Chain Collector - The Masquerade

Review

Mit GREEN CARNATION und IN THE WOODS … sind zwei ikonische Formationen des norwegischen Metals fernab des Schwarzwurzeltees wieder aktiv, die beide über längere Phasen zwischen den 2000er und 2010er Jahren mehr oder minder inaktiv waren. Es ist schön, dass beide Bands ihre Qualitäten (weitestgehend) nicht nur beibehalten, sondern auch ausgebaut haben. Die Musiker hierhinter waren allerdings abseits dessen sicher nicht untätig, Anders Kobro u. a. natürlich mit CARPATHIAN FOREST. Eine interessante Kuriosität, die 2005 das Licht der Welt erblickte und eine Zusammenarbeit von Kobro (CARPATHIAN FOREST, IN THE WOODS …) und Kijetil Nordhus (GREEN CARNATION) zusammen mit anderen Musikern aus dem weiteren Dunstkreis darstellte, ist das Full-Length-Debüt „The Masquerade“ von CHAIN COLLECTOR, in dem sich die genannten Norweger durchaus erfolgreich am Melodic Death Metal versuchten.

Melodeath aus dem Umfeld von GREEN CARNATION, IN THE WOODS … und CARPATHIAN FOREST?

Und obwohl man schon eine relativ deutliche Göteborg-Einfärbung an den Riffs wahrnehmen kann, hat „The Masquerade“ durchaus einige eigenständige Features zu bieten. Das gesangliche Tandem bilden der für die klaren Gesangsanteile zuständige Kjetil Nordhus, dessen goldene Kehle vor (etwas) härterer Klangkulisse eine erfrischend gute Figur macht und sein gutturaler Gegenpol Svenn-Aksel Henriksen, der jüngst wiederum seinen Weg als Keyborder ins Lineup von IN THE WOODS … gefunden hat und mit heiseren, zur Abwechslung mal nicht nach einem Stanne- oder Fridén-Abklatsch klingenden Vocals eine mehr als solide Vorstellung liefern sollte. Generell ist der Härtegrad angenehm hoch, nicht zu wüst aber durchaus zupackend, gelegentlich mit leichtem Hang zum Thrashigen.

Es riecht wie erwähnt natürlich zuvorderst nach Göteborger Schule, in dieser Hinsicht ist „The Masquerade“ schon ein Produkt seiner Zeit. Und ein paar der repetitiveren Riffs machen diesen Umstand etwas sehr offensichtlich. Wo sich CHAIN COLLECTOR dann aber absetzen sollten, sind Faktoren wie einerseits die für Göteborg-Verhältnisse recht trockene Produktion und andererseits das Songwriting, bei dem die IN THE WOODS …- und GREEN CARNATION-Handschrift dann immer wieder versatzstückweise durchsickern sollte, vor allem in den klar gesungenen Passagen. Besonders schön ist diese Ambivalenz zwischen Bleifuß-Melodeath und Vorzeige-Melancholie in „Project Savior“ zu begutachten, während „Crucifixion“ fast sogar ein reinrassiger GREEN CARNATION-Track sein könnte.

Die DNA hat CHAIN COLLECTOR auf jeden Fall Recht gegeben

Sprach unsereins zuvor vom Hang zur Repetition, wann immer CHAIN COLLECTOR etwas zu sehr gen Göteborg driften, so scheint es, als seien sich die Norweger dessen vollkommen bewusst gewesen. Gemeint ist, dass die Songs, deren Gitarrenarbeit von solch repetitiver Natur ist, üblicherweise mit den größten, mitreißendsten Refrains daher kommen. Seien es der – ja, warum nicht: Hit „Harvester“, bereits erwähntes „Project Savior“ oder „Fallen Angel“, dessen Hook wirklich alle Register in Sachen Dramatik und Theatralik zieht. An anderen Stellen atmen die Gitarren gern auch mal ein bisschen Rotz und Rock ’n‘ Roll, in denen die Rhythmik von zackigen Backbeats und strafferen Grooves in einen etwas beherzteren, lässigeren (Upper) Midtempo-Galopp wechselt.

Und gerade dann, wenn „The Masquerade“ in diesen groovenden Rotz-Modus wechselt, hat das Album die Angewohnheit, aus dem Göteborger Schema auszubrechen und den abgesteckten Melodeath-Rahmen ein bisschen aufzubrechen. Von den Tracks, auf die dies zutrifft, schlägt „Neverwhere“ noch am ehesten die Brücke zum etablierten Melodeath-Kern (sogar mit kleinem BOLT THROWER-Gedenk-Aufstampfer im Mittelteil), während „Tapping The Vein“ und „Wicked Mask“ den Sound schon etwas mehr aufdröseln. Hier kommt teilweise eine angenehm lässige Finsternis durch, auch wenn „Tapping The Vein“ speziell anfangs ein klein wenig unrund läuft. Es gibt also durchaus geschmackvolle Abwechslung über die Gesamtlaufzeit von „The Masquerade“. Da dürfen sich die Norweger ruhig auch schon mal mit dem sich gewissen Radiogewohnheiten anbiedernden Rausschmeißer „Winter Princess“ verabschieden.

„The Masquerade“ ist ein entdeckenswertes Kleinod aus den Mitt-2000ern

Mit diesem Hang zu sich wiederholenden Riff-Konstrukten gerade in den Göteborg-lastigeren Passagen ist „The Masquerade“ weißgott keine unsterbliche Pioniersarbeit. Aber es ist eben eine interessante Kuriosität aus vergangenen Tagen, die damals zu gleichen Teilen Produkt ihrer Zeit gewesen ist, zugleich kraft der kreativen Köpfe hierhinter jedoch reichlich Eigenständigkeiten vorzuweisen hatte. Die hierzulande via Massacre Records vertriebene Platte ist jedenfalls ein nettes, wenn auch nicht tadelloses Scheibchen der Mitt-2000er, dem 2008 noch eine weiter Platte namens „Unrestrained“ folgen sollte, ehe sich die Band in die Inaktivität verabschieden sollte.

Im Grunde war dies aber von Anfang an absehbar, da die Arbeiten an dem vorliegenden Vollzeit-Debüt durch die Touraktivitäten der einzelnen Mitglieder in ihren jeweiligen Stammbands verzögert wurde, sodass CHAIN COLLECTOR letztlich allmählich den Weg aller kurzweilig spaßigen, aber rein organisatorisch nicht wirklich haltbaren (oder rentablen) Supergroups gehen mussten. Offiziell gilt die Formation als (noch) nicht aufgelöst, aber Nordhus ist nicht mehr Bestandteil des „aktuellen“ Lineups und der Status der Band wird lt. Metal Archives als „Unkown“ geführt, sodass eine neue Veröffentlichung der Band eher unwahrscheinlich ist. Einen Grund mehr, dieses kuriose Kleinod noch einmal auszugraben und zu genießen …

25.03.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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