Atavistia - Old Gods Awaken

Review

Mit ATAVISTIA haben Fans des epischen, folkigen Melodic Death Metal von WINTERSUN seit einiger Zeit eine perfekte Ersatzdroge gefunden. Der Sound der kanadischen Band erinnert stark an die finnischen Vorbilder, dennoch gelingt es der Gruppe, nicht wie eine billige Kopie zu klingen. Das liegt vor allem am Kompositionstalent von Mattias Sippola, der nicht nur für Gesang und Gitarre verantwortlich ist, sondern auch für Texte, Orchestrierungen, Chöre, Arrangements und Produktion.

Mit „Old Gods Awaken“ veröffentlicht die Truppe ihr viertes Album, das zugleich ihr bislang folkigstes Werk sein soll. Wechseln die Kanadier das Fahrwasser und holen sich diesmal mehr Inspiration bei ENSIFERUM? In Abwandlung eines bekannten Zitats: ENSIFERUM oder WINTERSUN – Hauptsache Mäenpää.

ATAVISTIA versuchen sich an finnischem Folk Metal

Die Band geht mit ihren Inspirationen offen um: Auf der SKÁLMÖLD-Tour 2023 und 2024 verkaufte sie ein Shirt, auf dem hinten „We know!“ stand und dessen „W“ in WINTERSUN-Optik stilisiert war. Doch beschäftigen wir uns nun mit „Old Gods Awaken“.

Der höhere Folk-Anteil fällt nicht mit der Tür ins Haus, sondern ist subtil in die Stücke eingearbeitet. Der Opener „Mystic Tavern“ („Twilight Tavern“ war wohl schon ausverkauft) feuert aus allen Rohren und klingt nach ENSIFERUM zu „One Man Army“-Zeiten. Die beeindruckenden orchestralen Arrangements wirken so durchdacht und geschickt platziert, dass einem mehr als einmal die Kinnlade herunterklappt.

Man muss ein Faible für vielschichtige Songs haben, die dazu tendieren, eine Wall of Sound aufzubauen. Der Sound von ATAVISTIA ist nicht erst seit dieser Platte monumental und mächtig – schon der Vorgänger „Cosmic Warfare“ ließ einen staunend zurück. „Old Gods Awaken“ setzt dem Ganzen die Krone auf und lässt einen das Werk genauestens filetieren.

Acht vollgestopfte Tracks

In Songs wie „To A New World“ passiert innerhalb von viereinhalb Minuten so viel, dass man den Track direkt dreimal hintereinander hören möchte, um alles zu erfassen. Andererseits will man auch wissen, wie es weitergeht.

Als wären die Verweise auf die alten Großmeister nicht genug, bietet „Old Gods Awaken“ auch Texte auf Schwedisch und Finnisch. Bei „I Skogens Djup“ ist die Illusion perfekt, einen Bastard aus WINTERSUN, ENSIFERUM und FINNTROLL zu hören.

Es ist unfassbar, wie ATAVISTIA Hit an Hit reihen. Andere Bands würden für ein Epic-Melo-Death-Meisterwerk wie „Ride The White Storm“ töten und das Quartett versteckt es ganz lässig an vorletzter Stelle vor dem überlangen Titeltrack und eigentlichen Herzstück des Albums. Dieser ist eine elfminütige Machtdemonstration, die einen erneut fragen lässt, warum zum Geier Jari Mäenpää für „Time II“ eigentlich 18 Jahre gebraucht hat.

Wie kann man „Old Gods Awaken“ noch besser machen?

So sehr man auch suchen mag: „Old Gods Awaken“ hat keine Schwachstelle. ATAVISTIA wollten laut eigener Aussage „mal ihre Folk-Metal-Seite ausprobieren“ und schreiben nebenbei das beste Album in diesem Genre seit dem ENSIFERUM-Debüt. Keine Ahnung, wie sie das noch toppen wollen.

08.06.2026

Redakteur für alle Genres, außer Grindcore, und zuständig für das Premieren-Ressort.

Exit mobile version