Fvneral Fvkk
Track-By-Track zu "Indecent Idols" mit Decanus Obscaenus
Special
Decanus Obscaenus (Gitarre) von FVNERAL FVKK nimmt uns mit in die Entstehungsgeschichte und zu den textlichen Hintergründen der Songs von „Indecent Idols“. Das zweite Album der Hamburger Doom-Priester wurde bei Jens Ballaschke aufgenommen und erscheint am 23. Oktober 2026 bei Dying Victims Productions. Wie schon zuvor, geht es inhaltlich ausschließlich um die verstörenden Taten der christlichen Kirchen in der Gegenwart und der Vergangenheit.
Confiteor
Sieben Jahre nach „Carnal Confessions“ beginnt „Indecent Idols“ mit einem Schuldbekenntnis. Dass „Confiteor“ die Platte eröffnet, ist dabei alles andere als Zufall. Schon lange bestand die Idee, das Album mit einem Kanon zu beginnen – einer Melodie, die sich versetzt wiederholt und dadurch einen besonders opulenten, fast sakralen Klang erzeugt. Für den gewünschten Kirchenchor-Eindruck musste außerdem ein lateinischer Text her. Das „Confiteor“ war dafür ziemlich schnell die naheliegende Wahl. Zwar wurde das Schuldbekenntnis für den Song stark gekürzt, inhaltlich passt es aber perfekt zu dem, was danach folgt: Das ritualisierte Flehen um Gnade und Vergebung wirkt dabei bewusst heuchlerisch – und soll als passenden Einstieg in das Album funktionieren.
Crosses To Gallows
Die Grundmelodie von „Crosses To Gallows“ stand schon sehr lange alleine im Raum. Für die Rhythmusgitarre gab es im Laufe der Zeit diverse Varianten, bis schließlich diejenige gefunden war, die am effektivsten und schlüssigsten funktionierte. Von dort aus entstand der Song gemeinsam mit den anderen Bandmitgliedern und reifte über längere Zeit zu dem, was jetzt auf dem Album zu hören ist. Inhaltlich geht es um Giovanni Battista Bugatti, besser bekannt als „Mastro Titta“, den am längsten amtierenden offiziellen Henker des Vatikans. Mehr als 500 Menschen brachte er im Laufe seiner Karriere öffentlich um – im Namen der Kirche, mit Hammer, Knüppel, Axt, Galgen und später Guillotine. Dass derselbe Mann nebenbei Schirmchen bemalte und Postkartenmotive für Pilger und Touristen zeichnete, macht die Geschichte nur noch absurder. Die von ihm Hingerichteten bezeichnete er übrigens als „Patienten“, seine Exekutionen als „Gerechtigkeiten“. Viel mehr FVNERAL-FVKK-Material kann man sich eigentlich kaum wünschen.
A Hidden Threnody
„A Hidden Threnody“ beschäftigt sich mit den Missbrauchsfällen im australischen Bistum Ballarat in den 70er- und 80er-Jahren. Täter wurden von den Kirchenoberen immer wieder in andere Gemeinden versetzt, während die Berichte der betroffenen Kinder und Jugendlichen ignoriert wurden, um den Ruf der Kirche zu schützen. Die am Anfang und Ende des Songs zu hörende Interviewsequenz stammt allerdings nicht von George Pell und auch nicht aus der Untersuchung der Fälle in Ballarat. Sie stammt aus einer Aussage von Robert Carlson, dem damaligen Erzbischof von St. Louis in den USA.
Musikalisch ist der Song dabei vor allem eine Angelegenheit von Frater Flagellum (Schlagzeug). Das Instrumental stammt fast ausschließlich aus seiner Feder und auch das Songwriting wurde gegenüber der ersten Version kaum noch verändert. Lediglich die Melodie am Anfang und Ende sowie ein paar Details stammen von mir.
The Beasts Of Speyer
Die Geschichte hinter „The Beasts Of Speyer“ basiert auf den dokumentierten Missbrauchsfällen im Bistum Speyer. Im Zentrum stehen dabei nicht nur die unmittelbaren Täter, sondern auch die Strukturen, die solche Taten ermöglichten. Der Text ist aus der Perspektive einer Nonne geschrieben, die zwischen dem Wissen um ihre Schuld und ihrer vermeintlichen christlichen Pflichterfüllung gefangen ist. Denn so sehr die Haupttäter die größte Verantwortung tragen: Solche Systeme funktionieren nur, wenn andere Menschen sie dulden oder passiv unterstützen.
Ursprünglich stand die Idee im Raum, den Song als Ballade anzulegen. Daraus ist allerdings etwas deutlich härteres geworden: Inzwischen besitzt „The Beasts Of Speyer“ einen ausführlichen, harten Mittelteil und fällt musikalisch gar nicht mehr so sehr aus dem Rahmen, wie es zunächst gedacht war. Zwischenzeitlich gab es außerdem Überlegungen, den Song als Duett mit einem anderen Sänger oder einer anderen Sängerin aufzunehmen. Letztlich wurde auch diese Idee verworfen, weil das Stück bereits in seiner jetzigen Form rund wirkte. Zu diesem Song wurde auch ein Musikvideo gedreht.
