Harsh Vocal Camp 2025 – Fachsimpeln im Schreikomplex
Special
Es ist ein sonniger Tag, an dem wir uns auf den Weg nach Hannover machen, um der Einladung zu folgen, die das metal.de-Team vor einigen Monaten erreichte. Hatten 2024 unsere werten Kollegen André und Oli die Ehre, am ersten HARSH VOCAL CAMP von und mit Britta Görtz teilzunehmen, so stellen in diesem Jahr meine Kollegin Andrea und ich unsere Stimmchen auf die Probe. Zusammen tauchen wir in die überaus nerdige Welt der Harsh Vocals ein.
Freitag, 03.10.2025
13:00–14:00, Check-in
14:00–14:30, Begrüßung
14:30–15:45, Keynote Daniel Priegnitz
15:45–16:45, Masterclass Daniel Priegnitz
16:45–17:15, Pause
17:15–18:00, Keynote Britta Görtz
18:00–19:00, Masterclass Britta Görtz
ab 19:30, gemeinsames Abendessen
Schreierei? Mit Sicherheit!
Schnell in der Rampe eingecheckt, noch einen gemütlichen Kaffee getrunken und schon geht es ans Eingemachte. Das Ganze hat totales Festival-Feeling. Nicht etwa, weil es laut, etwas chaotisch und wild ist – vielmehr, weil es sich anfühlt, wie dort zu sein: Unter Gleichgesinnten, mit einem Bändchen am Arm und an einem Ort, an dem einem nichts peinlich sein muss.
Andrea und ich merken schnell, dass es hier thematisch zwar um Harsh Vocals und Fachsimpeleien geht, dabei aber vor allem Eines im Vordergrund steht: einen Safe Space für alle Teilnehmenden zu schaffen. Und das gelingt.
Die Teilnehmenden, viele sind Wiederholungstäter:innen, wie wir im weiteren Verlauf erfahren, kommen aus den verschiedensten Gründen – vom blutigen Anfänger bis zum Profi, der stetig versucht, die eigenen stimmlichen Kompetenzen zu verfeinern, trifft sich hier alles. So vielfältig die Menschen sind, die im zweiten Harsh Vocal Camp eingecheckt haben, so groß scheint auch die gegenseitige Inspiration zu sein. Wie sich das äußert? Wir erzählen es euch.
Die Stimme auf der Spielwiese des Metals
Am Anfang stehen Daniel Priegnitz, die Physiologie der Stimme und vor allem ein Haufen unaussprechlicher Fachbegriffe – vom Aryknorpel hin zu laryngoskopischen Highspeed-Aufnahmen. Daniel arbeitet in der Forschung zu Harsh Vocals mit dem renommierten Freiburger Institut für Musikermedizin zusammen, und so versteht er es auch, den Menschen die eben genannten Unaussprechlichkeiten im Zusammenspiel mit praktischen Bezügen und direkt am „lebenden Objekt“ nahezubringen.
Das Ganze geht im wahrsten Sinne des Wortes ins Innere. Wir schauen uns anhand von verschiedensten wissenschaftlichen Messungen an, was da eigentlich passiert, wenn wir Harsh Vocals produzieren. Faszinierend und überwältigend zugleich, wenn man mal darüber nachdenkt, was da tagtäglich in menschlichen Mündern und Hälsen passiert.
Bellende Robben, Kermit der Frosch und Christina Aguilera in der Growling-Version
Einige Metaller verteufeln sie regelrecht: Klargesänge. Doch wie Daniel nach und nach erklärt, ist das unberechtigt … Zumindest, wenn es um die Entwicklung der eigenen „Fry Screams“ und „False Cordes“ geht.
Wie so häufig im Leben hilft es auch im Umgang mit Harsh Vocals, die Fühler in jene Gebiete auszustrecken, die zunächst unwichtig erscheinen. Denn es zeigt sich: Das Trainingspotenzial für Extrem- und Harsh-Vocalist:innen ist auch im Bereich der Clean Vocals hoch.
Jetzt aber nochmal von vorn!
Kurz durchatmen und schon geht es weiter im Text – oder besser gesagt auf dem Treppchen vom Anfänger zum Harsh-Vocals-Profi.
Britta macht in ihrer Keynote den vollen Rundumschlag für alles, was man beim Training der Stimme beachten sollte. Zwischen Methodik beim Üben und körperlichen Grundlagen befasst sie sich damit, wie man richtig übt und warum Qualität auch hinsichtlich des Stimmtrainings über Quantität steht.
Das unsichtbare Instrument
Habt ihr jemals eine Sängerin oder einen Sänger gesehen, der seine Stimme in die Hand nimmt und mal eben checkt, ob noch alle Saiten vernünftig aufgezogen und gestimmt sind? Nein? Gut – wir auch nicht. Britta stellt die Wichtigkeit heraus, sich als Sänger:in „Sichtbarkeit“ für das unsichtbare Instrument Stimme zu verschaffen. Während Gitarrist:innen, Schlagzeuger:innen und alle anderen ihre Instrumente nach der Show wieder ablegen können, geht die Stimme mit – zur Aftershow-Party, in den Tourbus und zum Wocheneinkauf. 24/7, 365 Tage im Jahr.
