Hammerfall
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Interview

Hammerfall polarisieren, das ist keine Frage. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern, wenn am 28.10. ihr neues Album "Crimson Thunder" erscheint. Das Verhängnisvolle daran ist nur, dass dies Sänger Joacim Cans letztens schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren musste, als ihn in einer Kneipe ein Randalierer schwer am Auge verletzte. Darauf, auf die Konsequenzen davon und natürlich auch auf deren neues Werk sprach ich Hammerfall-Gründungsmitglied Oscar Dronjak an, als ich ihn kürzlich äußerst gut gelaunt und freundlich im Nuclear Blast-Büro an der Strippe hatte.

Erstmal natürlich die Standardfrage: Wie fühlt ihr euch jetzt, wo euer neues Album fertig im Kasten ist und nur noch auf die Veröffentlichung wartet?

Natürlich erlöst und sehr glücklich, denn das Aufnehmen einer Platte ist immer sehr harte, stressige Arbeit. Gespannt sind wir aber auf jeden Fall auch, denn im Studio kannst du immer noch etwas ändern. Das geht jetzt nicht mehr. Aber die Glücklichkeit überwiegt, denn es ist viel besser geworden, als wir es erwartet hatten.

In meinen Augen klingt euer neues Album „Crimson Thunder“ auf der einen Seite frischer, auf der anderen Seite aber auch erwachsener als eure letzten beiden CDs. Würdest du dem zustimmen?

Ja, auf jeden Fall. Ich sehe es ähnlich. Eigentlich ist es sehr einfach, Frische beizubehalten, denn du kannst immer in ein anderes Studio gehen oder dir einen anderen Sound basteln. Manche Bands gehen aber immer nach demselben Schema vor, was auf die Dauer langweilig wird. Der größte Unterschied zu den beiden vorherigen Alben ist diesmal jedoch, das es auf einem wesentlich professionelleren Weg entstanden ist. Ich persönlich denke, wir haben uns im Songwriting gesteigert. Natürlich ist hier auch der Sound, den Charlie Bauernfeind gezaubert hat, nicht zu vernachlässigen.

Du sprachst eben das Songwriting an. Habt ihr mittlerweile einen routinierten Weg des Arbeitens gefunden oder probiert ihr immer wieder eine neue Art des Schreibens aus?

Ich denke, wir haben unseren Weg gefunden. Das ist normal, wenn man Dinge immer wieder tut. Dann merkt man, welche Arbeitsweise einem am besten liegt und diese verfolgt man dann auch. Ich persönlich bevorzuge es, mein Material zu Hause in einer entspannten Umgebung zu schreiben, während der Fernseher läuft oder ich etwas lese. Wenn ich dann auf einmal den Drang, Gitarre zu spielen, spüre, kann ich das einfach tun.

Was ist mit Jesper Strömblad von In Flames? Schreibt er immer noch an den Songs mit?

Nein, er ist nicht mehr dabei. Das neue Album haben Joacim, Stefan und ich alleine geschrieben.

Und woran liegt es, dass er keine Songs mehr für euch schreibt? Seine Credits in der Vergangenheit waren ja nicht zu vernachlässigen.

Ich glaube, er fühlte die Art von Metal, die wir spielen, nicht mehr so wie früher. Und wenn du das Gefühl dafür verlierst, kommt am Ende meiner Meinung nach auch nichts Verwertbares dabei heraus. Das war aber seine eigene Entscheidung, denn er will sich natürlich auch auf seine Arbeit für In Flames konzentrieren. Beim letzten Album war er ja auch schon nicht mehr so verstärkt involviert, wie das noch bei „Glory To The Brave“ oder „Legacy Of Kings“ der Fall gewesen war.

„Crimson Thunder“ wurde in drei verschiedenen Studios aufgenommen. Warum so ein großer Aufwand?

