Mini-Podcastreihe mit ASP
Episode 3: Brüche, Krisen und Neuanfänge
Special
Die Schwarze Szene liebt ihre Künstler für ihre Wahrhaftigkeit. ASP ist einer der wenigen, der diese Wahrhaftigkeit nicht nur auf der Bühne lebt, sondern auch dahinter einfordert, von sich selbst, von der Industrie, von seinem Publikum. Im dritten Teil der metal.de-Podcast-Reihe spricht der Künstler über etwas, das in der Künstlerbiografie selten verhandelt wird: den Post-Tour-Blues, die körperliche Abhängigkeit von der Bühnenenergie und was passiert, wenn diese intensive Alchemie des Live-Moments plötzlich endet.
ASP beschreibt es präzise: Der Körper schüttet während eines Konzerts eine „körpereigene Droge“ aus, ein Dopamin- und Adrenalincocktail, der Künstler und Publikum gleichermaßen in einen Rausch versetzt. Wer mehrere Tage hintereinander auf der Bühne steht, befindet sich in einem Dauerhoch und das ist biologisch nicht vorgesehen. Der Körper reguliert gegen. Danach kommt das Tief, und dieses Tief ist nicht einfach ein romantischer „Tour-Blues“, sondern es geht „eher so leicht in Richtung Depression“. Das ist keine Sentimentalität, das ist Physiologie.
Systemisches Versagen in Zeiten der Streaming-Ökonomie.
Doch ASP macht deutlich: Das Kernproblem liegt nicht in der Post-Tour-Lethargie. Es liegt in einem System, das sich grundlegend transformiert hat und Künstler mit sich zieht, ohne sie zu fragen, ob sie mithalten können.
Die Investitionsphase, die einmal zu künstlerischem Reifen führte, ist heute obsolet geworden. Als ASP seine Karriere begann, gab es noch Labels, die Künstler aufbauten. Heute gibt es Tech-Giganten, die „uns alle enteignen“ und „hintenrum große Deals mit den Labels“ machen. Die Realität ist hart: Talent und Fleiß sind nicht mehr die primären Währungen. Die Fähigkeit, in Algorithmen zu funktionieren, ist es.
Das ist nicht nur ein ökonomisches Problem, es ist mehr, denn es ist existenziell. ASP artikuliert eine Angst, die viele Künstler teilen, aber kaum aussprechen: Was passiert, wenn nur noch diejenigen Kunst machen dürfen, die „gut funktionieren“ und nicht diejenigen, die „was Wichtiges zu sagen haben“? Sollen die scheuen Songwriter, die nur wissen, wie man Herzen bricht, aber nicht, wie man TikTok-Videos schneidet, aus der Sichtbarkeit verschwinden?
ASP: Die unbewältigte Krise des Künstlerseins
In dieser neuen Konstellation werden manche Künstler zu Managerinnen und Manager ihrer selbst. Die Band muss „funktionieren wie ’ne Firma“. Jeder bekommt eine Aufgabe, egal, ob er dafür geschaffen ist. Der Bassist packt Merch, die Sängerin filmt Promotion-Videos. Es ist rational, wenn man überleben will. Aber es ist auch eine Form der Entfremdung, die vom eigentlichen Kunstschaffen ablenkt.
ASP spricht hier aus Erfahrung mehrerer Jahrzehnte: Die ersten zehn Jahre seiner Karriere konnte er noch „Vollgas geben, sieben Tage die Woche, 16 Stunden am Tag“ und das „gern“ machen. Es war noch eine Investition, die sich anfühlte wie eine Berufung. Irgendwann aber sagt der Körper Stop. Nicht aus Faulheit, sondern aus Selberschutz.
Burnout als Lebensmarke
Was folgt, ist schwer auszusprechen: Burnout und Depression gehen Hand in Hand. Und das Trauma sitzt tiefer, als Menschen, die es nicht erlebt haben, verstehen können. „Wenn man richtig krass Burnout hatte… dann ist das so ’n krasser, anstrengender Weg, wo du auch danach nie wieder sicher bist. Nie wieder.“ Einmal erlebt, bleibt es im Körper, in der Psyche. Ein falscher Schritt zurück in die alten Muster und man ist wieder drin.
