Heilung
"Bei den Aufnahmen wurden Menschen verletzt."

Interview

Vor Kurzem haben die Neofolker HEILUNG ihr zweites Studioalbum „Futha“ veröffentlicht. Nachdem sie in den letzten Jahren vor allem durch ihre eindrucksvollen Live-Shows Bekanntheit erlangten, legen sie nun also neues Material nach. Auch dieses wird seinen Weg bald auf die Bühnen finden. HEILUNG selbst nennen ihren Stil „Amplified History“, denn ihre Quellen stammen allesamt aus historischen Funden.

Musikalisch setzen sie neben authentischen Instrumenten vor allem auf in der Natur aufgenommene Geräusche. Wie sie uns im Interview erzählen, ist die Authentizität eine ihrer obersten Prioritäten. Um an ihre Sounds zu kommen, testen sie auch gerne mal die Grenzen des guten Geschmacks aus. So berichten HEILUNG, bestehend aus Christopher Juul, Kai Uwe Faust und Maria Franz, in einem sehr lockeren und unterhaltsamen Interview über Skype mit einem Augenzwinkern von Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Männer und modernen Foltermethoden.

Hallo ihr drei! Danke, dass ihr euch die Zeit nehmt. „Futha“ ist laut eurer Aussage ein feminineres Album als das erste HEILUNG-Album „Ofnir“. Könnt ihr da ein wenig mehr ins Detail gehen und uns sagen, was es zu einem femininen Album macht?

Maria: Das zu beantworten, ist glaube ich mein Part, als femininer Teil dieses Trios hier. Wir haben uns von der rohen, weiblichen Energie inspirieren lassen, als wir „Futha“ gemacht haben. Das kam alles sehr natürlich, nachdem wir uns bei „Ofnir“ mehr mit Schriften, die auf Speerschäften und Waffen im Allgemeinen gefunden wurden, beschäftigt hatten. Die maskulineren Energien also. Alles, was bei HEILUNG passiert, planen wir nicht wirklich, sondern es passiert organisch. Es gab eine organische Entwicklung hin zu den feminineren Energien, würde ich sagen.

Wir reden hier nicht über Kätzchen und Cupcakes, sondern die Rauheit der Geburt, Löwinnen bei der Jagd, deinen Nachwuchs zu schützen. Das ist oft ziemlich brutal, aber Teil der Naturordnung. Keine blinde Gewalttätigkeit, sondern zweckorientiert. So sehe ich die weibliche Gewalt darin. Sie hat ihre Gründe. Jedenfalls, wenn man nicht gerade PMS hat und irrational ist [alle lachen].

Christopher: Das ist auch eine Gewalt.

Maria: Stimmt, das ist auch eine. Darüber haben wir aber keine Songs. Aber Spaß beiseite. Wir haben den weiblichen Vocals etwas mehr Raum auf dem Album gegeben, wie du bestimmt gehört hast. Habt ihr noch was hinzuzufügen?

Kai: Ja. Maria hat die Quellen ja schon angesprochen. Auf dem Album verwenden wir Texte, die wir aus alten Aufzeichnungen und Gedichten haben, in denen weibliche Erzählerinnen sprechen. In „Traust“ haben wir zum Beispiel die neun Segen, die eine Mutter für ihren Sohn spricht. „Galgaldr“ beginnt mit den Worten einer weiblichen Zauberin. Hier sprechen also buchstäblich die Frauen des Wikingerzeitalters zu uns. Wir nehmen die Originalaufzeichnungen und geben ihnen eine Stimme und einen Rhythmus, um ihnen wieder einen Klang zu verleihen.

Christopher: Es ist auch wichtig, zu erwähnen, dass wir mit diesem Werk kein Gender-Mainstreaming betreiben wollen. Das haben wir auch im Press-Release geschrieben. Und dass die Menschen nicht gleich, aber von gleichem Wert sind. Auf diesem Album behandeln wir zwar die weibliche Seite der Dinge, was aber nicht heißt, dass irgendjemand ausgeklammert sein soll. Ich will, dass die Leute eine starke menschliche Verbindung empfinden, wenn sie sich „Futha“ anhören. Ganz egal, wer sie sind.

