UNGEHINDERT DABEI e.V. – Vom ROCKHARZ aus zu mehr Barrierefreiheit auf Festivals

Special

Ein Verein mit Mission

Auf dem ROCKHARZ Open Air 2026 stand nicht nur die volle Dröhnung Metal im Fokus, sondern auch ein besonderes Projekt: der neu gegründete Verein UNGEHINDERT DABEI e.V.. Dahinter stehen Persönlichkeiten aus der Festival- und Metalszene, die das Thema Inklusion in der Veranstaltungswelt nachhaltig verankern wollen. Viele von ihnen haben sich durch ihr langjähriges Engagement bereits einen Namen gemacht und möchten ihre Erfahrungen nun weitergeben.

Der Name ist Programm: Menschen mit Behinderung sollen Kulturveranstaltungen möglichst ungehindert erleben können. Dafür will der Verein Wissen bündeln, praktische Lösungen aufzeigen und Veranstalter:innen beim Einstieg in barrierefreie Konzepte unterstützen.


Jens sprach mit dem Gründungs-Team des Vereins.
Das gesamte Video-Interview am Ende des Berichts.


Crowdsurfen mit Rolli? Klar!

Zusammenarbeit ist alles

Ein Grundsatz steht dabei an erster Stelle: „Nichts über uns, ohne uns.“

Björn Schulz, Inklusionsbeauftragter auf dem ROCKHARZ, erklärt: „Menschen ohne Behinderung treffen oft Entscheidungen für Menschen mit Behinderung. Und das finden wir nicht gut, weil wir Experten in unserer eigenen Sache sind und wissen, was wir brauchen.“

Auch ROCKHARZ-Veranstalterin Daniela Glogner sieht genau darin den Schlüssel. Sie könne sich zwar intensiv mit dem Thema beschäftigen, wisse aber nicht automatisch, welche Details im Alltag wirklich entscheidend sind. Diese Perspektive könnten nur Betroffene selbst einbringen.

Björn, Dani und Gabor von Ungehindert dabei e.V. auf der Teufelsmauer

Vom Förderband bis zur überdachten Tribüne

Auf dem ROCKHARZ ist Inklusion längst keine theoretische Übung mehr. Die Maßnahmen reichen von kleinen Anpassungen bis zu größeren Investitionen.

Dazu gehören ein Pflegecontainer mit Duschliege und Lifter sowie befestigte Wege im Inklusionscamp. Für Letztere nutzt das Festival ausrangierte Förderbänder aus einem Steinbruch. Was dort als Abfall anfällt, wird auf dem Festivalgelände zur praktischen Lösung. Also von den „Rocks“ zum „Rock“. Oder: Statt „Rocks“ rollen jetzt „Rocker“ darüber. Aber genug der schlechten Wortspiele.

Noch einfacher und dennoch essenziell: Eine Tribüne mit Rampe und Dach. Überdachte Rolli-Tribünen lassen sich schlichtweg nicht mieten, aber gerade ein Dach ist unverzichtbar. Bei Regen können Rollstuhlfahrende keinen Schirm festhalten, und bei sommerlicher Hitze wird eine unüberdachte Tribüne zur Qual.

Aber das Motto des Vereins lautet nicht umsonst: nicht fragen, was nicht geht, sondern suchen, was geht. Und so fand sich dann doch eine Lösung: Eine eigene Bühne mit Dach, an die eine Rampe gebaut wurde. Das ROCKHARZ hat inzwischen also doch drei Bühnen.

Auch die ROCKHARZ Kompass App zeigt den Weg zu echter Teilhabe. Blinde und sehbeeinträchtigte Besuchende können sich damit selbstständig auf dem Gelände orientieren – von Bierständen über Foodtrucks bis hin zum eigenen Zelt. Wenn auf der Darkstage gerade AGNOSTIC FRONT ihren Hardcore über das volle Gelände knüppeln, ist Kommunikation schwer bis unmöglich. Deshalb sind in der App die Speisekarten und Preislisten aller Stände hinterlegt, sodass das Zuschreien der Menüoptionen ausbleiben kann. Und wie Dani betont, nutzt die App nicht nur Menschen mit Sehbehinderung: Sie hilft auch allen, die nachts mit getränkebedingter Unwucht ihr Zelt suchen.

Wegweiser auf dem Rockharz Open Air 2026

„Es geht jeden was an“

Für die Vereinsgründer ist Inklusion kein Spezialthema. Behinderung kann das Leben eines Menschen von einem Moment auf den anderen verändern.

