Ragnarok
Interview mit Jontho zu "Collectors Of The King"

Interview

Schwarzmetaller haben mitunter gewöhnliche Probleme: Da muss sich Jontho, Drummer in Reihen der norwegischen RAGNAROK, einen vollen Tag mit Computerproblemen rumschlagen, nur damit er rechtzeitig die Mail-Interviews der Journaille bearbeiten kann. Dennoch quittiert er alle Unbill mit einem grimmigen Lachen, denn der Gute ist noch völlig euphorisiert von der gerade erfolgreich absolvierten Russlandtour. Nicht zu vergessen: RAGNAROK haben mit „Collectors Of The King“ nach sechs Jahren wieder eine neue CD am Start, die gleichsam ungehobelt und massiv wirkt und damit genau der richtige Stoff für die heutige Zeit ist.

Bevor wir zum neue Album kommen, würde ich gerne die letzten sechs Jahre Revue passieren lassen. Was ist bei Euch seit „Blackdoor Miracle“ alles passiert?

Nun, nach der Veröffentlichung des letzten Albums „Blackdoor Miracle“ sah erst einmal alles gut aus. Aber dann wollten unser Bassist und unser Gitarrist die Band verlassen. Rym [Gitarre] hatte ein wenig das Interesse am Black Metal und am Touren verloren, und jetzt ist er noch Vater geworden. Er wollte sich also lieber ausruhen, hehe! Das Problem bei Jerv [Bass] war, dass er eigentlich immer das gemacht hat, was Rym vorgemacht hat. Also ist er auch gegangen, was echt schade ist, weil er und ich die Band 1994 gegründet hatten. Anfangs war ich zwar sauer auf ihn, aber mittlerweile haben wir wieder ein sehr entspanntes Verhältnis.
Also blieben Hoest von TAAKE [Vocals] und ich allein zurück und mussten nach neuen Musikern Ausschau halten. Wir haben ein paar Musiker in Bergen und anderen Städten in Norwegen angetestet, aber das hat nicht funktioniert. Und dann ist Mr. Hoest mit seiner Band auf Tour gegangen – Du hast sicherlich von diesem Zwischenfall mit der Swastika gehört…

Habe ich…

Na ja, das war ziemlich abgefuckt, weil danach ziemlich viele Promoter in ganz Europa uns nicht mehr buchen wollten. Da sich Hoest eh mehr auf TAAKE konzentrieren wollte, haben wir uns darauf geeinigt, dass er die Band verlassen sollte. Hoest ist aber kein Nazi oder tendiert in diese politische Richtung. Er hat die Konsequenzen aus seinem Handeln einfach völlig falsch eingeschätzt. Wir sind nach wie vor befreundet, aber ich musste in erster Linie an meine Band denken, und da war die Trennung unumgänglich.

Wie ging es dann weiter?

Tja, und dann war ich ganz allein in der Band, hahaha! Als Drummer musste ich eben allein neue Musiker suchen. Auf einer Party lernte ich dann Brigge kennen, der jetzt als Gitarrist fest in der Band ist. Über Brigge haben wir dann die restlichen Mitglieder kennengelernt: Er hatte an einer Akademie angefangen, wo er als Toningenieur ausgebildet wurde, und in seiner Klasse war HansFyrste [Vocals]. Außerdem kannte er Deception [Bass], den wir zuletzt an Bord geholt haben. Na ja, mit dem vollständigen Line-Up haben wir unser Album geplant und schließlich ungefähr… zwei… Jahre geprobt, hahaha!

Kurz ist anders, haha! Welchen Stellenwert hat denn die Band in Deinem Leben?

Zunächst einmal nimmt RAGNAROK natürlich einen großen Teil meines Lebens ein. Wenn ich also RAGNAROK und die Black-Metal-Szene betrachte, so kann ich mich sehr stark damit identifizieren. Das bedeutet, dass ich auf Tour gehe anstatt zu arbeiten, was natürlich vieles in meinem Leben kompliziert macht. Vor sieben Monaten habe ich meinen Job als Werkzeugmacher gekündigt und jetzt muss ich mich bis Juli nicht um einen neuen Job kümmern, was sich gut trifft, da wir das Album promoten und auf Tour gehen wollen. Aber vielleicht verkaufen wir ja auch ganz viele Platten, so dass ich gar nicht mehr arbeiten gehen muss, hahaha!

