Roky Erickson - The Evil One
Review
Erickson. Roky Erickson? Irgendetwas klingelt da …
If You Have Ghosts
„If you have ghosts then you have everything/You can say anything you want/And you can do anything you want/If you have ghosts then you have everything.“
2013: GHOST sind auf dem Weg zu Superstars. Unter der Führung von Papa Emeritus II. erschaffen sie die EP „If You Have Ghost“, Produzent ist Dave Grohl. Die Platte besteht im Wesentlichen aus Coverversionen und faszinierend ist vor allem das Titelstück (mit den Geistern im Plural): ein sakral-melancholischer Ohrwurm mit geradezu hypnotisierender Wirkung. Unter der polierten Oberfläche lauert etwas Verstörendes. Das Original stammt von einem Mann namens Roky Erickson.
White Faces
„White faces/Always haunt me so beautifully/Burning temples/Meditating churches/Always bring out the white of the devil in me.“
2008: THE DEVILS BLOOD sind neu und aufregend. Eingeweihte preisen die frühen Konzerte der Band euphorisch als nahezu (spi)rituelle Erfahrung. Der brennende Okkult-Rock der Band um das Geschwisterpaar Selim und Farida Lemouchi ist heiß, gefährlich, satanistisch, blutig. Er wirkt echt. Kurz vor der ersten LP feiert die Szene eine EP: „Come, Reap“. Neben dem Titelsong sticht ein Stück hervor: „White Faces“. Sängerin Farida wird eine andere Band später „The White Faces“ nennen. Zu dem Zeitpunkt hat ihr Bruder Selim diese Welt bereits aus freien Stücken verlassen. Er hatte den Komponisten des besagten Stückes als einen seiner künstlerischen Haupteinflüsse bezeichnet: Roky Erickson.
Night Of The Vampire
„The moon may be full, the moon may be white/All I know is you will feel his bite/Tonight is the night of the vampire!“
1995: ENTOMBED veröffentlichen eine grandiose Split-Single mit der besten Punk-Rawk-Band der Welt, den NEW BOMB TURKS. Aufsehen erregt ihr Beitrag „Night Of The Vampire“ vor allem durch das zugehörige Video, in dem die immer noch jungen Schweden mit Plastikgebissen durch den Friedhofsschnee tollen. Es flimmert bewusst albern über die Bildschirme der Freundinnen und Freunde abseitiger Kunst. Und doch: Das mächtig grollende, schleppende Stück ist fesselnd böse. Kurz vor Schluss taucht ein Grabstein für Sekundenbruchteile auf, Inschrift: „ROKY“.
The Evil One
1980: Roger Kynard „Roky“ Erickson veröffentlicht alle drei Stücke und mehr auf „The Evil One“. Eine weitere Version erscheint 1981 und die ultimative 2013 (s. u.). Teilweise gibt es die Lieder in anderen Versionen bereits zuvor. Produziert hat das Ganze Stu Cook, der ehemalige Bassist von CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL. Im Vergleich zu ihren prominenten Interpretationen wirken die wahlweise weniger muskulösen oder herausgeputzten Originalsongs beim Erstkontakt unspektakulär. Doch irgendwas ist mit ihnen. Irgendwas STIMMT NICHT.
Mine Mine Mind
„Mine mine mind/Mine mine mind/Mine mine mind/Mine mine mind …“
Und wirklich: In Roky Ericksons Leben stimmt einiges nicht. Mit der krachigen, doch durchaus vielschichtigen Musik der Psychedelic-Rocker 13TH FLOOR ELEVATORS und wilder Performance erlangt der Texaner in der 1960er-Jahren Bekanntheit in einschlägigen Kreisen. Die Zahl der LSD-Trips steigt von Erzählung zu Erzählung, Drogen sind aber tatsächlich ein Faktor. Bei Erickson wird irgendwann paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Man erwischt ihn mit einem Joint und es droht ihm ein langer Gefängnisaufenthalt. Stattdessen landet er in der Psychiatrie. Dort wird er über Jahre mit Tabletten und Elektroschocks „behandelt“. Die Einrichtung verlässt Erickson Mitte der 1970er-Jahre schwer beschädigt. Musik macht er in unterschiedlichen Konstellationen während der folgenden Jahre meist dennoch, zumindest anfangs.
Geprägt ist das Leben des Mannes im Weiteren von Zusammenbrüchen und Verlorenheit. Er ist sich sicher, dass ein Marsianer Besitz von seinem Körper ergriffen habe, sammelt Werbepost und schreibt toten Prominenten. Nach Jahren des Niedergangs erlangt sein jüngerer Bruder die Vormundschaft über den gestrauchelten Künstler. Er lenkt Rokys Leben in geordnetere Bahnen, organisiert ein musikalisches Comeback. Das verkannte Genie veröffentlicht wieder Musik, zuletzt im Jahr 2010 ein geschätztes Album mit OKKERVIL RIVER als Begleitband. Konzerte gibt es auch wieder. Roky Erickson stirbt 2019 im Alter von 71 Jahren.