Das war Charlies Idee. So wollte er den Sound so gut wie möglich hinbekommen. Die Drums nahmen wir in Holland auf, denn dort im Wisseloord-Studio haben sie extra einen Raum gebaut, der es ermöglicht, einen extrem natürlichen und gleichzeitig sehr kraftvollen Drumsound aufzunehmen. Dort waren wir fünf Tage, was uns viel des eingeplanten Budgets gekostet hat. Aber das war eine sehr gute Entscheidung, denn der Rest, der in den anderen beiden Studios aufgenommen worden ist, ist dadurch auch besser geworden.

Besser ist ein gutes Stichwort, denn ich persönlich finde, dass der Sound den Charlie Bauernfeind erzeugt hat, viel mehr nach den alten Sachen von Michael Wagener wie z.B. Accept klingt, als er es auf „Renegade“ selbst geschafft hat.

Das habe ich jetzt schon ein paar Mal gehört. Vorher habe ich darüber gar nicht nachgedacht. Jetzt habe ich mich aber mal näher damit beschäftigt und kann es nicht ganz von der Hand weisen. Vielleicht ist Charlie ja der Michael Wagener der heutigen Zeit und genau der Glücksgriff für uns, der Michael in den 80ern für Accept war.

Was hat Bauernfeind dann anders gemacht als Wagener, um das letzte bißchen Motivation aus euch herauszukitzeln?

So ein großer Unterschied war da eigentlich gar nicht, denn wir als Band haben mit beiden sehr schnell Freundschaft geschlossen. Bei „Renegade“ war es gegen Ende von der Stimmung her so, dass wir eigentlich mehr zusammen rumhingen, als zusammen zu arbeiten. Das war jetzt mit Charlie genauso und so etwas macht dann natürlich auch mehr Spaß. Also gab es da keine großen Unterschiede in der Arbeitsweise. Vielleicht hat er mit Joacim irgendetwas gemacht, denn die beiden waren immer extrem lang im Studio. Seine Vocals klingen aggressiver und vielleicht ein wenig höher als vorher. Das wird live recht hart werden für ihn.

Es gab aber noch eine weitere Änderung, denn für das Coverartwork war diesmal erstmals nicht Marshall zuständig. Wie kam es dazu?

Das hat auch mit dem zu tun, worüber wir eingangs schon geredet haben. Wir wollen unsere Frische beibehalten. Das heißt jetzt aber nicht, dass wir mit Marshalls Sachen unzufrieden waren. Ich liebe seine Bilder. Wir wollten nur nicht das machen, was jeder von uns erwartet hat.

Leider gibt es auch ein unerfreuliches Thema, das angesprochen werden muss. Joacim ist vor kurzem in einer Bar von einem Randalierer angegriffen und schwer verletzt worden. Geht es ihm wieder besser?

Es geht ihm wieder besser, aber immer noch nicht gut. Die Wunde am Auge musste mit 25 Stichen genäht werden und ich denke, dass diese Geschichte ihn psychisch auch etwas mitgenommen hat. Er hat sich z.B. Fragen gestellt, warum das geschehen ist oder wie es dazu kommen konnte. Aber es wird von Tag zu Tag besser. Das ist sicher. Die Stiche sind zwar noch nicht verheilt, aber es sieht gut aus. Narben werden aber auf jeden Fall bleiben. Man muss aber immer bedenken, dass es auch schlimmer hätte enden können. Joacim könnte blind sein, ist es aber zum Glück nicht, weil die Verletzungen nur um das Auge herum sind.

Gute Besserung nochmals auf diesem Wege. Aber was hat dieser Vorfall nun für Konsequenzen für euch als Band generell? So, wie ich es verstanden habe, ist Joacim nämlich nur angegriffen worden, weil er der Sänger von Hammerfall ist und der Randalierer eure Musik und Einstellung nicht sonderlich mochte.

