Shores Of Null
Zwischen Heimweh und Aufbruch
Interview
Heimat kann Geborgenheit bedeuten – oder ein Ort sein, dem man entkommen möchte. SHORES OF NULL bewegen sich auf „Homesick“ mitten in diesem Widerspruch. Die Italiener haben ihren Stil zwischen Doom, Gothic-Melancholie und melodischer Härte weiter geschärft, ohne ihre Eigenheiten abzulegen. Mit Sänger Davide und Schlagzeuger Emiliano sprechen wir über das neue Album, schmerzhafte Erinnerungen, die Grenzen der Perfektion und eine Band, die seit dreizehn Jahren gemeinsam wächst. Zum Schluss führt uns das Gespräch noch ins Amphitheater von Pompeji.
Nach der großartigen Resonanz auf „The Loss Of Beauty“: Habt ihr bei der Arbeit am neuen Album zusätzlichen Druck gespürt, oder konntet ihr völlig unvoreingenommen herangehen?
Emiliano: Wenn man neues Material schreibt, fährt man immer ein Stück weit auf Sicht. Man genießt die Reise, weiß aber noch nicht, wie das Ziel aussehen wird. Die Arbeit an „Homesick“ war auf jeden Fall noch sorgfältiger als bei den vorherigen Alben. Diesmal haben wir noch enger mit unserem Produzenten Marco Mastrobuono zusammengearbeitet, der praktisch zum sechsten Bandmitglied wurde.
Jedes Album von SHORES OF NULL scheint eine eigene Identität zu haben und klingt trotzdem unverkennbar nach euch. War es euch wichtig, euren Sound auch diesmal bewusst weiterzuentwickeln?
Emiliano: Alles, was wir machen, entsteht aus einer natürlichen Entwicklung. Dazu gehören Ereignisse in unserem Umfeld, die wir selbst erlebt haben, genauso wie die Erfahrungen auf Tour mit Bands, die wir lieben und respektieren. Unser Sound hat sich definitiv weiterentwickelt, ohne seinen Kern zu verlieren. Das liegt wesentlich daran, dass die Besetzung von SHORES OF NULL seit dreizehn Jahren unverändert ist. In gewisser Weise sind wir wie eine Familie gemeinsam erwachsen geworden. Wir entwickeln uns und werden reifer, bleiben aber dieselben Menschen.
Wie unterschieden sich die Aufnahmen zu „Homesick“ von denen zu „The Loss Of Beauty“? Habt ihr im Studio bewusst etwas Neues ausprobiert, etwa bei der Produktion, den Gesangsarrangements oder der Instrumentierung?
Davide: Die Aufnahmen selbst unterschieden sich gar nicht so sehr von „The Loss Of Beauty“. Wir kamen bestens vorbereitet ins Studio, hatten diesmal aber ein deutlich tieferes Verständnis der Songs und unserer jeweiligen Parts. Das lag vor allem an der Zeit, die wir in die Vorproduktion gesteckt hatten: zunächst allein und dann gemeinsam mit unserem Produzenten Marco „Cinghio“ Mastrobuono.
Cinghio war diesmal viel aktiver eingebunden. Er kennt uns und unsere Arbeitsweise sehr gut und half uns, die Songs aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Oft schlug er Lösungen vor, auf die wir allein wahrscheinlich nicht gekommen wären. Als wir ins Studio gingen, hatten wir schon lange an den Arrangements gefeilt. So konnten wir uns stärker auf das Einspielen und Einsingen konzentrieren und auf die Details, die die Songs lebendig machen. Bei denselben Sessions haben wir auch die drei Stücke aufgenommen, die auf „Latitudes Of Sorrow“ gelandet sind, dem im November 2025 veröffentlichten Split mit CONVOCATION.
„Homesick“ ist ein ausdrucksstarker, emotional aufgeladener Titel. Was bedeutet dieses Wort für dich persönlich, und wie spiegelt es das Album als Ganzes wider?