Heilung sind (v.l.) Maria Franz, Kai Uwe Faust und Christopher Juul.

Könnt ihr uns auf eine kleine Reise durch „Futha“ mitnehmen und uns mehr Hintergrund zu den einzelnen Songs geben? Zum Beispiel Stücke, die euch besonders viel bedeuten oder bei denen es euch wichtig ist, den Leuten mehr darüber zu erzählen.

Christopher: Wir machen Alben als großes Ganzes. Natürlich kann man sich einen Song rauspicken und ihn gesondert anhören, aber wir erschaffen unsere Alben wirklich als ein Gesamtwerk, das zusammengehört. Ich würde also sagen, wir haben nicht wirklich Favoriten, außer natürlich das Album ans Ganzes. Was interessiert dich? Die Texte und die Geschichten?

Die Texte, die Inspirationen, …

Christopher: Also, wir nutzen ja viele natürliche Elemente. Wir haben zum Beispiel einen Song über Feuer, „Elddansurin“. Die Musik darin ist komplett mit Feuer erzeugt. Wenn man mit diesen Naturgeräuschen arbeitet, lässt man sich auf gewisse Weise treiben. Man kann die Natur nicht bitten, ein bestimmtes Arrangement zu produzieren. Man hört sich an, was man bekommt, und nutzt es als Ausgangspunkt. Wir haben auch einen Song, bei dem wir auf Eis spielen, „Elivagar“. Hier haben wir versucht, den Klang eines Gletschers, der einen Berg hinunterfließt, zu erzeugen. Das vierte Bandmitglied bei HEILUNG ist oft die Natur selbst.

Maria: Das Album beginnt mit dem Ende der Welt, mit „Galgaldr“. Das ist natürlich gleichzeitig eine Wiedergeburt. Das Szenario einer Geburt war eine große Inspiration für den Ausbruch im Mittelteil. Es war sehr interessant, daran zu arbeiten, und jetzt arbeiten wir an der Live-Umsetzung. Gerade eben, bevor wir dich angerufen haben, haben wir darüber gesprochen, wie wir alles zusammenführen und es von der Aufnahme hinaus in die Realität tragen können.

Der zweite Song auf dem Album, „Norupo“, ist mir sehr wichtig, denn es ist das altnorwegische Runengedicht. Es war sehr interessant, mit dem Text zu arbeiten. Zuerst habe ich versucht, mir vorzustellen, wie es wohl ausgesprochen wird. Es ist eine tote Sprache, also weiß das keiner so wirklich. Dann hat Kai vorgeschlagen, dass ich meinen eigenen norwegischen Dialekt benutzen könnte, damit die Worte ihre eigene, persönliche Bedeutung für mich bekommen. Das habe ich gemacht, und es fühlt sich einfach großartig an. Ich liebe es, das zu singen, es war wundervoll, es aufzunehmen, und es ist ein wunderschönes Gedicht, das durch all die Runen des jüngeren Futharks führt.

Kai: Das nächste Stück übernehme ich. „Othan“ ist ein Song, in dem es wieder um das Kämpfen geht. Hier nutzen wir uralte Zauberformeln, die mit der Schlacht zusammenhängen. Wir sehen Maria in der Rolle der Kampfzauberin. Wenn wir live spielen, siehst du all diese Krieger mit ihren Schilden und Speeren. Dann kommt sie und singt unter den Schilden die Zauberformel, damit die Krieger heil und unversehrt in die Schlacht ziehen, so auch wieder nach Hause kommen, und beschützt sind, wohin auch immer ihr Weg sie führt. All diese Sprüche stammen aus Originalquellen, die sich seit dem frühen Mittelalter erhalten haben. Es geht darum, in eine Kampfestrance zu verfallen, den magischen Segen zu erhalten, sich erhaben zu fühlen, wenn man in die Schlacht zieht, und mental schon gewonnen zu haben.