Ja, das ist leider auch wahr. Der einzige Grund für diesen Angriff war, dass dieser Kerl unsere Musik nicht mochte. Das macht es noch schwerer, diese Sache überhaupt zu verstehen. Wenn du in deinem Kopf so verdreht bist und jemanden nur angreifst, weil du sein Image und seine Musik nicht magst, dann verdienst du es nicht, Metal-Fan genannt zu werden. Konsequenzen für uns wird die Sache keine großen haben. Wie denn auch? Jetzt nur noch mit Bodyguards vor die Tür zu gehen, wäre doch ein wenig übertrieben. Natürlich müssen wir in Zukunft ein wenig mehr auf die Sicherheit achten und uns genauer überlegen, wo wir uns blicken lassen und wo nicht. Dieser Vorfall hat bestimmt auch dazu beigetragen, dass wir wem auch immer nicht mehr so offen gegenübertreten, sondern eher zurückhaltender sein werden. Das ist aber natürlich, denn dieser Angriff hätte jeden von uns treffen können.

Hat dieser Vorfall deine Meinung über die Metalszene, die ja immer Toleranz fordert, sie aber, wie in diesem Fall, nicht immer zeigt, in irgendeiner Form verändert?

Sicher, ein Akt der Toleranz war das auf keinen Fall. Ich denke, einer der Eckpfeiler der Metal-Szene war immer, das zu akzeptieren, für was der andere steht, damit umgekehrt auch anerkannt wird, für was man selbst steht. Also hatte dieser Kerl seine Hausaufgaben in diesem Punkt nicht gemacht und somit keine Ahnung, worum es im Metal eigentlich geht. Aber zum Glück denkt die große Mehrheit da anders. Es ist immer so, dass 99,9% total locker drauf sein können, aber sobald das fehlende 0,1 % durchdreht, ist der Schaden groß.

Jetzt noch mal zu etwas, über das man eher schmunzeln muss. Ich habe kürzlich gelesen, dass Dark Tranquillitys Mikael Stanne euer allererster Sänger war. Wie hat das denn funktioniert? Ich kann mir Mikael beim besten Willen nicht vorstellen, wenn er Joacims Vocallines singt.

(lacht) Hat er ja gar nicht wirklich. Von der Zeit, in der er in der Band war, sind, glaube ich, nur „Unchained“ und „Steel Meets Steel“ später veröffentlicht und somit auch von Joacim gesungen worden. Aber es stimmt schon, er hat es nicht so rübergebracht wie Joacim. Seine Stimme ist viel tiefer. Als wir mit Hammerfall angefangen haben, wollte ich einfach nur Heavy Metal spielen. Also fragte ich meine Kumpels, wer von ihnen denn Lust hätte, in meiner Band zu singen. Er sagte sofort zu.

Welcher ist der peinlichste Moment deiner Karriere, den du am liebsten ganz schnell aus deinem Gedächtnis verdrängen würdest?

(lacht wieder) Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe ihn wahrscheinlich schon verdrängt. Vielleicht irgendwann mal, als ich bei einem Gig mal gestolpert bin oder so. Ich habe echt keine Ahnung, sorry.

Ist ja nicht schlimm. 🙂 Nach kleinen Peinlichkeiten fragt man halt immer gerne mal. Dann bedanke ich mich für das Beantworten meiner Fragen. Die letzten Worte an eure deutschen Kreuzritter gehören dir.

Ich bedanke mich auch für dieses Interview und hoffe euch alle auf Tour zu sehen, damit sie genauso fabelhaft wird wie die Tour zu „Renegade“, die wir alle noch sehr angenehm im Gedächtnis haben. Natürlich hoffe ich auch, dass jeder unser neues Album mag. Aber es wird mit Sicherheit auch Leute geben, bei denen das nicht der Fall ist. Die sollen dann aber trotzdem zu den Konzerten kommen, denn wir werden auch viele alte Songs live zum besten geben. Take care!

14.10.2002
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