Davide: Heimweh ist für mich ein zutiefst widersprüchliches Gefühl. Wir verbinden Heimat meist mit Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie kann aber auch der Ort sein, dem wir unser ganzes Leben lang zu entkommen versuchen. Genau deshalb hat das Wort für mich so viel Kraft. Es enthält sowohl den Wunsch zurückzukehren als auch das Bewusstsein, dass es vielleicht nichts mehr gibt, zu dem man zurückkehren könnte.
Dieser Widerspruch zieht sich durch das ganze Album. Die Songs kreisen immer wieder um Erinnerung, Abwesenheit, Zugehörigkeit und unser Verhältnis zur Vergangenheit. „Homesick“ erschien uns als der richtige Titel, weil er all das in einem einzigen Wort zusammenfassen konnte. Als er einmal da war, fühlte sich nichts anderes mehr so ehrlich an.
Wenn du auf eure bisherigen Veröffentlichungen zurückblickst: Wo ordnest du „Homesick“ in der Entwicklung der Band ein? Was unterscheidet dieses Album von allem, was ihr zuvor gemacht habt?
Davide: Ich sehe „Homesick“ als natürliche Fortsetzung von „The Loss Of Beauty“. Wir haben uns nicht mit der Absicht hingesetzt, die Richtung zu ändern oder uns neu zu erfinden. Die Songs entstanden einfach aus dem Punkt heraus, an dem wir uns gerade befanden.
Was „Homesick“ vermutlich unterscheidet, ist, wie bewusst wir diesmal gearbeitet haben. Bestimmte Details sind in unserem Songwriting stärker präsent: cleane Gitarren, mit dem Handballen gedämpfte Gitarrenpassagen und differenziertere Schlagzeugarrangements. Ich glaube aber nicht, dass eines dieser Elemente allein das Album ausmacht. Vor allem fühlt sich „Homesick“ für mich wie die bislang fokussierteste Form dessen an, was SHORES OF NULL über die Jahre aufgebaut haben. Die verschiedenen Seiten der Band finden hier ganz natürlich zusammen.
Das Album verbindet erdrückende Härte mit schönen Melodien und eindringlichen Atmosphären. Wie seid ihr diesmal ans Songwriting herangegangen? Hat sich der Ablauf gegenüber früheren Alben verändert?
Davide: Der Ablauf selbst hat sich eigentlich nicht verändert. Die meisten Songs beginnen weiterhin mit einer Idee von Raffaele oder Gabriele, meist einem vollständigen instrumentalen Entwurf. Sobald diese Grundlage steht, arbeite ich an den Gesangsmelodien. Die Texte kommen immer danach.
Diesmal waren wir bei der Gesangsarbeit allerdings besonders gewissenhaft. Wir haben viel Zeit damit verbracht, verschiedene Melodien, Harmonien und Arrangements auszuprobieren. Das ist, glaube ich, einer der Gründe für den ausgeprägt melodischen Charakter von „Homesick“. Der größte Unterschied war tatsächlich die Zeit, die wir der Vorproduktion gewidmet haben. Der Kompositionsprozess blieb derselbe, aber wir haben, wie gesagt, viel länger an den Songs gefeilt. Dadurch konnten wir jedes Arrangement hinterfragen und so lange an den Details arbeiten, bis sich alles richtig anfühlte.
Dein Gesang deckt eine große emotionale Bandbreite ab, von harschen Growls bis zu cleanen Passagen. Hat dich das Album vor neue gesangliche Herausforderungen gestellt, oder ergibt sich das für dich ganz natürlich?
Davide: Ich singe bei SHORES OF NULL von Anfang an sowohl clean als auch harsch. Zwischen beidem zu wechseln, war deshalb immer ein natürlicher Bestandteil dessen, was ich mache, und gehört auch zu dem, was unsere Fans von uns erwarten. Über die Jahre habe ich meine Stimme allerdings besser kennengelernt. Meine Growls haben, denke ich, mit der Zeit mehr Tiefe bekommen. Auf „Homesick“ haben wir außerdem viel Arbeit in Gesangsharmonien und chorartige Arrangements gesteckt.
Trotzdem bringt jede Platte ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Ich versuche nicht, meine Stimme neu zu erfinden. Wenn ein Song es verlangt, gehe ich aber gern ein Stück über meine Komfortzone hinaus. Das kann bedeuten, einen anderen Stimmklang zu finden oder einfach etwas auszuprobieren, das ich vorher noch nicht gemacht habe.
