For All We Know - For All We Know

Review

Aufgrund der ungeplanten Schwangerschaft von Sängerin Sharon den Adel legen WITHIN TEMPTATION eine ungewohnt lange Pause zwischen ihrem jüngsten Album „The Unforgiving“ und der zugehörigen Tour im Herbst ein. Und was tun die übrigen Bandmitglieder, um nicht zur Untätigkeit verdammt zu sein? Richtig, sie wenden sich eigenen Solo-Projekten zu. Im Falle von Gitarrist Ruud Jolie hört dieses auf den Namen FOR ALL WE KNOW und stellt alles andere als einen schnell aus der Hüfte geschossenen Pausenfüller dar. Das Songmaterial ist über die vergangenen vier Jahre hinweg entstanden und hat damit eindeutig die nötige Reife erlangt, um in der Szene auf sich aufmerksam zu machen.

Musikalisch entfernt sich der Charakterkopf deutlich von seiner Hauptband. Statt symphonischem Bombast und Gothic-Pomp gibt es hier erstklassigen Progressive Metal. Vielleicht liegt es an Sänger Wudstik, dessen gleichermaßen nüchterne wie ausdrucksstarke Stimme bereits auf dem letzten AYREON-Album „01011001“ zu hören war, jedenfalls meint man sofort die holländische Herkunft herauszuhören. Tatsächlich stehen die Songs aber Arjen Anthony Lucassens jüngerem GUILT MACHINE-Projekt näher als seiner Hauptband und überzeugen mit einem etwas reduzierteren, introvertierten Ansatz.

Dennoch ist es progressive Komplexität, die die Songs dominiert. Nur eben mit größerem Gewicht auf der emotionalen als auf der technischen Seite. FOR ALL WE KNOW profitiert insgesamt deutlich von der Erfahrung, die Ruud Jolie außerhalb von WITHIN TEMPTATION bei Bands wie AQUA DE ANNIQUE oder der DAMIAN WILSON BAND gesammelt hat. Bei letzterer spielte er bereits mit ex-PAIN-OF-SALVATION-Bassist Kristoffer Gildenlöw zusammen, der nun FOR ALL WE KNOW mit seinem Bass-Spiel und Backing Vocals bereichert.

Neben einer großartigen Gesamtatmosphäre hat „For All We Know“ aber auch einige herausragende Einzelstücke zu bieten. Der flotte Ohrwurm „Busy Being Somebody Else“ klingt fast schon poppig, wogegen „I Lost Myself Today“ mit einer schönen Gitarren-Melodie von John Wesley (PORCUPINE TREE) eher ruhig-verträumt daherkommt. Bei „Keep Breathing“ wird anschließend ein groß angelegtes Namedropping auf engstem Raum betrieben: Mit Daniel Gildenlöw (PAIN OF SALVATION), Sharon den Adel (WITHIN TEMPTATION), Damian Wilson (u.a. THRESHOLD, STAR ONE), Ruud Houweling (CLOUDMACHINE), Anke Derks und Tom Sikkers (DAYBROKE) finden sich hier sechs hochkarätige SängerInnen zu einem nicht einmal zweiminütigen Kanon zusammen, der als kurzes Zwischenspiel tief unter die Haut geht.

Entspannt und unaffektiert baut das Album über eine Stunde hinweg einen extrem belastbaren Spannungsbogen auf, der seinen vermeintlichen Abschluss im mit einer angenehm positiven Wohlfühl-Melodie versehenen „Open Your Eyes“ findet. Als eine Art Coda schließt sich daran die Akustik-Ballade „Nothing More…“ an, die ein starkes und herrlich unfrickeliges Prog-Metal-Album beschließt. Wenn dabei ganz unerwartet Raum für Solo-Projekte wie dieses entsteht, dann darf die gute Sharon den Adel meinetwegen gerne noch öfter ungeplant schwanger werden.

30.05.2011
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