Heilung – Summer Breeze 2018

Maria: „Traust“ ist eine sehr schöne Kombination aus Quellmaterial. Wir wollten die Situation nachstellen, in der man ums Lagerfeuer sitzt, jemand singt und die ganze Horde den Gesang erwidert. In jedem alten Volkstum gibt es diese traditionellen Lieder, bei denen man durch das Singen zusammenkommt.

Christopher: Das wird heute noch auf den Färöer-Inseln praktiziert.

Maria: Ja, an vielen Orten. Dann hatte Kai diese tolle Idee.

Kai: Ja, das haben wir für die Bridge genommen. Es ist eine sehr alte Quelle, die aus dem neunten oder zehnten Jahrhundert in Deutschland stammt. Es ist ein Lösesegen. Fast genau denselben Segen findet man auch in Island um das Jahr 1300. Im Song haben wir den deutschen und den isländischen Segen aneinandergereiht. Wenn wir das live spielen, führen wir auch aus, was im Text beschrieben wird. Der deutsche Spruch beschreibt ziemlich genau, wie ein Krieger gefangen genommen und gefesselt wird. Es wird über Knoten und Stricke gesungen. Und das stellen wir dann auf der Bühne nach. Du siehst dann, wie ein Krieger mit einem wirklich komplizierten Knoten gefesselt wird. Während des Songs wird der Krieger auf sehr plötzliche und überraschende Weise befreit. Wir wollen das, was wir besingen, auch sichtbar machen, nicht nur hörbar.

Christopher: Das ist die Sache mit HEILUNG. HEILUNG ist nicht nur ein Audio-Projekt, es ist auch ein visuelles Projekt. Deshalb nennen wir es selbst auch nicht Pagan Folk oder was auch immer, wir nennen es Amplified History.

Maria: Es ist sogar schwierig, zu sagen, dass wir ein Konzert spielen. Da passiert einfach so viel. Wir haben deshalb angefangen, es einfach Performance oder Ritual zu nennen.

Christopher: Das ist es ja im Grunde ja auch.

Maria: Ja, stimmt. Der nächste Song ist „Vapnatak“. Das ist der einzige Song, zu dem wir die Lyrics nicht veröffentlicht haben, weil… Kai?

Kai: Es ist ein sehr persönliches Stück für mich. „Vapnatak“ beginnt mit einer Szene, in der Krieger unter ihren Schilden das Ende eines Angriffs abwarten. Sie stehen unter Beschuss und Pfeile regnen auf ihre Schilde herab. Es ist ein Gedicht, dass sich an den höchsten Kriegsgott, aber auch an den Erschaffer der Welt richtet. Es ist in meinem heimischen Dialekt, der sehr alt ist und zur moselfränkischen Dialektgruppe gehört. Im Namen steckt schon die Zugehörigkeit zu den Franken.

Der Dialekt ist mehr oder weniger ausgestorben. Es gibt ein paar kleine Projekte, bei denen sich Leute damit beschäftigen, aber er wurde nie sorgfältig transkribiert, wie zum Beispiel einige norwegische Dialekte. Ich erinnere mich noch, dass mein Großvater ihn immer gesprochen hat und Hochdeutsch in der Schule gelernt hat. In meiner Generation gab es noch Versuche, den Dialekt zu erhalten, also hatten wir mündlichen Unterricht in der Schule. Aber die Generation meiner Kinder wird wahrscheinlich nicht mehr in der Lage sein, ihn zu sprechen oder überhaupt zu verstehen.

