Gorod
Von einer brennenden Welt
Interview
Mit ihrem achten Album „The Ember Gone“ haben sich die Franzosen von GOROD nicht nur noch weitere von ihrer Basis aus Technical Death Metal entfernt, sondern auch das vielleicht bisher persönlichste Werk geschrieben. Wie ein intimes Gespräch der kompletten Band am Lagerfeuer die Initialzündung für das Album liefern konnte und wie präsent der Klimawandel im Handeln der Band aus Bordeaux ist, erläutert Frontmann Julien Deyres im Gespräch.
Julien, jetzt haben die Auswirkungen des Klimawandels auch Bordeaux erreicht – zumindest auf eine Weise, die landesweit Aufmerksamkeit erregt hat. Wie habt ihr die verheerenden Brände in diesem Sommer wahrgenommen?
Es war für uns alle eine ziemlich schreckliche Erfahrung. Im Sommer wüteten neue Formen von Megabränden direkt in unserer Region, und es fühlte sich irgendwie apokalyptisch an. Den brennenden Wald zu sehen, die mit Rauch gefüllte Luft einzuatmen und zu begreifen, dass dies unsere neue Realität ist, war alles andere als angenehm. Ein paar Monate zuvor hatten wir unsere Promo-Fotos noch mitten zwischen den verbrannten Bäumen an der Dune du Pyla aufgenommen, um die tatsächlichen Auswirkungen dieser neuen Ära zu verkörpern, die Wissenschaftler und Philosophen „Pyrozän“ nennen.
Vor „The Ember Gone“ hatte ich zuletzt im Zusammenhang mit den beiden Alben „Leading Vision“ und „Process of a New Decline“ Kontakt mit euch – zwei Platten, die während des absoluten Höhepunkts des technisch anspruchsvollen Death Metal erschienen sind. Würdet ihr sagen, dass heute mehr Seele in eurer Musik steckt?
Ich würde nicht sagen, dass uns damals die Seele gefehlt hat, aber wir hatten definitiv eine andere Einstellung. Zur Zeit von „Leading Vision“ und „Process of a New Decline“ bestand unser Ziel darin, in jede Minute Musik ein Maximum an Technik, Geschwindigkeit und 20 verschiedene Ideen zu packen. In den vergangenen 15 Jahren haben wir mit zunehmender Reife und Erfahrung gelernt, den Songs Raum zum Atmen zu geben. Heute räumen wir Emotionen, Atmosphäre und organischen Grooves eher mehr Platz ein als reiner technischer Meisterschaft. Die Seele war immer da, aber inzwischen hat sie Raum, etwas Unmittelbareres und leichter Erfassbares zu werden.
Gefühle und Gedanken, während die Region in Flammen steht
Ist es euch noch wichtig, ausdrücklich unter dem Banner „Technical Death Metal“ zu agieren, oder würde „moderner Extreme Metal“ heutzutage besser passen?
Wir stehen definitiv hinter dem DIY-Gedanken. „Technical Death Metal“ ist historisch gesehen unsere Herkunft, aber wenn du „The Ember Gone“ hörst, wirst du afrikanische Rhythmen, Passagen aus dem Progressive Rock der Siebziger, Harmonien aus dem Latin Jazz und atmosphärische Klanglandschaften finden. „Moderner Extreme Metal“ oder „Progressive Extreme Metal“ trifft es heutzutage wahrscheinlich besser, denn wir wollen uns nicht wirklich in eine Schublade stecken lassen. Wir machen einfach unser eigenes Ding auf unsere eigene Weise, damit die Flamme weiterbrennt.
„The Ember Gone“ ist nach eurer eigenen Aussage das außergewöhnlichste Album eurer Diskografie. Was genau bringt euch zu dieser Einschätzung?
Seine Außergewöhnlichkeit liegt in der menschlichen Erfahrung, die wir seit Jahrzehnten miteinander teilen. Musikalisch hat Mathieu unsere Grenzen erweitert, indem er ungewöhnliche afrikanische Rhythmen einbaute und unsere bislang progressivsten Kompositionen schuf – etwa „Signs“, „Devise“, „Remains“ und die introspektive Reise „Forgiveness“. Auch textlich ist das Album etwas Erfrischendes, denn das gesamte Konzept entstand aus einem privaten Gespräch zwischen uns fünf. Wir saßen am Lagerfeuer im Garten unseres Schlagzeugers Karol und sprachen über unsere Gefühle und Gedanken, während die Region in Flammen stand. Diese rohe menschliche Erfahrung in eine so intime Erzählung zu übertragen, war etwas, das wir in dieser Form noch nie zuvor gemacht hatten.
Was steckt hinter der Veröffentlichung des Albums über Base Productions? Welche Vorteile bringt es euch, wenn bestimmte Dinge von einer einzigen Seite übernommen werden?
Die Zusammenarbeit mit Base Productions ermöglicht es uns, Management, Booking und die logistischen Aspekte der Veröffentlichung mit Menschen abzuwickeln, die uns wirklich kennen. Ein engagiertes Team, das sich um die geschäftliche Seite kümmert, gibt uns völlige künstlerische Freiheit, sodass wir uns auf das konzentrieren können, was wir lieben: neue Musik zu erschaffen und unsere gemeinsame Leidenschaft dafür auf der Bühne miteinander zu teilen.