Der hinterfragte Profi
Britta macht eines unmissverständlich klar: Stagnation, körperlicher oder mentaler Art, heißt im Regelfall nichts Gutes für die eigene stimmliche Entwicklung. Und so erklärt sie, wie nachhaltiges Stimmtraining funktioniert, wo Übungsfallen lauern und warum der eigene Kopf uns einen Strich durch die Rechnung machen kann. Denn auch als bewanderter Harsh-Vocal-Profi kann man stehen bleiben, wenn die eigenen Ziele zu hoch gesteckt oder gar nicht mehr vorhanden sind. Wer rastet, der rostet eben.
Honey & Beer
Apropos rasten: Auch die fleißigsten Bienchen brauchen eine Pause, und so lassen wir den ersten Abend gemeinsam in entspannter Atmosphäre im „Honey’s Pub“ ausklingen. Zwischen Burgern, Bier und Bar-Gesprächen wird deutlich: Die Teilnehmer:innen haben Bock auf Harsh Vocals, denn auch nach offiziellem „Feierabend“ wird weiter ausprobiert. Zu überhören sind wir definitiv nicht.
Galerie mit 51 Bildern: Harsh Vocal Camp 2025 - Fotos vom Freitag
Samstag, 04.10.2025
09:30–10:00, Get-in
10:00–10:45, Keynote Cornelia Schmitt
10:45–12:15, Masterclass Cornelia Schmitt
12:15–12:45, Gruppenfoto
12:45–14:00, Mittagspause
14:00–14:45, Keynote Toni Linke
14:45–16:15, Masterclass Toni Linke
16:15–16:45, Pause
16:45–17:45, Fokusgruppen Session 1
17:45–18:00, Pause
18:00–19:00, Fokusgruppen Session 2
ab 19:30, Karaoke
Alle wieder wach und fit? Regen und Wind haben uns den letzten Schlaf aus den Augen geweht – und weiter geht’s.
Me(n)tal Health mit Vocalsrock!
Macht man sich über die Produktion von Harsh Vocals Gedanken, kommen natürlich sofort die physischen Aspekte, die der Stimmapparat so mit sich bringt, in den Sinn. Apropos Gedanken machen – wie kann das die stimmlichen Fähigkeiten und den Ausdruck beeinflussen? Davon erzählt uns Cornelia „Conny“ Schmitt von Vocalsrock. Sie ist Vocal Coach und hat sich in Bezug auf das diesjährige Harsh Vocal Camp vor allem damit beschäftigt, was mit der Stimme unter Dauerbelastung passiert, und beschreibt, warum Technik alleine nicht ausreicht.
Mythen, Mysterien und mentale Gesundheit
Wir alle kennen die Geschichten von Metal-Sänger:innen, deren Stimmen sich durch das Schreien über die Jahre verschlechtert haben sollen. Dieses „Geschrei“, das kann doch kein Mensch auf Dauer körperlich mitmachen, oder doch? Wenn man mit dem Schreien anfängt, ist es erst einmal ganz normal, dass es weh tut! Weit gefehlt.
Conny räumt mit so einigen Mysterien auf und erklärt die vier Säulen, die es braucht, um die eigene Stimme langfristig gesund nutzen zu können. Es ist eben nicht nur Geschrei – es sind das Achtgeben auf den eigenen Körper, eine gesunde Technik, gute Regenerationsphasen und der bewusste Umgang mit der eigenen mentalen Gesundheit, die auf Dauer wichtig sind.
Die Geschichte vom kleinen Dämon
Zwischenzeitlich fühlt es sich so an, als hätten wir das „Super Spa-Paket“ für die mentale und die stimmliche Gesundheit gebucht. Gemeinsam schicken wir sie in kurzen Gedankenreisen raus: die negativen Energien, eigenen Unsicherheiten und all die kleinen Dämonen, die uns gedanklich blockieren und festhalten.
Zwischen vernünftigen Warm-up- und Cool-down-Techniken für die Stimme ruft Conny in ihrer Masterclass vor allem eines auf den Schirm: Alles, was wir im Leben mit Leidenschaft machen, steht und fällt auf Dauer mit einem offenen Ohr für die eigene innere Stimme.
Technische Aha-Momente im stilistischen Stimm-Dschungel und umgekehrt
Nach einer gemeinsamen Curry-Stärkung am Mittag geht es technisch weiter. Oder doch stilistisch? Oder beides? Toni Linke nimmt uns mit in seine Welt, in der sich stimmlich alles zu bedingen scheint. Schnell stellt sich heraus: Was stilistisch gut ist, muss technisch nicht unbedingt förderlich sein und umgekehrt. Puh! Wir brauchen einen Moment, um da durchzublicken.
