BACKSTABBED und „Servant of Misery“: Irgendwann wachsen wieder Blumen

Special

Mit „Servant of Misery“ blicken BACKSTABBED tief nach innen: auf Verlust, eigene Fehler, Schuld und die Frage, wie Heilung überhaupt möglich wird. Maxi und Patrik sprechen über selbst errichtete Mauern, Verantwortung ohne Selbstverurteilung – und darüber, wie zwischen all der Schwere trotzdem Raum für Spielfreude, Humor und Bewegung bleibt.

BACKSTABBED macht es einem leicht, sich mitreißen zu lassen. Ihre Songs drücken, springen und öffnen sich im richtigen Moment; Breakdowns treffen auf Melodien, Härte auf Tanzbarkeit. Auf der Bühne wirkt das fließend und natürlich. Da ist diese sichtbare Freude am gemeinsamen Spielen, die selbst dann trägt, wenn die Musik gerade mit voller Wucht nach vorne geht.

Wer der Band online folgt, kennt eine andere Variante derselben Haltung. Zwischen Releases und Shows stehen Reels, in denen BACKSTABBED bereitwillig den eigenen Quatschfaktor ausspielt. Sich selbst zu ernst zu nehmen, scheint jedenfalls nicht zum Bandkonzept zu gehören. Und dann kommt „Servant of Misery“.

Auf dem Cover von „Self-Fulfilling Tragedy“ lag ein verletztes, zusammengenähtes Herz zwischen Blumen. Für die neue EP geht der Blick weiter nach innen. Der fleischige Hintergrund des Artworks soll das Innere dieses Herzens zeigen. „Wir gehen noch tiefer rein“, beschreibt Maxi die Idee. Auch lyrisch führt diese Bewegung nach innen: zu eigenen Fehlern, zu ihren Folgen und zum Versuch, daraus etwas zu lernen.

Gerade dieser Gegensatz macht BACKSTABBED interessant. Die Schwere wird nicht vor sich hergetragen. Sie liegt unter der Oberfläche und steht dort neben Melodie, Humor und Bewegung.

Servant of Misery: Verantwortung, ohne sich selbst festzuschreiben

„Servant of Misery“ verteilt die Rollen nicht bequem. Schmerz macht einen Menschen nicht automatisch zum Opfer, Schuld nicht automatisch zum schlechten Menschen. Dazwischen liegt ein unangenehmerer Raum: der eigene Anteil.

In „Anomaly“ bringt Maxi das auf einen erstaunlich einfachen Satz: Man müsse sich eingestehen können: „Ich hab was verbockt. Es ist nicht immer die Schuld anderer.“

Darin steckt eine der stärksten Ideen dieser EP. Verantwortung beginnt dort, wo das eigene Verhalten nicht mehr weggeredet wird. Sie endet aber nicht zwangsläufig in Selbstverurteilung. Ein Fehler ist etwas, das ein Mensch gemacht hat – keine endgültige Beschreibung dessen, wer dieser Mensch ist.

Auch „Stone Cold“ arbeitet mit diesem Gedanken. Im Musikvideo wird eine Gefängniszelle zum Symbol für Verschlossenheit und für Dinge aus der eigenen Vergangenheit, die nicht geteilt wurden. Maxi beschreibt sie als „Gefängnis, das ich mir aber selbst gebaut hab“.

Das Bild funktioniert, weil es beides enthält: Schutz und Begrenzung. Mauern können Verletzungen fernhalten. Irgendwann halten sie womöglich auch alles andere draußen.

„Spring Inside My Grave“ setzt dem ein anderes Bild entgegen. Ein Grab braucht Zeit, bevor dort wieder etwas wachsen kann. „Heilung braucht Zeit“, sagt Maxi.

Vielleicht muss man es gar nicht viel komplizierter machen. Gerade bei schmerzhaften Erfahrungen entsteht schnell der Wunsch, möglichst bald wieder „fertig“ damit zu sein. Doch Verarbeitung folgt keinem Zeitplan. Wer sie beschleunigen will, macht aus Heilung leicht die nächste Aufgabe, die erfolgreich erledigt werden soll.