Eure neue Platte „Collectors Of The King“ klingt überraschend deutlich nach RAGNAROK. Überraschend deshalb, weil Ihr ja ein komplett neues Line-Up habt. Wie konntet Ihr die Trademarks, und da denke ich in erster Linie an den Gitarrensound, so beibehalten?

Ganz einfach: Unser alter Gitarrist Rym hat sich dazu bereit erklärt, Brigge einige Gitarrenparts zu zeigen. Erst danach haben wir an neuen Songideen gearbeitet. Insofern haben wir einen schönen Mix aus Brigges Stil und dem typischen RAGNAROK-Stil hinbekommen. Andererseits bin ich ja immer noch ein Teil der Band, und ich sage ihm dann, welcher Part meiner Ansicht nach zur Band passt und welcher nicht. Und nicht zuletzt hat sich mein Drumming ja auch nicht grundlegend verändert, was ebenfalls einen Teil von RAGNAROK ausmacht.

Was wolltet Ihr mit „Collectors Of The King“ erreichen?

Zunächst einmal sollte das Album – gerade weil ich als einziges Bandmitglied vom alten Line-Up übriggeblieben war – meine eigene Persönlichkeit widerspiegeln. Auf den frühen Alben gab es immer einige Elemente, mit denen ich nichts anfangen konnte. Unser erster Sänger Thyme hat sich beispielsweise sehr für die nordische Mythologie interessiert.
Was wir aber als Band mit dem Album erreichen wollten, war, dass wir uns in der Black-Metal-Szene zurückmelden. Wir wollten zeigen, dass wir immer noch am Leben sind und es immer noch drauf haben. In der Zwischenzeit sind so viele kleinere Bands herangewachsen, dass ich nur dachte: Fuck, wir brauchen wirklich ein gutes Album, um zurückzukommen!

Ihr habt das Album in den Endarker Studios von Devo Andersson (MARDUK) aufgenommen, meines Erachtens eine gute Wahl. Warum habt Ihr ihn und sein Studio ausgewählt?

In erster Linie hat das mit seiner Arbeit für MARDUK zu tun. Ich mag deren letzte Alben wirklich sehr und der Sound ist großartig. Also habe ich Devo angemailt, und er hat mir eine Demo-CD mit seinen Arbeiten geschickt. Er hat wirklich ein großes Spektrum an Bands und Stilen produziert, sogar Popbands. Das hat mir sehr gefallen, er versteht einfach sein Handwerk. Außerdem waren wir sofort auf einer Wellenlänge.

Hat Devo das neue Album nur aufgenommen oder auch produziert?

Genau, er hat es auch produziert. Klar, wir hatten die Songs schon fertig, als wir ins Studio gingen, aber er hatte noch gute Ideen für Details und einzelne Sounds. Insgesamt hat die Zusammenarbeit richtig gut funktioniert. Außerdem spielt er den Bass auf dem letzten Song, „Wisdom Of Perfection“.

Der Track klingt doch recht verschieden von den anderen Songs…

Ja, das liegt daran, dass wir diesen Track erst im Studio fertiggestellt haben. Wenn Du mich fragst, ist das einer der stärksten Songs auf dem Album. Ich glaube, die konzentrierte Atmosphäre im Studio war besonders förderlich. Wenn wir zuhause sind, können wir einfach nicht so konzentriert arbeiten, weil dann beispielsweise ständig das Telefon klingelt. Im Studio war das gar nicht möglich, Anrufe aufs Handy zu bekommen, weil man dann nach draußen hätte gehen müssen, hahaha!

Das heißt, Ihr habt in Sarpsborg einen Proberaum und schreibt dort auch gewöhnlich die Songs?