Gabor Schneider, vielen als „Mr. Wheelchair“ bekannt, lebt seit 16 Jahren im Rollstuhl. Ein Badeunfall veränderte sein Leben grundlegend. Auch Björn kam nach einem Arztbesuch unerwartet in diese Situation. Sein erstes ROCKHARZ wurde schnell mehr als nur ein Festivalbesuch: „Ich bin hier gewesen, bin kleben geblieben und ich bin einfach nur glücklich, dass ich das hier machen darf.“

Wie schnell aus einem Problem eine Lösung werden kann, erlebte Gabor bei seinem ersten ROCKHARZ-Besuch vor vier Jahren. Ein dickes Kabel auf einer Wiese versperrte ihm mit dem Rollstuhl den Weg. Fünf Minuten nachdem er Bescheid gegeben hatte, kam ein Radlader und grub das Kabel ein. „Ich bin einfach weitergefahren und habe gedacht: Wow, wie schnell war das?“ Seitdem, so Gabor, sei er ein extremer Fan des Festivals.

Aussicht von der Teufelsmauer auf das Rockharz Open Air 2026

Gipfelsturm für alle

Besonders emotional wurde es auf der Teufelsmauer. Mit dem sogenannten Herzenswunsch-Krankenwagen der Malteser konnte Gabor auf das Plateau gebracht werden, von dem aus sich ein beeindruckender Blick über das Festivalgelände eröffnet.

Auch Björn genoss erstmals den vollständigen Ausblick. Da ein normaler Krankenwagen die steile Strecke nicht bewältigen kann, kam ein geländegängiges Spezialfahrzeug zum Einsatz, das sonst bei Katastropheneinsätzen genutzt wird.

Die ungewöhnliche Fahrt endete mit grandioser Aussicht, kühlen Getränken und einem besonderen Moment: Beide konnten sich ins ROCKHARZ-Gipfelbuch eintragen – gemeinsam mit allen anderen Besucher:innen, die den Aufstieg zu Fuß geschafft hatten. Gänsepelle inklusive. Ein paar Freudentränen wohl auch.

Björn mit Gipfelbuch auf der Teufelsmauer

„Ungehindert dabei“ – So funktioniert der Ansatz

Der Verein möchte seine Unterstützung bewusst niedrigschwellig anbieten. Der Mitgliedsbeitrag beträgt einen Cent pro Gast. So können auch kleinere Veranstaltungen Beratung in Anspruch nehmen.

Mitglieder erhalten Vor-Ort-Beratung, Geländebegehungen, konkrete Handlungsempfehlungen sowie Zugang zu einem Netzwerk von Partner:innen, die bei Planung und Umsetzung unterstützen. Am Ende steht ein Zertifikat, das Besucher:innen transparent informiert, welche Voraussetzungen vor Ort vorhanden sind.

Denn nicht jede Hürde lässt sich beseitigen. Ein Festival findet nun einmal auf einer Wiese statt und nicht auf Asphalt. Umso wichtiger ist es, dass Menschen wissen, was sie erwartet und selbst entscheiden können, ob eine Veranstaltung für sie passt.

Sissy, Gabors Schwester und ebenfalls Mitgründerin des Vereins, kennt diese Herausforderung aus eigener Erfahrung. Bevor sie gemeinsam unterwegs sind, müssen viele praktische Fragen geklärt werden – von medizinischen Bedürfnissen bis zur allgemeinen Zugänglichkeit. Genau diese Planungssicherheit soll das Zertifikat schaffen.

Ergänzend bietet der Verein monatliche Online-Runden an, in denen Mitglieder Erfahrungen austauschen und voneinander lernen können.

Vision: Inklusion als Selbstverständlichkeit

Wohin soll die Reise gehen? Dani zeigt sich optimistisch. Möglichst bald möchte der Verein eine Vollzeitstelle finanzieren, denn der Bedarf übersteigt längst das, was rein ehrenamtlich zu leisten ist.

Langfristig soll Inklusion kein besonderes Thema mehr sein, sondern selbstverständlich dazugehören. Auf dem ROCKHARZ sei dieser Gedanke bereits fest verankert. Niemand diskutiert dort darüber, ob auf der Tribüne Platz gemacht wird. Es passiert einfach. Genau dieses Verständnis möchte der Verein weitertragen.

Der Slogan bringt den Anspruch auf den Punkt: „Live. laut. inklusiv.“ Livemusik lädt den Akku auf, laut ist es auf einem Metal-Festival ohnehin – und inklusiv sollte Kultur überall sein. Oder, wie Daniela Glogner es zusammenfasst: Die Welt ist für alle da.


Du bist Veranstalter:in und willst inklusiv werden? Hier geht es zur Website von UNGEHINDERT DABEI e.V.


Das gesamte Interview im Video:

14.08.2026
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