Liturgy
"The Ark Work" auf dem Seziertisch

Special

Liturgy

Manches braucht Zeit. In der Regel ist es so, dass man als Rezensent ziemlich schnell die Spreu vom Weizen trennt und eben weiß, ob die vorliegende Platte nun gut oder schlecht ist. Einige Alben brauchen eine gewisse Anlaufzeit, manche stürmen als Orkan in die Anlage und enden als laues Lüftchen. „The Ark Work“ von LITURGY versetzt den Hörer aber in Schockstarre, hinterlässt ihn gleichermaßen ratlos wie interessiert. Begeisterung wechselt sich ab mit Verblüffung. Genau aus diesem Grund, verlieren wir erst jetzt einige zaghafte Worte über das neue Album von LITURGY.

Wir mussten lernen, damit klar zu kommen. Also mit dem, was die da aufgenommen haben… wir einigen uns am besten auf: „Eine Ansammlung von Tönen“. Das folgende sehr subjektive Special versucht Licht ins Dunkel und euch die Band nahe zu bringen – LITURGY, wollt ihr was von uns, und falls ja, was und wie viele?

Es gibt sie wirklich, die Menschen die dir auf die Frage nach musikalischen Präferenzen stolz antworten, dass sie Black Metal hören, aber „nur so Hipster Black Metal“. Was soll das bitte sein? Durch Klischees genährt, formt sich im Kopf sofort ein Bild von hornbebrillten, schulisch gut ausgebildeten Typen, die denken, dass Musik anstrengend sein muss, um einen gewissen Anspruch zu erfüllen, den eigentlich nie jemand gestellt hat. Sie quälen sich durch irgendwelche Kunstprojekte, die niemand mag und die, nur weil einer während der Aufnahmen in einen Nagel getreten ist und laut aufschreit, als Black Metal betitelt werden (können). Den richtigen Black Metal verachten sie natürlich. Für seine Rohheit, das lächerliche Corpsepaint, die stümperhaften Riffs, den Blast und die nihilistischen Texte. Genau hier kommen LITURGY ins Spiel…

Artwork von „The Ark Work“ – die Suche nach Antworten

Schön geht anders, soviel steht felsenfest. Nähert man sich aber erstmal zaghaft mit dem dringenden Willen einen künstlerischen Anspruch zu erkennen, dann kann man sich mit Müh‘ und Not eine Botschaft aus dem Album ziehen: Die beiden betenden Statuen scheinen sich nicht im besten Zustand zu befinden und sind auch nicht wirklich imposant in Szene gesetzt worden. Man könnte fast meinen, sie würden ausrangiert in einer Garage oder auf einem Trödelmarkt stehen. Hat jemand also Abstand vom Glauben genommen? Möchte sich jemand von bindenden Artefakten befreien? Das nicht gerade stilvoll platzierte Band-Logo unterstreicht die geringschätzende Darstellung.

Oder wird genau umgekehrt ein Stiefelchen daraus und Glaube findet, häufig unbemerkt, in jeder Lebenslage, immer und überall seinen Platz? Warum sind es überhaupt zwei Figuren? Reicht ein Glaube nicht aus und braucht es diverse Glaubensansätze, um zur endgültigen (Er-)Lösung zu kommen. Warum sehen sich die Figuren ähnlich, handelt es sich trotz unterschiedlicher Prägungen und Auswirkungen bei unterschiedlichen Religionen letztendliche doch immer um das eine gleiche Etwas?

Das wären so die (mehr oder weniger) cleveren Fragen, die man sich zum Artwork von „The Ark Work“ stellen könnte. Eventuell haben LITURGY einfach auch keinen Stil.

Sind LITURGY mit „The Ark Work“ am Ende sogar Black Metal 2.0.?

