch ohne Ausfälle mundet. Und auf Hörerseite benötigt man noch nicht mal einen akademischen Titel, um hiermit Spaß zu haben. Wie gesagt: Keep it simple. Leichter gesagt als getan. Die Schweden haben es getan. Und zwar höchst erfolgreich.
Besvärjelsen - Till Glömskan - Ad Oblivionem
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Doom Metal, Stoner Rock |
| Anzahl Songs | 11 |
| Spieldauer | 42:40 |
| Release | 28.08.2026 |
| Label | Magnetic Eye Records |
| Trackliste | 1. The Greatest Sin 2. Accelerating Hearts 3. Battles 4. Counting Flies 5. Drifters On A Quiet Storm 6. The Mountain 7. Pulse 8. Interlude 9. Didn't Come To Party 10. Black Wave 11. Oblivion |
