Temic - Ceiba

Review

Die Bandmitglieder hinter TEMIC sind keine unbekannten Gesichter, sodass dem multinationalen Projekt um Eric Gilette (u. a. NEAL MORSE) das Stigma der Supergroup anhaftet. Das muss zugegeben nicht von vorn herein ein Ausschlusskriterium sein, aber es kann auf Empfängerseite schon mal zu Ermüdungserscheinungen führen, bevor überhaupt die erste Note des Albums erklungen ist. Das wäre im Falle des vorliegenden Zweitalbums „Ceiba“ durchaus bedauerlich, da die Band hier einen guten Prog Metal spielt, der gleichzeitig nach traditioneller Retro-Prog-Huldigung und moderner Tonkunst klingt. In gewisser Weise kann man sagen, dass sich das Quintett eine ähnliche Ästhetik für ihren Metal angeeignet hat, wie sie von Bands wie SUBSIGNAL, THRESHOLD und, teilweise, auch neueren LEPROUS inszeniert wird.

Bei TEMIC werden Emotionen groß geschrieben

Das Ganze ist tief in Melancholie getaucht, während Sänger Frederic Klemp tatsächlich ein paar ähnliche Töne anschlägt wie sein Landsmann Einar Solberg. Seine Stimmfarbe ist eine andere, aber er beherrscht die Technik des theatralischen Kunstjaulens (das ist nicht negativ gemeint) ebenso gut. Das führt zwangsläufig zu reihenweise Gänsehaut-Hooks, die halt auch einfach runter gehen wie Öl. Doch auch kunstvollere Momente wie das Crescendo zum Ende von „Casting Stone“ beispielsweise liegen ihm gut. Überhaupt legt er eine intuitive Darbietung aufs Parkett, die in allen Situationen, die ihm die Instrumentalfraktion auftischt, eine gute Figur macht, seien es moderne Soul-Einlagen, kraftvolle Refrains oder eben die theatralisch anspruchsvolleren Momente – nimmt der Herr alles problemlos mit. Und wenn er für die Hooks dann noch mit harmonisch sinnigen Backing Vocals geschmackvoll sekundiert wird, ist es eh um das Metalherz geschehen.

Die Instrumentalfraktion liefert einen Prog Metal, der produktionstechnisch eindeutig im Hier und Jetzt firmiert, aber songschreiberisch immer wieder in Richtung Vergangenheit schaut. Das äußert sich in nach klassischen DREAM THEATER klingenden Gitarrenlicks wie in „See Myself“ auf der einen Seite, mit tiefer gelegt bratenden Klampfen im Hintergrund und gelegentlichen Elektrobeats („Broken“) auf der anderen Seite, wobei TEMIC das alles in ein relativ homogen wirkendes Gesamtpaket geschnürt haben. Der Sound ist dabei im Grunde hervorragend, eine melancholische Kühle geht durch das Album und spielt Klemps Gesangsdarbietung wunderbar in die Karten. Und wenn Gilette seine messerscharfen Riffs beisteuern kann, ist seine Gitarre auch wunderbar in den Vordergrund gemischt.

„Ceiba“ vereint Vergangenes mit Zeitgemäßem

Die Magie hinter „Ceiba“ kommt jedoch vor allem dadurch zum Tragen, dass Gilette sich die meiste Zeit im Sinne der Songs zurückhält. Den Löwenanteil der Stimmungsmache leisten Klemp und Keyboarder Diego Tejeida, der entweder subtile Synths unter das Geschehen legt oder mystische Klänge durch den Äther flirren lässt. Dadurch fühlt sich das Album trotz seiner modernen, krachenden Produktion und der vorherrschenden Melancholie einladend und selten wirklich überfordernd an. Der Fokus wurde hier eindeutig auf großen Songs und noch größeren Hooks gelegt. Darin sind TEMIC auch zweifelsohne am besten, weshalb der Versuch, in „Ceased To Be“ in komplexere Territorien wie krumme Takte oder gar Polyrhythmik vorzudringen, ein bisschen hölzern wirkt. Das wird durch Simen Sandnes‘ übereifriges Schlagzeugspiel leider nur noch mehr akzentuiert.

Ein milde enttäuschender Ausrutscher über eine ansonsten mehr als solide Spielzeit von 65 Minuten, die wie erwähnt mit großer, zugänglicher und zum Teil wirklich ergreifender Klangkunst gespickt sind, ist am Ende jedoch eine gute Bilanz, sodass man TEMIC den Ausrutscher gerne verzeiht. Außerdem bleibt Klemp ein verlässliches Sprachrohr und lässt seine Hörerschaft selbst hier, beim schwächsten Glied der Trackliste, nicht kalt. Damit ist „Ceiba“ vielleicht kein perfektes Album und gewiss keine Prog-Offenbarung, aber dennoch ein fast durchgängig gelungenes Kleinod für diejenigen, die ihren Metal mit großen Emotionen und Theatralik bevorzugen. Die Symbiose aus Zitaten des klassischen Prog Metal mit modernen, atmosphärischen Klanggeflechten ist TEMIC jedenfalls mehr als nur gut gelungen und liefert Stoff für Herz und Nacken.

04.10.2026

Redakteur für Prog, Death, Grind, Industrial, Rock und albernen Blödsinn.

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