Siddharta - Rh-

Review

Die Osterweiterung der EU ist in wenigen Wochen nun auch schon ein Jahr her. Geändert hat sich für die meisten von uns seither wohl weder Alltägliches noch Musikalisches. Stoff aus Polen oder Tschechien gab es ja auch vorher schon genug. Mit SIDDHARTA kommt aus Slowenien nun aber eine Formation, die noch von sich reden machen wird! In ihrer Heimat schon längst hochdekorierte Superstars, die Arenen füllen und mit ganzen Orchestern auftreten, wird der Bandname nun zum Programm. SIDDHARTA ist der „bürgerliche“ Name des Buddha, und bedeutet so viel wie „der sein Ziel erreicht hat“. In Slowenien ist das ohne Frage der Fall und deshalb schickt sich der sympathische Sixpack nun an, sein aktuelles, natürlich auch schon mit diversen Preisen ausgezeichnetes, Werk „Rh-“ in die übrigen Mitgliedsstaaten zu exportieren.
Um Metal handelt es sich bei SIDDHARTAs Mucke nur entfernt, eher um einen Mix aus Rock, folkloristischen Elementen, einigen mittelalterlichen Spurenelementen, hohem Keyboardanteil und viel, viel Pop-Appeal. Große Melodien, die sich schon im Ohr verankern, bevor der Song überhaupt zu Ende ist, machen dieses Album genauso leicht zugänglich wie schwer kategorisierbar. Um den Raum zu beschreiben, in dem sich die Kompositionen der Slowenen bewegen, muss man weit ausholen und wird dem ganzen doch nie gerecht! Ein scheuklappenfreier Ritt durch die Stile, wie ihn beispielsweise auch DIE APOKALYPTISCHEN REITER vollführen, die ungeheure, zuckersüße Melodik von HAVAYOTH, folkloristische Elemente wie auf FINNTROLLs „Visor Om Slutet“ Akustikalbum oder dem „Braveheart“ Soundtrack („Insane“, „Rain“), SAMAELsche Hymnenhaftigkeit und ständig wechselnde weitere Zugaben, wie zum Beispiel der an SYSTEM OF A DOWN erinnernde Sprechgesang in „Rooskie“, klingen wie unvereinbare Variablen. SIDDHARTA schaffen es aber, all das zu kombinieren und das Ergebnis auch noch erfrischend und unverbraucht klingen zu lassen! Auch wenn diese ganzen Referenzen nun metallischen Ursprungs sind, klingt „Rh-“ über weite Strecken oftmals gar nicht metallisch, sondern extrem radiotauglich. „Rh-“ ist eines dieser Alben, auf denen man jeden Tag einen neuen Lieblingssong hat, das tagtäglich von früh morgens bis spät abends rotiert und für jede Stimmung etwas zu bieten hat. Vom Folksong mit Flötenbegleitung („Insane“) über den pathetischen Düsterrocker mit RAMMSTEIN- und LAIBACH-Anleihen („T.H.O.R.“) bis zum lupenreinen Pop-Radioohrwurm („Kloner“) wird wirklich jede Facette abgedeckt und jeder Geschmack bedient.
Trotz dieser ungeheuren Wandlungsfähigkeit nimmt man der Band jeden Ton ab, sei er auch noch so vermeintlich kitschig (Achtung, Vocoder-Alarm bei „Venom E“!). Das Kunststück ist jedoch, dass die Songs diese Grenze tatsächlich nie überschreiten, denn genau dann, wenn das Schmalzfass überzulaufen droht, kriegen die sechs Jungs die Kurve und überraschen mit fetten Gitarren, die wie aus dem Nichts den Song in eine komplett andere Richtung treiben. Dass im selben Song („Venom E“) noch eine LIMP BIZKITsche Nu:Metal Einlage, technoide Synthie-Einsprengsel und zu guter letzt ein Groove wie in HIMs „Right Here In My Arms“ einsetzen, zeigt nur einmal mehr, wie unglaublich open-minded die Slowenen zu Werke gehen und wie perfekt sie die unterschiedlichsten Einflüsse zu einem stimmigen Ganzen verschmelzen. Von der Hitdichte her könnte „Rh-“ genauso gut ein kalkulierter Sampler sein, denn Ausfälle gibt es keine zu verzeichnen. Trotzdem sind die Songs stets stimmig und ergänzen sich schlüssig. Ihr wollt Anspieltipps? Schaut Euch das Backcover an und Ihr habt alle auf einen Blick! An diesem Album werden sich die Geister scheiden. Die einen werden es ob seiner Zugänglichkeit und Poppigkeit lieben, die anderen genau deshalb hassen. Ich liebe es.

19.03.2005
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