Der Teufel steckt im Detail
Klangfarbe, Artikulation, Grundtechnik, Textur – Toni schaut sich alles davon genaustens an und setzt es in Relation. In seiner Masterclass gilt: Learning by doing. Es ist faszinierend zu beobachten, wie er durch kleinste körperliche Haltungsveränderungen große stimmliche Unterschiede bei den Teilnehmenden hervorruft. „Hast du dir dein Vorbild mal auf der Bühne angeschaut? Wie steht die Person? Geschlossen? Offen?“ Fragen über Fragen, die letztlich dazu bewegen, den eigenen Körper mit dem, was wir stimmlich erzeugen wollen, in Einklang zu bringen – auch aus der beobachtenden Perspektive.
Fokussieren, ausprobieren
Um das bisher Gehörte vertiefen zu können, geht es in die bunt gemischten Fokusgruppen. Hier bekommen die Teilnehmenden die Möglichkeit, mit den jeweiligen Dozierenden noch einmal etwas genauer hinzusehen, auszuprobieren und zu üben. Und das wird rege genutzt. Von Recovery-Training für Geist und Seele, einer guten Anleitung für ordentliche Warm-up- und Cool-down-Übungen bis zu Technik-Hacks. Die Vocal Coaches nehmen sich Zeit, um kleine individuelle, aber auch große Baustellen anzugehen.
Die Geräuschkulissen verdeutlichen, dass das Ausprobieren des eben Gehörten sehnlich erwartet wurde. Alle machen mit – mal durcheinander, mal im akustischen Einklang miteinander und ganz besonders aus voller Kehle.
Auch in den Fokusgruppen zeigt sich: Alle machen mit, niemand legt große Unsicherheiten an den Tag. Und so vergeht die jeweilige Stunde wahrhaftig wie im Fluge.
The Stage Is Yours
Am Abend findet ab 19:30 Uhr ein gemeinsames Metal-Karaoke in der Rampe statt. Kollegin Andrea und ich ziehen uns jedoch einmal zurück und lassen die Teilnehmenden und Dozierenden alleine – so ganz ohne Presse schreit es sich doch manchmal am schönsten.
Galerie mit 54 Bildern: Harsh Vocal Camp 2025 - Fotos vom SamstagSonntag, 05.10.2025
09:30–10:00 Uhr, Get-In
10:00–10:45 Uhr, Keynote mit Wolfgang Saus
10:45–12:15 Uhr, Masterclass mit Wolfgang Saus
13:15–14:15 Uhr, Fokusgruppen Session 3
14:30–15:30 Uhr, Fokusgruppen Session 4
15:30–16:00 Uhr, Abschluss & Feedback
Tag drei, der Zauber ist noch nicht vorbei!
Aus der Zoom-Übertragung direkt in die Rampe
Da ist er, der Mann, den das Harsh Vocal Camp im letzten Jahr nur in verzögerter Übertragung über den Bildschirm flimmern sah: Wolfgang Saus. Wer aufmerksam ist, bemerkt schnell, dass alle im Raum diesem Beitrag entgegenfiebern.
Wolfgang nimmt das Harsh Vocal Camp mit in die Welt des Obertongesangs und spielt mit dem Bewusstsein und der Wahrnehmung. Wieder einmal zeigt sich, warum es so wertvoll ist, die Augen zu öffnen und über den Tellerrand hinauszuschauen, denn Wolfgang hat mit Metal gar nicht so viel zu tun. Wenn euch das nächste Mal jemand mit „Metal? Das ist doch nur Krach.“ um die Ecke kommt, dann entgegnet ihm einfach mit Resonanzen im Vokaltrakt und Klangfarben. Damit rechnet sicherlich niemand.
Das Märchen vom Alien im Mund
Ebenso wenig haben Andrea und ich damit gerechnet, was Wolfgang da vorne mit seinem Instrument Stimme zaubert. Er präsentiert den Obertongesang. Faszinierend! Wie ein lebendig gewordenes Didgeridoo gibt er zum Besten, was im ersten Moment überhaupt nicht zu begreifen ist.
Ein Teil von Wolfgangs Keynote ist eine faszinierende Hörtransformation: Mit einem einfachen Hörtest öffnet er unsere Ohren für Klänge, die in jedem Vokal verborgen sind, aber kaum wahrgenommen werden. „Hört ihr das? Wer hat die Melodie erkannt, die sich zwischen all den erzeugten Klängen versteckt hat?“ Die Verwirrung ist perfekt. Doch Wolfgang wäre nicht Wolfgang, wenn er nicht erklären könnte, was da gerade in seinem Stimmtrakt vor sich geht.
Time to scream goodbye …
Nach einer letzten kleinen Feedback-Runde und voll gepackt mit unserem Equipment, Eindrücken, wunderbaren alten und neuen Bekanntschaften und vielen Erkenntnissen über die eigene Stimme, machen wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof.
Hannover lassen wir erst einmal hinter uns – doch wir nehmen Vieles mit.
Galerie mit 26 Bildern: Harsh Vocal Camp 2025 - Fotos vom Sonntag
Ihr habt jetzt ebenfalls Lust auf einen stimmlichen Rundumschlag bekommen? Das dritte Harsh Vocal Camp findet vom 16. bis 18.10.2026 in Hannover statt. Der Ticketvorverkauf startet in Kürze.