Die einen sagen so, die anderen so. Und wie immer, kommt es auf den Blickwinkel an. Wer Black Metal in erster Linie mit antichristlichen Inhalten verbindet, der wird LITURGY definitiv einen Platz im Genre gönnen. Wer um mehr Abwechslung leicht angestaubten Schema bittet, wird sich ebenfalls die Hände reiben und den Mut von LITURGY zumindest anerkennen. Wer allerdings dogmatisch auf Corpsepaint und gutturalen Gesang besteht, der wird LITURGY alleine für den Gedanken an Black Metal hassen. Und ja, „The Ark Work“ hat Momente, in denen man Ansätze des Black Metal unterstellen kann. Dieses näselnde Genörgel, das Hunt uns als Gesang verkauft, streckt allerdings eher die gierigen Fingerchen nach Hip Hop aus. Und selbst aus dem Lager gibt es dafür sofort auf die selbigen gedroschen, 50% Abzug der Street-Credibility inklusive. Also Black Metal ist dieses Album beim besten Willen nicht (mehr)… zumindest nehmen LITURGY aber den Spirit ihrer Umgebung auf, zerhäckseln ihn wie billige Fleischpampe und pappen ihn gekonnt zu ihrem ganz eigenen Formfleisch zusammen. Exklusives LITURGY-Stempelchen drauf und fertig!

Ein schöner Anlass, um mal wieder die beste jemals existierende beste Hip-Hop-Instanz der Welt zu zitieren:

Brooklyn, Bronx, Queens and Staten,
from the Battery to the top of Manhattan
Asian, Middle-Eastern and Latin,
Black, White, New York you make it happen…

(BEASTIE BOYS – An Open Letter To NYC)

Wer hat denn da Konfetti im Kopf, wer sind LITURGY?

Eventuell ist ein gewisser Wahnsinn vorprogrammiert, wenn der bürgerliche Name Hunter Hunt-Hendrix lautet. Die Eltern des Mastermind hatten entweder Humor oder wollten dem guten Hunter von Anfang an mitgeben, dass das Leben generell Kunst ist – gewöhne dich rasch daran, mein Sohn! Mit eben diesem Herren nahm der Wahnsinn seinen Lauf, denn selbstredend ist er der Motor der Band, der Name den man sich merken sollte, der Visionär oder einfach auch nur… der richtig irre Typ. Gitarrist Bernard Gann, Bassist Tyler Dusenbury und Schlagzeuger Greg Fox – Stand heute ist dieser bereits wieder ausgeschieden – stießen wagemutig dazu und waren bereit für ein Experiment der ganz besonderen Art. Auf Facebook gibt die Band übrigens die äußerst interessanten Interessen „Asymptotes, Apocalypse, Discipline, Eternity“ an. Mathe und Religion mit Weltuntergang also, für den ganz einfachen Mann gesprochen.

„The Ark Work“ müsste eine Zutatenliste lang und kompliziert wie ein Energy-Drink führen, direkt über dem 666-er-Strichcode, würde ungefähr folgendes stehen.

Dieses Produkt enthält: Schamanische Rituale, Black Metal, Hardstyle Beats, Okkulter Rap, Mittelalterliche Chorgesänge und eine Prise Avantgarde. Produkt kann desweiteren auch noch Spuren Post Metal enthalten und ist mit großen Mengen von MIDI-Sounds enthalten!)

Ist „The Ark Work“ tatsächlich Zukunftsmusik?

LITURGY stecken ihre Musik in eine selbstgebaute Schublade mit der Aufschrift Transcendental Black Metal, was gleichermaßen korrekt wie verwirrend ist. Wer es tatsächlich schafft, sich „The Ark Work“ mehrfach nacheinander anzuhören, kommt nicht ohne psychotrope Substanzen oder einen gesunden Alkoholgrundpegel heil davon. Selbst der einmalige Genuss ist anstrengend, LITURGY ziehen den Hörer in einen hypnotischen Sog. Mit viel Fantasie könnte man sich schon vorstellen, dass in einigen Jahrzehnten eine derart aufdringliche Penetration vonnöten ist, um irgendwo noch durch den bis dahin sicherlich noch heftiger sprudelnden Informationsfluss durchdringen zu können.