Bislang war das tatsächlich so, aber die drei neuen Jungs in der Band wohnen in Oslo und ich in Sarpsborg. Deshalb haben wir diesmal mit Cubase gearbeitet. Brigge hat die Riffs ausgearbeitet und wir haben diese dann zusammen im Proberaum mit den Drumtracks unterlegt. Das war schon eine neue Erfahrung für mich, so zu arbeiten.
Übrigens war es auch das erste Mal, dass ich bei den Aufnahmen einen Clicktrack benutzt habe. Letztlich habe ich im Studio für die Drums fünf Tage zur Verfügung gehabt anstatt anderthalb beim letzten Album. Ich denke, das hört man auch!

Stimmt! In meinen Ohren hört sich gerade der Drumsound weitaus moderner an als auf den letzten Alben…

Ja, wir haben einige technische Sachen verwendet, unter anderem Trigger. Mir gefällt es aber. Es ist ein moderner Drumsound, die Gitarren sind dagegen sehr dreckig, so dass es trotzdem irgendwie als oldschool durchgeht. Man kann dadurch die einzelnen Instrumente wesentlich besser heraushören.

Was kannst Du mir über den Titel „Collectors Of The King“ verraten?

Um es kurz zu machen: „King“ steht symbolisch für Satan und all die negativen Kräfte. Und die „Collectors“ stehen für Dämonen, die sozusagen Seelen für ihn sammeln. Insgesamt geht der Titel aber noch tiefer, ohne dass ich es jetzt in allen Einzelheiten ausführen kann.

In den Lyrics dürfte es um Satanismus in all seinen Facetten gehen?

Die Lyrics von HansFyrste sind sehr vielseitig und handeln beispielsweise vom Untergang der Menschheit, von besessenen Seelen, von okkulten Ritualen. Wenn wir von Satanismus sprechen, denken wir nicht an einen Typen mit Hörnern, sondern vielmehr an eine Kraft, die der Mensch selbst erschaffen hat. Alle Bandmitglieder haben da ihre eigene Ansichten, aber der gemeinsame Nenner ist die Ablehnung aller Religionen mit ihrer ganzen Heuchelei. So gesehen fassen wir Satanismus in erster Linie antireligiös und antichristlich auf.

Die neuen Bandmitglieder sind ja um einiges jünger als Du und haben dadurch eine andere Sozialisation durchlaufen. Was stand für Dich im Vordergrund, als Du sie ausgewählt hast – die Fähigkeiten an den Instrumenten, die Ansichten, die Ideale?

In erster Linie musste ich natürlich die Leute kennenlernen. Es macht keinen Sinn, Möchtegern-Black-Metaller in der Band zu haben. Sie müssen sehr bodenständig sein und Grips haben, nicht nur gute Musiker sein. Ich denke, ich habe da die richtigen Leute in die Band geholt. Klar, sie sind auch RAGNAROK-Fans und konnten viele der Stücke von Anfang an runterzocken.
Letztlich macht es aber keinen Unterschied, dass sie etwas jünger sind als ich. Vielmehr hat es der Band sogar gut getan, denn sie haben noch die gleiche unverbrauchte Energie wie ich, auch wenn ich mittlerweile 32 Jahre alt bin und HansFyrste erst 23 ist.

Zum Thema unverbrauchte Energie passt ja auch sehr gut meine letzte Frage: Wie sieht es mit Euren Live-Aktivitäten aus?

Zunächst werden wir auf dem „Eternal Damnation Fest“ in London auftreten und vier Gigs im UK absolvieren. Danach sind wir auf dem „Ragnarok“-Festival und werden im Anschluss ein gutes Dutzend Gigs spielen. Da werden auch einige Gigs in Deutschland dabei sein. Und nicht zu vergessen: Wir werden am 2. April auf dem Inferno-Festival in Norwegen spielen. Ein volles Programm also. Im September werden wir dann hoffentlich noch eine größere Tour durch Europa starten können – wenn die Leute ähnlich abgehen wie jetzt in Russland, wird das eine ziemlich verrückte Angelegenheit!

Wir sind gespannt! Danke für das Interview!

13.03.2010

- Dreaming in Red -

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