Eure Texte beschäftigen sich häufig mit Verlust, Sehnsucht und sehr persönlichen Gefühlen. Wie autobiografisch sind die Geschichten und Emotionen auf „Homesick“?
Davide: Einige sind autobiografisch. Andere gehen auf Erfahrungen zurück, die wir miterlebt oder über Menschen aus unserem Umfeld beziehungsweise über Geschichten aufgenommen haben. Jemandem nahe zu sein, der leidet, trauert oder eine schwierige Zeit durchmacht, kann einen manchmal genauso tief treffen.
Wir alle haben Freunde verloren, sind weggezogen oder haben erlebt, wie Menschen gingen, die uns wichtig sind. Wir alle haben jemanden im nahen Umfeld gehabt, der mit einer Krankheit oder einer schwierigen Situation zurechtkommen musste. Auch eine Erfahrung, die nicht unmittelbar deine eigene ist, kann Teil deiner Gefühlswelt werden. Dort setze ich meistens an.
„Allies Before Defeat“ ist der einzige Song auf dem Album, dessen Text nicht von mir stammt. Unser Bassist Matteo hatte das Bedürfnis, für genau dieses Stück etwas zu schreiben, und ich habe seine Idee sehr gern aufgenommen. Der Text beruht auf einer sehr bedeutenden und schmerzhaften Erfahrung aus seinem eigenen Leben. Deshalb fühlte es sich richtig an, ihm den Raum zu geben, diese Geschichte mit seinen eigenen Worten zu erzählen.
Eure Alben klingen ausgesprochen atmosphärisch und behalten zugleich ihre kraftvolle, organische Härte. Wie viel Zeit verbringt ihr im Studio damit, solche Details auszuarbeiten? Wo zieht ihr die Grenze zwischen Perfektion und Spontaneität?
Emiliano: Die Spontaneität liegt in der Kompositionsphase. Da lassen wir unseren Ideen freien Lauf, bevor wir sie in ihre endgültige Form bringen. Danach folgt im Studio die Feinarbeit. Dort versuchen wir, den Klang umzusetzen, den wir uns für das Album vorgestellt haben. Unser Ziel ist es, unsere Emotionen an die Hörer weiterzugeben und sie in unsere Gefühlswelt hineinzuziehen.
Davide: Ich persönlich kann mit der Vorstellung von Perfektion nicht besonders viel anfangen. Es hat einen Grund, dass es auf unserem vorherigen Album „The Loss Of Beauty“ darum ging, Schönheit im Unvollkommenen und in der Vergänglichkeit der Dinge zu finden. Natürlich wollen wir, dass die Musik die bestmögliche Form annimmt. Deshalb verbringen wir so viel Zeit damit, an den Songs zu feilen. Ich glaube aber nicht, dass die Arbeit an Details zwangsläufig etwas von der Spontaneität nimmt. Für mich kann beides nebeneinander bestehen. Es geht darum zu erkennen, wann sich etwas verbessern lässt und wann man es besser so lässt, wie es ist.
Gibt es einen Song, der für dich zum emotionalen Mittelpunkt des Albums geworden ist? Was macht ihn so besonders?
Davide: Das dürfte „Two Mountains“ sein. Der ganze Song ist eng mit meiner Herkunft verbunden: den Abruzzen. SHORES OF NULL sind eine Band aus Rom, aber ich bin auf der anderen Seite der Berge aufgewachsen, im Osten. Gran Sasso und Majella, die beiden größten und höchsten Bergmassive des Apennins, gehören zu meiner Umgebung, seit ich denken kann. Sie waren immer Teil dessen, was Heimat für mich bedeutet.