„Forgiveness“ ist eine eurer Singles. Wie persönlich ist die Geschichte in diesem Text, in dem ein Vater zwischen Verantwortung und Reue angesichts einer zerstörten Welt hin- und hergerissen ist?
Sie ist ziemlich persönlich, ja! Es geht um einen Vater, der den Zusammenbruch seiner Umwelt miterlebt und sich fragt, was für eine Welt er seinen Kindern hinterlässt. In „Forgiveness“ steht dieses Szenario unmittelbar mit dem Mythos von Prometheus in Verbindung. Der Vater bereut, nicht „prometheisch“ genug gewesen zu sein – nicht im Sinne des Feuers, das er gestohlen hat, sondern weil er die Gefahr nicht vorausgesehen hat, die uns dem Ende seiner Träume entgegentreibt: seinen Angehörigen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen und sie mit ihnen zu teilen. Der Song bringt einen ambivalenten Schmerz zum Ausdruck: die Schuld, unsere Kinder in eine brennende Welt gesetzt zu haben, vermischt mit dem rohen, animalischen Instinkt, „lieber gelebt zu haben“.
Experimente ohne Grenzen
Gemeinsam mit Sebastien Duattis habt ihr den Song in einen ziemlich theatralischen Kurzfilm verwandelt. Mit seinen teilweise weit ausladenden Arrangements besitzt „The Ember Gone“ zweifellos eine filmische Qualität. Seht ihr auch in der Entwicklung der Band eine zunehmende Theatralik?
Ja, absolut! „The Ember Gone“ wurde von Anfang an mit einem filmischen Erzählfluss konzipiert. Die Zusammenarbeit mit Sébastien Duattis an diesem Kurzfilm war eine großartige Erfahrung, denn es ist ihm gelungen, die emotionale Wucht und Dramatik des Songs einzufangen. Der Track ist deutlich atmosphärischer und stärker von einer Geschichte getragen als sonst, daher war es nur naheliegend, daraus ein filmisches Projekt zu machen.
Die Chronologie des Albums wird mit „Regret“ fortgesetzt. Angenommen, die Geschichte des Protagonisten wird weitererzählt: Was bereut er letztendlich?
„Regret“ handelt von menschlicher Trägheit und dem Aufschieben von Klimaschutzmaßnahmen. In der Lagerfeuer-Erzählung des Songs veranschaulichen Sätze wie „Schenk mir noch einen ein“ oder „Darüber denken wir später nach“, wie die Menschheit dazu neigt, in Verleugnung zu leben, zu feiern und sich zu betäuben, während um sie herum alles brennt. Aber letztlich ist es immer dieselbe Geschichte: Wir bereuen unseren kollektiven Mangel an Weitsicht und wiederholen ständig dieselben Fehler, ohne aus unseren Erfahrungen zu lernen: „Was auch kommen mag, wir werden dasselbe tun.“ Hehe! Prost!
GOROD sind nicht nur in Bezug auf ihre Texte eine progressive Band, auch musikalisch habt ihr im Laufe der Jahre eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. Gibt es eine Vision, in welche Richtung sich die Band in naher Zukunft weiterentwickeln soll?
Unsere einzige Vision besteht darin, weiter zu forschen und zu experimentieren, ohne konkrete Grenzen festzulegen. Wir haben kein Interesse daran, Trends im Extreme Metal zu folgen, zumal wir älter werden und uns immer weiter von diesem Wettbewerb entfernen – von der Frage, wer am schnellsten oder am makellosesten und mit unübertroffener Virtuosität spielen kann. Wir wollen weiterhin unerwartete musikalische Einflüsse, rhythmische Muster, progressive Texturen und tiefgehende Melodien ausloten und dabei den präzisen, organischen Groove bewahren, der GOROD ausmacht. Solange es uns Spaß macht, uns selbst herauszufordern, wird die Entwicklung ihren eigenen Weg finden. Aber in naher Zukunft werden wir weiterhin extremen Technical Death Metal spielen – keine Sorge, hehe!
Zum Schluss: Wenn du angesichts des derzeitigen Zustands unserer Gesellschaften einen Wunsch für die Menschheit frei hättest, welcher wäre es?
Mein einziger Wunsch für die Menschheit ist, dass wir weiter hoffen, träumen, erschaffen, zusammenkommen, uns austauschen und die Leidenschaften miteinander teilen, die uns antreiben. In diesem konkreten Fall dreht sich alles um Musik. Was wir am meisten lieben, ist, gemeinsam zu reisen, neue Orte zu besuchen und neue Menschen kennenzulernen. Wenn ihr über unsere kommenden Tourtermine auf dem Laufenden bleiben möchtet, kommt gerne zu unseren Live-Shows und verbringt Zeit mit uns. Ihr seid immer mit offenen Armen willkommen! Wir sehen uns on the road, hehe!
