Night Laser
„Gefühlt hat da jeder einen Teil seiner Seele drin versenkt“

Interview

Mit „Rats In The Cradle“ haben NIGHT LASER am 25. September 2026 ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht. Dabei verabschieden sich die Hamburger keineswegs von ihren Glam- und Sleaze-Wurzeln, erweitern ihren Sound aber deutlich um Rock, Metal, Blues und sogar Funk. Gleichzeitig wird es inhaltlich ernster: Neben persönlichen Themen beschäftigen sich NIGHT LASER unter anderem mit gesellschaftlichen Missständen, dem Rechtsruck und einem besonders düsteren Kapitel der japanischen Geschichte.

Wir sprachen mit Sänger Benno Hankers und Bassist Rob Hankers darüber, warum sich NIGHT LASER erst jetzt wie die Band anfühlen, die sie immer sein wollten, wie sich die Rückkehr zum Quartett auf ihren Sound ausgewirkt hat und warum auf „Rats In The Cradle“ deutlich mehr von ihrer eigenen Persönlichkeit steckt als je zuvor.

Ihr sagt über „Rats In The Cradle“, dass NIGHT LASER damit endlich zu der Band geworden seien, die ihr immer sein wolltet. Was hat euch bei den vorherigen Alben noch gefehlt, das ihr diesmal gefunden habt?

Benno: Die vollständige Identifikation mit der Musik und den Songs. Klar, nicht jeder Song ist autobiografisch, aber wir haben dieses Mal mehr Seele, Individualität und Anteile unserer eigenen, nicht nur musikalischen Backgrounds in den Songs als je zuvor.

Rob: Die meisten unserer älteren Sachen wurden überwiegend von Hannes geschrieben. Auf „Call Me…“ haben wir schon vieles richtiger gemacht, aber erst jetzt mit „Rats…“ haben wir uns endgültig auf uns selbst fokussiert und – abgesehen von dem einen Cover – nur Songs gemacht, die wir alle miteinander geschrieben haben. Dementsprechend stark ist die Identifikation mit den Songs bei uns. Gefühlt hat da jeder einen Teil seiner Seele drin versenkt.

„Rats In The Cradle“ bewegt sich deutlich über klassischen Glam- und Sleaze Metal hinaus – Rock, Metal, Blues und sogar Funk spielen eine Rolle. War diese stilistische Offenheit von Anfang an geplant oder hat sie sich erst beim gemeinsamen Songwriting entwickelt?

Benno: Nein, geplant war das nicht. Das ist einfach das Spiegelbild der Musik, die wir derzeit fühlen und spielen wollen. Ich hätte im Vorfeld nicht gedacht, dass das Album so divers wird. Aber ich bin sehr happy, dass es sich so entwickelt hat!

Rob: Geplant war eigentlich nur, dass wir uns auf unser Gefühl verlassen wollten und die Songs sich so entwickeln sollten, wie es sich für uns natürlich ergibt. Das haben wir auf jeden Fall geschafft, auch wenn es die Zuordnung in eine bestimmte Schublade für das Album insgesamt schwer macht. Aber niemand von uns hört ausschließlich ein Genre und wir sind alle große Fans ganz unterschiedlicher Stilrichtungen. Da kommt dann eben so etwas bei raus.

Seit dem Ausstieg von Vincent Hadeler seid ihr wieder als Quartett unterwegs. Wie hat sich die Rückkehr zu nur einer Gitarre auf das Songwriting und den Sound von „Rats In The Cradle“ ausgewirkt?

Benno: Zwei Gitarren zu haben war schon cool. Twin Leads, mehr Druck… Aber wir funktionieren einfach so viel besser jetzt. Vince hatte dann auch andere Interessen und wir wünschen ihm natürlich alles Gute! Für die Entwicklung der Band war diese Rückbesinnung allerdings definitiv der richtige Weg.

Rob: Durch das gemeinsame Songwriting und die einzelne Gitarre bekommt der Bass einen ganz neuen Stellenwert, wie er ihn vorher bei NIGHT LASER noch nicht hatte. Das freut mich persönlich natürlich ganz besonders, sorgt aber insgesamt auch dafür, dass es viel mehr nach einer Band klingt, weil alle ihren Raum bekommen und sich frei entfalten können. Insbesondere live kommt das gut zur Geltung.

