Tanzbare Wut und laute Liebe: Molotov Nights das vielleicht notwendigste Album des Jahres

Special

In Zeiten politischer Aufruhr und gesellschaftlicher Verwerfungen veröffentlichen THE IRON ROSES mit „Molotov Nights“ ein Album, das nicht einfach nur gut sein will: Es will notwendig sein. Ich hatte Becky Fontaine und Nat Gray im „Metal Minds The Pit Unplugged“-Podcast zu Gast und wir haben uns eingehend über die neue Platte unterhalten. Entstanden ist ein intensives Gespräch über künstlerische und queere Identität, Abstinenz und die Verantwortung von Rockbands im Jahr 2026.

Molotov Nights: Wenn Kunst zur Notwendigkeit wird

„Ich sehe keinen Grund, bloß gute oder großartige Alben zu machen“, sagt Nat. „Wichtig ist, notwendige und besondere zu machen.“ Das ist das künstlerische Credo der Band. Den Grund für die Dringlichkeit nennt Nat schlicht: Man habe diese Welt mit Essen, Wohnraum, Gesundheit und Frieden eben nicht, also müsse das Album existieren. Das klingt nach Pflicht und ist zugleich das Gegenteil von Resignation. Mit „Molotov Nights“ (VÖ 06.08.2026) liefern THE IRON ROSES ein Album ab, das genau diese selbstgesetzte Messlatte einlöst: kompromisslos, authentisch und brennend aktuell.

Der Albumtitel „Molotov Nights“ symbolisiert die Idee, dass Liebe und Wut keine gegensätzlichen, sondern komplementäre Kräfte sein können. Es geht um die Intensität beider Emotionen und darum, dass sie aus derselben Leidenschaft entspringen können: dem brennenden Wunsch, etwas zu beschützen (Liebe) und gleichzeitig das zu zerstören, was diesem Schutz im Weg steht (Wut). Diese Dualität zieht sich als zentrales Thema durch das gesamte Album.

Wer die drei Stationen der Band nebeneinanderlegt, erkennt eine Bewegung. Das Debüt schuf einen Safe Space, einen Ort, an dem man sein durfte, wie man ist: müde, durcheinander, hoffnungsvoll oder auch voller Wut. Die „Agitpop-EP“ des vergangenen Jahres deutete auf einen Shift hin. „Molotov Nights“ vollendet ihn. Aus dem geschützten Raum ist ein Diskursraum geworden, in dem Missstände und Sehnsüchte verhandelt werden. Es geht nicht mehr nur darum, einander Schutz zu geben, sondern miteinander zu ringen.

All die Facetten von THE IRON ROSES

Die Entwicklung der Band ist hörbar. An einigen Stellen ist „Molotov Nights“ auch musikalisch härter, kraftvoller und energetischer geworden, ohne je ins Metallische oder Brutale zu kippen. Neben dem Punk, der nach vorn geht, steht deutlicher Punkrock. In einzelne Songs hat sich eine Hardcore-Attitüde eingeschlichen, dazu kommen Reggae-Vibes und ein Country-Einschlag. Die größere Härte liegt aber in den Texten und in der Haltung.

Becky und Nat greifen perfekt ineinander, nicht nur menschlich, sondern auch stimmlich. Ihre Stimmen umkreisen einander, lösen sich ab, bauen gegeneinander auf und fließen ineinander. Beckys Klangspektrum kommt endlich voll zur Geltung. Doch nicht nur das: Jedes Mitglied trägt seine eigene musikalische Identität gleichwertig zu dieser Platte bei. Man könnte erwarten, dass daraus ein unhörbarer Mischmasch entsteht. Das Gegenteil ist der Fall. Die Songs sind ausgewogen und sie leben die Vielfalt auf so vielfältige Art und Weise. Gerade das ergibt jenen unverwechselbaren Iron-Roses-Sound, der hier erstmals zur vollen Geltung kommt.

Damit hat die Band ihre Identität gefunden. „Wir waren nie eine Ska- oder Reggae-Band“, sagt Nat, „immer eine Punkband mit Einflüssen.“ Auf „Molotov Nights“ rückt dieser Kern nach vorn, ohne dabei die Farben zu verlieren. Dass Natashas dreißig Jahre Boysetsfire in dem einen oder anderen Song nachklingen, leugnet sie nicht. Reizvoll wird es dort, wo sich das mit den Einflüssen von Becky, Pedro und Devon zu etwas Neuem überlagert.