Christopher: Der Song zeigt auch, wie weit wir manchmal bei den Aufnahmen im Studio gehen. Kai hat dabei buchstäblich unter einem Schild gesessen. Wir hatten schon den Sound der Pfeile, und damit haben wir ihn dann wirklich in diese Stimmung versetzt. Das ist keine sehr angenehme Situation, mit Pfeilen bombardiert zu werden. Wir gehen also sehr weit dabei, uns selbst in die Stimmung zu versetzen, die wir einfangen wollen.

Galerie mit 20 Bildern: Heilung - Summer Breeze Open Air 2018

Maria: Ja, auf jeden Fall. Was kommt jetzt? „Svanrand“.

Christopher: Oh, Maria, der ist für dich.

Maria: Das ist solch ein schönes Stück, ich kann es gar nicht erwarten, das zu performen. Obwohl das ziemlich knifflig wird. Es sind die 72 Namen der Walküren, wie sie überliefert sind. Kai hat die ganzen Namen gesammelt und daraus ein wirklich intrikates Gedicht nach dem Vorbild der altnordischen Dichtung gemacht. Es gibt verschiedene Systeme, wirklich sehr kompliziert, sehr intelligent, und man sieht deutlich, dass diese Leute im Winter nichts anderes zu tun hatten, als rumzusitzen, Gedichte zu schreiben und eine Ewigkeit darüber nachzudenken [alle lachen]. Die Rhythmik, die Anordnung der Buchstaben, die Anzahl der Silben und wie das alles zusammengefügt ist, ist ein wahres Rätsel. Ich war total beeindruckt, also ich angefangen habe, mich mit Kais Hilfe damit zu beschäftigen. Wie lange hast du an dem Stück gearbeitet?

Kai: Ewig. Das alles zu schreiben, war ein fortlaufendes Projekt. Immer, wenn ich den Namen einer Walküre gefunden habe, habe ich ihn in mein Notizbuch geschrieben, und irgendwann war die Sammlung vollständig. Oder, was ich als vollständig erachte. Es hat immer ein wenig geköchelt, aber gegen Ende hat es sich wirklich offenbart, als ich ein paar Tage hier saß und daran geschmiedet habe.

Christopher: Ich denke, was sehr interessant an dem Arrangement ist, ist, dass es einen sehr komplizierten Rhythmus hat, und auf einer anderen Ebene noch einen simpleren. Dieser simplere Rhythmus entsteht durch das Betonen jeder zweiten Silbe der Namen, was in sich wiederum neue Namen entstehen lässt. Dazu gehört auch der Titel des Songs. Der ist also fast auf magische Weise entstanden, wie ich gerne sage.

Maria: Über „Elivagar“ und „Elddansurin“ haben wir ja schon gesprochen. Der letzte Song ist „Hamrer Hippyer“, den wir schon auf „Lifa“ veröffentlicht haben.

Christopher und Maria (zusammengefasst): Darin benutzen wir eine Technik, die man beispielsweise auch bei Inuit-Stämmen findet. Dabei stehen sich zwei Leute gegenüber und singen sich verschiedene Rhythmen entgegen, zum Beispiel „hamama“ und „hipipi“, und zwar gleichzeitig. Dabei atmen der eine ein, während der andere ausatmet und umgekehrt. Da man so die verbrauchte Luft des anderen einatmet, verliert man auf Dauer Sauerstoff und kann dadurch in eine Trance verfallen.

Kai: Das ist wirklich HEILUNG, im Sinne der deutschen Bedeutung. Dieser Song ist vollgepackt mit heilenden Zauberformeln. Gegen Entzündung, gegen Fieber, gegen verletzte Gliedmaßen, gegen Blutvergiftung und so weiter und so fort. Viele medizinische Heilsegen von früher sind hier gesammelt. Der Song klingt sehr wild und ist sehr schnell, aber im Grunde ist er ein heilender Segen. Gute Medizin ist bitter, wenn du weißt, was ich meine [lacht].

Christopher: Und kann gleichzeitig Spaß machen [alle lachen].