Die Blumen in „Spring Inside My Grave“ versprechen keinen plötzlichen Neustart. Sie lassen nur die Möglichkeit offen, dass der Zustand von heute nicht der von morgen bleiben muss.

BACKSTABBED: Schwere muss nicht stillstehen

Dass diese Themen in Songs landen, die live nach Bewegung verlangen, wirkt bei BACKSTABBED keineswegs widersprüchlich.

„Stone Cold“ gehört zu den melodischeren Stücken der EP. „Spring Inside My Grave“ öffnet sich am Ende in einen Part, der geradezu dafür gemacht scheint, gemeinsam gebrüllt zu werden. Bei „Anomaly“ zieht sich ein auffälliger Gitarrenoberton durch den Song. Und irgendwo in der Bandgeschichte verstecken sich sogar Bongos und ein „Yeah Yeah“, das BACKSTABBED zunächst selbst ziemlich peinlich fand und inzwischen beinahe zum Markenzeichen geworden ist.

Der von der Band gewählte Begriff „Boundaries Breaking Hardcore“ bekommt darin eine angenehm unspektakuläre Bedeutung: ausprobieren, was funktioniert. Nicht jede Idee muss zuvor beweisen, dass sie in eine bestimmte Schublade gehört.

Das tut auch „Servant of Misery“ gut. Die EP muss ihre Schwere nicht ständig musikalisch unterstreichen. Ein Song über innere Mauern darf einen großen Refrain haben. Ein Stück über Schuld darf Spaß machen. Schwere darf springen, tanzen und mitsingen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die vier Songs trotz ihrer Themen nicht erdrücken.

Bound to Misery: Wenn das Funktionieren plötzlich sehr nah kommt

Mit dem vierten und letzten Track der EP „Bound to Misery“ weitet sich der Blick schließlich. Der Song kreist um Arbeit, Erwartungen und das Gefühl, dass man hauptsächlich noch funktioniert. Patrik beschreibt den Moment, in dem man sich eingestehen muss, dass das eigene Tun einen längst nicht mehr erfüllt.

Später gewinnt dieser Gedanke eine fast ironische Nähe zur Band selbst. BACKSTABBED erledigen weiterhin einen großen Teil ihrer Arbeit in Eigenregie: Booking, Merch, Designs, Videos, Social Media, Organisation. Maxi beschreibt den zeitlichen Aufwand inzwischen als „den zweiten Fulltime-Job“. Ein geplanter Kurzurlaub mit Patrik im Elsass endete mit mehreren Tagen vor den Laptops.

DIY klingt romantisch, solange man an kreative Freiheit und Unabhängigkeit denkt. Beides gehört dazu. Selbstbestimmung schützt allerdings nicht davor, sich selbst zu überfordern.

Dass BACKSTABBED diese Grenze inzwischen wahrnimmt, passt erstaunlich gut zu einer EP über selbstgebaute Gefängnisse. Kurz vor dem Gespräch hatte die Band intern darüber gesprochen, an einer Leistungsgrenze zu arbeiten und Pausen bewusster zu schützen.

Vielleicht liegt darin der eigentliche rote Faden von „Servant of Misery“: hinschauen, bevor etwas zur Gewohnheit wird. Den eigenen Anteil erkennen, ohne sich darin einzuschließen. Und akzeptieren, dass Veränderung selten in einem großen Moment passiert.

Als es darum geht, was bei aller Professionalisierung nicht verloren gehen darf, braucht Maxi deshalb nur zwei Worte: „Der Spaß.“

Das passt zu einer Band, die live so viel Freude ausstrahlt, dass man die Schwere darunter zunächst kaum vermutet. Vielleicht muss beides auch gar nicht gegeneinander ausgespielt werden. Manchmal hilft ein Breakdown. Manchmal ein ziemlich dummes Reel. Und manchmal braucht es einfach Zeit, bis auf einem Grab wieder Blumen wachsen.

„Servant of Misery“ erscheint am 2. Oktober 2026 und das darf am 29. Dezember 2026 in der Stadtmitte Karlsruhe gebührend gefeiert werden!

Quelle: Interview Maxi und Patrik, 08.09.26
27.09.2026

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