30 Seconds To Mars - This Is War

Review

Man muss sich schon etwas Zeit nehmen und genau hinhören, um 30 SECONDS TO MARS‘ drittes Album mit dem reißerischen Titel „This Is War“ ins Herz zu schließen und die Kompositionen verinnerlichen und begreifen zu können, denn die konsequente Weiterentwicklung der Band, hin zu raumgreifenden Rocksongs, umfasst nicht nur die erstmalige Verwendung von massigen Chören, die in mehreren Ländern von Fans aufgenommen und als Background eingebunden wurden und sich wie ein roter Faden durch das Album ziehen, sondern auch die Verwendung umfassenderer Elektronikelemente, die zunächst schwer verdaulich, oft sogar depressiv anmuten, und die Band einen Schritt weit weg von der Massentauglichkeit bewegen. Progressiver Rock und Alternative werden zwar nach wie vor groß geschrieben, doch mittlerweile ist nahezu jeder Song mit Elektronik durchsetzt oder lebt von diesen Elementen, wie der an NINCH INCH NAILS zu seligen „The Fragile“-Zeiten erinnernde Opener „Escape“, das folgende, großartig intonierte „Night Of The Hunter“ oder die düster-melancholische Industrial-Nummer „Stranger In A Strange Land“. Im Gegensatz dazu bleibt sich das Quartett jedoch in einer Sache treu, und schwelgt auch mit „This Is War“ erneut in inhaltsschweren Texten und großen musikalischen Gesten. Eine entsprechende Produktion versteht sich dabei von selbst.

Die Band um Hollywood-Schönling Jared Leto und seinem Bruder Shannon stand ohne Zweifel unter enormem Druck, um eine angemessene Fortsetzung des 2005 erschienenen Platinalbums „A Beautiful Lie“ zu veröffentlichen, doch das Projekt ist gelungen: Zwar zünden die Songs wie zuvor bereits angedeutet bis auf wenige Ausnahmen, wie zum Beispiel die vorab veröffentlichte Single „Kings And Queens“, die stark an U2 zu Zeiten von „The Unforgettable Fire“ oder sogar „The Joshua Tree“ erinnert, nicht auf Anhieb, und Metal-Gitarren sind überhaupt nicht mehr zu vernehmen, dafür aber hat man Sänger Jared Leto selten so emotional mit einer richtigen Mischung aus Verzweiflung und Aggressivität erlebt – der Mensch flüstert, haucht, singt und schreit sich die Seele aus dem Leib, und stellt damit unter Beweis, dass er auf dem musikalischen Parkett weitaus eindrucksvoller in Erscheinung tritt, als in seinen bisherigen Filmen, und das zahlt sich nach einigen Durchläufen dann auch aus: Ob im düster-besinnlichen „100 Suns“, dem hymnenhaften Stadionrocksong „Closer To The Edge“, dem sphärisch-abgehobenen „Search And Destroy“ oder der rührenden Ballade „Alibi“, die Band zeigt sich vielseitig und gereift, und Textzeilen wie „Tell me would you kill to save your life? Tell me would you kill to prove you’re right? Crash, crash, burn. Let it all burn.“ jagen mir sogar eiskalte Schauer über den Rücken – „Hurricane“ (feat. KANYE WEST) ist dann auch exakt einer jener Songs, die 30 SECONDS TO MARS am besten repräsentieren, denn hier vereinen sich Rock, Elektronik und bedeutungsschwangere Lyrics mit Ausdruck zu einer sagenhaften Hymne, die berührt und sich vom Einheitsbrei radiotauglicher Musik deutlich abhebt.

Die futuristische, schwere Atmosphäre der ersten beiden Alben findet sich auf „This Is War“ nur noch marginal, dafür setzen die US-Amerikaner mittlerweile verstärkt auf episch-bombastischen Sound im revolutionistischen Gewand, was hervorragend funktioniert. „This Is War“ ist ein Statement, und endet als solches letztendlich ungewohnt in einem Mönchsgebet. Mit Emo angehauchten Songs wie zum Beispiel „Buddha For Mary“, „The Kill“ oder „R-Evolve“ hat dieses Album jedenfalls nichts mehr zu tun.

13.12.2009
Exit mobile version