Zeraphine
Zeraphine

Interview

Mit "Blind Camera" steht seit kurzem das dritte Werk der Berliner Band Zeraphine in den Läden. Erfreulich für die Truppe: Die Platte stieg auf Platz 33 der Media Control Charts ein – der bisher größte Erfolg der Band. Erfolgreich waren auch die Besucherzahlen ihrer Deutschland-Tour im Oktober. Auch wenn das gerade einmal drei Monate her ist, werden die Musiker bereits im März wieder live unterwegs sein. Im Interview spricht Sänger Sven Friedrich jetzt unter anderem über das neue Album, in dem Zusammenhang über Realität und Wahrnehmung sowie über das vergangene Jahr, die Gerüchte um eine Zusammenarbeit mit Ville Valo und über den Kommerz-Vorwurf, dem einige Bands ausgesetzt sind.

Wenn man Ähnlichkeiten zu den beiden Vorgänger-Alben sucht, würde ich sagen: Die neue Platte ist vielschichtig – wie es auch die zweite war – nimmt aber stärker die Atmosphäre des ersten Albums auf, ist zugleich aber kraftvoller als beide Scheiben.

Auf jeden Fall. Da kann ich dir komplett zustimmen. Es tauchen Elemente auf, die beispielsweise auf die „Kalte Sonne“ gepasst hätten. Es tauchen mit Sicherheit auch Elemente auf, die auf die „Traumaworld“ gepasst hätten. Und dann gibt es einfach auch neue, andere Sachen. Ich glaube, man sieht ganz gut eine musikalische Entwicklung der Band.

Ihr werdet sozusagen immer erwachsener?

Naaa, das weiß ich nicht. Da wäre ich mir nicht so sicher…

Der erste Song „I never want to be like you“ ist sicherlich ein überraschender Track: Schnell und eher alternativ wie kein anderes Lied auf der Platte. Warum habt Ihr den Track als Opener gewählt?

Der geht einfach sofort los, springt einen einfach an. Er ist witzig, aggressiv und textlich relativ sarkastisch. Für unseren Geschmack das ideale Ding, um ins Album reinzukommen. Wir wollten es direkt anfangen lassen. Die Songs klingen sowieso relativ unterschiedlich und trotzdem passen sie irgendwie zusammen. Ich find es gut, wenn so ein Album abwechslungsreich ist.

Zur CD gibt es eine limitierte Version mit einer DVD. Was gibt es dort zu entdecken?

Hauptsächlich ein sehr langes Interview mit uns allen. Es geht um die Geschichte der Band, unsere Vorproduktion auf dem Bauernhof, um die Produktion im Studio und natürlich um das neue Album. Es geht auch um die HIM-Tour. Das ganze ist durchsetzt mit ganz vielen Videoschnipseln, die wir privat, auf den Touren oder im Studio, auch auf dem Bauernhof gefilmt haben. Quasi ein Blick hinter die Kulissen sowie unsere Ansichten zu unserer Musik. Insgesamt hat die DVD eine Spielzeit von knapp 45 Minuten. Außerdem sind auch die drei Videos drauf sowie ein bisschen was über die Dreharbeiten zu „Die Macht in Dir“.

Das klingt spannend – und nach viel Arbeit.

Ja, es ist echt schön geworden. Wir haben das auch selbst gemacht. Die Kamera beim Interview hat natürlich ein Profi bedient, aber ansonsten ist das auch selbst geschnitten. Es ist einfach direkt von uns und nicht aus der Hand gegeben und das ist auch gut so.

„Blind Camera“ – das, was man sieht, ist oft nur ein Teil des Ganzen, wirft vielleicht nur einen flüchtigen Blick und verzerrt oder verfälscht das Bild des Ganzen sogar. Ist diese Interpretation in etwa das, was Ihr Euch bei dem Titel gedacht habt?

Unter anderem. Es gibt mehrere Richtungen, in die dieser Titel geht, was ich natürlich auch wieder ganz spannend finde. Da ist zum einen das, was du gerade gesagt hast: Also das es – wenn man eine bestimmte Sache betrachtet – oftmals nur ein Detail ist, was man sieht, ohne das ganze zu kennen. Das bezieht sich beispielsweise auch auf Personen. Der Blick von außen auf eine bestimmte Sache kann zudem ein ganz anderer sein, als die Realität.

