Sonja M. Schultz - Mauerpogo
Review
Der Titel des aktuellen Romans von SONJA M. SCHULTZ ist gut gewählt. Liest man das Wort “Mauerpogo“, kommen einem direkt mehrere Assoziationen in den Sinn: eine wild pogende Meute, die Mauer und natürlich damit die Grenze zur ehemaligen DDR, aber auch eingesperrt sein, Engstirnigkeit und Ansturm dagegen. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Titel “Mauerpogo“?
Eine Geschichte über Mut und den Wunsch nach Freiheit
Zu Beginn lernen wir die vierzehnjährige Protagonistin Josefine “Jo“ kennen. Jo ist ein ganz normaler Teenager und lebt 1982 mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern in einer Wohnung im Plattenbau im fiktiven Eisenwerda der ehemaligen DDR. Hanne, ihr großer Bruder, träumt von einer Karriere als Offizier beim Militär, während Jana, die kleine Schwester und von Jo liebevoll “Zwetschge“ genannt, noch zur Grundschule geht und eine Vorliebe für schnulzige Schlager hegt. Gemeinsam mit ihrem besten Kumpel Fränkie bereitet sich Jo gerade auf ihre Jugendweihe vor, als ihr ein Zeitungsausschnitt aus einer verbotenen Westzeitung mit dem Bild einer Londoner Punkerin in die Hände fällt.
Fortan hat Jo ein großes Vorbild und einen Traum: sie will genauso wild und unangepasst sein wie die “Straßenkönigin“, wie sie die Frau auf dem Bild für sich nennt. Den ersten Schritt in diese Richtung unternimmt sie, als sie sich am Abend vor der großen Zeremonie zur Jugendweihe in der Stadthalle die Haare mit Ostereierfarben strahlend grün färbt – ein öffentlicher Aufreger und eine Peinlichkeit für die ganze Familie. Damit ist der Grundstein für den Weg in die Punkbewegung gelegt. Als Jo sich dann in eine junge Punkerin namens Ratte verliebt und mit ihr und Frankie eine Band gründet, beginnt eine Aneinanderreihung diverser, sich immer höher auftürmender Schwierigkeiten bis zum dramatischen Finale in einem Staat, der nichts mehr hasst als Menschen, die sich nicht ducken und anpassen.
“Mauerpogo“ – ein lebendiges Stück Zeitgeschichte
Wer bisher keine großen Berührungspunkte mit der ehemaligen DDR hatte, könnte sich anfangs ein wenig schwertun. Der Leser landet direkt in der Story, die aus der Sicht von Jo erzählt wird. Hier hat die Autorin den typisch schnoddrigen Teenagerton super getroffen, der Text kommt wunderbar schnörkellos und stellenweise pampig daher. Große Erklärungen gibt es nicht. Entweder man macht sich selbst schlau, wenn man mit Dingen wie Fahnenappell, Jugendweihe oder auch unterschiedlichen Redewendungen oder Ausdrücken nichts anfangen kann, oder man lässt sich einfach von der Geschichte tragen. Aber auch ohne Vorwissen ist es nicht schwer, die Story zu verfolgen und zu verstehen.
Je weiter der Text voranschreitet und je mehr man mit den fiktiven Charakteren mitfiebert, umso mehr steigt dann auch das beklemmende Gefühl beim Lesen. Bei aller Unterhaltung ist es SONJA M. SCHULTZ gelungen, ein eindrückliches Bild des realen damaligen Lebensgefühls in einem totalen Überwachungsstaat zu vermitteln, das noch lange nachwirkt. “Mauerpogo“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie man ein Stück Zeitgeschichte in einem Roman lebendig verpacken kann, mit einer wunderbar rotzigen Heldin als Sprachrohr einer ganzen Generation, die sich nur Freiheit und Selbstbestimmtheit wünschte in einer Zeit und an einem Ort, wo genau das streng verboten war.
Sonja M. Schultz - Mauerpogo
| Band | |
|---|---|
| Wertung | |
| User-Wertung | |
| Stile | Bücher |
| Anzahl Songs | 0 |
| Spieldauer | 368 Seiten |
| Release | 13.08.2025 |
| Label | Blumenbar |