Der Song ist von der Legende um Maja inspiriert, eine Mutter, die verzweifelt versucht, ihren Sohn Hermes zu retten, nachdem er in einer Schlacht verwundet wurde. Auf der Suche nach Heilkräutern trägt sie ihn über die Berge. Doch der Schnee liegt zu hoch, und schließlich stirbt er. Der Legende nach wurde sein Körper zum Gran-Sasso-Massiv, das dem schlafenden Riesen ähnelt, den man noch heute erkennen kann. Maja, von Trauer verzehrt, legte sich vor ihm nieder und starb ebenfalls. Sie wurde zum Majella-Massiv und wacht seitdem für alle Ewigkeit über ihn.
Es ist ein Song über Liebe, Verlust, Opfer und darüber, wie bestimmte Orte Teil unserer Identität werden. In diesem Sinne verbindet er sich ganz natürlich mit den zentralen Themen von „Homesick“ und mit dem Gedanken der Zugehörigkeit.
SHORES OF NULL lassen sich seit jeher schwer einordnen. Ihr verbindet Death Doom, Gothic Metal, Melodic Death Metal und weitere Einflüsse zu einem eigenen Sound. Denkt ihr noch in Genres, oder spielt das für euch inzwischen keine Rolle mehr?
Davide: Ich denke, SHORES OF NULL sind im Kern eine Doom-Metal-Band, wenn auch wahrscheinlich nicht im traditionellsten Sinne. Doom war immer der rote Faden in unserer Musik, selbst wenn wir uns stärker in Richtung Melodic Death Metal, Gothic oder extremerer Spielarten bewegen.
Beim Schreiben denken wir allerdings nicht wirklich über Genres nach. Wir setzen uns nicht hin und legen fest, wie ein Song klingen soll. Diese Einflüsse gehören einfach zu uns und kommen je nachdem, was ein bestimmter Song braucht, ganz natürlich zum Vorschein. Entscheidend ist für uns, dass alles zum Song und zu dem Gefühl passt, das wir vermitteln wollen.
Ihr habt mit Bands wie PARADISE LOST, SWALLOW THE SUN, DRACONIAN und AVATARIUM die Bühne geteilt. Welche Touren oder Konzerte haben SHORES OF NULL rückblickend am stärksten geprägt?
Emiliano: Jede Tour hat zu unserer professionellen und künstlerischen Entwicklung beigetragen. Die Tour mit SWALLOW THE SUN war sicherlich unsere erste echte Feuertaufe: 35 Konzerte in 36 Tagen. So etwas hatten wir noch nie gemacht, und dann auch noch gemeinsam mit Bands, die für uns immer wichtige Bezugspunkte waren. Dank dieser Erfahrung konnten wir die Tour mit PARADISE LOST und SATURNUS gelassener angehen.
Davide: Diese Touren waren auf jeden Fall wichtige Meilensteine. Mit Bands auf der Bühne zu stehen, die wir seit Jahren bewundern, und vor einem größeren Publikum zu spielen, gab uns die Möglichkeit, als Liveband zu wachsen und Menschen zu erreichen, die uns sonst vielleicht nie entdeckt hätten.
Es gab aber auch Erlebnisse wie das Hellfest oder 70000 Tons Of Metal, um nur einige zu nennen, die besonders viel für uns bedeuteten. Nach all den Jahren mit kleinen Clubs, Transportern, langen Fahrten und allem, was zum Bandleben dazugehört, fühlte es sich wie eine Belohnung für unsere Arbeit an, plötzlich auf solchen Bühnen zu stehen. Vor allem stärken solche Erfahrungen, glaube ich, unseren Zusammenhalt.
Denkt ihr beim Schreiben schon darüber nach, wie die Songs live funktionieren werden, oder kommt das erst später ins Spiel?
Davide: Zuerst muss der Song immer in seiner aufgenommenen Form funktionieren. Wir sind aber auch eine Liveband und schreiben deshalb meist Stücke, die sich gut auf die Bühne bringen lassen. Sobald die Musik fertig ist, ist es spannend, sich vorzustellen, wie bestimmte Passagen vor Publikum wirken könnten.
Wir haben nach und nach neues Material in unser aktuelles Set aufgenommen. Alle bislang veröffentlichten Singles haben wir inzwischen auch live gespielt. Die Reaktionen waren sehr positiv. Das gibt einem Sicherheit, wenn man neue Songs zum ersten Mal spielt. Wir freuen uns darauf, nach der Veröffentlichung des Albums weitere Stücke ins Programm aufzunehmen.