Wobei man jetzt bei der Frage wäre: Was ist Realität?

Genau. Ich beobachte viele Menschen und schreibe auch gerne über menschliche Eigenschaften und Veränderungen von Menschen und es gibt auch dann und wann in den Texten den Moment, in dem man hin und her gerissen ist von der Frage, ob sich wirklich die Person verändert oder ob man sich selbst vielleicht verändert. Also diese In-Frage-Stellung. Ich finde das trifft alles gut zusammen diesen Plattentitel. Wir haben dieses Mal sehr lange gebraucht, um den Titel zu finden. Irgendwie war allen klar, was er sagen soll, nur die Worte haben wir nicht gefunden. Zwischenzeitlich hatten wir die Befürchtung, das nicht hinzu bekommen. Wir hätten gerne so einen Dreizeiler genommen, aber das kann man ja nicht machen.

Ein Titel, der durch drei kleine Instrumental-Versionen repräsentiert wird.

Repräsentiert ist tatsächlich das richtige Wort glaube ich, da in diesen drei Überleitungen immer Elemente aus anderen Songs des Albums auftauchen, die in einem ganz anderen Zusammenhang und in einer ganz anderen Kommentierung da sind. Das fanden wir extrem verdeutlichend für den Albumtitel. Ich glaub auch, dass das Artwork es noch einmal verdeutlicht. Im Vordergrund ist ein Granatapfel und ein anderer ist unscharf im Hintergrund, von dem man ahnt, dass er einfach daneben steht und zerschnitten ist. Wenn man das Booklet aufklappt, ist der hintere scharf und der vordere unscharf. Die Fokussierung hat sich geändert und man sieht, dass vor dem hinteren Apfel Maden sind, dass der Apfel verfault ist… dass es anders ist, als man erwartet hat. Das zieht sich durch das komplette Booklet. Es ist voll von unterschiedlichsten Aufnahmen der Granatäpfel. Klingt total blöd, ist aber interessant, weil du ganz komische Assoziationen hast. Mal sieht es aus wie eine Oberfläche von einem fernen Planeten, mal so wie Fischeier, teilweise sieht es auch aus wie ein komplett zerschossenes Gesicht. Du hast unterschiedlichste Assoziationen zu ein und demselben Objekt. Das verdeutlicht den Plattentitel extrem gut.







Wenn ich mir Euer letztes Jahr ansehe und das, was jetzt mit der VÖ und der Tour kommt, müsst Ihr doch eigentlich verrückt sein, oder?

Ja auf jeden Fall.

Bei Dir hab ich das Gefühl, Du möchtest oder brauchst gar keine Erholung – weil die Musik selbst so viel Energie gibt oder wäre ein bisschen Ruhe und Zeit für Privates nicht auch mal ganz schön?

Also ich sehe ehrlich gesagt noch kein wirkliches Land. Nachdem wir mit den Promo-Sachen fertig waren, mussten wir relativ zügig unsere Homepage neu gestalten. Da wir versuchen, alles selbst zu machen – einfach um alles komplett selbst in der Hand zu haben und um auch schnell agieren zu können – ist es natürlich auch ein entsprechender Zeitaufwand, aber das ist es ja auch alles wert und macht Spaß, aber die Freizeit leidet einfach darunter. Im März geht es auf Tour, wofür wir natürlich auch proben müssen. Wir spielen dieses Jahr zum Beispiel auch auf dem WGT, dann in Österreich und in der Schweiz und dann kommen schon über den Sommer die Festivals… da wird sich irgendwann ein bisschen Zeit finden, mal wieder zu entspannen.

Es wäre Euch zu gönnen…

Nachdem das Album fertig war, hab ich mich sehr lange mit der DVD befasst, die ich geschnitten habe… die Tage waren schon extrem lang und dann sehnt man sich schon mal einfach nach eins, zwei Tagen, an denen man einfach mal so gar nichts macht. Und die nehme ich mir dann auch mal, schalte mein Telefon aus und reagiere nicht auf irgendwas. Das ist dann schon ganz gut, denn irgendwann hat man das Gefühl, man funktioniert nur noch, ist dabei aber nicht mehr kreativ oder nicht mehr voll von Ideen und da ist es dann ganz gut, wenn man einfach mal zwei, drei Tage gar nichts macht. Danach ist man einfach wieder viel fitter.