Das ist das stille Drama hinter den Konzertlichtern: Künstler, die längst wissen, dass das System sie aufzehrt, die aber weitermachen, weil die Alternative, nicht mehr das zu tun, was sie als Berufung empfinden, unerträglich ist.
Abschiede als notwendiger Schmerz
ASP hat gelernt, schwierige Abschiede zu nehmen von Bandmitgliedern, vom Label, von Menschen, die lange Zeit kreative Partner waren. Diese Trennungen sind paradoxerweise am schmerzhaftesten, wenn sie nicht aus Konflikten entstehen, sondern aus veränderten Lebensumständen. Sein Bassist Tossi musste die Band verlassen, weil Gesundheitsprobleme es erzwangen, nicht, weil man sich nicht verstand. Das ist der Schmerz, der bleibt.
Aber es gibt auch die notwendigen Trennungen: wenn man feststellt, dass man nicht mehr „auf den gleichen Nenner kommt“, wenn die Kompromisse zu groß werden, wenn man selbst nicht mehr hinter dem, was man tut, stehen kann. In diesen Fällen ist die Trennung nicht nur schmerzhaft, sondern überlebensnotwendig. Für die Vision, für die Integrität, für die Zukunftsfähigkeit des Projekts selbst.
ASP und die Heilkraft der Gemeinschaft
Und hier greift das Live-Konzert als Anker: In Zeiten, in denen Trennungen öffentlich ausgetragen werden und Social Media mit Shitstorms antwortet, ist die Bühne der einzige Ort, an dem die Wahrheit spürbar wird. Die Energie, der Austausch, die Gemeinschaft. Das kann weder ein Album noch eine Streamingzahl nachbilden. Das ist konkret, real, unmittelbar.
ASP war dankbar dafür, dass sein Publikum – die schwarze Szene – diese Veränderungen mitgetragen hat. Nicht weil alle gleich dachten, sondern weil sie verstanden, worum es ging: um die künstlerische Integrität eines Menschen, der sein Handwerk ernst nimmt, der nicht nur oberflächlich funktioniert, sondern tiefgründig erzählt.
Dankbarkeit als Überlebensstrategie
Das Interessanteste an diesem Gespräch ist, wie ASP mit der unlösbaren Krise umgeht: nicht mit Resignation, sondern mit bewusstem Dankbarsein. Er hat 25 Jahre lang das machen dürfen, was er als Berufung empfunden hat. Das ist nicht wenig. Das ist ein Privileg in einer Welt, in der der Raum für Künstler schrumpft.
„Ich versuche mir das heute einfach viel öfter aktiv und bewusst zu machen, meine Dankbarkeitsmomente.“ Das klingt esoterisch, ist aber – wie ASP betont – nichts Mystisches. Es ist Neurobiologie: Positive Gedanken geben Motivation zurück. Das ist ein Überlebensmechanismus für die Seele in dystopischen Zeiten.
ASP auf Mehr-denn-je-Tour
Die kommende „Mehr denn je“-Tour ist daher nicht nur eine weitere Tournee. Sie ist eine Affirmation: Dass die Magie noch funktioniert, dass die Gemeinschaft hält, dass Künstler wie ASP trotz aller Systemprobleme das weitermachen, wofür sie stehen. Es ist weniger und mehr zugleich: weniger Sicherheit, weniger Marktmacht, aber mehr Authentizität, mehr Notwendigkeit, mehr Nähe.
Die schwarze Szene braucht solche Künstler, die nicht so tun, als wäre hinter der Bühne alles in Ordnung. Die sagen: Hier ist der Schmerz, hier ist die Erschöpfung, hier ist die Krise und trotzdem gehen wir weiter. Das ist nicht Hoffnung im sentimentalen Sinne. Das ist Widerstand.
Episode 1: Geschichten in Zyklen
Episode 2: Die Magie des Moments