„Beyond The Shores (On Death And Dying)“ war ein sehr ambitioniertes und ungewöhnliches Projekt für SHORES OF NULL. Wie wichtig war diese Veröffentlichung für eure künstlerische Entwicklung? Hat die Erfahrung eure Herangehensweise an „Homesick“ beeinflusst?
Davide: Sie war wichtig, weil sie eine Seite unseres künstlerischen Empfindens zum Vorschein brachte, die vorher nur in Ansätzen sichtbar gewesen war. Ein einziges, fast vierzig Minuten langes Musikstück zu schreiben und dann ein vollständiges Video dazu zu drehen, ist wahrscheinlich so ziemlich das Unkommerziellste, was man sich vorstellen kann. Trotzdem hat es uns viel zurückgegeben und wurde zu einer der Veröffentlichungen, zu denen unsere Fans die stärkste Verbindung aufgebaut haben.
Für unsere künstlerische Entwicklung war das ein wichtiger Moment. Es hat uns daran erinnert, dass wir nicht immer konventionellen Strukturen folgen oder uns über Erwartungen Gedanken machen müssen. Gleichzeitig sehe ich es nach wie vor als ein eigenständiges Kapitel unserer Diskografie, weniger als direkten Weg zu „Homesick“.
Diese Seite von uns ist aber weiterhin da. Wir erkunden nach wie vor gern extremere, obsessive Doom-Gefilde, etwa in „The Year Without Summer“ auf „Latitudes Of Sorrow“ oder „The Numbing Void“ auf „Homesick“. Diese Einflüsse sind nie verschwunden. Sie bestehen einfach neben den anderen Seiten von SHORES OF NULL.
Emiliano: „Beyond The Shores“ war ein enorm wichtiger Schritt für die Band. Das Album erschien in einer äußerst schwierigen und dunklen Zeit für die ganze Welt. Zu unserer großen Überraschung hat es unsere Fangemeinde deutlich vergrößert und uns als Band enorm weitergebracht. „Homesick“ ist sicherlich ein „konventionelleres“ Album.
Über die Jahre habt ihr eine sehr treue internationale Fangemeinde aufgebaut. Habt ihr bemerkt, dass sich euer Publikum mit dem Wachstum der Band verändert? Beeinflusst das eure kreativen Entscheidungen?
Emiliano: In unseren mehr als dreizehn aktiven Jahren ist die Fangemeinde mit uns gewachsen. Zu sehen, wie viele Menschen eine Verbindung zu unserer Musik aufbauen, und sie oft im Publikum selbst unsere ältesten Songs mitsingen zu hören, gibt uns unglaublich viel. Es ist großartig zu wissen, dass man mit Musik Menschen im Herzen berühren kann.
Wenn du die heutigen SHORES OF NULL mit der Band vergleichst, die „Quiescence“ aufgenommen hat: Was hat sich am stärksten verändert, musikalisch und persönlich?
Davide: Ich denke, wir sind heute viel fokussierter. Als Gabbo damals zu mir kam und sagte: „Hey, ich gründe gerade mit Raffaele diese Band, und wir hätten dich gern als Sänger dabei“, war ich gerade fünfundzwanzig geworden. Keiner von uns hätte sich vorstellen können, wie weit uns SHORES OF NULL bringen und wie viele Erfahrungen und Möglichkeiten sich über die Jahre ergeben würden.
Damals war diese Band eine Möglichkeit, einer Seite von uns und Einflüssen Raum zu geben, die zuvor eher im Hintergrund geblieben waren. In diesem Sinne war „Quiescence“ fast ein Experiment: Zum ersten Mal brachten wir all diese Elemente offen zusammen. Unser Debüt wurde dann unglaublich gut aufgenommen. Das gab uns das Vertrauen zu erkennen, dass aus dem, was beinahe als Experiment begonnen hatte, tatsächlich mehr werden konnte.
Der Wunsch, melancholische Atmosphären zu erschaffen, hat sich nie wirklich verändert. Verändert hat sich unser Bewusstsein für das, was wir tun. Wir kennen einander als Musiker besser und verstehen wahrscheinlich klarer, was zu SHORES OF NULL gehört und was nicht.