Bishop Of The Iron Guard
„Bishop Of The Iron Guard“ war der erste Song, der für „Indecent Idols“ fertiggestellt wurde – und gleichzeitig der einzige, der vor der Veröffentlichung bereits mehrfach live gespielt wurde. Vor allem das Riff aus dem Intro begleitet die Band schon seit kurz nach „Carnal Confessions“. Damit ist der Song auch ein gutes Beispiel dafür, wie lange manche Ideen bei FVNERAL FVKK reifen können, bevor sie schließlich ihren Weg auf ein Album finden.
Thematisch geht es um Valerian Trifa, der Mitglied der rumänischen faschistischen und antisemitischen Eisernen Garde war und später als orthodoxer Erzbischof in den USA auftrat. Auf seine Vergangenheit stieß die Band zunächst über eine True-Crime- Dokumentation und recherchierte den Fall anschließend weiter. Besonders interessant war dabei die Verbindung von Kirche und extremen politischen Bewegungen: Die Eiserne Garde war eng mit der orthodoxen Kirche verbunden, und für FVNERAL FVKK steht Trifa stellvertretend für Fälle, in denen Kirchen als willige oder zumindest stillschweigende Helfer politischer Bewegungen und Regime auftreten, wenn es ihnen opportun erscheint.
Musikalisch ist „Bishop Of The Iron Guard“ vermutlich der abwechslungsreichste Song des Albums. Neben den klassischen FVNERAL-FVKK-Trademarks gibt es unter anderem einen „Thrash“-Part und einen Clean-Part. Zusammen mit den schweren Doom-Passagen ergibt sich ein Stück, in dem ziemlich viel von dem steckt, was die Band musikalisch ausmacht.
Leichensynode
Mit „Leichensynode“ geht es noch einmal tief zurück in die Kirchengeschichte. Der Song erzählt vom sogenannten Prozess gegen den bereits verstorbenen Papst Formosus – eine Episode, die derart grotesk klingt, als hätte sie jemand speziell für FVNERAL FVKK erfunden. Formosus wurde Monate nach seinem Tod aus seinem Grab geholt, in Papstgewänder gekleidet und für eine Gerichtsverhandlung auf einen Thron gesetzt. Während ein anderer Geistlicher für die Leiche antworten musste, wurde Formosus schließlich für schuldig befunden, seine Papstwürde posthum aberkannt und sein Leichnam in den Tiber geworfen. Damit war die Geschichte allerdings noch nicht vorbei: Anhänger bargen die Leiche aus dem Fluss, Formosus wurde rehabilitiert und erneut bestattet – nur um später wieder exhumiert und in den Tiber geworfen zu werden.
Der Song selbst entstand als letzter des Albums. Die Grundlage kam von Cantor Cineadicus (Gesang), gemeinsam wurde daraus in einigen Sessions der fertige Song entwickelt. Ein kleines Stück reicht sogar noch bis in die Zeit von „Carnal Confessions“ zurück: Der Chorpart am Ende basiert auf einem Riff und einer Gesangsmelodie, die bereits während der damaligen Songwriting-Sessions entstanden war, seinerzeit aber nicht mehr fertig ausgearbeitet werden konnte. Sieben Jahre später hat die Idee nun doch noch ihren Platz gefunden.
Even In Death (We Possess You)
„Even In Death (We Possess You)“ ist vielleicht der melancholischste Song des Albums und erzählt gleichzeitig eine der persönlichsten und tragischsten Geschichten. Im Mittelpunkt steht der Fall von Brian Gergely und dem Priester Francis McCaa, der seine Stellung und das Vertrauen der ihm anvertrauten Kinder brutal ausnutzte. McCaa missbrauchte Jungen teilweise im Alter von gerade einmal acht oder zehn Jahren und erreichte einige seiner Opfer gezielt über deren Tätigkeit als Ministranten. Besonders perfide ist dabei nicht nur die Tat selbst, sondern auch der Umgang der Verantwortlichen damit: Obwohl sie von den Vorwürfen wussten, wurde McCaa nicht der Justiz übergeben, sondern lediglich „behandelt“ und anschließend versetzt.
Gergely trug die Folgen dieser Erlebnisse sein gesamtes Leben mit sich und nahm sich 2016 das Leben. Seine Trauerfeier fand ausgerechnet in jener Kirche statt, in der er als Kind missbraucht worden war. Diese persönliche Tragik war letztlich auch der Grund, warum „Even In Death (We Possess You)“ das Album beschließt. Musikalisch bekommt der Song zum Ende hin einen besonders opulenten Finalpart, zu dem Gitarrist*in Priorissa Pellex entscheidend beigetragen hat. Nach den Aufnahmen war relativ schnell klar, dass dieser Song der letzte des Albums werden muss. Der Song beendet nicht nur die Platte, sondern schließt auch dieses Kapitel der Bandgeschichte in all seiner Tragik ab.
Zusatz
Eigentlich wurden für „Indecent Idols“ noch mehr als die sieben Songs aufgenommen. Ein weiteres Stück hat es allerdings aus Gründen der Gesamtlänge nicht auf die Platte geschafft. Es handelt sich um eine Coverversion – mehr soll darüber vorerst nicht verraten werden. Was damit passieren wird, ist noch offen, Ideen gibt es aber bereits.