„Tja, ich schätze, ihr seid wohl noch nicht so weit, aber eure Kinder fahren da voll drauf ab“ (Marty McFly, 1955)

Im Vergleich zum hochgelobten Vorgänger „Aesthetica“, welcher deutlich organischer klang und mit dem Label Blackgaze locker durchkam, ist „The Ark Work“ stark futuristisch aufgenommen und komponiert. Und da wo im Vorgänger noch in ordentlicher Suizid-Tonlage geschrien wurde wie am Spieß, ist heute Hip Hop. Ist das jetzt prä oder post?

Sternstunden und Tiefpunkte von „The Ark Work“

„Fanfare“ heißt das erste Biest von „The Ark Work“. Das Motto lautet: Und bist du nicht willig, gebrauch‘ ich Gewalt. Und wenn die Herren von LITURGY Fanfaren sagen, dann meinen sie auch Fanfaren. Im Stile der Achtzigerjahre Hörspiel-Hochzeit penetrieren LITURGY den Hörer über 2:21 mit einer aufdringlichen, einem Midi-Keyboard entsprungenen Melodie, die einerseits nervt und andererseits nie mehr aus des Hörers Kopf verschwindet. NIE mehr!

Hier muss man sich schon die Frage stellen, ob das eine Persiflage auf heroische Black-Metal-Intros oder ein erster Versuch der Hypnose darstellen soll. Für zweites braucht man – Blitzhypnose ausgenommen – entsprechend des in Deutschland gültigen Rechts, eine schriftliche Einwilligung des mündigen Patienten. Zum Schluss hin überschlagen sich die Instrumente, ein bisschen wie beim Intro von „The Simpsons“, wenn Lisa den Musikunterricht verlässt und alle etwas aus dem Takt geraten.

An alle Morsefreunde: 1x lang, 3x kurz, 4x kurz, 3x kurz – das heißt sicherlich „Gott ist doof“, oder? Over and out. Amen.

Bei „Kel Valhaal“ zeigt die Fanfaren-Folter schon Wirkung und bisschen wie beim Baustellen-Lärm, hat man sich daran gewöhnt. Etwas schräg sind die ständigen Stopps und das Gestotterere, merkwürdige Stilmittel, die LITURGY einbauen. Nach knappen drei Minuten platzt der Knoten, was nicht bedeutet, dass es irgendwie normal werden würde. Hunt stellt den flutenden Midi-Sounds abgehackten Sprechgesang entgegen, der im ersten Moment alles zu zerstören scheint. Nach und nach findet man aber Gefallen, an den sich gegenseitig aufreibenden Rhythmus-Fraktionen, die alle mit hochroten Gesichtern erbarmungslos gegeneinander arbeiten.

„Follow II“ und „Haelegen“ sind sowas, wie die sogenannten Schüttelphasen beim Sport, wenn der Vorturner in die Halle brüllt: „So, nun alle mal ordentlich ausschütteln“. Während sich die Farfisa durch das dünnste Nadelöhr schlängelt und sich lediglich von feinsten Triangel-Sounds flankieren lässt, hat der Hörer Gelegenheit ins Hier und Jetzt zurückzufinden. „Follow II“ bringt noch eine Prise Area 51, gepaart mit skandieren Klängen, ins Spiel. LITURGY feuern ein herzergreifendes Klangspektakel ab, das irgendwie Jazz ist, aber in erster Linie einfach nicht von dieser Welt.

„Quetzalcoatl“ ist schräg, sehr schräg. Aber auch stark, sehr stark. Der Miese-Hunt-Peter nölt sich durch das den Track, während seine Kumpanen hinten etwas Mächtiges auftürmen, dass gleichzeitig den Ball klaustrophobisch flach hält und tatsächlich nach irgendwas mit Post-Black-Metal klingt. Die künstlichen Streicher unterstreichen die Dramatik und LITURGY verpassen dem Song somit ein Finale, das einem Sci-Fi-Blockbuster würdig wäre und auch ebenso gut für die Einmarschmusik einer leuchtenden Schwanzfederschlange herhalten könnte.