Ihr habt jetzt tatsächlich einige Fragen vorweggenommen. Was ihr unter anderem angesprochen habt, sind die ganzen Sounds, die ihr erzeugt. Ihr habt das Feuer und das Eis schon erwähnt, aber womit arbeitet ihr noch so? Einiges ist ja recht offensichtlich, wie zum Beispiel die Pfeile, aber bei einer Bemerkung im Pressetext bin ich stutzig geworden. Da steht bei „Svanrand“: „The female body itself was used to produce the clapping elements in the rhythm.“

An dieser Stelle sind alle drei schon sichtlich amüsiert.

Kai: OK, Insider-Story [alle lachen]. Ich habe diesen kleinen Zoom-Rekorder, den ich meistens dabei habe. Eines Tages dachte ich, dass es doch cool sein könnte, ein bisschen auf den Bauch meiner Freundin zu klatschen und das aufzunehmen, weil wir das vielleicht verwenden könnten. Also habe ich die Aufnahme Chris gebracht und er hat es sich angehört, mich angesehen und gesagt: „Das war aber nicht sehr deutsch von dir, du hättest ihr dafür auch richtig auf den Arsch hauen können“ [lacht]. Am nächsten Tag habe ich also wieder meinen Zoom-Rekorder genommen und seinen Vorschlag umgesetzt.

Christopher: Dabei warst du echt gründlich.

Während die Jungs sich noch einen ablachen, dreht sich Maria zur Seite und ruft – mutmaßlich die betroffene Dame adressierend – durchs Haus: „Die erzählen gerade die Arsch-Hau-Geschichte!“

Kai: Also das lief so. Ich habe den Rekorder angemacht und gesagt, „ich hau dir auf den Arsch, und du sagst dann ‚Stopp'“. Aber sie hat einfach nicht ‚Stopp‘ gesagt [lacht]. Dann wurde das natürlich ein wenig heftiger. Als er [Christopher] es sich dann angehört hat, hat er riesige Augen bekommen und mich angestarrt –

Christopher: Sie hat mir echt leidgetan. Ich kann dir sagen, dass jeder Schlag, den du im Laufe des gesamten Songs hörst, einzigartig ist. Das sind ziemlich viele Schläge.

Kai: Dadurch bekommt die Trommel noch extra Schmackes.

Christopher: Jetzt aber mal ernsthafter betrachtet: Das Konzept, auf dem Körper zu spielen, ist etwas sehr Altes, das auch heute noch praktiziert wird. Nicht nur auf dem Arsch [lacht]. Aber ich finde es sehr gut, dass wir diese Aufnahme haben und den Menschen und den Humor mit reingebracht haben.

Heilung – Summer Breeze 2018

Gibt es noch andere Stories? Ich wüsste zwar nicht, wie ihr das noch toppen könntet, aber –

Hier werde ich von Protest und Gelächter unterbrochen. Nachdem man sich kurz geeinigt hat, ob man es wirklich erzählen soll…

Christopher (unter Gelächter): Also wir haben für einen Song jemanden gewaterboardet. Weil wir den Sound von jemandem brauchten, der an seinem eigenen Blut erstickt. Wir dachten, dass wir dem klangtechnisch so am nächsten kommen würden.

Maria: Es war einvernehmliches Waterboarding!

Christopher: Ich möchte anmerken, dass Menschen bei den Aufnahmen verletzt wurden. Wir selbst natürlich auch. Wir haben uns für das Album mental und physisch an unsere Grenzen gebracht. Man macht das ja nicht zum Entspannen. Man muss schon etwas Blut, Schweiß und Tränen in das Projekt stecken. Wir sagen dir nicht wo, das musst du schon selbst rausfinden, aber ja, da wird tatsächlich jemand auf dem Album gewaterboardet.