Ihr seid eine Band, die sich immer und überall sehr um ihre Fans, ihnen auch per Email Fragen beantwortet. Es klingt vielleicht blöd, aber: Warum macht Ihr das alles?

Zum einen finden wir es extrem spannend, mit den Fans direkt in Kontakt zu stehen und ich finde das auch sehr wichtig, da es das ehrlichste und vor allem das schnellste Feedback ist, das man zu seiner Arbeit bekommen kann. Zum anderen beschäftigen sich die Leute mit unserer Musik und haben teilweise sehr komplexe Fragen an uns und wer sollte die beantworten, wenn nicht wir selbst? Ich finde, das ist man ihnen auch schuldig, wenn man Musik macht, die nicht ganz so einfach ist und die auch viel zum Nachdenken anregt. Dann gibt es halt auch schnell das Bedürfnis, die eigene Geschichte zu erzählen oder irgendwie mitzuteilen, was einem dieser und jener Song tatsächlich bedeutet. Da gibt es ganz spannende Sachen. Ich fände es schlimm, wenn man darauf nicht eingehen und darauf nicht antworten würde. Letztendlich sind die Fans für uns natürlich das wichtigste, denn nur durch sie gibt es die Band. Klar, es ist ein wahnsinniger Zeitaufwand. Wenn am Tag irgendwie 30-40 Emails alleine in meinem Postfach landen… die alle zu beantworten… Wenn man mal eine Woche nicht dazu kommt, sitzt man ein ganzes Wochenende ununterbrochen am PC und beantwortet Emails. Das ist es dann aber auch wert, denn die Leute freuen sich drüber, wenn sie eine direkte Antwort bekommen. Ich hoffe, dass wir das beibehalten können. Wenn das Ausmaße von 200-300 Emails pro Tag annimmt, weiß ich nicht, wie das gehen soll, aber irgendwie würden wir das hoffentlich hinbekommen.

Du arbeitest manchmal im Tonstudio bei Thommy Hein. Inwiefern bringt Dir diese Arbeit etwas, wenn es an die eigenen Songs geht?

Das bringt immer etwas, da man die Arbeitsweise anderer Bands sehr gut kennen lernt. Wenn man hinterm Pult sitzt, beschäftigt man sich natürlich genauso intensiv mit der Musik, die man zwar selbst nie machen würde, aber man taucht doch extrem ein in völlig andere Musikstile und es ist immer eine Bereicherung, etwas anderes – auch vor allem in der Entstehungsphase des Gesamtwerkes – kennen zu lernen. Sehr interessant und spannend. Wir haben mal ein Nu Metal Album gemacht, Hip Hop sogar. Ich find Hip Hop wirklich schlimm, aber ich muss sagen: Das war ein tolles Album. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals von irgendeinem Hip Hop Album sagen würde, aber das war wirklich gut, auch die Texte… es wurde nicht permanent erzählt, wie cool man ist, sondern eigentlich sehr ironisch mit der ganzen Hip Hop Szene umgegangen und das fand ich schon wieder total klasse.

Lass uns kurz eine Bilanz des letzten Jahres ziehen. Was war für Dich das Highlight – ob musikalisch, mit der Band, privat oder wie auch immer?

Eigentlich war das ganze Jahr ein ziemliches Highlight. Ich könnte da nichts herausstellen. Klar war die HIM-Tour etwas extrem Besonderes und jeder einzelne Tag auf dieser Tour war ein Höhepunkt …und auch die beiden Videodrehs – total spannend. Unsere eigene Tour, die Produktion zum Album, die Vorbereitung… das ganze Jahr war extrem spannend und extrem aufregend. Einfach toll.

Enttäuschungen?

Eigentlich gar keine. Es war wirklich ein tolles Jahr.

Dann kann es ja eigentlich gar nicht mehr besser werden.

Ja, davor hab ich auch so ein bisschen Angst, aber wir lassen sowieso alles auf uns zukommen und schauen einfach, was geht. Was 2004 nicht so toll war, dass wir auf nur einem Festival gespielt haben.

