Sleep - Hemispheres

Review

Humor scheint er ja zu haben, der Herr Al Cisneros, heißt es schließlich auf der offiziellen Bandpräsenz begleitend zur vor einiger Zeit schon geschehen, digitalen Veröffentlichung des neuen SLEEP-Albums:

With significant new blood in the lineup, the album instead finds its own footing — distinctly in the spirit of Sleep’s decades-long legacy, but sharper and more agile.

„Hemispheres“ ist also das neue Album unter dem geschichtsträchtigen Banner der Stoner-Legende, die heuer allerdings aus dem klassischen Lineup nur noch Cisneros selbst beinhält. Ferner verstärkt wird das Gefüge durch den MELVINS-Drummer Dale Crover sowie den neuen Klampfer Bubba Dupree, der wiederum Matt Pike ersetzen würde. Diese Lineup-Entscheidungen sind offenbar gar nicht mal so lang her [im Vergleich zum Veröffentlichungszeitpunkt des vorliegenden Albums]. Andererseits haben die Stoner-Veteranen ihr Vorgänger-Album „The Sciences“ seinerzeit ohne großes Anteasern unters Volk gebracht und damit Erfolg gehabt. Man sollte die (vermeintlichen) Schnellschussentscheidungen von Cisneros also nicht zu früh diskreditieren. Diskutieren wir also: Was steckt hinter „Hemispheres“, dem neuen Werk, das für die Band angeblich so „sharper and more agile“ sein soll?

Schlafwandeln mit SLEEP – ohne Matt Pike leider nicht so spannend wie erhofft

Wie nicht anders zu erwarten dreht sich auch bei „Hemispheres“ alles wieder um repetitive Songstrukturen und tief wummernde Licks in und um die Blues-Tonleiter, deren Ziel es ist, einen hypnotischen Sog zu kreieren, zu dem Cisneros seinen rhythmischen Sprechgesang zum Besten gibt. Zunächst wirkt „Hemispheres“ in seiner Gesamtheit etwas leichter und beschwingter als der Vorgänger, was auch Sinn ergibt. Ohne die warme Fuzz-Gitarre von Matt Pike fehlt dem neuen Album deren körperliche Präsenz, die „The Sciences“ noch inne hatte. Der Gitarrenklang von Dupree hebt sich eher subtil unter Cisneros‘ Bass, eine Entscheidung, die teilweise funktioniert und teilweise umso empfindlicher aufzeigt, wie sehr diese Art des Songwritings von der Präsenz von Pike profitiert hat. Das hat zur Folge, dass das Album sich an einigen Stellen fast seltsam ausgemergelt und unvollständig anfühlt.

Die Wärme, der Fuzz und die raumgreifende Präsenz von Pikes Pfundsgitarre fehlt also, was SLEEP teilweise mit einem etwas höheren Anteil von Krautrock-Elementen zu kompensieren suchen. Am ehesten schaffen sie mit dem geschickt als Single vorausgeschossenen „The Morrisist“ Kurzweil, das gleichzeitig auch zeigt, dass dieser neuen Inkarnation der Stoner-Legende kurze Trackspielzeiten besser zu Gesicht stehen. Denn auf der anderen Seite des Runtime-Extrems sitzt das elfminütige (!!) „Arrival Of The Industry Ships“, das so gelangweilt und repetitiv vor sich hin stapft, dass die üblichen Lobpreisungen über die meditative Wirkung des Bandsounds spätestens hier an ihre Grenzen stoßen dürften. Der Song klingt schlicht und ergreifend wie eine Parodie auf Stoner Doom, eingespielt durch Musiker, die Stoner Doom hassen.

Möglicherweise ist „Hemispheres“ ein bisschen zu ungezwungen fürs eigene Wohl geraten

Viel Aufregung braucht man natürlich auf einem Release von SLEEP nicht zu suchen. Denn für große, showstoppende Spektakel sind andere Bands zuständig, während die Weed-Enthusiasten aus Kalifornien eher den Vibes folgen. Das Problem ist, dass „Hemispheres“ in dieser Hinsicht etwas zu ungezwungen fürs eigene Wohl geraten ist. Der tiefenentspannte Vibe-Charakter hat natürlich seinen Charme. Den haben sich Cisneros und Co. ein Stück weit auch beibehalten und seine wieder wie im Halbschlaf gebeteten Mantras unterstützen dies natürlich. Aber dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass die Platte an zu vielen Stellen unfertig klingt, als hätte da nicht nur ein bisschen Feinschliff, sondern auch ein bisschen Inhalt gefehlt.

Und angesichts der kurzen Gesamtspielzeit ist ein durchweg solider Hit in Form von „The Morrisist“, ein überlanger Totalausfall in Form von „Arrival Of The Industry Ships“ und jenseits dessen eher mittelmäßiges Liedgut mit Hochs und Tiefs eine insgesamt doch maue, enttäuschende Ausbeute. Damit klingen SLEEP anno 2026 weder „sharper“ noch „more agile“, sondern gewohnt träge, nur eben etwas schmächtiger. Das ist bei derart auf Feeling ausgerichteter Musik leider kriegsentscheidend, sodass die Empfehlung lautet, hier dringend eine wichtige Wahl zu treffen. Möchte man den gedrängteren Ansatz von „The Morrisist“ weiter verfolgen und dem Gras noch mehr Kräuter beimischen? Oder füttert man Dupree und seine Gitarre dann doch lieber ein paar Cheeseburger für einen fetteren Sound? Das wird wohl nur die Zeit zeigen …

21.10.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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