Auch persönlich stehen wir heute an einem ganz anderen Punkt. Die meisten von uns sind inzwischen über vierzig. Nur Matteo ist noch Ende dreißig und bleibt der Jüngste in der Band. Das Leben verändert einen natürlich, im Guten wie im Schlechten. Ich denke, diese Erfahrungen finden zwangsläufig ihren Weg in die Musik, selbst wenn man es in dem Moment nicht immer bemerkt.
Auf jedem Album gibt es einen Song, der die Hörer überrascht. Mit welchem Stück auf „Homesick“ werden sie deiner Meinung nach am wenigsten rechnen, und warum?
Davide: Schwierig. „Dreaming Of A Scar“ könnte dazugehören, weil der Song einen etwas anderen Verlauf hat, als man ihn vielleicht von uns erwartet. Er beginnt mit der Violine von Shaun MacGowan von MY DYING BRIDE und entwickelt sich dann zu einem sehr direkten Stück irgendwo zwischen Melodic Death Metal und Gothic Metal.
„The Numbing Void“ könnte die Leute auf eine andere Weise überraschen. Im Kontext des Albums sticht es deutlich heraus, weil es als einziger Song ganz auf Death Doom setzt. Natalie Koskinen von SHAPE OF DESPAIR verleiht ihm mit ihrem Hintergrundgesang außerdem eine ganz besondere Dimension, die seine Atmosphäre noch eigenständiger macht.
Was können die Fans von den kommenden Konzerten erwarten? Erfordert das neue Material eine andere Bühnengestaltung oder eine andere Herangehensweise als bei früheren Touren?
Emiliano: An dieser Stelle möchte ich euch lieber einladen, zu unseren Konzerten zu kommen und es selbst herauszufinden. 😉
Nach mehr als einem Jahrzehnt SHORES OF NULL: Was inspiriert euch noch immer dazu, neue Musik zu schreiben? Wo seht ihr die Band in den kommenden Jahren?
Emiliano: Inspiration findet man überall! Viele unserer Riffs sind unterwegs oder bei einem Gespräch während der Proben entstanden. Die gemeinsamen Erfahrungen der vergangenen dreizehn Jahre haben zur natürlichen Entwicklung unseres Songwritings beigetragen und werden das auch weiterhin tun.
Davide, bevor wir zum Ende kommen, noch eine Frage: Wir haben dich im Juli beim Konzert von OPETH und BLOOD INCANTATION im Amphitheater von Pompeji gesehen. Wie hast du den Abend erlebt?
Davide: Ach, ihr wart auch dort? Es war ein unglaublicher Abend. Bands an einem solchen Ort zu sehen, ist etwas ganz Besonderes. Dieser Ort hat eine gewisse Magie, der man sich unmöglich entziehen kann. Ich hatte dort schon im Jahr zuvor WARDRUNA gesehen und mir versprochen, wiederzukommen.
Wenn man dort ist, fühlt es sich fast so an, als würde man einem historischen Ereignis beiwohnen. Genau das macht es, glaube ich, so eindrucksvoll. Man spürt auch, wie viel es den Bands bedeutet, dort zu spielen: ihre Begeisterung, ihre Dankbarkeit und das Bewusstsein, dass dies nicht einfach nur eine weitere Show auf Tour ist. Sie erschaffen einen Moment, an den sie sich wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang erinnern werden. Diese Emotion kommt in jedem Teil ihrer Auftritte zum Ausdruck.
Vielen Dank für eure Zeit und das starke neue Album. Viel Erfolg damit! Möchtet ihr noch etwas hinzufügen?
Davide: Hört euch „Homesick“ an und kommt zu einem Konzert, wenn wir das nächste Mal bei euch in der Nähe sind.
Emiliano: Herzlichen Dank für dieses schöne Interview. Es war uns eine große Freude, bei euch zu Gast zu sein. Danke auch an alle, die es lesen. Wir hoffen, euch bei unseren kommenden Konzerten unterwegs zu treffen.
