Lucid Dreaming - Upon The Barricades

Review

Mutig und packend präsentieren sich LUCID DREAMING auf ihrem vierten Werk „Upon The Barricades“. Das Album greift mit der gescheiterten Revolution von 1848 ein zentrales, heute jedoch oft vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte auf – eingebettet in eine Gegenwart, in der nationale Symbole wieder verstärkt diskutiert werden. Till Oberboßel bereitet den Stoff frei von Nationalismen und so zugänglich auf, dass Hörer:innen automatisch nach weiteren Informationen suchen. Diesen Spagat meisterten zuvor bereits Legenden wie IRON MAIDEN („Alexander The Great“) oder ICED EARTH („The Glorious Burden“). An deren Flughöhen reicht „Upon The Barricades“ noch nicht ganz heran, es bleibt aber ein ausgesprochen starkes Album. Die zahlreichen Gastsänger erinnern an klassische Metal-Opern, musikalisch dominieren jedoch druckvolle Power-Metal-Riffs statt symphonischer Keyboardwände.

1848 als erzählerisches Fundament

Hinter LUCID DREAMING steht Till Oberboßel (ELVENPATH). Nach seiner Fantasy-Trilogie „The Chronicles“ richtet er den Fokus nun auf die deutsche Revolution von 1848. Er zeichnet das Ringen um Freiheit, Demokratie und den Nationalstaat nach – vom Wiener Kongress bis zum tragischen Scheitern der Aufständischen, von denen viele als sogenannte „Forty-Eighters“ ins Exil nach Übersee flohen. Auf dem Cover weht die schwarz-rot-goldene Fahne. Sie geht auf die Fahne der Jenaer Urburschenschaft zurück, die die drei Farben erstmals vereinte und zum Symbol der liberalen und nationalen Bewegung machte.

Musikalisch regieren bodenständige Gitarren statt pompöser Keyboardwände. Zweistimmige Riffs und treibende Drums, letztere dynamisch eingespielt von Alex Holzwarth (u. a. SIEGES EVEN), prägen den Sound. Produzent Uwe Lulis verleiht dem Werk ein warmes, organisches Klangbild, das sich wohltuend von sterilen Studio-Standards abhebt. Teutonische Trademarks im Stil von HELLOWEEN, BLIND GUARDIAN oder GAMMA RAY verschmelzen mit knackigen US-Metal-Anleihen von SAVATAGE bis JAG PANZER.

Große Stimmen und starke Songs auf „Upon The Barricades“

Eine beeindruckende Gästeschar trägt das Konzept. Sänger wie Ralf Scheepers (PRIMAL FEAR), Zak Stevens (SAVATAGE), Blaze Bayley, Piet Sielck (IRON SAVIOR) oder Harry Conklin (JAG PANZER) schlüpfen direkt in die Rollen des Dramas. Die prominenten Namen verkommen nicht zum Selbstzweck. Anders als bei mancher Metal-Oper entsteht kein Staraufgebot um seiner selbst willen – die Sänger agieren als handelnde Figuren einer gemeinsamen Erzählung.

Das epische „Confederation“ eröffnet majestätisch die Szenerie. „Black And Red And Gold“ zündet als hochdynamischer Speed-Kracher. „Tyrant In Disguise“ überrascht als wütender Brecher mit Blastbeats und giftigen Shouts von TANKARD-Sänger Gerre. „Parliament Of Spring“ vertont die Debatten der Frankfurter Paulskirche vielschichtig. Im intimen „Farewell (Blum’s Last Letter)“ trägt Harry Conklin den Abschiedsbrief Robert Blums ergreifend und frei von überflüssigem Bombast vor. Das fast neunminütige Finale „Puppets On Strings“ führt den gescheiterten Traum schließlich bittersüß zu Ende.

LUCID DREAMING geben Geschichtsunterricht mit Gitarren

Mit „Upon The Barricades“ gelingt LUCID DREAMING mehr als ein ambitioniertes Konzeptalbum. Till Oberboßel verbindet historische Themen mit klassischem Heavy- und Power Metal, ohne belehrend zu wirken oder in Nationalromantik abzudriften. Er erzählt ein wichtiges Kapitel der Vergangenheit fesselnd und musikalisch abwechslungsreich. Die markanten Stimmen, der warme Sound und die starke Gitarrenarbeit sorgen für ein ebenso intelligentes wie unterhaltsames Hörerlebnis. Unter dem Strich steht ein außergewöhnliches Werk, das seine Idee kompromisslos verfolgt – und dazu anregt, sich intensiver mit den historischen Hintergründen zu beschäftigen.

31.08.2026

From the Underground and Below

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