The Agonist - Eye Of Providence

Review

Für so manchen Fan war es fraglos ein handfester Schock, als Alissa White-Gluz im vergangenen März ihre Stammkapelle THE AGONIST verließ, um sich den Labelkollegen ARCH ENEMY anzuschließen. Einen adäquaten Ersatz für die Frontröhre zu finden schien ein ambitioniertes Unterfangen. Allerdings hatten die Kanadier das nötige Glück – im Internet wurden die Modern Metaller fündig. Dort nämlich, genauer: bei Youtube, trieb schon länger eine gewisse Vicky Psarakis mit Gesangsvideos ihr Unwesen. Die Band kontaktierte die US-Amerikanerin, die Chemie stimmte und Psarakis bekam den Job am Mikro – gerade noch rechtzeitig, um den Gesang für das mittlerweile vierte Album „Eye Of Providence“ einzuträllern, das dieser Tage erscheint.

Wie sie klingt, die Neue? Etwas graziler, etwas fraulicher als ihre Vorgängerin. „Piepsiger“ und „dünner“ wird der eine oder andere eingefleischte Alissa-Fan wahrscheinlich behaupten – zweifelsfrei müssen sich Anhänger der Truppe erst einmal an die neue Frontfrau gewöhnen. Rein gesanglich versteht Psarakis allerdings ihr Handwerk und macht einen soliden Job. Vor allem dann, wenn sie mit amtlich Powert und Wut in der Stimme schreit, brüllt und keift. Ihr Klargesang wirkt da im Verhältnis tatsächlich ein wenig schmalschultrig – das ist aber Geschmackssache.

Vornehmliches Problem der Scheibe ist ohnehin ein anderes: Wie schon auf dem Vorgängerwerk präsentieren THE AGONIST für Genre-Verhältnisse recht verkopfte, eigenwillige Arrangements. Strophe, Refrain, Breakdown und fertig – so einfach machen es sich die Kanadier nicht. Viele Songs kommen über gewollte Umwege zum Punkt, unterstützt vom sehr variablen Drumming Simon McKays sowie der eigenwilligen Gitarrenarbeit der Herren Danny Marino und Pascal Jobin. Allerdings schafft die Band die Synthese von Eingängigkeit, Abwechslung und Komplexität nur um Teil. Einige Tracks wirken unentschlossen, bleiben gefühlt unvollendet oder verlieren sich irgendwie im eigenen Anspruch.

Beim groovenden „My Witness Your Victim“ oder dem ultra-schnellen, mit prägnantem Refrain ausgestatteten „Disconnect Me“ geht der Plan jedoch auf. Vor allem bei letzterem Stück zeigen THE AGONIST, dass sie mühelos in der ersten Modern-Metal-Liga mitspielen können. Auch „A Necessary Evil“ knallt energisch aus den Boxen, mit kleinen Abstrichen gefällt außerdem der Opener „Gates Of Horn And Ivory“, wobei der Song hier und da bereits oben genannte Mängel aufweist.

Hinzu kommen diverse Tracks wie „Faceless Messenger“ und „The Perfect Embodiment“, die zwischen brillianten und eher mittelklässigen Momenten pendeln: Hier bleibt auch nach mehreren Durchläufen nicht wirklich viel hängen. Und so gelingt den Kanadiern am Ende mit ihrem neuen Werk wieder nicht der erhoffte Schlag – Sängerwechsel hin oder her. Klar ist natürlich auch: Es gibt in diesem Segment wesentlich Schlechteres. Aber eben auch deutlich Packenderes.

19.02.2015
Exit mobile version