Creature With The Atom Brain
„Creature with the atom brain/Why is he acting so strange?“
Billy Gibbons von ZZ Top hält im Vorwort eines Buches über Leben und Werk Ericksons (s. u.) fest: „He stands alone to this day and is revered as an artist because he had the gift of a wonderful voice.“
Ungeachtet dessen ist technisch gesehen weder Ericksons Stimme umwerfend noch spielt er Gitarre wie kein Zweiter. Und seine Mischung aus (Hard-)Rock und Psychedelic, vorgetragen mit Garage-Punk-Attitüde und einem Hauch CREEDENCE-Swamp ist ebenso wenig spektakulär. Und doch ist vor allem „The Evil One“ ein dunkles, gleichsam in allen Farben des Wahnsinns schimmerndes Juwel. Denn – und das meinte Gibbons mutmaßlich – des Meisters Stimme ist unverkennbar, er hat ein unglaubliches Händchen für Hooks und insgesamt eingängige Songs. Und: Der Mann vertont vordergründig die Storylines aller B-, eher noch C-Movies, die etwas darauf halten, es nur mit Pappmaschee und schlechtem Geschmack unter die Ladentheke geschafft zu haben. Stichwort: Creature With The Atom Brain.
I Think Of Demons
„Lucifer, Lucifer, Lucifer, Lucifer/Who’s been waiting on you?“
Doch das Magische ist, dass all die Geschichten um Zombies, zweiköpfige Hunde, Dämonen, Vampire und die Kreatur mit dem Atomgehirn bei ihm eben nicht albern wirken. Sie können es nicht. Denn Roky Erickson denkt sich die Geschichten nicht aus. Er erlebt sie im Traum und muss sie im Wachen weitertragen. Sie sind echt. Und so tragisch der Hintergrund sein mag – einen Teil der Stücke schreibt Erickson Jahre zuvor in der Psychiatrie – so entsteht dadurch doch Großes. Ein begnadeter Songwriter und hingebungsvoller Musiker gebiert im Kampf mit den Kreaturen, den Dämonen in seinem Kopf Musik für die Ewigkeit. Das klingt schon arg pathetisch – zumal die Rede von einer eher unbekannten Platte ist, die beim Vorbeistreamen immer droht, einfach durchzurutschen.
Two-Headed Dog
„Two-headed dog, two-headed dog/I’ve been working in the Kremlin with a two-headed dog.“
Aber dennoch: „The Evil One“ ist eins der wenigen Alben mit ausschließlich Hits. Es ist auf beunruhigende Art ergreifender als alles, was seine prominenten Fans gekonnt aus ihm gemacht haben. Es ist das Opus Magnum eines der größten Rockmusiker von allen: Roky Erickson. Leute, der Mann hat mit einem zweiköpfigen Hund im Kreml gearbeitet.
Zu empfehlen ist die toll aufgemachte physische Version auf Light In The Attic aus dem Jahr 2013. Sie enthält (wie andere Reissues vorher) fünf unverzichtbare Songs mehr als die Urversionen. Der Preis für alle Formate beschert mittlerweile allerdings, typisch für Roky Erickson, Albträume.
Weiterbildung zum Chef bietet in Buchform „True Love Cast Out All Evil: The Songwriting Legacy Of Roky Erickson (John and Robin Dickson Series in Texas Music)” von Brian T. Atkinson aus dem Jahr 2021.
Ebenfalls zu empfehlen ist die Dokumentation „You’re Gonna Miss Me“ von Keven McAlester, erschienen 2005. Beide Werke sind, auch das passt und muss wohl so sein, schwierig bzw. nicht ganz kostengünstig zu erlangen.
Ein Konzert aus dem Rockpalast gibt es bis 2099 dafür hier.
Roky Erickson - The Evil One
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Hard Rock, Psychedelic Rock |
| Anzahl Songs | 15 |
| Spieldauer | 52:28 |
| Release | 05.09.2013 |
| Label | 415 Records/CBS/Light In The Attic |
| Trackliste | 1. Two-Headed Dog (Red Temple Prayer) 2. I Think Of Demons 3. Creature With The Atom Brain 4. The Wind And More 5. Don't Shake Me Lucifer 6. Bloody Hammer 7. Stand For The Fire Demon 8. Click Your Fingers Applauding The Play 9. If You Have Ghosts 10. I Walked With A Zombie 11. Night Of The Vampire 12. It's A Cold Night For Alligators 13. Mine Mine Mind 14. Sputnik 15. White Faces |