Kai: Leute sagen oft, „HEILUNG fühlt sich so echt an“. Der Grund dafür ist, dass es wirklich echt ist. Am Anfang von „Vapnatak“ hört man all diese Schmerzensschreie, weil Leute von Pfeilen getroffen werden. Um authentische Schmerzensschreie zu bekommen, haben wir tatsächlich Leute mit der Faust geschlagen und das aufgenommen. Oder das Gefühl der Todesangst. Wenn du gewaterboarded wirst und dir das Wasser in die Nase läuft, reagiert dein Gehirn mit totaler Panik, deshalb ist das ja auch eine Foltermethode. Und dieses Gurgeln und Husten; natürlich sind das nur Geräusche, aber da hat wirklich gerade jemand Todesangst, und das übermittelt unterschwellig ein Gefühl, und darum geht es.

Christopher: Wir tun diese Dinge natürlich mit dem größtmöglichen Respekt. Man waterboardet nicht jemanden, wenn man nicht weiß, was man da macht. Man spielt nicht auf Menschenknochen, ohne den größtmöglichen Respekt dem Menschen gegenüber, dessen Knochen das mal waren.

Kai: Das muss wirklich erwähnt werden. Das ist alles immer einvernehmlich. Wir zwingen das niemandem auf. Und wir machen das erst, wenn die Person auch bereit dafür ist. Der Typ beim Waterboarden hatte ein „safe word“, das er auch sehr schnell genutzt hat. Wir waren auch alle als Unterstützung vor Ort.

Christopher: Wir wissen, dass viele Leute sich durch das inspiriert fühlen, was wir tun, und versuchen, etwas Ähnliches zu machen. Aber ich möchte nur sagen: Macht das nicht nach. Das muss wirklich gut vorbereitet sein. Das ist sehr wichtig.

Ihr benutzt aber auch modernere Sounds bei HEILUNG, zum Beispiel Synths –

An dieser Stelle erhebt sich bereits Protest.

Christopher: Nein.

Macht ihr nicht?

Christopher: Nein. Es gibt in keinem HEILUNG-Song etwas Synthetisches. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Alles, was du hörst, stammt entweder aus der Natur oder ist real eingespielt. Was ich allerdings mache, ist, auf sehr coole Art damit rumzuspielen. Und wir benutzen natürlich digitale Effekte und Mittel, um die Sounds anzupassen. Du hörst aber keine Synthesizer. Was die Leute normalerweise für einen Synthesizer halten, ist in dem meisten Fällen wahrscheinlich eine Stimme.

Wir nutzen verschiedene Gesangstechniken, die vielleicht dem Klang eines Synthesizers ähneln. Im Grunde passiert das Gleiche, wie wenn man einen Synthesizer benutzt. Was der macht, ist, eine Schallwelle zu regulieren. Den gleichen Effekt kann man mit der Stimme beim Kehlgesang erzielen. Wir haben also Elemente in unserem Mix, die man sonst mit modernen Instrumenten erzeugen würde und deren Klang modern anmutet, aber alles, was wir machen – und darauf sind wir sehr stolz – ist handgemacht und besteht aus echten Lauten.

Ihr habt vorhin von dem sehr komplizierten und durchdachten Rhythmus bei „Svanrand“ gesprochen. Am Anfang des Interviews habt ihr aber auch gesagt, dass ihr nicht wirklich plant, etwas Bestimmtes zu machen. So ein Stück muss aber natürlich geplant werden. Wie viel von dem, was ihr bei HEILUNG macht, ist geplant und analytisch und wie viel entwickelt sich einfach?

Kai: Also in diesem Fall fing es damit an, dass ich das Gedicht mitgebracht habe. Das Gedicht ist so angelegt, dass es eine bestimmte Anzahl von Silben gibt, die in zwei Zeilen angeordnet sind. In diesen zwei Zeilen muss es drei Reime in Form von Alliterationen geben. Es gibt aber auch eine bestimmte Anzahl betonter Silben. Und das wiederholt sich dann. Wenn ich Chris so ein Gedicht gebe, oder es rezitiere, hört er den Rhythmus, der sich daraus ergibt. Das analysiert er es natürlich und baut darauf auf. Er hört aber auch den darunterliegenden Rhythmus und baut auch darauf auf.