Der Titeltrack beschäftigt sich mit einem ziemlich düsteren Kapitel der Geschichte und den Experimenten des japanischen Kriegsverbrechers Shirō Ishii. Wie seid ihr auf dieses Thema gestoßen – und warum wolltet ihr daraus gerade einen NIGHT-LASER-Song machen?

Benno: Dass es ein NIGHT-LASER-Song wird, war mir da am Anfang gar nicht so klar. Das Thema habe ich irgendwann mal entdeckt und es hat mich total schockiert. Das hat mich nicht mehr losgelassen und dann wurde da ein Text draus. Der größte Teil der Musik stammt von Inge und das hat irgendwie ziemlich gut aufeinander gepasst.

Rob: Die Hintergründe von Bennos Texten überraschen mich oft! Ich finde es sehr spannend, welche abgefahrenen und teilweise auch schrecklichen Themen er aufgreift und wie daraus dann trotzdem ein funktionierender NIGHT-LASER-Song werden kann. In diesem Fall ist der Hintergrund schon echt krass, das würde so, glaube ich, niemand auf einer Sleaze-Scheibe erwarten. Aber dadurch wird es ja auch interessant! Songs über schnelle Autos, billigen Whisky und hübsche Frauen gibt es schon eine ganze Menge…

Auch „19CR490“ schlägt offenbar eine ernstere Richtung ein und beschäftigt sich mit Macht und dem Verlust von Menschlichkeit. Ist „Rats In The Cradle“ textlich insgesamt politischer oder gesellschaftskritischer geworden als eure bisherigen Alben?

Benno: Total! Mit dem mehr als besorgniserregenden Rechtsdrall in der Bevölkerung und der Politik, den stetig wachsenden Ungleichheiten und dem Klimawandel und so weiter ist es wichtiger denn je, das Maul aufzumachen!

Rob: Wir haben uns als NIGHT LASER nie mit erhobenem Zeigefinger hingestellt und tun das auch jetzt nicht. Dennoch wollen wir natürlich bei den Leuten auch einen Denkprozess anstoßen und befeuern, und wir werden uns auch immer klar positionieren, wenn wir nach unserer Meinung gefragt werden.

Mit Johnny Gioeli, Sascha Paeth, Sebastian Zierof und Lars Rettkowitz sind gleich mehrere Gäste auf dem Album vertreten. Nach welchen Kriterien habt ihr entschieden, welcher Musiker zu welchem Song passt – und welche Zusammenarbeit hat euch selbst am meisten überrascht?

Benno: Das hat sich mehr oder weniger von alleine ergeben… Eigentlich suchen sich die Songs die Gäste aus. Wenn wir die Tracks fertig fürs Studio haben, ergibt sich manchmal so ein Gedanke: „Hey, unser Kumpel XY würde dazu doch super passen.“ Am interessantesten fand ich, dass Sascha so sehr auf Blues steht. Darum hat Inge, der ihn gut kennt, seinen Namen für den Song ins Spiel gebracht.

Rob: Für mich persönlich ist der Beitrag von Lars ein kleiner Ritterschlag. Ich bin seit 20 Jahren FREEDOM-CALL-Fan und hätte als zarter Teenager nie damit gerechnet, dass das mal passieren könnte. Wir waren ja 2024 gemeinsam auf Tour und sind seitdem auch gut befreundet, deswegen war der Weg dann nicht mehr so weit. Aber ehrlich gesagt bin ich von allen Gastbeiträgen total begeistert. Insbesondere Corvin sollte noch erwähnt werden, der die ganzen Keyboards und Synthies gemacht hat. Absoluter Wahnsinnstyp, der Hans Zimmer Hamburgs sozusagen.

„Heart Of The Desert Rose“ ist mit über sieben Minuten eine Blues-Rock-Ballade und damit nicht unbedingt das, was man zuerst mit NIGHT LASER verbindet. Wie entstand der Song und wann war klar, dass Johnny Gioeli die zweite Stimme dafür sein sollte?

