Sigh - Goh-Ka

Review

Der Metal aus Fernost ist zumindest in diesen Kreisen vermutlich noch vergleichsweise unterrepräsentiert. Aber einer der Wiederholungstäter, die in den (un-)heiligen Hallen der metal.de-Redaktion immer wieder gern gesehen und gehört ist, dürfte Mirai Kawashima und sein wildes Genre-Allerlei sein, das er mit seiner einst im Black Metal gestarteten Band SIGH seit nunmehr auch schon weit über 30 Jahren feilbietet. Und während man besagte Black Metal-Wurzeln klanglich praktisch nur noch erahnen kann, bleibt der Stil des japanischen Trios (zzgl. Session- und Gastmusiker, darunter ein Gewisser Herr Mikael Åkerfeldt) ein ausgesprochen Eklektischer. Stimmungsvolle Elektronik, Seventies-Psychedelik, japansiche Volksmusik, Klassik und natürlich die Metal-Einflüsse, die alles zusammenhalten und von triolischen Wikinger-Märschen über dicke Grooves hin zu thrashigen Ausbrüchen reichen, beschreiben das Klangbild, das Kawashima auch heuer auf dem neuen Album „Goh-Ka“ zur Schau stellt.

Mirai Kawashima und sein musikalisches Allerlei sind zurück

Wer den jüngeren Output der japanischen Formation verfolgt hat, den wird dieser Genre-Mix vermutlich weniger erstaunen. Dem Vorbild der Vorgänger „Heir To Despair“ und „Shiki“ folgend haben Kawashima und Co. eine zielorientierte Melange geschaffen, die weniger der reinen Reizüberflutung dient und mehr auf die Erschaffung großer Momente ausgerichtet ist. Was Erstgenanntes angeht, so hat die Metal-Community ihre Ersatzdroge aber ohnehin längst mit IGORRR gefunden, sodass sich Kawashima ruhigen Gewissens auf Songwriting und Albumkonzeption konzentrieren kann. Die Stärke von „Goh-Ka“ liegt eindeutig in der Vielschichtigkeit und der Eleganz, mit der hier gefühlt dutzende an verschiedenen Stilen mühelos herumjongliert werden. Hier strahlt die Produktion aufgrund ihrer beispielhaften Transparenz und erweckt teilweise, auch aufgrund der Vielfältigkeit des Sounds, den Eindruck eines fernöstlichen Devin Townsends.

Diese Referenz geistert unsereinem beim Hören des neuen Albums fortwährend durch den Kopf. SIGH lassen die kunterbunten Momente der Platte dank dieser dreimensionalen Produktion in allen Facetten aufblühen. Und ja: Obwohl das Album an das Thema von „Shiki“ anknüpft und die neun Stufen des Verfalls des menschlichen Körpers nach dem Tod thematisiert, klingen SIGH auf „Goh-Ka“ aufgeweckt wie eh und je, tänzeln lebhafte Japano-Folk-Einflüsse gerne mal um ein wehmütig vor sich hin summendes Mellotron herum („Anzenshokon“), lässt Kawashima vor dem geistigen Auge seiner Hörerschaft unter Begleitung eines feurigen Metal-Marsches die Kabuki-Puppen tanzen („Unputenpu“). Diese gekonnte, klangliche Alchemie steht im krassen Kontrast zu den biestigen Ausbrüchen, die sich immer wieder innerhalb der Trackliste ergeben.

Dabei scheinen SIGH allmählich Ermüdungserscheinungen zu zeigen

Spezifisch sind die beiden „Jigoku-Zoshi“-Teile besonders auf Härte ausgelegt und weisen die deutlichsten Verweise in Richtung Schwärze auf, die auf der Platte zu finden sind, wobei der erste Teil vor allem mit pfeilschnellen Backbeats und geradezu manischer Gitarrenarbeit angreift. Der zweite Teil „Jigoku-Zoshi 2: Tokatsujigoku“ ergänzt den Wahnsinn zusätzlich mit „Deconstruction“-Ära-Townsend-Bombast unter den „Shi-ne!“-Rufen. Doch erstaunlicherweise setzt auf Empfängerseite ab etwa der Halbzeitmarke eine gewisse Sättigung ein, fast so, als zeigten Kawashima und Co. kreative Ermüdungserscheinungen. Zu „Jinmenjushin“ wird der Hörerschaft die gefühlt x-te Kombination aus 70s-Worship, japanischem Folk und nervösem Metal aufgetischt – hier zugegeben mal mit Zusetzung vereinzelter Balkan-Folk-Elemente. Aber dennoch kann sich unsereins nicht des Verdachtes erwehren, dass man (und Frau) sich hier etwas zu sehr wiederholt.

Diese Ermüdungserscheinungen mögen sicherlich unterschiedlich ausfallen, je nach dem, ob man auf Empfängerseite schon mal mit SIGH zu tun hatte oder noch nicht – und ob man schon mal in den Genuss von noch ausgeflippteren Künstlern wie eben IGORRR oder noch seltsamere Untergrund-Avantgardisten der Marke LE GRAND SBAM und dergleichen gekommen ist. Fakt ist aber: Wer – so wie unsereins – mit Kawashima und Co. vertraut ist, wundert sich vermutlich ein bisschen, ob die Luft nicht langsam aber sicher zu entweichen droht. „Goh-Ka“ ist immer noch ein Spektakel sondergleichen, vor allem in technischer Hinsicht, aber dieser seltsame Hang zur Repetition und die zwar für vielschichtige Momente gelungene Produktion, die den extremeren Passagen jedoch nicht immer gut zu Gesicht steht („Jinmenjushin“), hinterlassen Veteranen auf dem Feld der Eklektik nicht ohne Beimischung von Besorgnis, dass der kreative Dampf allmählich flöten geht …

20.10.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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