Molotov Nights: Die Songs

Als Auftakt wählt die Band nicht das Vertraute, sondern mit „Dead Eyes“ einen Song der aggressiver und direkter daherkommt als erwartet und uns mit seinem fast discomäßigen Refrain überrascht. Der Song bricht Krieg auf seine eigentliche Logik herunter: Geld. Er benennt globale Gräuel von Sudan über den Kongo bis nach Gaza. Nat erklärt, dass irgendwann der Punkt gekommen sei, die Angst vor dem Vorwurf der Bosheit abzulegen und eine klare Linie zu ziehen. Dem Song geht es nicht um verschiedene Lager, sondern um die Gräuel und deren Auswirkungen im Allgemeinen. Das Geschehen ordnet Nat in größere Zusammenhänge ein. „Es ist ein ständiger Kreislauf“, sagt sie. „Was wir jetzt erleben, ist nicht neu. Es kommt immer wieder.“

Daneben steht „Fascist Lullabies“: ein Kinderreim, der auf ein klares ACAB hinausläuft, etwas zutiefst Wütendes in fast verspielter Form, mit Crass und Chumbawamba als hörbare Ahnen. „The Good News“ ist einer der vielschichtigsten Momente der Platte, folkig am Lagerfeuer beginnend, ins Große kippend, durch Reggae ziehend, getragen von der lakonischen Gewissheit, dass böse Menschen irgendwann vergehen und wir am Ende durchhalten müssen, weil die Zeit es richten wird. Am schwersten zu schreiben war kurioserweise ein Song über Hoffnung, berichtet Nat. „Ich habe sehr lange versucht, einen Song wie ‚Rise Up Phoenix‘ zu schreiben, über meine eigene Erfahrung als trans Person und darüber, das zu feiern“, sagt Nat. „Ich habe ihn gefühlt 50.000 Mal geschrieben. Immer kam er nicht gut genug heraus.“ Doch in seiner finalen Version sitzt er: schwer, cool und aufrichtig. Themen wie ICE, Femizid und Genozid spricht die Band aus, ohne zu zögern. Für Becky, mit 47 an einem Punkt, an dem sie sich die Zunge nicht mehr verbietet, ist das eine Befreiung.

Eine Frage der Haltung

Dass die Band so klar und präsent agiert, hat im Wortsinn ein nüchternes Fundament. Nat und Becky leben trocken. „Es gibt null Chance, dass THE IRON ROSES dort wären, wo wir sind, wenn Nat oder ich noch trinken würden“, sagt Becky. „Die Band wäre tot.“ Alkohol betäube Gefühle nur kurz, statt sie zu lösen. Was zählt, ist, den Fans die echte Version ihrer selbst zu geben, nicht die betäubte. Es ist eine Absage an die alten Rock-Klischees und ein Bekenntnis zu Authentizität.

Beim Thema Verantwortung wird Becky deutlich. „Viele Bands tragen ein Privileg in sich, weil sie oft aus cis Männern bestehen“, sagt sie. „Das ist eine geschenkte Plattform. Man hat die Verantwortung, sie zu nutzen. Wer das nicht tut, das ist beschissen. Viele riskieren weder Gage noch Ruhm, um das Nötige auszusprechen“, so Becky. „Deshalb sind die jüngeren Bands gerade sehr queer, sehr fem-fronted und haben vor nichts Angst.“ An ihnen orientiert man sich lieber als an allem, was hinter einem liegt. Wie lange man den alten weißen Männerbands noch zuhört, beantwortet sich da fast von selbst.

Molotov Nights: Notwendig und deshalb bedeutend

Den Maßstab legt die Band hoch. „Ein notwendiges Album“, sagt Becky, „ist eine Sammlung von Songs, die größer ist als die Menschen, die sie gemacht haben.“ Es weise über den eigenen Kummer hinaus. An diesem Anspruch lässt sich „Molotov Nights“ messen. Es hält ihm stand.

Der naheliegende Einwand gegen eine Band, die ihren Zorn in Freude verpackt, lautet, die Verpackung könne die Dringlichkeit dämpfen. Auf dieser Platte tut sie es nicht. Die Texte halten die Kante. Die Freude ist kein Wegsehen, sondern der bewohnbar gemachte Diskursraum, in den man eintreten, widersprechen und streiten darf. Der Mut zu den Themen, die vielschichtige Musik und die Lust, algorithmusferne Wege zu gehen, heben das Album über das bloß Relevante hinaus. So wird aus einer notwendigen zugleich eine bedeutende Platte.

The Iron Roses machen nicht einfach nur Platten. Sie bauen einen Raum, in dem die schweren Dinge gesagt werden dürfen, ohne dass die Freude verloren geht. Mit „Molotov Nights“ haben sie ihn weit genug aufgestoßen, dass jede und jeder hineinpasst. Im Herbst sind THE IRON ROSES wieder in Europa auf Tour. Im Gepäck werden sie ihr neues Album sowie ein paar ältere Songs haben.

THE IRON ROSES auf Tour

06.10 DE Essen, Don’t Panic
07.10 BE Dendermonde, Bastion V
08.10 DE Weinheim, Cafe Central
10.10 AT Graz, Erntepunk Fest
11.10 AT Vienna, Arena *
12.10 DE Munich, Kranhalle *
13.10 CH Zürich, Dynamo *
14.10 DE Wiesbaden, Schlachthof
15.10 DE Schweinfurt, Stattbahnhof *
16.10 DE Erfurt, VEB Kultur *
18.10 DE Cologne, Helios 37 *
20.10 DE Hanover, Faust
21.10 DE Hamburg, Uebel & Gefährlich *
22.10 DE Berlin, Female Fronted Is Not A Genre

* mit MARCH

Quelle: Interview Becky and Nat, The Iron Roses (
14.06.2026

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