Benno: Die Eingebung, für den C-Part bei Johnny anzufragen, kam eigentlich schon beim Schreiben des Parts. Ich hatte irgendwie sofort David Coverdale im Ohr, aber den kennen wir leider nicht persönlich und Johnny ist mindestens genauso gut! Der Song entstand aus einer Akustikgitarren-Idee von Felipe und einem Job von Rob und mir als Backing-Sänger bei Kee Marcello. Da haben wir „You Still Got My Heart“ gesungen. Das hat mich inspiriert. Thematisch ist es ein Dankeschön und unser Respekt an alle Frauen dieser Welt, die seit Ewigkeiten dem Patriarchat und der Ungerechtigkeit die Stirn bieten.

Eike Freese hat das Album produziert und arrangiert, Dirk Schlächter war erneut bei der Vorproduktion beteiligt. Wie groß war ihr Einfluss diesmal – und gab es einen Moment, in dem einer von beiden euch dazu gebracht hat, einen Song komplett anders zu denken?

Benno: Die beiden haben uns, die Songs und den Sound schon sehr geprägt. Da kommt einfach so viel Gutes zusammen! Eike hat (zum Glück) mit mir „Make You Mine“ massiv auf den Prüfstand gelegt, sodass ich die Lyrics stark überarbeitet habe. Die Musik blieb gleich, aber das Thema hat sich von einem düsteren Psycho-Gedicht in eine herzzerreißende Bitte um Vergebung gewandelt.

Rob: Insbesondere für mich als Bassist war der Einfluss von Dirk auch von besonders großer Bedeutung. Teilweise hat er mich dazu gebracht, mein Instrument nochmal in einem anderen Licht zu sehen, insbesondere hinsichtlich der neuen alten Rolle in einer Band mit nur einer Gitarre. Ich glaube nicht, dass das letztendlich einen Song komplett geändert hat, aber unterschwellig ist da schon ’ne Menge passiert.

Anfang des Jahres habt ihr „Thin Ice“ veröffentlicht, der Song taucht auf der Tracklist von „Rats In The Cradle“ aber nicht auf. Warum habt ihr euch entschieden, ihn außerhalb des Albums stehen zu lassen?

Benno: Den Track hatten wir schon auf unserem zweiten Album „Laserhead“ veröffentlicht, er ist also schon ziemlich alt. Tatsächlich ist das außerdem ein Leftover der „Call Me…“-Recordings. Da hatten wir noch etwas Zeit und haben den einfach spontan neu aufgenommen, um mal zu schauen, wie der im neuen Gewand klingt. Auf der „Call Me…“-CD ist er auch als Bonus-Track drauf, die Single war dementsprechend eher eine Single von unserem vierten Album.

Zwischen „Call Me What You Want“ und „Rats In The Cradle“ wart ihr viel unterwegs, unter anderem mit Axel Rudi Pell. Was hat euch das viele Touren über NIGHT LASER beigebracht – und hört man diese Erfahrungen konkret auf dem neuen Album?

Benno: Ich würde sagen, wir sind alle besser geworden. Individuell als Musiker, aber natürlich auch als Team. Wir kommunizieren freier, direkter und verständlicher untereinander, wenn es um Musik geht. Aber wir haben auch gemerkt, dass wir fast drei Wochen mit extrem wenig Schlaf und teils abenteuerlichen Übernachtungen und Autobahneskapaden zusammen durchstehen, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Das ist, denke ich, die wichtigste Erfahrung daran.

Rob: Ich denke auch, dass das gegenseitige Vertrauen ineinander und das menschliche und musikalische Verständnis füreinander das ist, was uns in den letzten zwei Jahren am meisten nach vorne gebracht hat. Die gemeinsame Arbeit an neuem Material ist sehr frei und natürlich, jede Meinung ist willkommen und wird respektiert und wir wissen einfach, dass wir miteinander alles irgendwie durchziehen können. Das ist schon ein starkes Gefühl. Konkret äußert sich das auch in der stilistischen Bandbreite, die genau durch diese gemeinsame Freiheit zustande kommt. Mag nicht jedem gefallen, aber für uns ist sie ein Zeichen dafür, dass wir als Band sehr gut funktionieren, dass wir quasi alles miteinander spielen können, wenn wir wollen.

29.09.2026

Heavy Metal Maniac! :)

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