Caligula's Horse - Rise Radiant

Review

Nachdem „Bloom“ die Australier von CALIGULA’S HORSE 2015 auf die internationale Prog-Karte brachte, folgte 2017 mit „In Contact“ das noch geschliffenere, noch hitlastigere Ausrufezeichen. Das Quintett bewies, dass moderner Prog weder überladen, noch vertrackt, noch depressiv sein muss. Inmitten einer durchaus schwermütig stimmenden Zeit fällt nun also die Veröffentlichung von „Rise Radiant“, dem fünften Streich von CALIGULA’S HORSE. Und der will deutlich hörbar mehr von allem.

Ihr Händchen für mitreißende Refrains haben CALIGULA’S HORSE nicht verloren

Um ihre mittlerweile etablierten Trademarks, von den schwelgerischen Leadgitarren auf stampfenden Staccato-Riffs über die so unschuldige wie majestätische Stimme von Sänger Jim Grey, haben CALIGULA’S HORSE auf „Rise Radiant“ ein Netz aus Sounddetails und Finessen gespannt.

So wartet schon die Leadsingle „The Tempest“ mit einem im Vergleich zum Vorgängeralbum deutlich erhöhten Keyboard-Anteil auf. Die Tastentöne verleihen den stampfenden Akkorden hier wahlweise in bester DREAM-THEATER-Manier eine zusätzliche Klangebene oder umspielen Greys Vocals während der Verse plätschernd aus dem Hintergrund. Eines macht „The Tempest“ dabei aber ebenso eindeutig wie der etwas konventioneller proggende Folgetrack „Slow Violence“ klar: Ihr Händchen für große und mitreißende Refrains haben CALIGULA’S HORSE nicht verloren.

Wirklich mutig wird es indes erst mit Track Nummer drei. Der Achtminüter schielt klar in Richtung Prog-Oper. Zwischen Klavierkaskaden, einer selbstbewussten Vocal-Performance, rhythmisch komplexer Fingerübungen und einem Leadgitarrenton zum Dahinschmelzen winken QUEEN, PINK FLOYD und STEVEN WILSON. Enorme Ambition geht hier in enormen Umsetzungserfolg auf. Und CALIGULA’S HORSE haben ihr Pulver zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht verschossen.

„Rise Radiant“ zieht alle Register

„Resonate“ fungiert zwar als rein elektronisches und extrem tiefenentspanntes Intermezzo und „Oceanrise“ fehlt es etwas an Dynamik, dann zieht „Rise Radiant“ aber nochmal an.

Mit „Valkyrie“ zunächst steht der vielleicht härteste Track des Albums an, noch besser gelingen CALIGULA’S HORSE anno 2020 aber, das wird spätestens beim Hören von „Autumn“ und „The Ascent“ klar, die Epen. Ersterer erinnert dank Greys markantem Organ an die Norweger von LEPROUS und verbreitet eine ungemein friedvolle Atmosphäre. Und mit dem Intro von „The Ascent“ ist den Australiern ein Riff gelungen, wie es sich problemlos auf einem Album aus der Death-Phase von OPETH eingefügt hätte – und das zelebrieren die Jungs für nicht einmal eine volle Minute.

CALIGULA’S HORSE ziehen auf „Rise Radiant“ alle Register. Es gibt mehr Gitarren, mehr Gitarrenverzicht, mehr Klavier, mehr Keyboards, mehr Minuten, mehr Drama – und es zeigt sich: Diese Band hat nach drei großartigen Alben noch immer unerforschtes Potential in alle Richtungen.

22.05.2020
Exit mobile version