Ich hab da etwas von einer eventuellen Zusammenarbeit mit Ville Valo von HIM gehört – was ist da dran?

Eigentlich planen wir das schon seit drei Jahren. Es ist bisher immer an der fehlenden Zeit gescheitert. Wir haben schon länger vor, was zusammen zu machen. Zumindest einen Song zusammen zu singen. Wir müssen einfach sehen, wann es möglich ist, der Terminplan von Ville ist noch um ein vielfaches extremer als meiner und insofern ist es sehr schwierig, denn man will sich ja auch mit dem Song beschäftigen, jeder will Ideen einbringen und dafür braucht man einfach auch ein bisschen Zeit und Ruhe, ein paar Tage, in denen man sich damit intensiv beschäftigen muss. Irgendwann werden wir das hinbekommen. Ich bin da ganz optimistisch.

Bei einigen ist das Gejammer groß, wenn sie „ihre Musiker“, die sie am liebsten für sich hätten und in der Szene festhalten wollen, bei VIVA oder Top of the Pops sehen. MTV wird dann ja noch eher akzeptiert. Kannst Du diese Einstellung verstehen?

Irgendwovon müssen auch die Musiker leben und wenn sie mehr Erfolg haben, können sie sich auch mehr der Musik widmen, weil sie nicht drei Nebenjobs haben müssen. Ich denke, in den meisten Fällen der Bands, die es mit ihrer Musik auch wirklich ernst meinen, ist es nur zuträglich für die Kreativität, wenn du dich um nicht viel mehr als die Band kümmern musst. Insofern hab ich damit überhaupt kein Problem und ich freu mich im Gegenteil für die Bands, die erfolgreich sind, denn es spricht einfach auch definitiv für das Publikum in unserem Land, dass solche Bands wie Oomph! oder auch L’ame Immortelle sich so in den Charts platzieren können. Ich sehe das eher als ein absolut positives Signal, weil es ausdrückt, dass viele Leute von dem Plastik-Pop-Scheiß die Nase voll haben. Ich find daran überhaupt nichts Verwerfliches und kann es eigentlich auch nicht so richtig nachvollziehen.

Ich denke das wichtigste ist, dass man Authentizität bewahrt und das bleibt, was man ist und dann sollte auch niemand irgendwas dagegen sagen können.

Und wenn du dich so verbiegst, dass es dir niemand mehr abnimmt, wird es sowieso nichts. Ich meine auch… wenn einem Kommerz vorgeworfen wird… ich weiß nicht, ob irgendjemand von diesen ganzen Leuten bereit wäre, über zehn Jahre ohne auch nur einen Pfennig zu verdienen hauptberuflich als Musiker zu arbeiten. Und das machen die meisten von denen. Oomph! gibt es ja auch schon Ewigkeiten und jetzt ging es endlich mal los und das ist bei uns genau dasselbe. Von irgendwas muss man ja leben und man steckt da so viel Zeit und Energie hinein. Über Jahre verdient man wirklich gar nichts damit. Erstmals brauchst du das ein oder andere Jahr um nicht mehr reinzubuttern und wenn dann mal irgendwann was zurückkommt, finde ich das überhaupt nicht schlimm. Ich sehe solche Sendungen wie Top of the Pops auch nicht, weil ich das meiste was da kommt, recht blöd finde. Man muss es sich ja nicht angucken! Wenn es mich nerven würde, dass ich da eine Band sehe, die ich eigentlich toll finde, ist das ja eigentlich doch ganz schon bescheuert, oder?

Warum schalte ich dann ein?

Genau. Ich freu mich doch eher, wenn ich eine Band sehe, die ich gut finde, als wenn ich den ganzen Tag nur Blödsinn sehe. Eigentlich fällt es mir wirklich schwer, das nachzuvollziehen. Placebo kommen doch auch ständig auf VIVA, wenn sie was Neues haben. Das ist doch auch nicht so schlimm. Das ist dann irgendwie nur bei den deutschen Bands so schlimm. Ich kann mich noch daran erinnern, als Project Pitchfork irgendwann mal auf VIVA gespielt wurden. Es gab ein tierisches Trara und ich frag mich einfach, warum. Ich fand es immer gut, wenn sie kamen, denn dann kam wenigstens etwas Vernünftiges.

04.02.2005
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