So entstand die Betonung jeder zweiten Silbe. All das wird dann von Marias Ideen für Melodien aufgepeppt. Es ist oft so, dass ich mit einer sehr seltsamen Idee komme, die aus dem Weltall oder Hirnrissigkeit entspringt, die die Grenzen normaler Musik komplett überschreitet und für das Musikergehirn eine Herausforderung darstellt. Und von diesem Punkt ausgehend entwickelt es sich. Es ist oft Chris, der aus dem Rohmaterial, das ich bringe, Strategien entwickelt. Kommt das hin?

Maria: Ja, das drückt es gut aus. Wenn du wissen willst, wie viel von der Musik von HEILUNG geplant und wie viel improvisiert ist: Es steckt auf jeden Fall Planung und Vorarbeit in Kais Beitrag, an dem er oft schon sein ganzes Leben gearbeitet hat. Und in den Texten, die viele, viele Jahre lang recherchiert wurden.

Christopher: Das kann man glaube ich über uns all sagen. Wir alle bringen Input, mit dem wir uns jahrelang beschäftigt haben. Meine Musik, oder deine Gesangstechniken, die du schon nutzt, seit du klein warst. Wir haben schon sehr viel Material, das wir gesammelt haben. Denn wenn wir etwas hervorbringen, dann bringen wie viel hervor. Aber wir können natürlich nicht einfach einen Song mit einem 4-5-7-Takt und einem darunterliegenden 8/4-Polyrhythmus bei einer Jamsession am Lagerfeuer schreiben. Außerdem sind wir im Studio und können hier drin kein Lagerfeuer machen [alle kichern]. Was ich sagen will, ist: Wir planen natürlich. Wir haben zugrunde liegende Themen, die oft Kai mitbringt. Wir arbeiten an den Texten, an den Melodien, an den Arrangements.

Wir arbeiten auch daran, den Hörer in eine bestimmte Stimmung zu versetzen. Mit einem bestimmten Stück erzählen wir eine bestimmte Geschichte. Aber wenn sich all das im oft langen Schaffensprozess zu einem Ganzen fügt, entsteht daraus ein bestimmtes Gefühl, das eine sich natürlich entwickelnde Richtung vorgibt, der wir dann folgen. Deshalb kann es bei HEILUNG auch drei Jahre dauern. Sowas machen wir nicht einfach innerhalb einer Woche. Wenn du außerdem Eis und Feuer aufnehmen willst, oder Sounds, die es nur im Sommer oder nur im Winter gibt, dann musst du ein Jahr warten, wenn du es nicht rechtzeitig letzten Winter aufgenommen hast. Wir können nicht ins Internet gehen und das neue „HEILUNG-Soundpaket“ kaufen.

Das wäre es dann auch von meiner Seite. Habt ihr selbst noch etwas hinzuzufügen?

Kai: Ich würde unseren Fans gerne danke sagen. Allen, die das Album vorbestellt haben, allen, die uns folgen, zu unseren Konzerten kommen. Allen, die uns so sehr feiern. Die Liebe und der Zuspruch, den wir erhalten, sind einfach großartig. Das haut uns echt um.

Maria: Ja! Wir lesen alles, was die Leute schreiben, und es ist einfach toll.

Christopher: Mir bedeutet es viel, dass die Leute sich das anhören und es in sich aufnehmen. Wir versuchen hier keinen Wettbewerb zu gewinnen. Wir legen es der Welt offen, und wie ihr darauf reagiert, hängt von euch ab. Aber: „remember that we all are brothers.“

Das ist doch mal ein gutes Schlusswort. Danke euch für das Interview!

HEILUNG: Danke!

Quelle: Christopher Juul, Kai Uwe Faust und Maria Franz von HEILUNG
27.07.2019

headbanging herbivore with a camera

Exit mobile version