In Kombination mit dreschender FALKENBACH-Melancholie, entfaltet sich der Gesang bei „Father Vorizen“ wieder ganz gut. Die Verschmelzung von unterschiedlichen Genres ist hier mehr als gelungen. Sicher hat dieser Moment noch am ehesten das Prädikat „irgendwas mit Metal“ verdient und dient, besonders im Vergleich zur Achterbahn vorher, zur Entspannung. Betrachtet man sich den Text dazu, dann machen LITURGY hier alles richtig und vertonen ihre Botschaft absolut schlüssig, wenn auch ungewöhnlich.

Spätestens bei „Reign Away“ ist der Moment gekommen, an dem man ernsthaft in Betracht ziehen muss, einen Gehirntumor zu haben. Irgendetwas drückt vehement auf den Nervus cochlearis (acusticus), die Töne werden garantiert nicht in richtiger Reihenfolge in Richtung Gehirn transportiert. IGORRR kommt einem am ehesten noch in den Sinn, spätestens dann, wenn sich das wilde Beat-Geblaste beruhigt hat und eine trügerische Ruhe – auch Rhythmus genannt – einkehrt. Ganz ehrlich, wer dieses Lied mit den Glöckchen, der mit Absicht aufgepumpten Epik, dem schiefen (Stotter-)Gesang (Julian Casablancas, wir wissen, dass du das bist…) versteht, der versteht LITURGY. Und plötzlich ergibt das Gefasel von wegen Transcendental Black Metal erschreckenderweise Sinn. Der altbekannte Fanfarensound taucht hier auf und mittlerweile bin ich mir sicher, dass der Hörer bewusst auf diese Tonfolge konditioniert werden soll. Wenn die Ufos tatsächlich mal landen sollten, achtet auf diesen Sound… folgt ihm!

„Vitriol“ ist nicht weniger, als ein richtig starkes Mashup. DAVID GUETTA und Kollegas können den Plattenkoffer einpacken und die Disse mit eingezogenem Schwanz verlassen, wenn bei „Vitriol“ die Bässe auf voller Lautstärke aus der Anlage droppen, dass es nur so eine Freude ist. Es ist LITURGY ebenfalls hoch anzurechnen, ein eigenes Lied so zu überfrachten, die einzelnen Elemente so quer mit Gewalt zusammenzudrücken, dass sie sich anhören wie ein waschechter mies bei Anderen gemopster Bastard. Mindestens an diesem Punkt, sind LITURGY von Black Metal so weit entfernt, wie AfD und NPD von Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes.

Was denn nun? „The Ark Work“ von LITURGY hören oder besser nicht?

LITURGY selbst sagen: „Wir sind wirklich gewillt, es zu erdulden, dafür gehasst zu werden, was sich ästhetisch richtig anfühlt.“ Eine gute Freundin konstatierte vor einigen Jahren, begleitet von einem tiefen sich selbst bemitleidenden Seufzer, zu später Stunde: „Ich würde so gerne Jazz hören, aber es gefällt mir einfach nicht“. Lange Rede, kurzer Sinn – quält euch nicht durch, wenn es euch nicht gefällt. Hört euch „The Ark Work“ aber unbedingt an, wenn ihr euch selbst gerne fordert und für fortschrittliche Musik interessiert, die komplett anders ist als alles, was ihr kennt. Dann aber komplett, am Stück und mit wirklich offenen Ohren und dem aufrichtigen Wunsch zu erfahren, was der Künstler uns wohl damit sagen möchte. Testet dann auch die vorherigen Alben der Amis an, die zwar nicht ganz so schräg, aber nicht weniger interessant sind.

Weder LITURGY noch metal.de übernehmen allerdings Haftung für etwaige Schäden, die beim Genuss von „The Ark Work“ im Speziellen und LITURGY generell entstehen.

Für Fanfaren-Fans und solche, die es werden wollen

Im folgenden Konzertmitschnitt von 2015 spielen LITURGY in der St. Vitus Bar in New York. Eine gute Gelegenheit, um sich selbst ein aktuelles Bild zu machen.

Wer sich am sehr speziellen Gesang von „The Ark Work“ stört, die Truppe aber zumindest musikalisch interessant findet, der sollte sich diese 2011-er Instrumental-Session, zur Veröffentlichung von „Aesthethica“, gönnen.

„Veins Of God“

„Generation“

29.02.2016
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